„Sterben für Kabul“ -  Klare Worte zur Verteidigung der Sicherheit Deutschlands am Hindukusch.© J. Schnurre
„Sterben für Kabul“
Klare Worte zur Verteidigung der Sicherheit Deutschlands am Hindukusch.
Von Jörg Schnurre

Der Beginn des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr liegt inzwischen nahezu eine Dekade zurück. Gegenwärtig nimmt das Thema nur eine Randstellung in der deutschen Öffentlichkeit ein. Das war zu Beginn des Jahres anders, als politische Zusagen über den Abzug der NATO-Truppen und der Bundeswehr getroffen wurden. In den kommenden Wochen wird Afghanistan aufgrund der bevorstehenden Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn wieder zunehmender Aufmerksamkeit zu teil.

 

Was wissen wir nach fast zehn Jahren Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan?

Gerade deshalb stellt sich die Frage: Was wissen wir – was weiß die deutsche Gesellschaft – nach fast zehn Jahren über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan? Viel zu selten jedoch stellen die Berichte in den Medien die Einsatzrealität mit all ihren Facetten und ihrer Komplexität ausführlich dar. Auch den Journalisten und Redakteur Marco Seliger hat dies lange Zeit beschäftigt. Seit mehreren Jahren ist er Chefredakteur der loyal, dem Magazin für Sicherheitspolitik des Reservistenverbandes. Er bemängelt u.a. die Umgangsform vieler seiner Kollegen aus dem Medienbereich. Seine Artikel und Berichte werden nicht nur für ihre Offenheit geschätzt, sondern vor allem wegen ihrer Unabhängigkeit und teils schonungslosen Darstellung von Missständen. Seine Erfahrungen hat er nun in einem Buch zusammengefasst. Für die Laudatio konnte wohl kein Kandidat geeigneter sein als Dr. Peter Struck, Bundesminister der Verteidigung a.D. Die hochkarätige Besetzung setzte sich im Auditorium fort. Die zwar kleine Runde kann dennoch als repräsentativ für den Bundeswehreinsatz gewertet werden. Es sind u.a. der Abgeordnete Winfried Nachtwei von den Grünen; Oberstleutnant Christian von Blumröder, ehemaliger Kommandeur der Task Force Kunduz; Familienangehörige, wie die Mutter des im Oktober 2011 durch einen Selbstmordanschlag getöteten Oberfeldwebel Florian Pauli; Kriegsversehrte und Egon Ramms, General a.D. und zuletzt Befehlshaber im NATO Hauptquartier im belgischen Brunsum.

Was legt Marco Seliger nun vor? Zunächst einmal ist sein Buch eine chronologische Zusammenfassung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Eine Zusammenfassung die längst überfällig war und sich entlang zentraler Ereignisse des Einsatzes bewegt. Zugleich zeichnet es die inherenten Ambivalenzen und Kontroversen dieses Einsatzes nach. Angefangen von der generellen Sinnhaftigkeit dieses Einsatzes; über die unterschiedlichen Zielsetzungen der teilnehmenden Staaten inklusive der Gesamtstrategie der NATO bis hin zur Zwiespältigkeit der deutschen Gesellschaft gegenüber seinen Streitkräfte, der deutschen Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft und damit verbunden dem deutschen Engagement in Afghanistan.

 

Verlassen von der eigenen militärischen Führung; der Politik; aber noch viel mehr von ihrer Gesellschaft, in dessen Auftrag sie nach Afghanistan entsandt worden

Seliger schreibt detailliert über die Ereignisse, über Schicksale von Soldaten, Verwundeten, Gefallenen sowie Hinterbliebenen und verwebt diese mit den Widersprüchen. So wirken die Berichte zunächst wie Beschreibungen aus Sicht der einfachen Soldaten, die die „Drecksarbeit“ verrichten. Sie erzählen vom teils brutalen Alltag, den sie aufgrund ihrer Erziehung in der friedlichen Heimat als schockierend wahrnehmen und sich dabei verlassen fühlen. Verlassen von der eigenen militärischen Führung; der Politik; aber noch viel mehr von ihrer Gesellschaft, in dessen Auftrag sie nach Afghanistan entsandt worden. Eindringlich beschreibt das Buch die Entwicklung des Einsatzes, an dessen Ende die Frage der Sinnhaftigkeit steht. Denn scheinbar - das ist zumindest der erste Eindruck nach dem Lesen - ist der Einsatz erfolglos. Die Hoffnungen gegenüber dem Wiederaufbau des Landes waren zu ambitioniert, zu hoch gesteckt. Doch Seliger beschreibt im letzten Drittel seines Buches auch Fortschritte, die er scheinbar nicht so recht einzuordnen weiß. Es sind Fortschritte beschrieben aus militärischer Sicht. Die aber wiederrum weiß der ehemalige Kommandeur der Task Force Kunduz in einem anschließenden Gespräch zu erweitern. Er berichtet von sehr positiven Entwicklungen im letzten Jahr. Zwar auf die Region Kunduz beschränkt, doch steht gerade diese Region in der deutschen Wahrnehmung als Synonym für einen verzweifelten und sinnlosen Einsatz. So spricht er von einer deutlich gestiegenen Kooperationsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, wenn man mit ihr auf gleicher Augenhöhe verhandelt und ihre Positionen und Wünsche ein Stück weit im eigenen Handeln berücksichtigt. Weiterhin spricht er von seinen afghanischen Partnern, bei denen er beruhigt auf eine baldige Übergabe der Verantwortung blickt. „Sie wollen und sie können“, so lassen sich die Aussagen durch von Blumröder zusammenfassen.

 

Ein Buch, das aufrüttelt

Eines wird mit dieser Beschreibung sichtbar. Die Bundeswehr ist oftmals viel zu sehr mit der militärischen Perspektive befasst, als dass sie einen umfassenderen Blick bzw. eine umfassendere Rolle einnehmen könnte. Das muss sie auch nicht, denn dafür ist sie weder ausgebildet noch legitimiert. Es zeigt sich, dass das deutsche Engagement in Afghanistan mehr ist als die Bundeswehr allein. Nur die einzelnen Aspekte in einem Gesamtmandat zu vereinen, daran versagt bis heute die Politik. Ebenso versagt die deutsche Gesellschaft, die sich nach wie vor einer Unterstützung des Einsatzes verweigert, trotz Mandatierung. Es bedarf einer Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte sowie Werte bewusst ist und darüber hinaus bereit ist, dafür auch einzustehen. Es bedarf vor allem einer Gesellschaft, die ihre Mitverantwortung für diesen Einsatz übernimmt, „um die Kluft zwischen Kriegsheimkehrern und Daheimgebliebenen, zwischen Armee und Gesellschaft“ zu überwinden. Struck merkt in seiner Laudatio an, dass seiner Ansicht nach Deutschlands Sicherheit weiterhin am Hindukusch verteidigt werde. Für den Afghanistaneinsatz gab es keine Blaupausen, schildert er die damalige Beschlussfassung. „Aber hätte man den Einsatz deshalb nicht legitimieren sollen? Und wie wäre die deutsche Debatte, wenn die Sauerlandgruppe oder die Kofferbomber von Köln erfolgreich gewesen wären?“ Dies sind die zentralen Argumente für Struck, bei denen er auch auf die Gesellschaft abhebt. Allein die Verwendung bzw. Anerkennung des Begriffes Krieg wäre für die deutsche Gesellschaft nicht einfach gewesen. So schlussfolgert er im gleichen Atemzug, dass das Buch von Marco Seliger zur Pflichtlektüre gehören sollte. Allen voran bei den Abgeordneten im Bundestag.

 

Das Buch gibt keine klaren Antworten auf die vielen Fragen in Bezug auf den Afghanistaneinsatz. Aber es bringt die vielschichtigen Wahrheiten und Wiedersprüche nah. Es rüttelt auf, indem es den Einsatz aus der Perspektive der Soldatinnen und Soldaten zeigt, die tagtäglich ihr Leben für unsere Freiheit einsetzen. Ihnen gilt an dieser Stelle unser ganzer Dank.



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Themen
BuchrezensionAfghanistanAuslandseinsatz
 
 
Samstag, 25. Februar 2017


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Online veröffentlicht am
10. November '11 um 14:03 Uhr (CET).


Jörg Schnurre arbeitet als Journalist und Berater in Berlin.


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