What happens if the dog catches the car? -  Hochsicherheitsgefängnis in Hargeisa eröffnet
What happens if the dog catches the car?
Hochsicherheitsgefängnis in Hargeisa eröffnet
Von David Petrovic

Hargeisa. „Ich bin kein Pirat“, beteuert Ahmed Mohammed Adam, „sondern ein Fischer.“ Ihm und seinen sieben Begleitern sei auf See der Sprit ausgegangen, wodurch sie an die Küste Somalilands trieben und von der Küstenwache aufgegriffen wurden. Ihr Boot war zuvor durch Marinestreitkräfte, die in den Gewässern vor Somalia operieren, als „Piratenskiff“ markiert und diese Information an die Küstenwache Somalilands weitergeben worden. Nun sitzt er in dem neuen Hochsicherheitsgefängnis, das vergangene Woche in Hargeisa, der Hauptstadt des seit 1991 faktisch unabhängigen, aber völkerrechtlich nicht anerkannten Somaliland eröffnet wurde. Doch er hat noch Glück: Anders als in anderen ostafrikanischen Gefängnissen üblich, teilen sich nicht 70 bis 80 Insassen Zelle und Toilette, sondern lediglich 10 bis 16. Zudem müssen sie nicht mehr auf dem Boden schlafen, da Matratzen bereitstehen, erläutert Justizminister Ismail Mumin Aar. Mehr als 400 Insassen können in der Haftanstalt in Hargeisa aufgenommen werden. Unter den derzeit 279 Gefangenen sind neben normalen Kriminellen auch Piraten und Kämpfer der islamistischen Miliz al-Shabaab befinden. Das Gefängnis in Hargeisa entspricht „internationalen Standards“ und kann als Modell für die Region dienen, sagte Yury Fedotov, Executive Director des „United Nations Office on Drugs and Crime“ (UNODC) bei der Eröffnung. Somaliland sei bereit, eigene Staatsbürger aus anderen Gefängnissen zu übernehmen.

Mit rund 1,5 Millionen US-Dollar wurde die Instandsetzung des alten Gefängnisses von Hargeisa durch UNODC maßgeblich finanziert. Aufgrund des hohen Bedarfs soll der Aus- und Neubau von Gefängnissen in Somalia weitergehen. Laut Alan Cole von UNODC wird derzeit der Bau eines Gefängnisses für 500 Insassen in Garowe, der Hauptstadt der autonomen somalischen Republik Puntland, sowie einer weiteren Haftanstalt in Süd-Zentralsomalia geplant. Ein Ende der Piraterie vor der Küste Somalias ist derzeit nicht abzusehen. Allein im vergangenen Jahr waren somalische Piraten nach Angaben des International Maritime Bureau (IMB) für 92 Prozent der weltweit registrierten Attacken verantwortlich. Sie kaperten 49 Handelsschiffe und haben nach Angaben der EU-Operation Atalanta gegenwärtig 26 Schiffe und 587 Seeleute in ihrer Gewalt – kleinere Daus und Fischerboote nicht mitgezählt. In ganz Somalia sind laut UNODC etwa 350 Piraten inhaftiert oder warten auf ihren Prozess, in Somaliland sind es über 80. Die meisten der in Somaliland inhaftierten Piraten kommen nach offiziellen Angaben aus Puntland. Adam ist einer von ihnen. Der 23-jährige Familienvater aus Galcayao wurde wegen Piraterie durch ein Gericht zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Er legte Revision ein, seine Haftdauer wurde auf nunmehr noch knapp zwei Jahre verkürzt.


Gefängnishof in Hargeisa

In rund 17 Nationen sitzen zurzeit somalische Piraten ihre Haftstrafen ab oder warten auf ihren Gerichtsprozess. Der Mangel an geeigneten regionalen Kapazitäten zur Strafverfolgung und der fehlende politische Wille, die auf See durch internationale Marineeinheiten identifizierten bzw. festgesetzten mutmaßlichen Piraten zur weiteren Strafverfolgung nach Europa zu verlegen, führt dazu, dass auf See die Devise „catch and release“ lautet. Sobald sich ein Marinehubschrauber oder ein Kriegsschiff Piraten nähert, werfen sie Waffen und Leitern über Bord und vernichten somit etwaige Beweise. Vor allem die europäischen Marineeinheiten in der Operation Atalanta sind dann gezwungen, sie mit genügend Proviant und Treibstoff wieder ziehen zu lassen. Die Politik muss also klären: „what happens if the dog catches the car?“ Die Weitergabe von Informationen über markierte und überprüfte Skiffs an regionale Küstenwachen könnte eine Antwort auf diese Frage darstellen.

Während Adam erneut gegen seine Verurteilung Revision eingelegt hat um seine Haftstrafe weiter zu verkürzen, wurde Omar Abdullahi Abdi aus Laasqoray gerade erst verhaftet. Abdi und sechs seiner Männer sitzen in der Küstenstadt Berbera in einer Gefängniszelle der Polizeistation auf Bastmatten. Es ist dunkel, dreckig und riecht übel. Abdi wird beschuldigt, der Anführer einer „Pirate Action Group“ zu sein, die an der Schnittstelle des Roten Meeres und des Golfs von Aden operierte. „Ich bin unschuldig, wir sind einfache Fischer“, beteuert auch Abdi. Auf die Frage, warum er und seine Männer sich nur mit einem GPS-Gerät und ohne Fischerei-Equipment rund 90 Kilometer fern der Heimat aufhielten, entgegnet Abdi, sie würden „mit der Hand auf die Jagd nach Lobster“ gehen. Ein anderer Pirat beteuert ebenfalls, nur Fischer zu sein: man habe lediglich nach Erfolg versprechenden Fanggründen Ausschau gehalten. Mitglieder der Küstenwache identifizierten Abdi als ehemaligen Kameraden, der vor etwa drei Jahren die Küstenwache verließ, um sich einem einträglicheren Geschäft zu widmen. Der Beruf des „Fischers“ dürfte dies wohl kaum gewesen sein. „Sie haben ihre Waffen über Bord geworfen, als sie uns gesehen haben“, sagt Admiral Ahmed Aw Osman, der Chef der Küstenwache. Mit ihren 14-20 Booten versucht die Küstenwache, die 860 km lange Küste abzusichern und den Kampf gegen die Piraten aufzunehmen. Rund 200.000 US-Dollar betrage das jährliche Budget der Küstenwache; durch Strafzahlungen festgenommener illegaler Fischer aus dem Jemen kommt noch etwas hinzu. Davon müssen Treibstoff gekauft, neue Boote angeschafft, alte repariert und die Männer bezahlt werden. “We need boats. Boats and fuel“, sagt Osman. Für die ganze Küstenwache verfüge er pro Woche über etwa 20 Barrel Treibstoff und könne manchmal nur alle zehn Tage eines der beiden größeren Boote von Berbera aus auf Patrouille schicken.

Entlang der Küste hat die Küstenwache Außenposten eingerichtet. Einer davon ist Bilaha, rund 50km nördlich von Berbera. Dort stehen zwei Zelte und ein Gerätehaus. Zehn Männer, je fünf Polizisten und fünf Angehörige der Küstenwache, sollen die See vor Piraten und illegalen Fischern schützen. „Wir sind darauf angewiesen, dass die „local communities“uns Bescheid sagen, wenn etwas Verdächtiges vor sich geht“, sagt Admiral Osman. So erfolgt die Pirateriebekämpfung zumeist an Land – wenn denn die Piraten ihre Lager am Strand aufschlagen und die Küstenwache einen Tipp erhält.



Kommentieren Sie diesen Artikel
 
 
Samstag, 19. August 2017


Diese Webseite teilen
mit AddThis





Immer informiert
Folgen Sie uns!
Folgen Sie IMS auf Twitter  Werden Sie Fan von IMS auf Facebook  Abonnieren Sie kostenlos unseren RSS-Feed


Mehr Informationen
zum gewählten Artikel
Online veröffentlicht am
30. April '11 um 21:33 Uhr (CET).


David Petrovic

David Petrovic ist leitender Redakteur.

Kontaktieren Sie den Autor.


Dieser Artikel umfasst 1141 Wörter und wurde noch nicht kommentiert.

Kommentieren Sie diesen Artikel


Twitter
Die letzten 3 Tweets


    Aktuelle Ausgabe
    Nr. 2, 2011
    Mit Sicherheit vernetzt - Social / Military Media - Nr. 2, 2011

    Mit Sicherheit vernetzt
    Social / Military Media

    → Inhaltsverzeichnis


    Facebook
    Werden Sie Fan von uns
    Redakteur-Login

    PhishMEDIA
    • Anzeige

    • Unsere Partner