IMS sprach mit der Autorin Jasna Zajček - Unter Soldatinnen – Ein Frontbericht© Jasna Zajček
IMS sprach mit der Autorin Jasna Zajček
Unter Soldatinnen – Ein Frontbericht
Deutsche Soldatinnen sind im Einsatz in Afghanistan. Sie kämpfen gegen Terroristen am Horn von Afrika, jagen Piraten vor der Küste Somalias. Die Bundeswehr ist nicht länger ein rein männliches Terrain: Rund 14.000 Frauen verbringen ihr Leben an der Waffe. Was ist ihre Motivation, was sind ihre Träume und Erwartungen? Die Journalistin Jasna Zajček hat ein Jahr lang Soldatinnen während ihrer Ausbildung begleitet; sie ging mit ihnen an Bord einer Fregatte und war vor Ort in Dschibuti. IMS sprach mit der Autorin.

Frau Zajcek, mit welchen Erwartungen sind Sie damals in die Kasernen und schließlich an Bord der Gorch Fock gegangen? Was hat Sie motiviert dies zu tun?

Natürlich in erster Linie die Neugier, die ja jedem Journalisten innewohnen sollte. Ich wollte wissen, wie Kameradschaftsbildung funktioniert. Ich wollte verstehen, mit welchen pädagogischen Maßnahmen es die Bundeswehr schafft, aus AbiturientInnen in kürzester Zeit SoldatInnen zu machen. Und ich wollte wissen, wie hart die Ausbildung wirklich ist, körperlich und geistig. Daher war ich richtiggehend dankbar, als mich die Marine zu einem Monat der Grundausbildung einlud. Drei Wochen am Stück war ich von meinen Lieben getrennt, dafür an manchen Tagen von 3 Uhr früh bis 22 h abends im Training. Anstrengend, aber wenn man wie ich ohnehin gern Sport macht, auch als 36-jährige zu schaffen. Dass ich meine 18-jährigen Kameradinnen drei Monate später auf der Gorch Fock, vor Beginn ihrer Segelausbildung und ihrem großen Nordatlantik-Törn wiedersehen wollte und auch schauen wollte, wie sie sich in die als bärbeißig bekannte Stammbesatzung des Seglers einfinden, war für mich ganz selbstverständlich.

„Ich sehe, Sie sind ein wenig müde? Na, dann machen Sie doch ein paar erfrischende Liegestütz!“

Hatten Sie ebenfalls Aufgaben die Sie in der Truppe zu erfüllen hatten,
oder waren Sie ganz und gar Beobachterin?


Ich war Rekrutin in Uniform. Das erste Kapitel meines Buches „Unter Soldatinnen“ ist als Tagebuch geschrieben. Mit allen Gedanken und Gefühlen, die man als mitten im Leben stehender Mensch, der sich auf so ein „Feuerzangen-Experiment“ einlässt. Ich wurde kommandiert, musste gehorchen, Stiefel und Stube putzen, Kampfrucksack packen und diesen 26 Kilogramm schweren Ballast auch in der Sommerhitze 12 Kilometer weit tragen, stundenlang Waffen auseinander- und zusammenbauen, dazu natürlich immer wieder Liegestütze. Das habe ich bis heute behalten, 60 – 80 mache ich pro Tag, nebenbei. Immer, wenn ich ein wenig müde werde, denke ich an die Worte meines Zugführers: „Ich sehe, Sie sind ein wenig müde? Na, dann machen Sie doch ein paar erfrischende Liegestütz!“

Rückblickend auf Ihre Zeit ‚unter Soldatinnen’: Wo sehen Sie besondere Stärken bei Frauen in der Bundeswehr?

Besonders bei den Besuchen im Einsatz ist mir aufgefallen, wie gut die Normalität – einfach die Anwesenheit von Frauen – den männlichen Soldaten tut. Bei der Marine z.B. war es ja ein absurder Sonderfall, wenn nur Männer drei Monate zur See fahren, können diese ganz schön verrohen. Besonders bei Heimweh, Ärger mit der Ehefrau, Spannungen, die bei langer Abwesenheit entstehen, helfen freundschaftliche Gespräche, denn gar nicht mal so selten kommen männliche Soldaten zu ihren weiblichen Kolleginnen und bitten danach, das Verhalten ihrer Frauen oder Freundinnen daheim erklärt zu bekommen. Oder auch um eine weibliche Schulter zum Ausjammern – da scheint das natürliche Vertrauen zu Frauen größer zu sein. Vor den männlichen Kameraden will man ja eher seinen Mann stehen, denn als verletzlich erscheinen.

Generell sollte man Spaß an körperlicher Betätigung mitbringen, ich fand es irritierend, dass das nicht allen jungen Offizieranwärtern, egal ob männlich oder weiblich, bei Beginn ihrer Ausbildung bewusst war.

Haben Frauen im Militärdienst tatsächlich mit den bekannten Vorurteilen wie zum Beispiel körperliche Unterlegenheit im wahrsten Sinne des Wortes zu kämpfen?

Solange man nicht in einer kämpfenden Einheit oder bei den Kampfschwimmern Fuß fassen will, kann jede sportlich fitte Frau die Anforderungen der Grundausbildung schaffen. Und für eine junge Frau, die z.B. dreimal die Woche Handball trainiert und am Wochenende Turniere gewohnt ist, wird es ein Leichtes sein. Oder für mich, 36, die viermal die Woche Modern Dance und ein wenig Gymnastik und Yoga macht. Für einen jungen Mann, der ausschließlich Playstation spielt und am Wochenende in der Disco trinkt, ist es schwerer. Generell sollte man Spaß an körperlicher Betätigung mitbringen, ich fand es irritierend, dass das nicht allen jungen Offizieranwärtern, egal ob männlich oder weiblich, bei Beginn ihrer Ausbildung bewusst war.


Gibt es noch – wie anfänglich oft beklagt – eine Sonderrolle der Frauen im Truppenverband?

Wir dürfen beim „Geschäft“ im Feld ein Blatt Toilettenpapier mehr benutzen. Ansonsten ist mir keinerlei Sonderbehandlung aufgefallen. Dass einzelne z.B. aufgrund ihres guten Aussehens bevorzugt werden, habe ich nicht miterlebt. Eher perfekte Professionalität, die aber in der militärischen Hierarchie natürlich Dienstgrad- und nicht Geschlechterabhängig ist.

Mit Sicherheit haben Sie viele eindringliche Erfahrungen und Eindrücke u.a. auf der Gorch Fock gesammelt. Was waren für Sie die tiefgehensten Erfahrungen?

Zum einen, tatsächlich an meine körperlichen Grenzen zu gehen. Wenn man im Fitnessstudio trainiert, hört man nach 90 Minuten auf, weil man keine Lust mehr hat und denkt, dass man erschöpft ist. Beim Marsch ist das aber keine Option, denn man startet schon morgens um 3 oder um 5 Uhr, mit einem Gepäckstück auf dem Rücken, dass man schon zu Beginn sofort wieder absetzen möchte. Und es geht allen so, aber alle schaffen trotzdem den Marsch und sind dann stolz, ausgelassen, man wird gelobt, ist glücklich, wird ein eingeschweißtes Team. Hat auch bei mir funktioniert, ich habe angefeuert und angebrüllt und bin angefeuert und angebrüllt worden.

„Je länger du auf See bist, desto schöner wird jede Frau.“

Zum anderen habe ich sehr großen Respekt vor den Einheiten im Einsatz bekommen. Die Lebensfreude, die eine Schiffsbesatzung nach drei Monaten zur See, vor Somalia in der Piratenabwehr z.B., bei ihrem langersehnten Landgang oder gar bei der Rückkehr in den Heimathafen, zu Tage trägt ist wundervoll. Sie belegt aber nur, wie hart die drei Monate zuvor und wie tapfer und diszipliniert die Mannschaft die Zeit zuvor war. Im Militär werden viele Gefühle intensiver, man vermisst mehr, erinnert sich nur in rosigen Farben an die Heimat. Man hängt stärker an den Kollegen als in einem normalen Unternehmen, denn der Kamerad muss ja stets bereit sein, sein eigenes Leben für das der anderen zu geben. Oder wie der alte Seemann sagt: „Je länger du auf See bist, desto schöner wird jede Frau.“

Die karriereorientierten Männer haben verständlicherweise mehr Hemmungen, zum Psychologen zu gehen um zu „gestehen“: „Ich habe da ein Problem mit dem Erlebtem“.


Glauben Sie, dass es Unterschiede gibt zwischen Männern und Frauen, wie diese Ihre Einsatzerfahrungen verarbeiten?

Ja, das glaube ich, auch wenn dies explizit durch Studien noch nicht belegt ist. Gerade in Bezug auf PTBS können Frauen tendenziell durch ihr Naturell – alles besprechen zu wollen oder zu müssen – besser mit Erlebtem umgehen. Auch ist die Lebensplanung der meisten Frauen, die ich traf, nicht so ausschließlich auf die Armee ausgelegt, wie bei jungen Soldaten auf Zeit, die Berufssoldat werden wollen. Die karriereorientierten Männer haben verständlicherweise mehr Hemmungen, zum Psychologen zu gehen um zu „gestehen“: „Ich habe da ein Problem mit dem Erlebtem“.

Hat sich Ihre Einstellung zur Teilnahme von Frauen in der Bundeswehr und Einsatz-Bedingungen für die Soldatinnen und Soldaten im Allgemeinen nach Ihren persönlichen Erfahrungen verändert?

Nein, ich war schon immer pazifistisch eingestellt, verstehe aber, dass eine Nation wie Deutschland Bündnispflichten einhalten muss. Und ich war schon immer der Meinung, dass Gleichberechtigung auch im Militär herrschen muss – wie in Israel. Wenn die Männer in einem Land Wehr- oder Zivildienst leisten müssen, dann sollte es auch für Frauen obligatorisch sein.


Wie wirkt sich der Einsatz der Soldatinnen insgesamt auf die Truppe aus?


Ältere Bundeswehrangehörige freuen sich, dass das Klima besser geworden ist, dass auch und besonders die jungen Rekruten in Anwesenheit des anderen Geschlechtes mehr auf Ton und Manieren achten. Und ich denke, auch der berufliche Kontakt zum anderen Geschlecht und auch die unvermeidbare, und auch gestattete Pärchenbildung trägt im entwicklungstechnisch wichtigen Alter von 18 – 23 Jahren zur Normalisierung des Lebens, dass ja doch stark von Disziplin und Gehorsam geprägt ist, stark bei. Insofern kann ich nach vielen Gesprächen mit Altgedienten, sagen, dass Frauen die Bundeswehr positiv verändert haben. Obwohl es immer noch einige alte Seemänner gibt, die fest daran glauben, dass Frauen auf Schiffen Unglück bringen.


Das Interview führte Carola Thibault


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Freitag, 28. April 2017


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Online veröffentlicht am
09. März '11 um 17:44 Uhr (CET).


Das Interview führte Carola Thibault M.A.


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