Als Reservist in Afghanistan - Winning the hearts and minds© Bundeswehr/Kazda
Als Reservist in Afghanistan
Winning the hearts and minds
Von Oleg Schwartz*

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über die große Frage des große „Warum“ sinnieren. Allerdings ist seit dem letzten Blogeintrag ein ganze Weile vergangen und ich bin bereits im Einsatzland angekommen.
Die Einarbeitungsphase ist mittlerweile abgeschlossen und nun ist endlich wieder mehr Zeit zum schreiben. Und da mittlerweile eine Menge passiert ist, muss ich erst einmal ein anderes, grundlegenderes Thema abarbeiten.

Wie im letzten Eintrag schon geschildert, wird man als Reservist im System Bundeswehr gar nicht wahrgenommen. Einerseits gut, andererseits aber sowohl eine Belastung für den Reservisten, als auch für die aktive Truppe. Reservisten bedürfen nun einmal in der Ein- als auch in der Ausschleusungsphase mehr Koordination und Vereinbarungen. Diese Informationen kommen aber nicht auf allen Ebenen und bei allen beteiligten Stellen in dieser Form an bzw. stoßen dort auf angemessene Berücksichtigung. In der Konsequenz wird dem Reservisten, in diesem Falle mir, immer unterschwellig vermittelt, dass ich für das ein oder andere Problem selbst verantwortlich sei. Einerseits sind die Regularien durch die Bundeswehr vorgeschrieben, zum anderen werde ich jetzt dafür kritisiert.


"...dort werden die Daten nur minderqualifiziert ausgewertet und verarbeitet."

Irrtum liebe Truppe! Ihr sammelt alle nur erdenklichen Informationen von mir. Keine Ahnung, wie viele unzählige Dokumente ich schon zu allen nur erdenklichen Fragen ausgefüllt habe. Das Problem liegt Truppe selbst, denn dort werden die Daten nur minderqualifiziert ausgewertet und verarbeitet.
Aber was meine ich damit. Es ging bereits mit dem Einberufungsbescheid los. Ich sollte mich abends bis 18 Uhr in der Kaserne in Köln melden - obwohl der Abflug für den folgenden Tag 12:30 Uhr terminiert war. Nach Rücksprache mit dem Einsatzleitverband solle die Zeit noch genutzt werden, um im Status Soldat letzte Vorbereitungen vornehmen zu können. Diese Aussage klang so kompetent, dass ich mich ohne weitere Gedanken zur Kaserne begab. Und da ging das Problem los: Bereits am Kasernentor konnte keiner was mit mir anfangen. Meldekopf? Sowas gibt es hier nicht. Unterkunft? War nicht angefordert. Ärztliche Eingangsuntersuchung? Wenn dann überhaupt erst am nächsten Morgen, jedoch nicht ohne 90/5, den ich allerdings vom nicht vorhandenen Einsatzleitverband oder wahlweise vom Spieß bzw. der G1 Personalabteilung erhalte. Soviel zum Thema letzte Vorbereitungen!


"im Einsatzland werden grundsätzlich keine Einstellungsuntersuchungen vorgenommen! Ja und jetzt?"

In Afghanistan angekommen, wurde ich von der G1 Abteilung sehnsüchtig erwartet und mit der Frage begrüßt, was ich hier überhaupt mache, denn ich wäre derzeit gar nicht für einen Einsatz vorgesehen. Aha! Dazu muss ich anfügen, dass mir ca. fünf Wochen vor dem geplanten Beginn des Einsatzes telefonisch mitgeteilt wurde, dass ich kurzfristig von der Einsatzlist gestrichen wurde. Zwei Wochen später wurde diese Entscheidung rückgängig gemacht bzw. das Datum des Abfluges sogar noch vorverlegt. Wie auch immer, jetzt bin ich hier, wie es der Einberufungsbescheid der Bundeswehr mir vorgeschrieben hat. Ich ziehe mir ja nicht aus Langerweile eine Uniform an und fliege nach Afghanistan. Also was soll bitte schön dieser subtile Unterton!? Fazit des Gesprächs, ich solle jetzt in eine andere Abteilung. Der Einwand, dass ich darauf fachlich nicht vorbereitet bin, fiel nur geringfügig ins Gewicht. Einige Tage später konnte ich dann doch im Einsatz sowie in der ursprünglichen Abteilung bleiben. Aufgrund der Übernahme bzw. Einarbeitung war ich die ersten Tage gut ausgelastet. Irgendwann kam mir aber der Gedanke, dass zu Beginn einer Wehrübung doch prinzipiell eine ärztliche Untersuchung erforderlich ist. Ach ja, man wollte sich da noch bei mir melden, wurde mir bei der G1 Abteilung auf Nachfrage mitgeteilt und gleichzeitig die Frage gestellt, warum ich denn keine Untersuchung vor Abflug in Deutschland gemacht hätte? Danke, dass ich mir jetzt diesen Schuh anziehen darf. Dafür ist eigentlich der Einsatzleitverband zuständig! Wie auch immer. 90/5 er geschnappt und ab zum Truppenarzt. Der hat nicht schlecht geschaut und dann aber abgewiegelt, im Einsatzland werden grundsätzlich keine Einstellungsuntersuchungen vorgenommen! Ja und jetzt? Dass man irgendwann mal schlechte Laune auf den Dienstherren bekommt, bleibt da nicht aus. Und dann wundern sich die aktiven Soldaten, was denn nun schon wieder mit einem los sei. Immer diese Reservisten. Jungs, das Problem liegt nicht bei mir, sondern bei Euch. Nur ihr versteht das nicht, weil ihr Euch damit nie auseinandersetzt.
Ergo muss man den Aktiven das Reservethema mit dem gesamten Spektrum, welches damit verbunden ist, erst einmal vermitteln. Verständlich versteht sich und man muss sie davon auch noch überzeugen. Das ist echt eine Herausforderung da man mit der Wehrpflicht anfangen muss und das Bedarf Zeit, einer guten Vorbereitung der Argumente sowie das richtige Vorgehen. Zu aller Anfang steht der Zugang zum Zuhörer überhaupt. In diesem Falle dem langjährigen Angehörigen der Bundeswehr.


"Trägt man eine Uniform, dann ist man Soldat. Isso!"

Man muss sich das so vorstellen. Für aktive Soldaten gibt es nur schwarz oder weiß - entweder man ist eben Soldat oder nicht. Trägt man eine Uniform, dann ist man Soldat. Isso! So einfach geht das – ansprechen, beurteilen, folgern. Nur schauen die Jungs oftmals nicht hinter die Kulissen und das muss man ihnen dann anhand der Auswirkungen des eigenen Handelns verdeutlichen. Und da das Prinzip Befehl und Gehorsam vorherrscht, braucht es dann wieder einen, der ihnen das befiehlt. Den gibt es allerdings was das Thema Reserve anbelangt nur sehr selten. Also muss man das selbst machen – ran an den Feind. Im direkten Verkaufsgespräch, wie ich so gern dazu sage. Aber wie, denn mein Gegenüber will erstens gar nichts vom Thema wissen und zweitens finden die meisten Gespräche nur zwischen Tür und Angel statt. Aber irgendwann ist das aufgrund der vielen kleinen und subtilen Anspielungen das Interesse geweckt. Und dann kann ich als Vermittler zwischen Bundeswehr und Gesellschaft den Advokaten in eigener Sache spielen.

Wie gesagt, der Reservedienst ist an die Wehrpflicht gekoppelt. Und seit einigen Jahren besteht im Bereich der Reserve ein Freiwilligkeitsprinzip. Soll heißen, dass ich nun selbst entscheiden kann, wann mich die Bundeswehr einberuft.
Grundsätzlich muss ich nach dem Ableisten des allgemeinen Grundwehrdienstes nicht mehr zu Bundeswehr. Aber als Bürger in Uniform fühle ich mich weiterhin für mein Land verantwortlich. Dazu aber in einem der nächsten Blogeinträge mehr.


Ein "Run" durch die Dienststellen

Wie nun weiter? Ach ja, vielleicht zähle ich mal alle Dienststellen auf, mit denen ich so während eine Wehrübung zu tun habe, bevor ich auf den gesamten Ablauf en detail eingehe. Zu aller Anfang steht die Absprache mit dem Mob- bzw. Übungstruppenteil. Der wiederrum veranlasst, dass ich einen Einberufungsbescheid erhalte. Mit diesem informiere ich Krankenkasse, Arbeitgeber und Unterhaltssicherungsbehörde. Von letzterer erhalte ich den Differenzbetrag zwischen zivilem Gehalt und Wehrsold, den ich wiederrum von der Bundeswehr erhalte. Dann wäre es nicht empfehlenswert, sich bereits um einen Termin zur Einkleidung als auch zur ärztlichen Einstellungsuntersuchung zu beschaffen. Und die dienstlichen Unterlagen wie Truppenausweis, Erkennungsmarke, dienstliches Impfbuch sowie dienstlicher Führerschein sollten aus langjähriger Erfahrung heraus ebenfalls eigenständig angefordert werden. Das bedeutet letztendlich, dass man den gesamten Vorgang selbst im Blick haben muss, obwohl es dafür eigentlich einen Verantwortlichen bei der Bundeswehr geben sollte. Das ein oder andere Mal klappt es, aber viel zu häufig läuft irgendetwas schief. Also muss man während man noch Zivilist ist, sich um dienstliche Angelegenheiten kümmern. Entweder während der Arbeit, der man ja nachgeht, wenn man nicht bei der Bundeswehr ist, oder die Freizeit muss herhalten.


"Zumindest der zivile Arbeitgeber kürzt den Urlaubsanspruch"

Die Regularien sind natürlich auch immer so ein Thema für sich. Zum Beispiel darf der Arbeitgeber ab vier Wochen Wehrübungszeitraum den zivilen Urlaubsanspruch kürzen. Umgekehrt hat die Bundeswehr u.a. die Regelung, dass bei einem Lehrgang kein Urlaubsanspruch gewährt wird. Bedeutet in der Summe betrachtet, dass am Jahresende weniger Urlaub zur Verfügung steht. Was ebenfalls nicht berücksichtigt wird, wenn mehrere Wehrübungen aneinander anknüpfen und somit Urlaubsanspruch entstünde. Zumindest der zivile Arbeitgeber kürzt den Urlaubsanspruch. Die Bundeswehr hingegen argumentiert, dass kein zusammenhängender Dienst geleistet wurde und demzufolge kein Anspruch besteht.


Und das alles muss man sich als Reservist zumuten, will man seiner gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen.
Das ließe sich doch alles zusammenfassen und vereinfachen, höre ich dann von den aktiven Soldaten, denen ich just das eigene System erkläre, mit welchen Herausforderungen ich mich während jeder Einberufung rumschlage. Und stressig klinge das ja auch, bei all den Ansprechpartnern und Prozederen, die zu beteiligen bzw. zu berücksichtigen sind. Eine interne Studie hat vor zwei Jahren herausgefunden, dass die Arbeitgeber der Reservisten auf zahlreiche Ansprechpartner auf Seiten der Bundeswehr treffen, was zu Friktionen führt. Gleiches gilt wohl teilweise auch für den Reservisten. Den Trubel habe ich immer wieder aufs Neue, egal ob eine Wehrübung drei Tage dauert oder ein Jahr. Ach nein, irgendwer hat festgelegt, dass eine Wehrübung nicht länger als sieben Monate dauern dürfe. Mit welcher Begründung eigentlich?


"Ob die Truppe diesen Vorsatz halten kann, mich an diesem Tag bis 24 Uhr heil nach Deutschland zu bringen?"

Wie auch immer, das Problem zwischen den vielen beteiligten Dienststellen ist der Informationsverlust. So halte ich derzeit einen Einberufungsbescheid in der Hand, dessen Datum exakt mit dem Datum des Rückfluges zusammenfällt. Ob die Truppe diesen Vorsatz halten kann, mich an diesem Tag bis 24 Uhr heil nach Deutschland zu bringen? Und was passiert eigentlich, wenn dies nicht eingehalten werden kann? Bin ich dann im Status Zivilist im Einsatz? Darf ich dann meine Uniform ausziehen und einfach zum Tor rauslaufen und mir Afghanistan ganz in Ruhe anschauen? Und was ist eigentlich mit dem Erholungsurlaub, der ärztlichen Entlassungsuntersuchung und dem psychologischem Nachbetreuungsseminar, dass ich zum Ende des Einsatzes absolvieren soll? Macht sich hier überhaupt jemand mal ausführlich Gedanken dazu? Und wann wird das Reservesystem generalüberholt und dabei vereinfacht?
Ich hoffe sehr, dass die laufende Strukturreform das Thema Reserve umfassend beleuchtet, denn noch stehen genügend motivierte Reservisten bereit.

*Name des Verfassers von der Redaktion geändert

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Ich war als Infanterist drei mal im Einsatz, zwei davon im Afghanistan, dürfte leider nicht länger bei Bund bleiben da ich kein Ausbildung hatte, mit 19 ging ich zu Bund.
Jetzt bin ich 31 Jahre alt, körperlich top fit, bin Rettungsassistent von Beruf. Es ist nicht so das ich unbedingt nach Afghanistan will, aber ich habe auch absolut kein Problem runter zu gehen. Meine Frage wehre ob Truppe mich als RA (rettungsassistent) mich da unten braucht? Ich kenne es noch von meine zeit als Soldat, das wir liebe da unten etwas mehr erfahrene Infanteristen hätten, als Im Stab sitzenden Reservisten oder Gefechtstouristen. Wie ist es überhaupt?
Kommentar SGKlaus: 02. Juni '11, 18:07 (CET)
 
 
Sonntag, 25. Juni 2017


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Online veröffentlicht am
24. November '10 um 09:29 Uhr (CET).


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