Interview mit Dr. Stefanie Bapst - Wenn die NATO "zwitschert"© NATO
Interview mit Dr. Stefanie Bapst
Wenn die NATO "zwitschert"
Von Stefan Müchler

Facebook, Youtube und Twitter sind aus der heutigen Kommunikationslandschaft kaum mehr wegzudenken, und auch für die NATO gewinnt die Nutzung der Sozialen Medien immer mehr an Bedeutung. IMS sprach am Rande der Podiumsdiskussion „Social Media Platforms – Major Political Players?” der Deutschen Atlantischen Gesellschaft e.V. in Berlin mit Dr. Stefanie Babst, beigeordnete Generalsekretärin für Öffentlichkeitsarbeit der NATO Public Diplomacy.

 

IMS: Welche Kanäle der Sozialen Medien spielen für die NATO Public Diplomacy eine besonders wichtige Rolle?

Stefanie Babst: Facebook und Twitter sind uns sehr wichtig. Nicht zuletzt, weil der Generalsekretär seine eigenen Accounts hat und die auch wirklich sehr regelmäßig füttert. Neben diesen beiden Angeboten nutzt die Organisation Flickr und Youtube; nicht nur um unsere Storys und aktuelle Nachrichten zu verbreiten, sondern auch, um Interaktion durch Chats zu ermöglichen. Das sind die Hauptkanäle, die wir in Bereich der Neuen Medien nutzen. Alle sind natürlich mit unserer Website verlinkt, ebenso wie unser eigener kleiner Fernsehkanal „NATO TV Channel“. Nachrichten, Interviews und Informationen von diesem Kanal werden wiederum automatisch über Twitter, Youtube, Facebook angeboten.

 

Was kann man sich unter diesem Fernsehkanal genau vorstellen?

Also, das ist jetzt kein Propagandakanal, um das gleich vorweg zu sagen. Wir versuchen bestimmte Nachrichten, bestimmte transatlantische Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen, zu visualisieren, wohl wissend, dass die Menschen heute nicht nur ein trockenes Statement lesen, sondern auch etwas sehen möchten. Wir haben eine Reihe von sogenannten Videoreportern, die wir in die Welt schicken: nach Afghanistan, in den Irak, aber auch in die Mitgliedsstaaten und die Partnerstaaten, um über interessante Dinge zu berichten.

"Wenn es 27 Millionen Facebook-User in der arabischen Welt gibt, ist es schon wichtig für uns, zumindest die Trends nachzuvollziehen"

Und das sind nicht nur Fragen, die sich mit den laufenden Operationen beschäftigen, sondern es kann auch eine Story über Frauen in Afghanistan sein, oder ein Wissenschaftsprojekt in Georgien über das wir berichten. Also wird die gesamte Bandbreite unserer transatlantischen und politischen Agenda abgebildet, und diese kleinen Drei- bis Fünf-Minuten-Clips werden dann auf dem Kanal gezeigt.

 

Handelt es sich dabei dann um extra für das NATO TV produziertes Material?

Die sind extra dafür produziert worden. Wir versuchen, die Clips auch möglichst aktuell zu halten und auch immer wieder neue Storys zu generieren. Häufig auch wissend, dass Journalisten nicht unbedingt in die entlegensten Winkel dieser Welt fahren um beispielsweise ein Projekt, das die NATO mit Usbekistan macht, mal näher anzuschauen. Aber das tun wir dann, um zu zeigen, was diese Form von Sicherheitskooperation eigentlich konkret heißt.

 

Kann man sagen, dass Social Media Platformem mittlerweile eine feste Säule der Public Diplomacy geworden sind?

Mittlerweile ja, aber das ist zugegebenermaßen auch eine eher neuere Entwicklung, die ich seit ich beigeordnete Generalsekretärin der NATO bin auch sehr sehr stark gepusht habe. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass natürlich der Generalsekretär, als er vor zwei Jahren zu uns kam, das auch schon forcierte, da er sein eigenes Facebook-Profil und seinen eigenen Twitter-Account bereits mitbrachte. Eine Organisation wie die NATO ist auch nicht einfach zu verändern, aber die Veränderungen haben mittlerweile gut gegriffen, und wir haben jetzt ein relativ robustes Social Media Programm.

 

Welche Ziele verfolgt die NATO mit ihrem Engagement in Sozialen Netzen?

Wir wollen mehrere Dinge. Zunächst einmal ist es ganz wichtig, dass wir verfolgen können, was draußen im Netz eigentlich diskutiert wird. Über was wird in den großen Chaträumen gesprochen, das für uns eine Relevanz hat, um einfach auch besser verstehen zu können, was die Leute bewegt. Wenn es 27 Millionen Facebook- User in der arabischen Welt gibt, ist es schon wichtig für uns, zumindest die Trends nachzuvollziehen. Insofern ist das die erste zentrale Aufgabe: wir wollen zuhören, wir wollen besser verstehen. Zweites wollen wir uns aktiv daran beteiligen und möchten mit den Menschen in einen Dialog kommen. Das tun wir durch unsere eigenen Online-Chats oder durch Chatrooms denen wir indirekt - also zum Beispiel finanziell – unter die Arme greifen, um die Menschen wirklich zu unterstützen und anzuhalten, sich über transatlantische Sicherheitsthemen ein Bild zu machen. Unsere Rolle ist dann also sowohl die des aktiven Teilnehmers als auch die des Unterstützers einer solchen Diskussion.

 

Wer soll erreicht werden? Eher junge Menschen und internetaffine Bürger in den NATO-Mitgliedsländern, oder gibt es auch ein gewisses Sendungsbewusstsein darüber hinaus, beispielsweise in die Länder des Nahen und Mittleren Ostens?

Natürlich wollen wir in erster Linie die Menschen in unseren Mitgliedsstaaten erreichen, wobei man sehen muss, dass die NATO ja grosso modo in den Mitgliedsstaaten nach wie vor eine stabile öffentliche Unterstützung erfährt.

"Mir ist aber auch sehr daran gelegen, die ältere Generation – die 50+ Generation – bei uns in der NATO an Soziale Medien heranzuführen"

Aber wir haben durch eigene Umfragen, die wir in den vergangenen Jahren unternommen haben, auch herausgefunden, dass insbesondere die Altersgruppe zwischen 20 und 40 zwar etwas mit der NATO anfangen kann, aber sehr wenig weiß über das, was wir wirklich treiben und tun. Insofern ist unsere Zielgruppe auch wirklich diese Altersgruppe, die wir mit Sozialen Medien ansprechen wollen.

 

Wie werden hier die Erfolge gemessen, bzw. hat man schon Lehren aus den bisherigen Aktivitäten ziehen können?

Ich habe in den letzten Wochen eine kleine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich nur mit Social Media beschäftigt – nicht nur mit den beschriebenen Projekten, sondern sie soll auch „lessons learned“ betreiben. Natürlich gucken wir, wie sich unsere Facebook-, Youtube- und Twitter- Nutzungsdaten entwickeln, das messen wir also regelmäßig. Aber wir schauen natürlich nicht nur auf Statistiken – wir wollen ja sehen, was dort eigentlich über

uns gesagt wird und wie wir uns an dieser Diskussion beteiligen können. Insofern gibt es also auch eine qualitative Auswertung, die wir machen und natürlich auch noch ein bisschen verfeinern müssen. Dazu braucht man einfach mehr Leute, Ich selber habe viele dieser Dialoge in meinen aktuellen Wochenplanungen. Um einige Beispiele zu nennen: Ich mache einen Online-Dialog mit einer Gruppe von NGOs in Georgien, der bei uns durch einen Mitarbeiter vorbereitet wird, der die NGOs in diesem Land gut kennt. Dann kann man sich online verabreden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt über ein Thema in Ruhe diskutieren zu können. Zweites Beispiel: Wir haben live Online- Diskussionen im Zusammenhang mit der Erarbeitung des Strategischen Konzepts durchgeführt. Das war natürlich technisch etwas aufwändiger, da saßen dann zwei, drei weitere Kollegen und ich im Studio und nach einer Ankündigung des Themas warteten wir nun auf die Eingänge der Fragen. Entgegen unseren Befürchtungen das die Resonanz am Ende gering sein würde, waren es aber dann doch sehr viele Fragen die uns erreichten und darauf haben wir live geantwortet und hin und hergechattet.

 

Also es gibt einen echten Dialog mit der Public Diplomacy, und Kontaktaufnahmen enden nicht in einer Input oder Informations-Einbahnstraße?

Nein, also das sollte es auf keinen Fall sein, ich denke, das ist ein Kerncharakteristikum von Sozialen Medien. Es ist eine Zweibahnstraße, und wenn man die als pures Propagandainstrument zu benutzen versucht, wird das ziemlich schnell offensichtlich und dann verliert auch derjenige, der mit uns ins Gespräch kommen möchte, sehr schnell sein Interesse und das ist natürlich nicht in unserem Sinn.

 

Stichwort: Alles in Netz? Werden nicht Print und klassische Kanäle vernachlässigt?

Überhaupt nicht. Die NATO-Pressestelle ist in meiner Abteilung - der Public Diplomacy Division - zahlenmäßig nach wie vor die größte. Da sitzen Leute, die machen die ganz klassische Pressearbeit: Fernsehen, Radio und Print. Dahin gehen auch weiterhin sehr viele Ressourcen, und das ist auch richtig und gut so. Nach wie vor wird für das klassische peer-to-peer Engagement, also um den direkten physischen Dialog zu führen, sehr viel Energie aufgewendet. Und wenn ich im Vergleich den Anteil, den wir für Soziale Medien ausgeben, sowohl finanziell als auch personell betrachte, liegt der nach wie vor bei rund zehn Prozent, hat aber sicherlich noch Potential weiter zu wachsen.

"Aber bei der Flut der Informationen, die auf jeden einzelnen von uns jeden Tag zukommt, ist es natürlich schwer, sich die Zeit zu nehmen, auch immer wieder den Kontext für sich selbst abzurufen"

 

Droht nicht eine Verkürzung von Inhalten bei Neuen Medien, gerade wenn man die Schnelllebigkeit und auch oft die Kürze der Nachrichten bei einem typischen Facebook-Post oder erst recht bei einer winzigen Twitter-Nachricht anschaut? Kann man damit überhaupt dem schwierigen, komplexen und auch kontroversen Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik gerecht werden?

Also, wenn Sie nur Twitter mit 125 Zeichen nehmen und versuchen, damit ihre Botschaften zu transportieren, ist das natürlich zu wenig - das ist völlig klar. Man muss hinter jede Kommunikationsform auch immer einen Kontext setzen, und wir versuchen auch beides miteinander zu verbinden. Wenn ich Facebook nehme, um eine Story zum Thema „Frauen in Afghanistan“ herauszubringen, dann bieten wir zugleich auf unserer Webseite auch einen Link zu weiterführenden Hintergrundinformationen an, der dann hoffentlich auch Beachtung findet. Aber bei der Flut der

Informationen, die auf jeden einzelnen von uns jeden Tag zukommt, ist es natürlich schwer, sich die Zeit zu nehmen, auch immer wieder den Kontext für sich selbst abzurufen. Das macht es manchmal zugegebenermaßen sehr bruchstückhaft, was in der Twitter- und Facebook-Welt an politischen Inhalten debattiert wird.

 

Gibt es spezielle Einsatzflankierende Maßnahmen in der NATO Public Diplomacy, zum Beispiel etwa in Libyen? Versucht man da besonders zu werben oder vielleicht sogar auf lokale Bevölkerungsgruppen einzuwirken?

Nein, das tun wir nicht, also jetzt nicht mit Hilfe von Sozialen Medien. Wir nutzen unsere traditionellen Medien, insbesondere natürlich unsere Pressearbeit – flankiert auch durch unsere Website – einfach schlicht und ergreifend um jeden Tag darzustellen, was wir im operativen Kontext in Libyen tun, und warum wir es tun. Dazu müssen wir aber keine Propagandamaschinerie in Gang setzen, das machen wir definitiv nicht.

 

Frau Babst, vielen Dank für das Gespräch.



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Themen
natotwittersocial mediainterview
 
 
Dienstag, 27. Juni 2017


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Online veröffentlicht am
25. November '11 um 09:14 Uhr (CET).


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