Der Kampf gegen den illegalen Drogenanbau - Wie die Fernerkundung zur Aufklärung am Boden beiträgt© IMS/Löwe
Der Kampf gegen den illegalen Drogenanbau
Wie die Fernerkundung zur Aufklärung am Boden beiträgt
Von Andreas Löwe

Der illegale Drogenanbau stellt überall auf der Welt Regierungen verschiedener Nationen vor große Herausforderungen. Ob Schlafmohn in Afghanistan, Kokasträucher in Kolumbien oder Cannabis in Marokko, vor allem die Hauptursprungsländer haben mit den Folgen einer expandierenden Drogenwirtschaft zu kämpfen. Die meist schon schwache staatliche Kontrolle in diesen Ländern wird durch den florierenden Handel mit den illegalen Stoffen und die Begleiterscheinungen der organisierten Kriminalität weiter untergraben.


Oft ist der Mangel an staatlicher Kontrolle so eklatant, dass die Drogenpflanzen unbehelligt auf großflächigen, frei liegenden Feldern angebaut werden.
So verschieden die Drogen sind, so verschieden sind auch die Ansätze der Probleme Herr zu werden. Eine der Methoden der Drogenwirtschaft Einhalt zu gebieten, ist die Bekämpfung der Ursache an ihrem Ursprung. Das setzt allerdings ausgeprägte Kenntnisse über die Herkunft, Verteilung und Herstellung der Drogen voraus. Hier kann die Weltraumtechnologie der Fernerkundung Abhilfe leisten, da sie eine ausgedehnte Überwachung der Anbaugebiete ermöglicht.

Verschiedene betroffene Staaten nutzenseit einigen Jahren bereits Fernerkundungstechnologien, um den Drogenanbau zu überwachen

Mittels der wissenschaftlichen Interpretation von Satellitenbildern und Luftaufnahmen, können Aussagen über Art, Ort und Ausdehnung des Anbaus getroffen werden, die dann zur Erstellung geeigneter Gegenmaßnahmen verwendet werden können.
Verschiedene betroffene Staaten nutzenseit einigen Jahren bereits Fernerkundungstechnologien, um den Drogenanbau zu überwachen. Doch nicht nur einzelne Staaten verwenden diese Technologie. Auch überstaatliche Institutionen, wie die Vereinten Nationen, die mit dem UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) eine Einrichtung haben, die sich u.a. mit der Erstellung von Statistiken über Drogenanbau beschäftigt, setzen hierzu seit längerem auch Fernerkundungstechnologien ein.

Was anfänglich mit einfacher Luftüberwachung begann hat sich in den letzten Jahren zu einer hoch technologischen Angelegenheit unter Verwendung von Satellitenbildern entwickelt. Je nach
Drogenpflanze und Region des Anbaus, kommen unterschiedliche Technologien zum Einsatz und unterschiedliches Vorwissen ist vonnöten. Die grundsätzliche Herangehensweise bei der Verwendung von Satellitenbilddaten bleibt jedoch die Gleiche wie auch im Fall der Überwachung des Schlafmohnanbaus in Afghanistan. Zu Beginn wird anhand von Satellitenbildern die gesamte landwirtschaftlich nutzbare Fläche des Landes ermittelt und kartographisch dargestellt. Darüber wird ein Raster gelegt, dessen Zellen die Größe eines hochauflösenden Satellitenbildes haben (i.d.R. 10x10km). Willkürlich werden einige Zellen aus dem Raster ausgewählt, die mittels hochauflösender Satellitenbildaufnahmen nach Drogenplantagen durchsucht werden.

Ein Heranzoomen bis an die einzelnen Pflanzen heran ist bei Satellitenbildern nicht möglich

Das Verfahren basiert im Wesentlichen auf einer rein manuell-visuellen Interpretation der Bilder, wobei ein geschulter Fernerkundungsspezialist anhand seiner Erfahrung eine Einteilung in Drogen- und Nicht- Drogenfelder vornimmt. Dabei besteht die Herausforderung in der Unterscheidung der Vegetation in Drogen- und sonstige Nutzpflanzen, da sich die einzelnen Felder auf Satellitenbildern in ihrer Beschaffenheit und Farbgebung stark ähneln. Ein Heranzoomen bis an die einzelnen Pflanzen heran ist bei Satellitenbildern nicht möglich, da die maximale Auflösung kommerziell genutzter hochauflösender
Satelliten ca. 60 cm beträgt (d.h. ein Pixel des Bildes entspricht einer Fläche von 60x60 cm auf der Erdoberfläche). Dies reicht zwar aus, um bspw. Bewässerungsgräben zu erkennen, nicht aber die einzelnen Pflanzen.


Da aber so gut wie alle Satellitensensoren nicht nur Bereiche des sichtbaren Lichtes aufnehmen, können Falschfarbenbilder dargestellt werden, die ein Signal aus dem Infrarotbereich beinhalten. Unter Umständen sind dadurch die farblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Pflanzenarten besser zu erkennen und somit eine Unterscheidung der Drogenpflanzen leichter. Um Fehlinterpretationen möglichst gering zu halten, werden vorab am Boden Mohnfelder per GPS-Koordinaten kartiert und dann ortstreu in dem Satellitenbild markiert. Dadurch lassen sich ähnliche Muster in der Färbung der Mohnfelder (die sogenannte „spektrale Signatur“) erkennen und als Referenz für darauffolgende Interpretationen verwenden. Spezielle Fernerkundungssoftware kann zudem dazu verwendet werden, nach ähnlichen spektralen Signaturen zu suchen und eine automatisierte Einteilung vorzunehmen.


Trotzdem bedarf es in jedem Fall einer manuellen Überprüfung der Ergebnisse, da die spektrale Signatur des Mohns sich nur geringfügig von der anderer Pflanzen unterscheidet und eine Einteilung nach der spektralen Signatur alleine nicht immer erfolgreich ist. Für eine richtige Interpretation werden zusätzlich relevante Informationen benutzt, wie z.B. Unterschiede in der Textur der Felder, die (Hang-)Lage oder auch der Erntezeitpunkt der Pflanzen.
Letzteres ist besonders wichtig, da sich der Erntezeitpunkt von Schlafmohn zu anderen Nutzpflanzen unterscheidet (u.a. wird Weizen später geerntet als Schlafmohn). Aufnahmen zweier Zeitpunkte (einmal kurz vor und während der Blütezeit des Schlafmohns und einmal kurz nach dem Ende der Erntezeit) können zum Vergleich herangezogen werden. Felder die auf der ersten Aufnahme als Mohnfeld identifiziert werden, lassen sich dann auf der zweiten meist als solche bestätigen, wenn das gleiche Feld nun brach liegt.
Da aber solche Indikatoren für jede Drogenpflanze anders sind und auch regional sehr unterschiedlich sein können (bspw. fallen die Erntezeiten aufgrund der klimatischen Unterschiede zwischen den Regionen anders aus), muss dies erfasst und bei der Interpretation berücksichtigt werden. Dies führt dazu, dass für eine erfolgreiche und richtige Interpretation eine große Menge an Vorwissen notwendig ist. Oftmals werden als Hilfe so- genannte „Entscheidungsbäume“ oder „Interpretationsschlüssel“ verwendet, die dem Fernerkundungsexperten eine Reihe an Ja/Nein-Fragen zu der Beschaffenheit, Farbe, Lage, Größe, Vorhandensein anderer Strukturen (bspw. Bewässerungsanlagen oder Siedlungen) usw. vorgibt.

Durch die über die Jahre stete Verbesserung der Verfahren sind dennoch mit den aktuell gängigen Techniken Übereinstimmungen von weit über neunzig Prozent bei der Erfassung von illegalen Anpflanzungen möglich

Der Prozess bis hin zur Entscheidung, ob ein Feld als Mohnfeld gewertet wird oder nicht, ist daher immer eine Kette an Ja/Nein-Entscheidungen vorangestellt, wobei jede dieser Entscheidungen als ein weiteres Indiz für oder wider einer Interpretation als Drogenfeld gesehen werden kann.
Ist die Analyse der Satellitenbilder abgeschlossen, so wird der Anteil der Mohnfelder an der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche innerhalb des Bildes bzw. der Rasterzelle errechnet. Die prozentualen Anteile an Mohnfeldern innerhalb der einzelnen Zelle werden gemittelt und zu einer Gesamtanbaufläche je Provinz hochgerechnet. Um die Gesamtfläche an Mohnfeldern des Landes zu erhalten, werden dann die Flächen der einzelnen Provinzen addiert.

Ohne dass es von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, schützt also die Fernerkundung tagtäglich durch ihren Einsatz Menschenleben

Während die Gesamtmenge Aufschluss über Zu- und Abnahme des illegalen Drogenanbaus ermöglicht, lassen die Ergebnisse nach Provinz Aussagen über die Verteilung und regionale Unterschiede des Anbaus zu. Durch weitere Annahmen über durchschnittliche Erträge in den
jeweiligen Provinzen, kann letztendlich auch die gewonnene Menge an Drogenstoffen extrapoliert werden.
Da es sich bei dem Analyseprozess der Satellitenaufnahmen aber immer nur um eine Kette von Indizien handelt und weniger um gesicherte Erkenntnisse, kann die Fernerkundung auch keine hundertprozentige Genauigkeit bei der Erkennung von Drogenfeldern gewährleisten. Durch die über die Jahre stete Verbesserung der
Verfahren sind dennoch mit den aktuell gängigen Techniken Übereinstimmungen von weit über neunzig Prozent bei der Erfassung von illegalen Anpflanzungen möglich. Auch wenn die Interpretation der Satellitenbildaufnahmen folglich nicht immer eine absolute Genauigkeit zulässt, so hat sie dennoch große Vorteile gegenüber der Aufklärung am Boden. So können innerhalb kurzer Zeit große Flächen nach Drogenpflanzen durchsucht werden und dies mit einem verhältnismäßig geringem Kostenaufwand.

Vor allen Dingen ist aber das verminderte Sicherheitsrisiko der Kräfte am Boden von entscheidender
Bedeutung, da durch die Fernerkundung eine Kartierung der Felder vor Ort (fast gänzlich) entfällt und sich somit grundsätzlich weniger Personal einer Gefährdung aussetzen muss. Ohne dass es von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, schützt also die Fernerkundung tagtäglich durch ihren Einsatz Menschenleben und ist damit in mehrfacher Hinsicht eine wertvolle Technologie, die aus der Drogenbekämpfung nicht mehr wegzudenken ist.


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das eigentliche problem ist die prohibition und nicht die drogen. dadurch entstehen erst die meißten probleme. der kampf gegen drogen ist ein längst verlorener kampf der immer weiter unmengen geld verschlingt aber keinen wirklichen nutzen hat. nur wollen das die meißten nicht verstehen.
Kommentar Gast: 31. Januar '11, 18:25 (CET)
Über das Thema wird viel zu selten berichtet - Danke für den Beitrag!
Kommentar Christoph D.: 31. Januar '11, 18:49 (CET)
kann mich beiden Meinungen voll anschließen!
Kommentar Gast: 31. Januar '11, 19:01 (CET)
pervers. um ein paar mohn- und hanfpflanzen oder cocasträucher dingfest zu machen, wird eine beispiellose materialschlacht geschlagen. beschämend auch, dass diese leute nichts gescheiteres zu tun haben. aber sicherheit ist ja ein lukratives business. fragt sich bloss, was diese sicherheitsheinis tun werden, wenn sie alle "drogenanpflanzungen" platt gemacht haben.
Kommentar Gast: 01. Februar '11, 09:00 (CET)
Die Waffen für den "war on drugs" in Mexiko, der jedes Jahr Tausende von Toten verursacht, kommen vor allem aus den USA und Deutschland. Das UNODC sollte mehr über die Herstellung und Verbreitung von Waffen berichten. Waffen sind tödlich, wenn man sie gebraucht, Drogen sind nur tödlich, wenn man sie missbraucht. Nicht die Drogen sind das Problem, sondern die Art, wie wir damit umgehen.
Kommentar Hans Cousto: 01. Februar '11, 14:32 (CET)
Das Gegenmittel: In Europa existieren Schlafmohnsorten (papaver somniferum), die nur 1% der Opiate des afgh. Schlafmohns enthalten. Diese Sorten wurden gezüchtet, um hohe Ölerträge zu generieren. Besonderheit: Der afgh. und der europ. Mohn läßt sich einerseits miteinander kreuzen, andererseits ist er bis zur Kelchbildung nicht unterscheidbar. Mohnsamen sind sog. Flachkeimer, d.h. werden kaum bei Aussaat mit Erde bedeckt. Gegenüber Nahrungspflanzen besitzen sie keine Konkurrenzkraft. Strategie: Ausbringen von europ. Mohnsamen während der Auspflanzeit des afg. Mohns. Hierbei werden z.B. aus großer Höhe diese Saaten verteilt, (Militärs verfügen über die Expertise, Radar-Irritatoren, shuff) oder per Drohnen. (ca. 1,5 t pro Aktion) Insgesamt sind ca. 100 t europ. Mohnsaaten erforderlich, um eine Kontamination von 50% zu erreichen. (ca. $ 2 Mio.) Effekt: Steuerbare Dezimierung des Ertrages/ha an Opiaten. Der Bauer ist nicht in der Lage morphinstarke bzw. -schwache Pflanzen zu unterscheiden. Er ist allerdings gezwungen die Keimlinge zu vereinzeln, um ihnen Raum zu verschaffen. (ähnlich den Zuckerrüben) Fazit: Die Opiumproduktion lohnt sich in A. nicht mehr. Gegenmittel existieren nicht, d.h. es kann mit offenen Karten gespielt werden. Der Druck von Warlords und Drogenbaronen auf die O-.Bauern verpufft. Nahrungsmittelproduktion wird attraktiv. Ggf. ist zudem ein Handel der Ex-O-Bauern mit den Alliierten möglich. (Mohnöl als Dieselersatz -die US-Truppen haben mittlerweile Kosten pro Liter Diesel von ca. $ 150,- bis zur Verwendung)
Kommentar Gast: 06. Februar '11, 11:29 (CET)
 
 
Samstag, 18. November 2017


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Unendliche Weiten - Wie sicher ist der Weltraum? - Nr. 3, 2010

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Online veröffentlicht am
31. Januar '11 um 15:32 Uhr (CET).


Andreas Löwe ist Politikwissenschaftler und Redakteur des IMS-Magazins


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