Als Reservist in Afghanistan - „Achtung, Sie verlassen jetzt den militärischen Bereich!“© Johnston
Als Reservist in Afghanistan
„Achtung, Sie verlassen jetzt den militärischen Bereich!“
Von Oleg Schwartz*

Langsam aber sicher endet nun auch für mich der Einsatz und ich wundere mich, wo die Zeit geblieben ist. Sieben Monate sind schon eine lange Zeit. Aber im Einsatz verging sie wie im Fluge. Nun geht’s langsam darum, den Ausstieg aus der Bundeswehr und den Wiedereinstieg ins zivile Leben zu organisieren bzw. zu koordinieren.


Reintegration - und Organisation

Wieder schwirrt der Begriff von Reintegration durch den Raum, diesmal aber in die andere Richtung. Für einen Reservisten ist das nichts Neues. So langsam kennt man die Verfahrensweisen und Spielregeln. Wohlgemerkt auf beiden Seiten, sowohl militärischer als auch ziviler. Wenige Tage nach der Rückkehr endet die Wehrübung und damit der Status Soldat. Klingt einfach, ist ja auch nichts Neues, denn das ist Bestandteil einer jeden Wehrübung.

Wie üblich, interessiert das die aktive Truppe nur wenig bzw. es wird nur geringes Verständnis aufgebracht, dass ich in den letzten Tagen des Einsatzes einen anderen Schwerpunkt habe. Ist ja auch kein Wunder. Für den regulären Soldaten geht es wieder nach Deutschland in die Kaserne und das war es auch schon. Keine Telefonate mit Arbeitgeber, Krankenkasse, Kreiswehrersatzamt usw. Prinzipiell sollte der Einsatz- bzw. Stammtruppenteil beim Übergang unterstützen. Aber bisher habe ich nur einmal was von denen gehört und da ging es um die Frage, ob ich am Flughafen abgeholt werden möchte. Weder ein Wort über Entlassungsuntersuchung, Auskleidung, Urlaubsplanung, Einsatznachbereitungsseminar usw. Darum darf ich wie immer selbst kümmern.


Die Realität zeichnet momentan ein konträres Bild

Nun gut denke ich mir, die nächste Kaserne liegt 2km Luftlinie von meiner Wohnung entfernt, da könnte ich dann in der einen Woche meines wohlverdienten Urlaubes zwischendurch mal hin, um die Untersuchungen machen zu lassen. Da geht das Problem aber auch schon wieder los. Man könne dafür keine Termine vergeben, ich müsse somit erst einmal vorsprechen da eine Einsicht in meine G- (Gesundheits-)Akte vor Ort erforderlich ist. Hinzu kommt, dass es mehrere Termine werden dürften, also mehrfach in die Kaserne. Nach fünf Minuten des Telefonats habe ich auf das Alles keinen Bock mehr und ich stelle mir die Frage, was passiert eigentlich, wenn ich die Untersuchung nicht auf eigene Faust durchführen lasse. Schließlich ist ja der Dienstherr in der Pflicht und den scheint es ja nicht wirklich zu interessieren.

In diesem Zusammenhang erscheint auch die Argumentation, welche vor der Wehrübung angeführt wurde, in einem anderen Licht, und zwar, dass all diese Maßnahmen noch im Zeitraum der Einsatzwehrübung stattzufinden hätten. Die Realität zeichnet momentan ein konträres Bild.

Allein das Nachbereitungsseminar war wieder einmal ein Musterexemplar militärischer Denke. Zunächst wurden mir mehrere Termine vorgeschlagen. Das fand ich gut, da ich das dann mit meinen Arbeitgeber koordinieren konnte. Nachdem das alles geklärt war, bekam ich eine Rückmeldung, dass ich zwischenzeitlich für einen anderen Termin gebucht bin. Ohne wenn und aber. Ich bin ja schließlich Soldat und dies sei ein Befehlt. Aha, also ganz ohne Rücksprache mit mir und meinem Arbeitgeber! So ein Vorgehen kann man vielleicht mit einem Berufs- oder Zeitsoldaten praktizieren, nicht aber mit Reservisten. Es ist aber auch nicht verwunderlich, bei schätzungsweise fünf verschiedenen Sachbearbeitern in dieser Sache! Vieles wird einfach stupide nach Schema F „1x EA Soldat – Standard“ abgearbeitet. Dafür gibt es natürlich Listen.


Die Beurteilung - ein Dokument mit hohem Wert

Ein weiterer Punkt auf dieser ominösen Liste ist das Arbeitszeugnis, welches im militärischen als Beurteilungsvermerk bezeichnet. Das ist für einen Reservisten natürlich von hohem Wert, denn so kann er seinem gegenwärtigen bzw. zukünftigen Arbeitgeber seine Tätigkeit während der Wehrübung darstellen. Die Schlüsselwörter dazu lauten jedoch: Anschaulich und Verständlich! An dieser Stelle muss ich auf einen Aspekt aus dem Eintrag „Homo Logicus Officiarius“ verweisen und zwar, dass die Bundeswehr ein autopoetisches System ist.

Wer keine Erfahrungen im zivilen Arbeitsleben bzw. privaten Wirtschaft gesammelt hat, dem fällt es gewöhnlich schwer, Vergleiche zwischen der Bundeswehr und der Wirtschaft anführen bzw. Übergänge zu schaffen. Ergo ist der Beurteilungsvermerk ein schönes Dokument, mit dem ich jedoch außerhalb des Kasernenzaunes wenig bis gar nichts anfangen kann. Letztendlich ein schönes Stück Papier für das Personalamt, welches meine militärische Karriere im Auge behält und plant. Wohl gemerkt: Militärische Zukunft! Von der hab ich ja noch so viel.


Ein Einsatz - ein Fragebogen

Und das Personalamt ist auch so ein Thema für sich. Von denen hab ich schon über zwei Jahre nichts gehört. Gibt es die überhaupt noch und wie heißt dort mein Ansprechpartner?
Auch der Fragebogen zur Bewertung des Einsatzes ist ein gutes Beispiel. Er ist gut, berücksichtigt Reservisten jedoch nur mit einer einzigen Frage, und zwar welchen Status der Befragte hat. Wenn ich all die Fragen richtig beantworten würden, u.a. ob ich angemessen durch die Bundeswehr ausgebildet bin, um meine Einsatztätigkeit auszuüben, würde das nur zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen. Denn eine angemessene Ausbildung kann ich durch die Bundeswehr nur bedingt (auffrischen militärischer Grundfertigkeiten) erhalten haben, da man ja bewusst auf meine Fähigkeiten aus dem zivilen Leben zurückgreifen will.

Nun wird gern angefügt, dass der Fragebogen dies in naher Zukunft auch mehr berücksichtigen wird. Schön und gut. Aber dauert das Engagement in Afghanistan mittlerweile 10 Jahren und sind Reservisten nicht seit der ersten Stunde mit dabei?
Dies führt mich zu meinem letzten Punkt dieses Eintrages.


"Was mache ich jetzt eigentlich mit Erkennungsmarke, Dienstausweis, G-Akte, Einsatzakte usw, die ja nun bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch liegen?"

Ich bin seit gut 10 Jahren Reservist und war nun fast sieben Monate im Einsatz. Nicht ein einziges Mal habe ich seither von aktiver Seite – abgesehen von den warmen Worten, die von den Beauftragten für Reservistenangelegenheiten bei jeder Reservistenveranstaltung angeführt werden - anerkennende Worte für mein Engagement erhalten. Im Gegenteil, es wird als gottgegeben betrachtet, dass der Reservist freiwillig wehr übt und im Einsatz ist.

Einen Punkt habe ich dann doch noch. Was mache ich jetzt eigentlich mit Erkennungsmarke, Dienstausweis, G-Akte, Einsatzakte usw, die ja nun bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch liegen? Die darf ich bestimmt wieder auf eigene Kosten zu Kreiswehrersatzamt, Stamm- und Einsatztruppenteil schicken. Und was ist mit der Auskleidung, also der Rückgabe der zusätzlichen Ausrüstung, welche ich für den Einsatz erhalten habe und welche jetzt in meiner Wohnung rumsteht? Die darf ich sicherlich wieder in meiner Freizeit abgeben.

Zum Glück werden die Fahrtkosten erstattet, nicht aber die Zeit, welche zunächst für Koordination eines Termins und anschließend für die Durchführung benötigt wird.

Danke, das hebt schon wieder meine Motivation gegenüber der Bundeswehr. Was für ein Drama!


*Name des Verfassers von der Redaktion geändert



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Ja das kenn ich auch noch aus meiner aktiven Zeit. Auch meine Kameraden die noch länger oder immernoch aktiv sind, stört dieses Phänomen. Auch wenn sie keine Reservisten sind ist die Tatsache: " Nichts ist so beständig, wie die Veränderung" im Sinne von Unkoordiniertheit und spontanen Änderungen. Das ist ein Makel der so wohl die Aktiven als auch die Reservisten stört und keinen großen Attraktivitätsbonus gewinnt und dazu führt das qualifiziertes Personal lieber ausscheidet zu einem zivilen Arbeitgeber, wo es geregelt und zuverlässig zu geht.
Da sollte man eigentlich denken, dass grad dies beim Militär so sein sollte.
Liebe Bundeswehr bitte koordiniert, schult und kontrolliert bitte die Verwaltungsvorgänge und Mitarbeiter, damit es zuverlässiger und attraktiver für alle Beteiligten zu geht.
DANKE
Kommentar Gast: 28. April '11, 17:05 (CET)
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Montag, 29. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
27. April '11 um 12:25 Uhr (CET).


Oleg Schwartz*


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