IMS-Interview mit Christopher Bach, Pressechef des BDLI - Die ILA setzt neue Maßstäbe© ILA-Berlin
IMS-Interview mit Christopher Bach, Pressechef des BDLI
Die ILA setzt neue Maßstäbe
In diesen Tagen öffnet die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA 2010) ihre Tore. Die Mutter aller Luftfahrtmessen feierte im letzten Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Auch in diesem Jahr wird der wichtigste Treffpunkt der europäischen Luft- und Raumfahrtbranche mit einem umfangreichen Messeprogramm und einer spektakulären Airshow sowohl Fachleute als auch das breite Publikum anziehen. Veranstaltet wird die ILA vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI) in Zusammenarbeit mit der Messe Berlin GmbH. Vor Eröffnung der diesjährigen ILA sprach das IMS mit Christopher Bach, Pressesprecher des Bundesverbands der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie.

IMS: Die ILA ist immer auch ein Gradmesser für den Zustand der Branche. Wie hat die Luft- und Raumfahrtindustrie die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise überstanden?

Bach: Aus der Finanzkrise des Jahres 2008 entwickelte sich 2009 eine veritable Wirtschaftskrise. Dennoch konnten wir uns gut behaupten. Wir konnten trotz Krise als Gesamtbranche Wachstum verzeichnen, wenn wir auch unser in den vergangenen Jahren sehr hohes Wachstumsniveau wie erwartet nicht halten konnten.

Im Bereich der zivilen Luftfahrtindustrie erreichte uns die Krise des Weltluftverkehrs in zunehmendem Maße. Laut Weltluftverkehrsverband IATA war 2009 in Bezug auf die Passagiernachfrage das schlimmste Jahr, das die Branche bisher erlebt hat. Auch im Frachtgeschäft wurden Negativrekorde erreicht. Dennoch konnten wir unseren Umsatz in diesem Segment im Vergleich zum Vorjahr um 2,7 Prozent auf rund 15,6 Mrd. Euro steigern. Die Produktionszahlen für Verkehrsflugzeuge übertrafen 2009 sogar das Niveau von 2008. Schlechter dagegen sah es im Bereich der Regionalflugzeuge, Business Jets und zivilen Helikopter aus.

Durch das militärische Geschäft gelang es einigen unserer Mitgliedsunternehmen, Einbrüche im zivilen Neugeschäft zu kompensieren und – wie Eurocopter - somit ihre Geschäfts- und Auslieferungsziele 2009 zu erreichen. Insgesamt konnten wir in der wehrtechnischen Luft- und Raumfahrtindustrie den Umsatz um 4,6 Prozent auf insgesamt 6 Mrd. Euro steigern. Unsere Programme waren voll ausgelastet.

Auch im Segment Raumfahrt konnten wir der Krise erfolgreich trotzen und den Umsatz um 14 Prozent auf fast 2 Mrd. Euro steigern. Unsere Unternehmen profitierten von der Erteilung neuer Aufträge in den Bereichen Kommunikation/Navigation sowie Erdbeobachtung, aber auch in der Fortsetzung des Ariane-Programms.


Quelle: BDLI



IMS: War die Ausrüstungs- und Zulieferindustrie von den Auswirkungen der desolaten wirtschaftlichen Lage betroffen?

Bach: 2009 war speziell für dieses Industriesegment sicher belastend. Programm- verzögerungen wie beim neuen Militärtransporter A400M wirkten sich deutlich auf einige unserer vornehmlich mittelständischen Zulieferunternehmen aus. Gleichzeitig setzte die Zulieferbranche ihre Anstrengungen zur Konsolidierung fort, um den Anforderungen nach größerer Partnerschaft bei zivilen Programmen nachkommen zu können. Krisenbedingte Insolvenzen traten unter den BDLI-Mitgliedsunternehmen 2009 erfreulicherweise nicht auf.

IMS: Welche Initiativen gibt es in diesem Industriesegment?

Bach: Im Rahmen einer im globalen Wettbewerbsumfeld notwendigen Konsolidierung gilt es, klare – auch nationale - Wettbewerbsvorteile herauszuarbeiten. Jüngstes Beispiel hierfür ist unsere BDLI Netzwerkinitiative Cabin/Cargo, die sich an alle Systemhersteller wendet. Darin haben sich die Tier 1-Kernkompetenzträger im Bereich Cabin/Cargo der zivilen Luftfahrt unter der Ägide des BDLI vernetzt und sich vor wenigen Wochen erstmals auf der Aircraft Interiors Expo in Hamburg erfolgreich gemeinsam präsentiert. Systemhersteller erhalten damit eine One-Stop-Lösung, profitieren von einer optimale Schnittstellen- konzentration, hoher Kompetenzbandbreite und Kommunikation aus einer Hand.

IMS: Welche Lehren zieht man aus der Krise, wo sehen zentrale Handlungsfelder?

Bach: Luftverkehr ist und bleibt ein Schlüsselbereich der Weltwirtschaft. Für die Märkte mit dem zukünftig größten Wachstumspotenzial wie China, Indien oder den mittleren Osten wird der Flugverkehr infrastrukturell mittelfristig der einzige Weg sein, dem rasant wachsenden Bedarf an Personen- und Gütertransport zu begegnen.

Gleichzeitig ist es nur mit neuen, noch umweltverträglicheren und wirtschaftlicheren Flugzeugen möglich, eine ehrgeizige Klimapolitik umsetzen zu können, wie wir sie nach dem Klimagipfel von Kopenhagen branchenweit akzeptiert haben, damit der weltweite Luftverkehr ab 2020 CO2-neutral wachsen kann. Wir sind mit unserer Industrie und unserem wissenschaftlichen Kompetenznetzwerk hervorragend aufgestellt. Wir müssen und wollen weiterhin einen hohen Anteil an Eigenmitteln für die Entwicklung neuer Technologien, Werkstoffe und Produkte flexibel investieren. Auch staatliche Mittel wie das LuFo-Programm müssen künftig flexibler auf Änderungen der Marktsituation reagieren können.

Die Erreichung unserer Ziele gelingt uns aber nur mit den besten Fachleuten. Wir forcieren deshalb eine nachhaltige Personalpolitik, unter anderem mit unserer brancheneigenen Karriereplattform des ILA Career Center.

Ein weiterer wichtiger Punkt: der militärische Luftfahrtstandort Deutschland bedarf einer langfristigen Sicherung. UAV beispielsweise stellen nicht nur für die Einsätze der Bundeswehr eine in Zukunft unerlässliche Plattform dar. In Deutschland entwickelte und gebaute UAV sind essenziell für den Erhalt der industriellen Kernkompetenz der nationalen wehrtechnischen Luftfahrtindustrie.

Militärische Forschung und Technologie sind nach wie vor ein wichtiger strategischer Kompetenzbereich, in dem Deutschland im internationalen Vergleich nicht nachlassen darf. Die militärische Forschung muss daher spürbar gestärkt werden, weshalb sich unsere Industrie klar für die Schaffung eines militärischen Luftfahrt- technologieprogramms einsetzt.

Die deutsche Raumfahrt muss ihre Führungsrolle in Europa weiter ausbauen. Dazu ist die konsequente Fortsetzung des bisher eingeschlagenen, erfolgreichen Wegs einer ressortübergreifenden Raumfahrtpolitik mit Unterstützung der Bundesregierung erforderlich. Wir brauchen die Förderung neuer Anwendungen und Technologien. Wir müssen unsere Systemkompetenz in den Bereichen Erdbeobachtung und Wissenschaftsmissionen ausbauen. Ein Kompetenzzentrum für Raketenoberstufen in Europa und der Ausbau der deutschen Führungsrolle bei orbitalen Infrastrukturen sind weitere Handlungsfelder.

IMS: In wenigen Tagen öffnet die ILA 2010 ihre Pforten. In welchem Rahmen wird das Thema Umwelt und Energieeffizienz ein Thema sein?

Bach: Das Thema Öko-Effizienz steht hinter sehr vielen auf der ILA gezeigten Neuheiten in den Bereichen Antriebe, Werkstoffe und Strukturen. Denn in der kommerziellen Fliegerei gilt die Regel „Öko-Effizienz ist Kosteneffizienz“. Wir werden dieses Thema zusätzlich gezielt über den „Path of Innovation“ adressieren. Der „Path of Innovation“ ist ein virtueller Pfad, auf dem Luft- und Raumfahrtinnovationen zum Thema Umwelt in Produktion, Produkten und Anwendungen gezeigt werden. Die ausgewählten Innovationen spannen den Bogen von Bauteilen über Antriebstechnologien, neue Werkstoffe bis hin zur intelligenten Steuerung des Luftverkehrs, aber auch der satellitengesteuerten Klima und Umweltüberwachung.

IMS: Bei ILA 2010 wird es einen Rekordstand der Aussteller geben. Welche Plattformen sind für die Unternehmen besonders interessant?

Bach: In der Tat kann die ILA nach 100 Jahren 2010 auf Rekordzahlen bauen: 1153 Aussteller aus 47 Ländern, 250.000 Quadratmeter Messefläche und fast 300 Fluggeräte. Unser Partnerland Schweiz ist stark vertreten. Auch die USA beteiligen sich mit einem großen Auftritt. Rund 40 Prozent unserer Aussteller kommen in diesem Jahr aus dem Ausland. Auf diesen Erfolg sind wir als Ausrichter der ILA sehr stolz, zumal wie uns in einem sehr harten europäischen Wettbewerbsumfeld bewegen.

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise sind es gerade die für die Industrie drängenden Themen, die den größten Zulauf haben. Ein Beispiel hierfür ist das International Suppliers Center (ISC) – die ILA-Kontaktplattform für Einkäufer der OEMS und Vertreter der Zulieferindustrie aus insgesamt 22 Ländern weltweit. Beim Buyers’ Day werden Gesprächsrunden zwischen den Topeinkäufern und den entsprechenden Lieferanten arrangiert und Messebesuche für Lieferanten und Einkäufer gleichermaßen effizient gestaltet.

Im völlig ausgebuchten ILA Career Center bringen wir Schüler, Studenten, Absolventen und Berufserfahrene mit allen relevanten Unternehmen der Luftfahrtindustrie, Airlines und Forschungseinrichtungen zusammen. Wir können dort einen Ausstellerzuwachs von 43% im Vergleich zu 2008 verbuchen.

IMS: Das Thema Ausbildungs- und Nachwuchsförderung hat im ILA Career Center ein neues Dach bekommen. Wie sind die Erfahrungen mit dieser neuen Initiative?

Bach: Hervorragend. Wir haben damit die größte und reichweitenstärkste Branchenplattform und einen der Grundpfeiler unserer Nachwuchswerbung geschaffen. Große Namen der zivilen und wehrtechnischen Luft- und Raumfahrtindustrie sind dort genauso vertreten wie Airlines und Forschungseinrichtungen. Die Besucher haben die Möglichkeit, an Workshops, Bewerbertrainings oder Fragestunden mit Auszubildenden, Firmenchefs, Testpiloten und Politikern teilzunehmen.

Ein großes Problem hat unsere Branche mit dem Fehlen gut ausgebildeter Ingenieure. Dort besteht ein großer Bedarf. Wir konkurrieren mit anderen interessanten Branchen um die besten Absolventen. Speziell für diesen Absolventenkreis ist das ILA Career Center eine unerlässliche Plattform zur Orientierung und konkreten Kontaktanbahnung mit potenziellen Arbeitgebern.

IMS: Wie wichtig ist die Bundeswehr für die ILA und wie läuft die Kooperation mit der Bundeswehr sowie mit den verschiedenen wehrtechnischen Unternehmen ab?

Bach: Es gibt immer wieder Stimmen in der Öffentlichkeit, die den militärischen Anteil der ILA kritisieren oder generell in Frage stellen. Wir quantifizieren den wehrtechnischen Anteil der ILA auf etwa 35%. Fakt ist, dass wehrtechnische Produkte und Dienstleistungen inklusive der Zulieferer für derartige Produkte und Plattformen einen ganz essentiellen Teil der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie darstellen. Deshalb ist es völlig natürlich, dass die Bundeswehr als größter Kunde unserer Produkte eine ganz maßgebliche Funktion und Wertschätzung im Rahmen der ILA-Konzeption wahrnimmt. Die Bundeswehr ist der größte Einzelaussteller. Sie präsentiert sich als maßgeblicher Anteil am Flugprogramm der ILA. Als großer Aussteller ist sie ebenso im Außengelände präsent. Darüber hinaus hat das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) diesmal eine eigene Darstellung. Wir zeigen erstmalig die erfolgreichen Kooperationen der Luftwaffe und der wehrtechnischen Luft- und Raumfahrtindustrie in einem eigenen Kooperations-Pavillon. Dort können sowohl Parlamentarier als auch der Privatbesucher sehen, wie Hand in Hand Synergien geschaffen werden. Ob nun ein Triebwerkswechsel am Eurofighter oder die Wartung eines Schleudersitzes – alle Systeme und ihre Betreuung durch die Industrie werden in einem eigenen Pavillon demonstriert. Das findet auch deshalb starke mediale Beachtung, weil es – wie ein Boxenstopp der ILA - eine wichtige Darstellungsfläche für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen der wehrtechnischen Luft- und Raumfahrtindustrie und ihrem Hauptkunden ist.

IMS: Was macht den Erfolg der ILA aus und wie hebt sie sich von anderen Luftfahrtmessen ab?

Bach: Die ILA schafft seit 100 Jahren etwas, das andere, vergleichbare Konkurrenzmessen wie z.B. Farnborough nicht können. Sie verbindet konkurrenzlose Fach- und Kongressplattformen mit allen marktrelevanten, industriellen Themenmodulen und kombiniert dies mit einer international ihres Gleichen suchenden Air Show. Durch Ihre Medienreichweite, die hohe Präsenz politischer Meinungsbildner und Multiplikatoren und durch das hohe Interesse der Allgemeinöffentlichkeit bietet die ILA ein einmaliges Forum. An der Auslastung und der Hochrangigkeit der verschiedenen Delegationen kann man sehen, dass dieses Konzept hohe Wertschätzung genießt. Außerdem hat sich der Ansatz von Themenmodulen auf der ILA definitiv bewährt. Die generellen Industriethemen werden ebenso behandelt wie auch die Segmentthemen. Dafür steht zum Beispiel das ILA HeliCenter, in dem von der behördlichen, kommerziellen bis hin zur militärischen Applikation oder zur Mission alles thematisch rund um den Helikopter behandelt wird.

IMS: In diesen Tagen werden tausende Besucher auf das ILA-Messegelände in Berlin strömen. Wie sind sie darauf vorbereitet?

Bach: Die Besucher profitieren vom verbesserten Verkehrskonzept und der Anbindung aus allen Richtungen durch den weiteren Baufortschritt der entsprechenden Autobahnzubringer und Verkehrswege. Damit wird das Ausstellungsgelände viel besser und direkter erreichbar. Eine Verbesserung ist ebenfalls bei den Parkflächen und dem Eingangskonzept zu verzeichnen. Insgesamt gibt es ein minimal kompakteres Messegelände mit kürzeren Wegen für die Besucher. Logistisch ist dies im Vergleich zu 2008 ein klarer Qualitätszuwachs - nichtsdestotrotz möchten wir eine langfristig angesiedelte, infrastrukturell verlässliche und für den Besucher einfach navigierbare ILA ab 2012.

IMS: In den letzten Monaten kam eine öffentliche Diskussion um den zukünftigen Standort der ILA auf. Wie ist der aktuelle Stand?

Bach: Wir stehen im Moment vor der Frage, ob die ILA weiterhin in Berlin Schönefeld, südwestlich des Geländes des zukünftigen Flughafens Berlin Brandenburg (BBI) stattfinden wird, oder ob sie an den Flughafens Leipzig/Halle umzieht. Eine Entscheidung über die endgültige Ansiedelung der ILA ab 2012 wird der BDLI in den kommenden Tagen treffen.

Unser Ziel ist es, unsere Marke und Messeplattform ILA erfolgreich für die Zukunft aufzustellen, allen Ausstellern optimalen Gegenwert und allen Besuchern ein Top-Erlebnis garantieren zu können.

IMS: Herr Bach, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Joachim Turré


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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
06. Juni '10 um 21:46 Uhr (CET).


Christopher Bach , Politikwissenschaftler und Amerikanist, verantwortet seit 2006 die Verbands- kommunikation des BDLI. Vorher war er als Eurocopter-Pressesprecher verantwortlich für die Regionen Deutschland/Indien/Südost-Asien. Zu vorherigen beruflichen Stationen gehörten NEC, Palm und 3Com. Bach ist Reserveoffizier der Luftwaffe.


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