Piraterie am Horn von Afrika - „Die Lösegeldzahlungen müssen ein Ende haben“
Piraterie am Horn von Afrika
„Die Lösegeldzahlungen müssen ein Ende haben“

Am Rande der Hanson Wade „Combating Piracy Week“ in London stand Saeed Mohamed Rage, Minister für maritime Angelegenheiten und Häfen  von Puntland dem IMS für ein Exklusiv-Interview zur Verfügung.
Herr Minister, welche Auswirkungen hat die Piraterie auf Ihr Land?
Das erste Opfer der Piraten sind wir. Der Handel in unseren Häfen nimmt ab, unsere Lebensmittelpreise, die Preise für fast alle Waren steigen rapide und somit droht uns eine Inflation. Viele unserer Fischer fahren nicht mehr raus aufs Meer, weil sie Angst haben: Angst vor den Piraten, Angst vor den Marinestreitkräften oder Angst davor, dass die privaten Sicherheitsfirmen auf den Handelsschiffen sie für Piraten halten und auf sie schießen. Unser gesamtes Volk wird diskreditiert, weil die Welt alle Somalis für Piraten hält. Zudem kommen Prostituierte in die Dörfer wo die Piraten sind und es wird Alkohol getrunken. Ich habe einen siebenjährigen Jungen betrunken auf der Straße gesehen – das ist in unserer Kultur eigentlich unvorstellbar. Die Piraten zerstören unsere Kultur.
Was sind die Ursachen für die Piraterie an Ihrer Küste?
Da gibt es viele. Wir in Puntland haben die längste Küstenlinie von Somalia und die Schifffahrtsrouten laufen nahe an unserer Küste entlang. Es ist schwierig für uns, die gesamte Küste zu kontrollieren. Und Sie müssen sich einmal unsere Geschichte vor Augen halten: Eine Ursache für die Piraterie ist, dass es seit vielen Jahren illegale Fischer vor unserer Küste gibt, die unsere Fischer daran hindern, ebenfalls auf Fischfang zu gehen. Sie haben sich vergeblich gegen die Illegalen zu wehren versucht, und da es keine alternativen Einkommensquellen für sie gab, wurden viele von ihnen zu Piraten. Und dann wurden immer höhere Lösegelder gezahlt, was letztlich das Hauptproblem ist. Ich war 2007 Fischereiminister und verantwortlich für die Häfen in Puntland. Piraten hatten Ende 2007 die MV Golden Nori, einen Chemietanker, gekapert und brachten das Schiff nach Bosaso. Begleitet wurden sie von zwei Kriegsschiffen, darunter ein US-amerikanisches. Ich wollte die Piraten und die Golden Nori nicht in den Hafen lassen und trat für die Befreiung des Schiffes ein. Die internationalen Streitkräfte haben uns aber gebeten, das Schiff nicht zu befreien oder gar die Piraten zu verhaften. Es wurden letztlich 700.000 US-Dollar Lösegeld gezahlt und die Piraten ließen das Schiff frei. Sie konnten meinen Hafen verlassen, ohne verfolgt zu werden. Damals habe ich sofort mein Amt niedergelegt und ich glaube, dass diese Lösegeldzahlung mit dazu beigetragen hat, dass die Piraterie so eskaliert ist. Heute zahlen wir einen noch sehr viel höheren Preis für diesen Vorfall.
Sind die Piraten durch ihre finanzielle Stärke ein eigener Machtfaktor in Ihrem Land geworden?

Vergleichen wir mal. Unser jährliches Gesamtbudget beträgt in etwa 20 bis 30 Mio US-Dollar. Wir, die gesamte Regierung, haben somit etwa 2 Million US-Dollar im Monat zur Verfügung. Die Piraten erhalten sehr hohe Lösegelder von etwa fünf bis sieben Mio US-Dollar pro Schiff. Das ist für uns eine sehr gefährliche Lage, denn wir können unseren Sicherheits- und Polizeikräften nur etwa 50 US-Dollar im Monat bezahlen und es besteht die Gefahr, dass sie korrupt werden. Wenn wir nicht sehr schnell etwas gegen die Piraten tun, laufen wir Gefahr, dass sie die Macht übernehmen. Die hohen Lösegeldzahlungen durch die Reedereien unterminieren unsere Bemühungen, die Situation in den Griff zu bekommen und gefährden unsere Sicherheit. Das muss ein Ende haben.
Über 250 Piraten sind derzeit in Gefängnissen in Puntland inhaftiert. Woher kommen die Piraten? Sind sie vornehmlich Küstenbewohner oder gibt es auch welche, die aus dem somalischen Hinterland stammen?

Unser Problem ist, dass die Piraterie wegen der hohen Lösegelder für viele attraktiv geworden ist. Sicher kommen viele der Piraten aus Somalia, aber wir haben auch Leute festgenommen, die angeben, aus Tansania, Kenia oder dem Jemen zu kommen – wir sind also nicht allein! Weil die Piraterie ein kriminelles Geschäft ist und die Leute viel Geld mit der Piraterie verdienen können, sind nun viele Leute bei uns, die traditionell hier nicht leben.
Geben Ihnen die Local Communities an Ihrer Küste Hinweise, dass Piraten dort aktiv sind, wenn so viele Fremde darunter sind?

Die Local Communities melden uns, wenn bei Ihnen in der Region Piraten aktiv sind und wir versuchen dann, diese mit unseren Sicherheitskräften aufzuspüren, zu verfolgen und zu verhaften. Seitdem ich Minister wurde, bekommen wir auch Informationen durch die NATO, wenn sie verstärkte Aktivitäten der Piraten an der Küste beobachtet. Im Gegenzug informiere ich die NATO darüber, wenn ein Schiff den Hafen von Bosaso verlässt und gebe seine Route und sein geplantes Ziel weiter, damit die NATO-Streitkräfte in der Region informiert sind. Aber wir haben kein AIS, wir sind nicht mit den Informationssystemen der Streitkräfte verbunden. Alles, was ich tun kann, ist täglich eine E-Mail an die NATO schreiben.
Wie gehen Sie gegen die Piraten an der Küste vor? Nur militärisch oder nutzen Sie auch andere Möglichkeiten?

Wir versuchen, die Local Communities zu informieren, wie die Piraterie sich auf unser Land auswirkt und sie zu ermutigen, selbst gegen die Piraten vorzugehen. Beispielsweise haben wir Treffen mit den Clanältesten oder wir nutzen das Radio. Wir versuchen, die Local Communities in unseren Kampf gegen die Piraten einzubinden. In Eyl beispielsweise ist uns das sehr gut gelungen. Die Leute aus Eyl haben die Piraten erfolgreich aus der Stadt vertrieben und wir haben unsere Sicherheitskräfte in der Stadt verstärken, so dass die Piraten nicht mehr zurückkommen können. Wir haben aber leider nur ein gutes Boot, das wir gegen die Piraten einsetzen können und so sind wir gezwungen, von Land aus gegen ihre Camps vorzugehen. Wir haben bisher sieben Stationen für die Küstenwache entlang der Küste aufgebaut, von wo aus wir mit unseren Sicherheitskräften versuchen, gegen die Piraten zu kämpfen oder die Local Communities und die „local anti piracy units“ zu unterstützen. Wir haben aber wie gesagt nur ein Boot und das brauchen wir, um die Schiffe im Hafen von Bosaso zu schützen. Ich würde mich freuen, wenn ich die Stationen der Küstenwache mit vernünftigen Booten ausstatten könnte.
Welche Erfolge können Sie im Kampf gegen die Piraten vorweisen?

Wir kämpfen gegen die Piraten, wo es nur geht. Ich selbst wurde schon einmal von Ihnen gefangen genommen und viele meiner Sicherheitsleute sind dabei ums Leben gekommen. Wir versuchen wann immer möglich, gegen die Piraten vorzugehen und zahlen einen hohen Preis dafür. Wir haben beispielsweise versucht, die dänische Familie Johansen aus der Hand der Piraten zu befreien. Unsere Leute sind aber in einen Hinterhalt der Piraten geraten und wurden zurückgeschlagen. Immerhin sitzen aber über 280 Piraten in Puntland im Gefängnis. Etwa 40 wurden uns durch Marinestreitkräfte übergeben, die übrigen haben wir selbst verhaftet, darunter auch einige Anführer. Der Bekannteste, Booyah, sitzt bei uns im Gefängnis. Ich möchte an dieser Stelle auch den internationalen Marinestreitkräften danken. Sie machen einen guten Job und ohne sie währe die Situation weitaus schlimmer als sie derzeit ist.
Vielen Ländern in der Region mangelt es an Anti-Piraterie-Gesetzen, so dass Piraten nur schwer verurteilt werden können. Wie sieht es in Puntland damit aus?

Im Gegensatz zu der Regierung in Mogadischu haben wir ein Anti-Piraterie-Gesetz, das es uns erlaubt, die Leute zu langen Haftstrafen zu verurteilen. Vor kurzem haben wir zudem ein „Memorandum of Understanding“ mit den Seychellen unterzeichnet, so dass wir nun Piraten, die auf den Seychellen verhaftet oder verurteilt wurden, übernehmen können.
Seit längerem ist eine private Sicherheitsfirma – Saracen – in Puntland aktiv und es kursieren Gerüchte, dass Saracens Engagement nicht nur Training für die Küstenwache beinhaltet, sondern auch beispielsweise gegen Somaliland gerichtet sein könnte. Was können Sie zu Saracen sagen?

Letztes Jahr hat Saracen bei uns angefangen, die Küstenwache auszubilden. Wir sind der Meinung, dass wir Saracen brauchen. Wir brauchen sie, um gegen die Piraten zu kämpfen und unsere maritimen Ressourcen zu schützen. Es gibt Vorwürfe seitens der „UN Monitoring Group on Somalia and Eritrea“, dass Saracen das Waffenembargo umgangen hätte. Richtig ist, sie haben keine Waffen, sondern Equipment in unser Land gebracht, das sie für das Training und wir für den Aufbau unserer Küstenwache benötigen. Wir haben die Staatengemeinschaft – die UN – eingeladen, sich dieses Equipment anzusehen und das Training zu verfolgen. Die UN sind dieser Einladung bisher aber nicht nachgekommen. Wir warten auf Sie und haben das Engagement von Saracen bei uns seither ausgesetzt, bis wir die Erlaubnis von den UN für eine Wiederaufnahme erhalten.
Welche Form der Unterstützung braucht Ihre Regierung im Kampf gegen die Piraterie?
Alleine können wir die Piraten nicht bekämpfen, sie haben zu viel Geld durch die hohen Lösegelder. Wir brauchen die Unterstützung durch die Internationale Staatengemeinschaft. Wir brauchen vor allem Training für die Sicherheitskräfte, mehr Informationsaustausch mit den Marinestreitkräften und Unterstützung im Aufbau unserer Institutionen und Sicherheitskräfte. Was wir aber nicht brauchen, sind weitere Waffen in Somalia. Wir müssen vielmehr unsere Gesellschaft entwaffnen. Schauen sie, wenn Sie in Somalia eine Waffe möchten, so gibt es viele, die Ihnen eine verkaufen können. Ich will keine weiteren Waffen für mein Land.
Was kann die Internationale Gemeinschaft tun, um die Local Communities an der Küste besser zu unterstützen?

Um die Piraterie zu bekämpfen, müssen mittelfristig alternative Einkommensmöglichkeiten für die Küstenbewohner aufgebaut und entwickelt werden. Etwa der Ausbau von kleineren Häfen, der Aufbau von Eisfabriken und geeigneten Kühlhäusern oder der Infrastruktur. Unsere Straßen entlang der Küste sind schlecht, zu manchen Dörfern gibt es überhaupt keine. Wenn wir also neue Einkommensmöglichkeiten für die Küstenbewohner entwickeln wollen, dann müssen wir ihnen auch ermöglichen, ihren gefangenen Fisch schnell und gekühlt zu einem Flughafen zu bringen, von wo aus die Produkte dann in die Welt verschickt werden könnten.
Es gibt die Befürchtungen, dass die islamistische al-Shabaab von den Lösegeldzahlungen mittelbar profitiert. Gibt es Verbindungen zwischen al-Shabaab und den Piraten?

Ich kann dazu keine genauen Informationen geben. Ich glaube, dass in der von al-Shabaab kontrollierten Stadt Harardheere die Terroristen sicherlich von den Lösegeldzahlungen profitieren. Denn wenn Piraten in Harardheere ein Schiff festhalten oder dorthin bringen wollen, brauchen sie mit Sicherheit die Zustimmung von al-Shabaab. Und ich glaube nicht, dass diese Zustimmung kostenlos ist.
Wenn wir Harardheere und Hobyo betrachten, so liegen diese Piratencamps nicht in Puntland, sondern in einer Region, die von der Regierung Galmudugs beansprucht wird. Gibt es zwischen Ihnen und der Regierung von Galmudug gemeinsame Operationen, etwa gegen Piraten an Land?

Es gibt zwischen uns keine gemeinsamen Operationen, aber wir tauschen Informationen aus. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: manchmal gibt es Gruppen, die von unserer Küste aus in See stechen und wenn sie ein Schiff gekapert haben, dieses vor der Küste von Galmudug ankern. Wir geben dann Informationen weiter, wie viele Mitglieder diese Gruppe hat. Das Problem ist aber, dass die Regierung vom Galmudug relativ neu ist und sich erst noch stabilisieren muss. Sie kontrolliert Teile von Galcayo und einige Regionen im Mudug und hat keine Kräfte, um gegen die Piraten vorzugehen. Sie hat auch keine Kräfte, um gegen die Terroristen, gegen al-Shabaab vorzugehen, was auch für uns ein Problem ist.
Herr Minister, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte David Petrovic



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Donnerstag, 27. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
23. November '11 um 12:55 Uhr (CET).


David Petrovic

David Petrovic ist leitender Redakteur.

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