Reintegration – reloaded - Erfahrungsbericht eines Reservisten vor dem ISAF-Einsatz
Reintegration – reloaded
Erfahrungsbericht eines Reservisten vor dem ISAF-Einsatz
Von Oleg Schwartz*

Da stehe ich nun und kann nicht anders. Der Projektoffizier für die ZA EAKK Truppenausbildung hat uns just begrüßt und zugleich in drei Ausbildungszüge eingeteilt. Nun beginnt er, Verantwortliche für alles Mögliche einzuteilen, sich über Beschaffungsmängel und -probleme während der Vorbereitung auszulassen und bundeswehrtypische Witze zu reißen. Und während er so redet, schweifen meine Gedanken ab, da ich mich gelangweilt und unterfordert, ein wenig entnervt, aber vor allem ein ganzes Stück weit an der falschen Stelle fühle.

Die Rolle des Reservisten ist wohl derzeit nicht einfach. Man steht in gewisser Weise zwischen zwei Stühlen. In einem Moment ist man eigenständiger Staatsbürger und
Steuerzahler, im nächsten ein in eine Hierarchie integrierter Befehlsempfänger, Reserve- und Presseoffizier. Darüber hinaus wandelt sich neben der Rolle und Funktion des Soldaten auch die des Reservisten. Während über Jahrzehnte eigene Strukturen geschaffen wurden und ein Kontakt zwischen aktiver Truppe und Reserveeinheiten nur sporadisch vorkam, wird der Reservist nunmehr zum integralen und zunehmend unerlässlichen Bestandteil der aktiven Truppe. Nicht nur in den Einsätzen sind konstant ca. 6-8 Prozent der Truppenstärke durch Reservisten besetzt.


Ein genaues Bild über Umfang und
Leistungsfähigkeiten von Reservisten wird damit nur schwer ermöglicht



Auch im Inlandsdienst werden Reservisten immer dringender benötigt, um die aktive Truppe durch temporär zusätzliches Personal zu entlasten bzw. aktive Soldaten, die in die Einsätze gehen, zu ersetzen. Hier fehlen bisher jegliche Zahlen, die exakt belegen, wie viele Reservisten sich im aktiven Dienst befinden. Warum das so ist, darüber ließe sich lange nachdenken.

Eines steht jedoch fest – ein genaues Bild über Umfang und Leistungsfähigkeiten von Reservisten wird damit nur schwer ermöglicht,was sich wiederrum im Denken der aktiven Truppe auswirkt. Der Wechsel zwischen beiden Welten fällt nicht unbedingt leicht. Sobald ich meine Uniform anziehe legt sich in mir ein geistiger Schalter um, der mir sofort verdeutlicht, in einer Hierarchie zu stehen. Dies bedeutet Befehle zu erhalten, aber auch Befehle weiterzugeben und somit Verantwortung für Mensch und Material zu übernehmen.

Und militärische Hierarchie bedeutet immer auch, dass Befehle von nun an keine höfliche Aufforderung mehr sind und ihre Notwendigkeit nur noch bis zu einem undefinierbaren Punkt hinterfragt wird.

Umgekehrt bin ich mir nicht ganz sicher, ob die aktive Truppe überhaupt wahrnimmt, welchen Hintergrund Reservisten mitbringen. Sobald die Uniform ins Spiel kommt, wird man als Reservist gar nicht mehr wahrgenommen. Einerseits ist das gut so, denn eine Zweiklassenarmee wäre folgenreich. Aber es bedarf anderseits der einen oder anderen Minute, alle Details des militärischen Lebens, nebst Verhaltens und Sprachregeln wieder zu aktivieren.


Das Denken findet aus meiner Sicht noch immer in den Kategorien Zeit-, Berufs- und Wehrpflichtsoldaten statt und blendet Reservisten fast vollständig aus


Sprich, der Schalter ist zwar umgelegt, aber alle zivilen Kenntnisse müssen nun militärisch kodiert wiedergegeben werden. Diese Fähigkeit muss bei jeder Wehrübung reaktiviert und ein Stück weit wieder erlernt werden. Das wird oftmals in Form eines Vorwurfs den Reservisten als fehlende Anpassungs- und Integrationsfähigkeit unterstellt. Da wäre ein wenig mehr
Einfühlung von der aktiven Truppe erforderlich.

Auch so geht man relativ schnell unter in der Masse. Das Denken findet aus meiner Sicht noch immer in den Kategorien Zeit-, Berufs- und Wehrpflichtsoldaten statt und blendet Reservisten fast vollständig aus. Dies wird mir bei jeder weiteren Wehrübung deutlich und mit der Vorbereitung auf den Einsatz in Afghanistan erst recht.


Nur für den Dienstgebrauch


Es sind jedes Mal die gleichen Probleme die auftauchen und sie scheinen sich von Jahr zu Jahr zu verstärken. Beispiele ließen sich viele finden, aber hier eines meiner besten. Einige Wochen zuvor erhielt ich vom Einsatzleitverband eine Mail, die ich aus juristischer Sicht wohl gar nicht hätte lesen dürfen. Zunächst einmal fing die Nachricht mit dem Hinweis an „Nur für den Dienstgebrauch“. Da ich als Zivilist nun mal im Status Zivilist und nicht Soldat bin, was mache ich nun mit einer solchen Nachricht? Ich lese sie dennoch, denn sie enthält wichtige Informationen für die weitere Vorbereitung. Es wird mitgeteilt, dass ich die ärztlichen Untersuchungen, Schießübungen, zusätzliche Einsatzausstattung sowie persönliche ABCAusstattung nebst Dichtigkeitsüberprüfungen an meinem Heimatstandort empfangen bzw. durchführen solle. Allerdings ohne Hinweis auf Ansprechpartner und Kontaktdaten. Was ist eigentlich mein Heimatstandort? Die Kaserne gleich um die Ecke oder jene meines Stammtruppenteils?


Alle scheinen ebenso wie ich ein wenig entnervt zu sein, von der mangelhaften Unterstützung bei der Einsatzvorbereitung


Die ersten drei Aufträge ließen sich Dank meiner Reservistenkameraden in meiner Landesgeschäftsstelle des Reservistenverbandes schnell klären und abarbeiten. Viertes stellte sich als eine kleine Odyssee dar. Nach Wochen unzähliger Telefonate und eMails mit über einem Dutzend Dienststellen und glücklicherweise persönlichen Kontakten erhielt ich dann endlich die ABC-Ausrüstung. Nun fehlte noch die zweite Dichtigkeitsüberprüfung mit CS-Gas, was sich als wahrliche Herausforderung herausstellte, da diese Überprüfung dezentral organisiert und meist spontan durch die jeweiligen Dienststellen durchgeführt wird. Bedeutet, keiner weiß wann und wo die Überprüfung stattfindet! Entnervt telefonierte ich mit dem Einsatzleitverband, der mir wiederrum mitteilte, dass man seit einigen Wochen die zweite Überprüfung nicht mehr benötige. Hintergrund sei eine Weisung der Marine, die seit einem Jahr besteht und auf die man sich nun stütze. Okay – Danke für den Hinweis!

Das Antreten ist mittlerweile zu Ende und ich stehe mit einigen aktiven Offizieren in geselliger Runde. Man unterhält sich über den Einsatz und die Vorbereitung. Alle scheinen ebenso wie ich ein wenig entnervt zu sein, von der mangelhaften Unterstützung bei der Einsatzvorbereitung. Irgendwann komme ich zum Zuge und bringe mein Problem mit der Dichtigkeitsüberprüfung und der Weisung der Marine ein. Eh ich mich versehe baut sich ein Major vor mir auf und weist mich in harschem Ton darauf hin, dass ich „ohne die zweite Dichtigkeitsüberprüfung nicht in den Einsatz verlegt werde.“ Er komme aus irgendeiner wichtigen Dienststelle, wo man die Weisung der Marine Tage zuvor für nichtig erklärt hätte. Als mir das zu viel wird füge ich lapidar an, „dass ich Reservist sei, mich an die Weisung des Leitverbandes halte und wenn ich keine Unterstützung durch die aktive Truppe erhalte, dann geht’s eben nicht in den Einsatz für mich. Ist mir letztendlich total egal, ich hab ein geregeltes Leben außerhalb des Kasernenzaunes. Dann hat die Truppe wieder ein Problem mehr, denn dann muss kurzfristig ein aktiver Kamerad in den Einsatz abkommandiert werden.


Darf ich das so überhaupt sagen und mich so verhalten!?!



Als ich anfange die Aktion zu bilanzieren - also ein demotivierter Mittler zwischen Truppe und Gesellschaft, ein wahrscheinlich ebenso demotivierter aktiver Soldat und eine Dienststelle, die die temporäre Vakanz ausgleichen muss – fällt dem Major nichts mehr ein. Er wollte sich noch kurz auf eine Diskussion mit Befehl und Gehorsam einlassen, aber ich fügte wiederum an, „dass ich das hier mit Betonung auf FREIWILLIG mache und in fünf Tagen wieder Zivilist bin.

Am Ende des Tages drängen sich drei wesentliche Fragen auf

Da ist mir das dann alles egal, denn meine Wehrpflicht habe ich bereits abgeleistet. Also bitte nett sein zu mir und mir eine umfassende Unterstützung zukommen lassen, dann mache ich auch meinen Job!“ Darf ich das so überhaupt sagen und mich so verhalten!?!

Und dann verfalle ich wieder gänzlich in die Rolle des Staatsbürgers, der sich bei alldem nur wundern muss, dass nach fast zwei Dekaden der Einsätze die Einsatzvorbereitung immer noch dezentral und unstrukturiert verläuft. Dabei brüstet sich das Militär immer mit besten Organisations- und Managementfähigkeiten.

An dieser Stelle möchte ich den Hinweis nicht vergessen, dass ich die mir erteilten Aufträge zu 95 Prozent in meiner Freizeit absolvieren durfte, weder in DVag noch
Wehrübung. Weder Stundenausgleich noch Rückerstattung von Telefonkosten! Am Ende des Tages drängen sich drei wesentliche Fragen auf. Warum bin ich eigentlich hier, warum tue ich mir das überhaupt alles an und wie weit kann ich mich hier als Staatsbürger in Uniform, als Reserveoffizier unterordnen bzw. sinnvoll einbringen?

Der Name des Verfassers wurde von der Redaktion geändert

erschienen in: IMS Nr. 3, 2010; Unendliche Weiten - Wie sicher ist der Weltraum?


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Montag, 23. Oktober 2017


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Online veröffentlicht am
13. Oktober '10 um 23:57 Uhr (CET).


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