Vor Ort in Afghanistan - Trauer im Camp Marmal© Isafmedia 2010
Vor Ort in Afghanistan
Trauer im Camp Marmal
Deutschland trauert um einen gefallenen Soldaten - innerhalb der medialen Berichterstatung. Doch Afghanistan ist weit, sehr weit vom Alltag der Deutschen entfernt. Zwischen Islamdebatte, Herbstferien und Wirtschaftsaufschwung bleibt nur wenig Zeit für Nachdenklichkeit. Weinende Angehörige und Kameraden in einer live übertragenen Trauerfeier machen uns nachdenklich. Nachdenklich macht uns allerdings auch der daran anschließende Beitrag über einen (zuvor) beliebten Wettermoderator. In den "Hearts and Minds" hat die Bundeswehr nur wenig Platz.

Wie ist jedoch die Wahrnehmung der Soldaten im Einsatzland selbst? Ohne einen Anspruch auf vollständige Objektivität erheben zu wollen, möchten wir den folgenden Beitrag eines IMS-Lesers aus Afghanistan veröffentlichen. Dieser erreichte uns vor wenigen Stunden.


Trauer im Camp Marmal

Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, zumindest auf den ersten Blick. Doch Deutschland hat wieder einen seiner Soldaten zu Grabe zu tragen. Der Verteidigungsminister erweist dem Gefallenen die letzte Ehre mit den Worten: "Er hat sein Leben im Dienste seines Vaterlandes der Bundesrepublik Deutschland verloren."

Der Kommandeur des ISAF Regionalkommando Nord, Generalmajor Hans-Werner Fritz, hatte mit ähnlichen Worten, einem „letzen Glück ab!“ seine Trauerrede beendet. Von der Trauer, die kurz nach dem Anschlag über dem Feldlager gelegen hatte, ist nichts mehr zu spüren.


Nur kurz, als die Nationalhymne erklingt wird es etwas still im Raum und die Anwesenden widmen sich für einen Moment der Fernsehübertragung


Der Dienst hat die Soldatinnen und Soldaten wieder vollends eingeholt. In der Betreuungseinrichtung wird die Trauerveranstaltung aus Deutschland übertragen, doch davon nehmen nur die wenigsten Kenntnis. Zu sehr ist man hier mit den aktuellen Aufgaben beschäftigt oder nimmt sich wie hier in der Betreuungseinrichtung eine kurze Auszeit. Man trinkt Kaffee, liest ein Buch oder schreibt auf dem Laptop eine eMail an die Familie. Nur kurz, als die Nationalhymne erklingt wird es etwas still im Raum und die Anwesenden widmen sich für einen Moment der Fernsehübertragung. Bei genauem Hinschauen kann man erkennen, was jedem Einzelnen gerade durch den Kopf geht.

Leben und Tod liegen im Einsatz einfach zu nah beieinander. Vorbei sind die Zeiten der Balkankrisen, wo der Sterben und Töten noch weit weg waren. Hier in Afghanistan sind die Soldatinnen und Soldaten mit einer ganz anderen Qualität konfrontiert, was durch die deutschen Medien bekannt sein dürfte. Was allerdings nicht vermittelt wird ist die Tatsache, dass neben der Bundeswehr noch weitere Streitkräfte im Einsatz sind. Auch im Norden Afghanistans, dem Bereich der Deutschen.


Wer die Gelegenheit zum persönlichen Austausch hat, der wird sich noch lange an die dankbaren Gesichter erinnern. Dies gilt es bei aller Trauer zu berücksichtigen


So verschwimmt in der öffentlichen Wahrnehmung die Zahl derer, die hier im Auftrag ihrer Nationen ihr Leben lassen. Nahezu wöchentlich wird im Hauptquartier eine Trauerzeremonie zu Ehren eines Gefallenen abgehalten. Und während diese Zeilen niedergeschrieben werden, ist ein weiterer Gefallener zu beklagen.

Doch man darf nicht vergessen, wofür das alles ist. Während unsere Soldatinnen und Soldaten wie u.a bei den just abgehaltenen Wahlen sich feindlichen Kräften gegenüber sehen, haben die Afghanen die Chance, ihr Land wieder aufzubauen. Wer die Gelegenheit zum persönlichen Austausch hat, der wird sich noch lange an die dankbaren Gesichter erinnern. Dies gilt es bei aller Trauer zu berücksichtigen.

Bereits Clausewitz hat davon gesprochen, dass das Militär der Politik Handlungsspielräume verschafft. Dafür haben sich die Soldatinnen und Soldaten letztendlich freiwillig entschieden. Niemand wird gezwungen, in der Bundeswehr zu bleiben. Aber derjenige der eine Uniform anzieht, der sollte sich dieser Entscheidung bis zur letzten Konsequenz bewusst sein.

“Military service touches the very essence of a polity in several respects, all of which may be divorced from considerations of foreign policy. Forced military service presents the most extreme demand the community can impose on its members, the requirement that they prepare to die on its behalf.”
Cohen, Eliot A.: Citizens and Soldiers. The Dilemmas of Military Service. New York 1985, S. 33.


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Mittwoch, 29. März 2017


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Online veröffentlicht am
19. Oktober '10 um 12:19 Uhr (CET).


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