Eine enge Kooperation mit der Industrie ist ohne Alternative - Interview mit dem Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Kreuzinger-Janik© Bundeswehr
Eine enge Kooperation mit der Industrie ist ohne Alternative
Interview mit dem Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Kreuzinger-Janik
IMS:Herr General, seit einem halben Jahr sind Sie Inspekteur der Luftwaffe. Welche Schwerpunkte Ihrer Arbeit würden Sie besonders hervorheben?

General Kreuzinger Janik: Spätestens seit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages steht fest, dass auf die Bundeswehr eine umfassende Bestandsaufnahme und in der Folge strukturelle Veränderungen zukommen werden. Beispiele hierfür sind die Reduzierung der Dauer des Grundwehrdienstes, die Einsetzung einer Kommission zur Erarbeitung von Eckpunkten einer neuen Organisationsstruktur sowie richtungsweisende Aussagen zu wichtigen Rüstungsprojekten der Luftwaffe. Die hieraus erwachsenden Maßnahmen werden nicht nur kurz-, sondern auch mittel- und langfristig prägenden Einfluss auf die Luftwaffe haben.


"Die Modernisierung unserer Hauptwaffensysteme beschert uns nicht nur neue Fähigkeiten, sondern leider bisher auch viele Sorgen und zusätzliche Herausforderungen."


Dies bietet Chancen für eine zielgerichtete, zukunftsweisende Weiterentwicklung, die wir durch aktive Begleitung und Mitgestaltung nutzen wollen. Für mich ist wichtig, die Luftwaffe in dieser Zeit so auszurichten, dass wir durch konsequente Einsatzorientierung unseren Beitrag für das Fähigkeits-spektrum der Bundeswehr weiter verbessern und gleichzeitig durch entsprechende Optimierung eine zukunftsfähige Konsolidierung des Einzelplans 14 unterstützen. Dies ist der Rahmen, in dem wir uns mit unserer Luftwaffe derzeit bewegen.

Herr General, wo sehen Sie vor diesem Hintergrund die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Die Erfüllung unseres Auftrags mit den hierfür zur Verfügung stehenden Mitteln stellt sich zurzeit angesichts der Finanzlage des Bundes und der schwierigen Bedingungen in Rahmen der aktuellen Auslandseinsätze als besonders herausfordernd dar. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass die Luftwaffe neben den Auslandseinsätzen und den zuvor angesprochenen zu erwartenden Strukturmaßnahmen gleichzeitig eine in diesem Ausmaß noch nie da gewesene Modernisierung ihrer Hauptwaffensysteme bewältigen muss. Dies beschert uns nicht nur neue Fähigkeiten, sondern leider bisher auch viele Sorgen und zusätzliche Herausforderungen, weil der Zulauf neuer Waffensysteme, wie allgemein bekannt, alles andere als planmäßig verläuft.

Parallel stellt die Luftwaffe, und das bereits seit Jahrzehnten, mit signifikanten Kräfteanteilen permanent den Schutz Deutschlands und seiner Bürger sicher. Die Aufgabenvielfalt reicht hier von Unterstützungsleistungen im Rahmen von Amtshilfe über Such- und Rettungsdienste bis hin zur Dauereinsatzaufgabe „Sicherheit im Luftraum“. Die Ereignisse seit September 2001 haben uns gezeigt, dass die Wahrung der Integrität des Luftraums einen unabdingbaren Teil der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge darstellt. Wir haben deshalb in kürzester Zeit ressortübergreifende Verfahren und eine Kommandozentrale, das „Nationale Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum“ mit Vertretern des Innenministeriums und des Ministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung etabliert. Dieses Zentrum ist Teil der im Aufbau befindlichen ressortübergreifenden Netzwerkstruktur, die beispielhaft den Gedanken der „Vernetzten Sicherheit“ verkörpert.

"Rund 700 Luftwaffenangehörige leisten zurzeit ihren Dienst in Afghanistan und Usbekistan in äußerst vielfältigen Aufgabenbereichen"

Zudem ist Deutschland mit der lückenlosen Luftraumüberwachung durch den Einsatzführungsdienst und die Alarmrotten unserer Jagdgeschwader sieben Tage die Woche und 24 Stunden pro Tag in das integrierte Luftverteidigungssystem der NATO eingebunden. Darüber hinaus erscheint es aus heutiger Sicht möglich, dass die Luftwaffe im NATO-Bündnis langfristig gefordert sein wird, den Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen und Bürger, auch gegen neue Formen der Bedrohung, z.B. ballistische Flugkörper, sicherzustellen.

Im Februar 2010 waren Sie beim Einsatzgeschwader in Mazar-e Sharif. Wie war ihr persönlicher Eindruck vor Ort?

Lassen Sie mich zuallererst feststellen, dass ich gerade nach meinem Besuch in Afghanistan sehr beeindruckt von den Leistungen und der Einstellung aller Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vor Ort bin. Rund 700 Luftwaffenangehörige leisten zurzeit ihren Dienst in Afghanistan und Usbekistan in äußerst vielfältigen Aufgabenbereichen.
So leisten unsere sechs Aufklärungstornados und ganz aktuell das unbemannte Aufklärungssystem HERON 1 einen essentiellen Beitrag zur Lagefeststellung im Einsatzgebiet und damit auch für den Schutz der Soldatinnen und Soldaten am Boden sowie der afghanischen Zivilbevölkerung.

Nicht denkbar wäre der Einsatz deutscher Streitkräfte in Afghanistan ohne die durch die Luftwaffe erbrachten Leistungen im taktischen und strategischen Lufttransport sowie zum Verwundeten- und Krankentransport. Wir stellen zudem den gesamten Personal- und Materialum-schlag für den Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord sicher.
Den Wiederaufbau vor Ort unterstützt die Luftwaffe durch die Gestellung eines der „Operational Mentor and Liaison Teams“ in Kunduz, ein wichtiger Beitrag für die Ausbildung der Afghanischen Streitkräfte. Weiterhin werden die afghanischen Behörden durch Übernahme der Flugverkehrskontrolle am internationalen Flughafen Mazar-e Sharif unterstützt, ab Beginn des nächsten Jahres werden afghanische Fluglotsen auch praktisch ausgebildet.

"Die ab Mitte des Jahres durch die Ausphasung der BREGUET ATLANTIC BR 1150M SIGINT entstehende Fähigkeitslücke in der signalerfassenden Aufklärung wird mit Einführung des EURO HAWK ab 2010 sukzessive geschlossen"

Darüber hinaus sichern Objektschutzkräfte der Luftwaffe das Camp Marmal in Mazar-e Sharif sowie den umliegenden Raum inklusive der An- und Abflugsektoren des Flugplatzes. Auf Grund ihrer einzigartigen Befähigung bilden die Objektschutzkräfte auch Infanteriekräfte der Partnernationen, so z.B. aus Mongolei und Armenien, für die besondere Aufgabe der Flugfeldsicherung aus und begleiten diese im Einsatz an den Standorten Feyzabad und Kunduz.
Sie sehen, welch breites Spektrum an Leistungen und Fähigkeiten die Luftwaffe in diesen Einsatz einbringt.

Die Luftwaffe setzt seit einigen Wochen unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) des israelischen Typs Heron 1 als Zwischenlösung in Afghanistan ein. Wie bewerten Sie die Einführung dieses ersten UAV?

Die wachsende Bedeutung für den Schutz der eigenen Kräfte im Einsatz erfordert unter anderem echtzeitnahe Aufklärung in der Tiefe des Einsatzgebietes und kontinuierliche Überwachung auch größerer Räume. Hier fällt den aktuellen und künftig verfügbaren unbemannten Systemen mit ihrem stetig wachsenden Leistungsspektrum eine steigende Rolle zu.

Mit dem Einsatz des HERON 1 in Afghanistan wird derzeit eine Übergangslösung geschaffen, die den gestiegenen Aufklärungsbedarf der Streitkräfte im Einsatz kurzfristig deckt. Ein geeignetes System für eine langfristige Lösung muss - unmittelbar an die Zwischenlösung anknüpfend - mit Blick auf die notwendige Verfügbarkeit für den Einsatz ab 2013 in Betrieb gehen.

Über den Bereich Aufklärung und Überwachung hinaus sollen unbemannte ferngesteuerte Luftfahrzeuge mittelfristig auch über das notwendige Erweiterungspotenzial in Richtung Wirksamkeit im Einsatz verfügen. Vorstellbar ist, dass in einem ersten Schritt die entsprechenden Systeme im Verbund mit bemannten Luftfahrzeugen als zusätzliche Aufklärungskomponente und/oder Zielbeleuchter wirken.
Die ab Mitte des Jahres durch die Ausphasung der BREGUET ATLANTIC BR 1150M SIGINT entstehende Fähigkeitslücke in der signalerfassenden Aufklärung wird mit Einführung des EURO HAWK ab 2011 sukzessive geschlossen.

Bei der Luftwaffe findet eine Modernisierung auch durch die Einführung neuer Waffensysteme statt. Wie geht die Luftwaffe mit diesen Herausforderungen um?

Bei unserer Neuausrichtung, insbesondere der Material- und Ausrüs-tungsplanung, unterliegen wir Abhängigkeiten, die wir nur bedingt beeinflussen können. Offenkundige Schwierigkeiten bei der Einführung neuer fliegender Waffensysteme bringen insbesondere für die Luftwaffe Probleme mit sich. Dies hat mehrere Gründe.
Häufig unterliegt der ursprünglich vereinbarte Kosten- und Zeitplan für uns ungünstigen Anpassungen, die geforderten Leistungsparameter werden nicht oder nur teilweise erfüllt. Ferner stehen benötigte Fähigkeiten erst später oder im schlechtesten Fall gar nicht zur Verfügung. „Altsysteme“ müssen daher mit der Folge erheblicher Mehrbelastungen bei den Betriebsausgaben und entsprechenden Konsequenzen für die Investitionsmittel länger in Betrieb gehalten werden.

Die gesamte Luftwaffe ist in solchen Fällen betroffen, da der genaue Einführungszeitpunkt neuer Waffensysteme die Planungsgrundlage für Verbandsstrukturen, Personalregeneration sowie Ausbildungs- und Infrastrukturplanungen darstellt. Wenn dieser Planungsgrundlage die Basis entzogen wird, kommt es unweigerlich zu Friktionen.

Um der hohen Komplexität gerade neuer fliegender Waffensysteme, der damit einhergehenden völlig neuen Anforderung an die logistische Unterstützung sowie der Reduzierung der Umfangszahlen dieser Waffensysteme Rechnung zu tragen, ist für die Luftwaffe der Weg einer engen Kooperation mit der Industrie ohne Alternative.

Die Luftwaffe und die Industrie stellen diese Kooperation auf der ILA 2010 dar. Wie sieht die Kooperation aus und welche Vorteile bie-tet diese konkret?

Diesen Weg der Zusammenarbeit präsentieren wir in der Tat erstmals bei der ILA 2010 mit der Darstellung der bereits implementierten Kooperationen der Waffensystemlogistik der Luftwaffe mit Unternehmen der Luftfahrtindustrie in einem eigenen, gemeinsam mit den Koopera-tionspartnern konzipierten Ausstellungspavillon.
Das bestimmende Merkmal dieser Kooperativen Einrichtungen ist, dass Soldatinnen und Soldaten zusammen mit Industriepersonal in gemeinsamen Arbeitsstätten unter industrieller Führung die Instandsetzung (Zelle, Triebwerk, Ausrüstung) und die Systemunterstützung von fliegenden Waffensystemen der Bundeswehr sicherstellen. Die Konzentration an einem Ort unter einer für die Leistungserbringung verantwortlichen Führung der Industrie bündelt die für die Einsatzbereitschaft und den Betrieb der Waffensysteme erforderlichen Fähigkeiten. Damit werden parallele aufwändige Investitionen und Kapazitäten in den Bereichen Personal, Material und Infrastruktur vermieden und die Einsparung von militärischem Personal zu Gunsten der Wahrnehmung originärer Kernaufgaben ermöglicht. Single-Source-Betreuung von Waffensystemen erhöht die Wirtschaftlichkeit, fördert den Erhalt industrieller, wehrtechnischer Kernfähigkeiten und gewährleistet die notwendige Musterbetreuung durch qualifizierte Luftfahrtunternehmen.

"Die bisherigen Erfahrungen mit den Kooperationen sind aus meiner Sicht durchweg positiv"

Mit der Integration von militärischem Personal in Kooperative Einrich-tungen erhalten wir vor allem die Fähigkeit zur direkten Unterstützung im Einsatzland durch Soldatinnen und Soldaten. Damit können unsere Erfahrungsträger aus den Kooperationen im Einsatzgebiet bei Fehlerdiagnosen und komplexen Instandsetzungsmaßnahmen vor Ort mit aktuellen Kenntnissen unterstützen. Parallel lassen sich so die für die Luftwaffe notwendige Erkenntnis- und Beurteilungsfähigkeit sowie die fachtechnische Kompetenz für die betriebenen Waffensysteme auch weiterhin gewährleisten.

Der Weg der Zusammenarbeit in Kooperativen Einrichtungen wurde mit der Einführung des Waffensystems EUROFIGHTER erstmalig beschritten. Heute existieren Kooperationen in den Systemunterstützungszentren für EUROFIGHTER und TORNADO mit der Firma EADS sowie für die Hubschrauber UH TIGER und NH90 mit der Fima Eurocopter, in der Triebwerkinstandsetzung mit den Firmen MTU Aero Engines sowie Rolls Royce Deutschland, in der Zelleninstandsetzung für EUROFIGHTER mit der Firma EADS, für UH TIGER und NH90 mit der Firma Eurocopter sowie in der Schleudersitzinstandsetzung mit der Firma Autoflug.

Die bisherigen Erfahrungen mit den Kooperationen sind aus meiner Sicht durchweg positiv. Insbesondere die unmittelbare Zusammenarbeit von Bundeswehr- und Industriepersonal an einem Arbeitsplatz verläuft äußerst harmonisch. Es wird ein offener und unvoreingenommener Umgang miteinander praktiziert. Der Luftwaffe und der nationalen Luftfahrtindustrie ist es gemeinsam gelungen, mit diesen Koope-rationen tragfähige Lösungen für veränderte Rahmenbedingungen sowie für technische und organisatorische Herausforderungen und somit für die Sicherstellung der Einsatzbereitschaft der fliegenden Waffensysteme zu finden.

Herr General, eine letzte Frage: Welchen Stellenwert hat die ILA für die Luftwaffe?

Die im Zwei-Jahres-Rhythmus in Berlin stattfindende Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) bietet der Luftwaffe eine bedeutsame Plattform. Wir können hier das Leistungsspektrum politischen Entscheidungsträgern, Fachbesuchern und militärischen Vertretern aus den verschiedensten Nationen sowie einem breiten mehrheitlich nationalen, aber auch internationalen Publikum nahe bringen.

In einem „Static Display“ werden dem Publikum vor allem die fliegenden Waffensysteme nach Fähigkeit und Aufgaben geordnet praktisch zum Anfassen dargeboten. Im Rahmen von Solo-Displays sowie in einer Fähigkeitsdarstellung im Verbund werden wir sie natürlich auch in der dritten Dimension präsentieren.

Zusätzlich eignet sich die ILA in besonderer Weise, interessierten Besucherinnen und Besuchern die verschiedensten Ausbildungsgänge und Verwendungsmöglichkeiten in der Bundeswehr am praktischen Beispiel zu zeigen und zu erläutern und damit um Nachwuchskräfte zu werben.
Symposien zur Erörterung von fachspezifischen Themen aus dem Bereich der militärischen Luftfahrt und der militärischen Nutzung des Weltraums mit einem breiten Fachpublikum bieten darüber hinaus neue Impulse für die Weiterentwicklung.
Gleiches gilt für die Besuche von Konferenzen sowie von Messeständen. Diese können in hervorragender Weise zum Wissensgewinn, Erfahrungsaustausch und zur Information über Technologietrends, neue Entwicklungen und Produkte der militärischen Luftfahrt genutzt werden.

Und schließlich runden unterschiedliche Gelegenheiten des Zusammentreffens und Erfahrungsaustauschs mit politischen, militärischen und wirtschaftlichen Vertretern anderer Nationen die zahlreichen Möglichkeiten und den hohen Stellenwert einer solchen bedeutsamen, international ausgerichteten Luft- und Raumfahrtausstellung ab. Der Nutzen einer solch großen Veranstaltung für die Luftwaffe ist also beträchtlich.

Herr General, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Annika Villmow und Sascha Rahn

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Sonntag, 23. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
14. Juni '10 um 12:13 Uhr (CET).


Generalleutnant Aarne Kreuzinger-Janik
ist seit Oktober 2009 Inspekteur der Luftwaffe. Er trat 1969 in die die Bundeswehr ein und wurde in den USA zum Flugzeugführer ausgebildet. Unter anderem flog er in Nörvenichdie F-104G und später in Memmingen und Jagel den Tornado. 1996/97 war Kreuzinger-Janik Kommodore des Aufklärungsgeschwaders 51 "Immelmann"



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