Eine versöhnte Nation? - Gerechtigkeit und Aussöhnung in Ruanda nach dem Genozid von 1994.© Susan Thomson
Eine versöhnte Nation?
Gerechtigkeit und Aussöhnung in Ruanda nach dem Genozid von 1994.
Von Susan Thomson

16 Jahre nachdem die ethnischen Hutu mindestens 800.000 ethnische Tutsi im Genozid von 1994 getötet haben, kann festgestellt werden, dass das kleine ostafrikanische Land in vielen Bereichen Fortschritte gemacht hat. In den letzten Jahren wurde Ruanda von den Vereinten Nationen und anderen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft als Vorbild für Wiederaufbau und Aussöhnung nach einem Konflikt gelobt. Im Zentrum des internationalen Lobes steht die Geschwindigkeit und die Effizienz mit welcher die regierende „Rwandan Patriotic Front“, unter Präsident Paul Kagame, die nationalen Institutionen aufgebaut hat, die Wirtschaft zum wachsen gebracht hat und die ethnischen Spannungen zwischen den bevölkerungsstarken Hutu und den bevölkerungsschwachen Tutsi beigelegt hat. Die RPF machte ethnisch-nationale Einheit, Gerechtigkeit und Aussöhnung zu ihren Prioritäten für die ruandische Gesellschaft, um Frieden und Sicherheit für ihre versehrte Bevölkerung zu erreichen.

Ist die Nation versöhnt?

Elementar für die nationale Aussöhnung sind die Gacaca-Gerichte, welche die Prozesse gegen mehr als 130.000 wegen Völkermord Angeklagter beschleunigen sollen, während sie individuelle Wiedergutmachung und Versöhnung fördern sollen. Für die RPF-Regierung „[ist] Ruanda […] eine versöhnte Nation, deren Vergangenheit wirklich die Vergangenheit ist, deren Gegenwart friedlich und stabil ist und deren Zukunft mit jedem vergehenden Jahr leuchtender scheint“ (ORTPN 2004:4).

Für die meisten Ruander ist die Zukunft selten leuchtend, weil ihre Vergangenheit weiterhin den Alltag bestimmt

Hinter diesen idealisierten Visionen gibt es die täglichen Realitäten der Ruander, die in einem Kampf um Wiederherstellung der Existenz, des Aufbaus von sozialen und ökonomischen Netzwerken und der Versöhnung mit Freunden, Nachbarn und manchmal sogar der eigenen Familie stecken. Für die meisten Ruander unterscheidet sich das tägliche Leben entschieden von den Beteuerungen der Regierung von einer „versöhnten Nation“. Für die meisten Ruander ist die Zukunft selten leuchtend, weil ihre Vergangenheit weiterhin den Alltag bestimmt. Die Gerechtigkeits-, Aussöhnungs- und ethnische Vereinigungspolitik der Regierung, hat jegliche öffentliche Diskussion über Ethnizität geächtet. Sie erlaubt den Menschen, die die Gewaltakte erlebten, nicht von ihren Erfahrungen zu erzählen, außer von der Tatsache, dass nur Hutu getötet haben und nur Tutsi Opfer waren. Tatsächlich waren die Tutsi wegen ihrer ethnischen Identität die Opfer des Genozid. Aber nicht alle Hutu waren am Völkermord beteiligt und nicht alle nahmen mit der gleichen Intensität teil. Manche töteten enthusiastisch; andere töteten nur wenige. Einige Tutsi beteiligten sich an den Morden, um sich und ihre Familien zu schützen. Die Rhetorik der PPF über Ruanda als „versöhnte Nation“ verschleiert die Tatsache, dass es unzählige Formen und Gründe für die Tötungen während des Völkermordes von 1994 gab. Es beschneidet auch die politischen Möglichkeiten der Regierung, Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zu stiften.

Warum Gacaca?

Ende 1994 rief der UN-Sicherheitsrat den „Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda“ (ICTR) ins Leben, um die schlimmsten Verbrecher zu bestrafen. Dabei erwartete man, dass das ruandische Gerichtswesen über die restlichen Angeklagten urteilen würde. Der ICTR, in einem anderen Land arbeitend, mit schwachen Handlungsbefugnissen ausgestattet und mit Anschuldigungen von Korruption und Inkompetenz geplagt, blieb für die meisten Ruander fremd und unnahbar.

Inländische Gerichte sind für die Bevölkerung aber ebenfalls weit entfernt und schlecht erreichbar, besonders weil 90% der Bevölkerung in ländlichen Gebieten außerhalb von Kigali und den Provinzhauptstädten lebt, wo diese Gerichte angesiedelt sind. Aus Sicht der RPF reichten sowohl der ICTR als auch die einheimischen Gerichte nicht aus, um den besonderen Ansprüchen von
Gerechtigkeit und Aussöhnung der traumatisierten Bevölkerung gerecht zu werden, die weiterhin nachbarschaftlich in den ländlichen Gegenden miteinander leben muss. In einer verarmten Nation mit niedrigem Bildungsniveau überwiegen die täglichen Überlebenssorgen die Beschäftigung mit den lästigen und komplizierten Problemen eines Gerichtsverfahrens.

Wir wissen, was am besten für unsere Bürger ist. Nicht die, die nie einen Völkermord erlebt haben, wie die Außenstehenden in Arusha

Die langsame und teure Gangart der Formaljustiz in Ruanda, die an die
Anforderungen eines ordentlichen Verfahrens gebunden ist, führte 1999 auch dazu, dass 120.000 des Völkermordes Verdächtigte in erbärmlichen Gefängnissen untergebracht wurden, um auf ihren Prozess zu warten. Dies setzte der ruandischen Regierung und den Familien der Inhaftierten stark zu (besonders, weil Familienmitglieder verantwortlich für die Ernährung der Gefangenen sind).

Die Überlegungen der Regierung, die Gacaca-Gerichte 2001 ins Leben zu rufen, hatten zwei Beweggründe: Zuerst wies die ruandische Regierung die ,klassischen’ (westlichen) rechtlichen Standards eines ordentlichen Gerichtsverfahrens schroff zurück, weil sie sich als teuer, schwerfällig und befremdend erwiesen; zweitens betonte die Regierung die Wichtigkeit für das Land, seine Probleme selbst lösen zu können auf der Basis der Gebräuche Ruandas und unter Einbeziehung der gesamten Gemeinschaft. Wie ein höherer Offizieller der Regierung mir mitteilte, „ist es für Ruander am besten, wenn die Gerechtigkeit hier stattfindet. Wir wissen, was am besten für unsere Bürger ist. Nicht die, die nie einen Völkermord erlebt haben, wie die Außenstehenden in Arusha [dem Sitz des ICTR].“

Obwohl die klassische ausgleichende Justiz durch Bestrafung Teil der Gacaca bleibt, werden Wahrheit und Aussöhnung auch durch öffentliche Entschuldigungen gegenüber Opfern befördert, durch verringerte Strafen bei ,wahrheitsgetreuem’ Geständnis, durch Gemeindearbeit und Zusammenarbeit bei der justiziellen Verfolgung der am Völkermord Beteiligten, bei der Identifizierung der Opfer und bei der Entlastung Unschuldiger. Zusammenfassend ist die Aufgabe der Gacaca-Gerichtsbarkeit, die Wahrheit über das was passiert ist ans Tageslicht zu bringen, die Kultur der Inkompetenz zu beseitigen und das Prozesstempo zu beschleunigen sowie nationale Einheit und Aussöhnung auf der Basis ruandischer Gebräuche herzustellen.

Nachdem nun die Gacaca-Prozesse langsam zu ihrem Ende kommen, haben sie eine unglaubliche Zahl von beinahe 1.000.000 Fällen abgearbeitet


Inspiriert durch die traditionellen Praktiken der „Justiz auf dem Feld“, nehmen an den Gacaca-Gerichten viele Menschen teil. Im Gegensatz zur Formaljustiz, die, wenn überhaupt, sehr abstrakt arbeitet, beinhalten die Gacaca-Gerichte die Gegenüberstellung ganzer Gemeinschaften. Das Neun-Personengremium aus Laienrichtern besteht aus integeren Personen, genannt „Inyangamugayo“,
die aus der Gemeinde gewählt werden. Frauen sind zahlreich unter den Richtern vertreten.

Die Laienrichter erhalten ein begrenztes Training und werden von der nationalen Gerichtsbarkeit des Gacaca-Service unterstützt. Es wird erwartet, dass alle Gemeindemitglieder an den Gacaca-Sitzungen teilnehmen, sowohl während der Beweisaufnahme, während welcher die Gemeindemitglieder Opfer und Verdächtige identifizieren, als auch in der Phase der Entscheidungsfindung, in welcher Zeugen mitarbeiten und Beweise bestärken oder zurückweisen. Nachdem nun die Gacaca-Prozesse langsam zu ihrem Ende kommen(es wird erwartet, dass es Ende 2010 oder Anfang 2011 so weit ist), haben sie eine unglaubliche Zahl von beinahe 1.000.000 Fällen abgearbeitet.

Die Gacaca-Gerichte und die Aussöhnung

Ausländische Beobachter loben Kagame als wohlwollenden und bedachtsamen Staatschef, der tief um seine Bürger besorgt ist. Die Gacaca-Gerichte haben gegen mehr als 100.000 wegen Völkermordes angeklagte angeklagte Hutu prozessiert, wobei die meisten erfolgreich in die Gesellschaft reintegriert wurden. Die meisten ausländischen Besucher sehen allerdings nicht die große Armut und die täglichen Probleme, die durchschnittliche Ruander zu überwinden haben. Sowohl für Hutu als auch für Tutsi ist das Leben seit dem Genozid nicht mehr so vielversprechend und glänzend wie die Autoritäten in Kigali es gerne darstellen. Anstatt offene und freimütige Diskussionen zuzulassen, hat die RPF ihren Bürgern eine vermeintliche Aussöhnung aufgezwungen. Sie zwingen die Hutus die Wahrheit über das zu sagen, was sie während des Völkermordes getan haben und die Tutsi zwingen sie zu vergeben. Aussöhnung ist keine ehrliche Herzensarbeit, sondern nur ein administrativer Akt.

Nicht alle, die gemordet haben, werden zur Rechenschaft gezogen – die Regierung vergibt ihnen zu
Gunsten der Versöhnung


Die Ruander, die ich im Rahmen meiner Studie befragt habe, sind mehr als skeptisch gegenüber dem Beitrag der Regierung zur Aussöhnung. Sie sehen es als eine Form sozialer Kontrolle an. Olive, eine Hutu-Witwe, deren Tutsi-Mann während des Genozids ermordet wurde, erzählte mir: „All diese Geständnisse sind ein Programm der Regierung. Hutus gestehen um frei zu werden. Aber wir wissen was passiert ist! Wir waren 1994 ja dort. Nicht alle, die gemordet haben, werden zur Rechenschaft gezogen – die Regierung vergibt ihnen zu Gunsten der Versöhnung. Und nicht alle, die nicht getötet haben, bleiben frei. Die Regierung schließt sie für diese Aussöhnung ins Gefängnis. Was für ein Frieden ist das? Er kommt nicht aus dem Herzen.“

Lokale Beamte schikanieren und schüchtern diejenigen ein, die diese Art der Aussöhnung nicht annehmen; jeder, der deren Ernsthaftigkeit anzweifelt, kann in Haft gelangen. Dies ist kein Prozess, der auf einer aufgeklärten Vision von Frieden und Sicherheit gründet, noch auf einer Vision von einer „versöhnten Nation“. Stattdessen zwingt er die meisten Ruander ruhig zu bleiben und die Version der regierenden RPF von Frieden, Gerechtigkeit und Aussöhnung nicht in Frage zu stellen.
Besonders ländliche Ruander täuschen die Aussöhnung nur vor, als Mittel, um den Anforderungen ihrer Regierung gerecht zu werden. Wie Jeanne, eine Tutsi-Witwe sagte: „Es kann keinen Frieden im Herzen geben, wenn es keinen Frieden im Bauch gibt.“

Für viele Ruander war dies eine verschreckende, erdrückende und manchmal erniedrigende Erfahrung – eine, die in der Zukunft paradoxerweise einen stärkeren Dissens hervorrufen könnte und bisweilen einmal mehr in Gewalt ausarten könnte.

erschienen in: IMS Nr. 3, 2010; Unendliche Weiten - Wie sicher ist der Weltraum?



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Freitag, 28. April 2017


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Online veröffentlicht am
17. Januar '11 um 20:59 Uhr (CET).


Dr. Susan Thomson ist Five Colleges Professorin für Contemporary African Politics in der School of Critical
Inquiry am Hampshire College in Amherst, MA. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in Post-Konflikt Gesellschaften. Sie erforscht derzeit Patronage-Networks in zwei städtischen Slums in Nairobi, Kenia. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht.



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