Der Zypernkonflikt - Europas Makel© CC Gérard Janot 2006
Der Zypernkonflikt
Europas Makel
Die einzige geteilte Hauptstadt der Welt liegt innerhalb der Europäischen Union. Eine Mauer teilt diese Stadt in eine nördliche und eine südliche Hälfte. Diese sogenannte Grüne Linie wird von der UNFICYP bewacht und der Besucher sieht sich dort durch Ausstellungen und Fotoreportagen an die tragische Geschichte der Insel Zypern erinnert.

Der Blick in die neutrale Zone zeigt die offenen Wunden der Insel; die Verwüs-tungen der Auseinandersetzungen sind hier immerwährend präsent. Was den Touristen heute meist als unterhaltsamer Ausflug dient, ist das Resultat eines über einhundertjährigen Konfliktes auf Zypern, der die internationale politische Elite nicht nur einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat und der 1974 seinen traurigen Höhepunkt erlebte. Der Zypernkonflikt ist seit dem Beitritt der Insel zur EU im Mai 2004 ein europäisches Problem.

Die Ursachen des Konfliktes

Die Auseinandersetzungen auf der Insel haben viele Gründe, die in der aktuellen Perzeption einzig auf die ethnischen Konflikte zwischen griechischen und türkischen Zyprioten zurückgeführt werden. Tatsächlich liegen die Wurzeln aber im Zerfall des Osmanischen Reiches und dem Aufflammen der nationalistischen Gedanken im vorletzten Jahrhundert. Die gemeinsamen griechisch- und türkischzypriotischen Aufstände bis zu Beginn des 19. Jahrhun-derts, die gegen die Hohe Pforte gerichtet waren, gerieten ebenso in Vergessenheit, wie die Jahrhunderte währende friedliche Ko-Existenz von gemischten Dörfern auf der gesamten Insel. Die seitdem zunehmende Radikalisierung und Ethnisierung des Konfliktes lässt sich nicht ohne die geopolitischen Interessen der Großmächte und die nationalistischen Interessen der späteren Türkei und Griechenlands verstehen.

Mit der "Cyprus Convention" von 1878 besetzte und verwaltete das Vereinigte Königreich die Insel. Während die geostrategische Bedeutung Zyperns vorher so gering war, dass England die Abnahme der Insel von den Osmanen dreimal (1833, 1841, 1845) ablehnte, änderte sich ihre Wichtigkeit mit Fertigstellung des Suezkanals (1869) dramatisch. Die relative Nähe, die gut ausgebauten Häfen und die Friedfertigkeit der Insel erhöhten ihre Attraktivität für die englische Großmacht. Zu dieser Zeit verfolgte England gegenüber dem Osmanischen Reich einige Ziele, von denen eines besondere Wichtigkeit für Zypern spielen sollte: Der Schutz der christlichen Bevölkerung. Dieses Ziel verschärfte den ethnischen Gesichtspunkt der Auseinandersetzungen auf der Insel, da die ehemals religiösstrukturierte Verwaltung der Osmanen, in sogenannten Millets, den Muslimen bisher Vorrechte einräumte. Beinahe 100 Prozent der griechischen Zyprioten sind orthodoxe Christen, wie auch beinahe 100 Prozent der türkischen Zyprioten sunnitische Muslime waren und sind.

Zwei weitere Probleme kamen bald hinzu. Der ständig wachsende Wunsch der griechischen Zyprioten nach Vereinigung mit Griechenland, spaltete die Bevölkerungs-gruppen weiter. Schließlich wurde durch die Einführung getrennter Schulen für die griechischen bzw. türkischen Zyprioten durch die englische Verwaltung, die Gesellschaft gänzlich in zwei Lager gespalten. Die Annexion Zyperns durch England nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ebenfalls keine einigende Wirkung auf die Bevölkerung, da die türkischen Zyprioten sie befürworteten, die griechischen sie hingegen ablehnten.

Das ungeschickte Verhalten Englands führte schließlich dazu, dass sich die verschiedenen griechisch-zypriotischen Bewegungen hinter der orthodoxen Kirche des Landes zusammenschlossen und die türkischen Zyprioten sich abgrenzten und hinter England stellten. Die Gründung der Untergrundorganisationen EOKA auf griechisch-zypriotischer Seite und der Volkans bzw. TMT auf türkisch-zypriotischer Seite, markierte den Beginn der blutigen Auseinandersetzungen auf der Insel.
Durch ständige Terrorakte und Bombenattentate, machte die EOKA international auf sich aufmerksam. Die Unabhängigkeit der Insel von England wurde 1959 schließlich formal beschlossen.

Die gescheiterte Verfassung und die Teilung der Insel

Die erste Verfassung der Insel räumte den beiden Bevölkerungsgruppen, von ihrer Größe abhängig, Sitze im Parlament ein. Somit wurden 70 Prozent der Mandate an griechische Zyprioten vergeben und 30 Prozent an türkische Zyprioten. Tatsächlich rief diese Einteilung auf beiden Seiten Unmut hervor, da die griechischen Zyprioten die türkischen für überrepräsentiert hielten, die türkischen kritisierten hingegen die Tatsache, dass die griechischen Bewohner überhaupt eine Mehrheit erhielten. Die Vereinigungswünsche mit Griechenland bzw. mit der Türkei verstärkten sich wieder und wegen der aufkommenden Unruhen besetzten 1963 erstmals türkische Soldaten Teile der Insel mit der Begründung des Schutzes der türkischen Bevölkerung. Zur selben Zeit begann die teils blutige und stetige Auflösung der gemischten Dörfer. Ein Resultat war, dass 1964 die UNFICYP-Mission ins Leben gerufen wurde, welche seitdem auf Zypern besteht.

Bis zum massiven türkischen Einmarsch 1974 änderte sich die politische Lage folgendermaßen: Präsident der Insel war der orthodoxe Bischoff Makarios. In Athen putschte sich 1967 eine Militärjunta an die Macht, welche auf die Vereinigung mit Zypern hinarbeitete. Die Junta in Athen versuchte einen Putsch gegen den gemäßigten Präsidenten der Insel durchzuführen, um den treuen Sampson an die Macht kommen zu lassen. Durch diesen griechischen Versuch sah sich die Türkei legitimiert die Insel endgültig zu besetzen, um eine Vereinigung mit Griechenland zu verhindern. Seit dem massiven Einmarsch ist die Insel zu 36,3 Prozent unter türkischer Besetzung.

1983 wurde auf diesem Gebiet die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, welche nur von der Türkei anerkannt ist. Die ethnische Segregation der Insel durch die Vertreibung der Volksgruppen nach Norden bzw. nach Süden sowie die geförderte Ansiedlung von größtenteils aus Anatolien stammenden Türken auf der besetzten Nordhälfte stellt den heutigen Status quo dar.

Die Lösungsvorschläge


Seit der faktischen Teilung der Insel wurden zwar verschiedene Ansätze für die Lösung des Konfliktes vorgeschlagen, der einzige für den die politischen Umstände aber günstig genug erschienen um erfolgreich zu sein, war der "Annan-Plan" von 2004. Grund dafür waren zum einen die auftauenden Beziehungen der Garantie-mächte Griechenland und Türkei zueinander, einerseits durch die türkischen Bemühungen zur eigenen Aufnahme in die EU, andererseits aufgrund der griechischen Erkenntnis, dass Probleme mit der Türkei im Rahmen der EU besser zu lösen sind als durch harte Rhetorik.
Der Zypernkonflikt war die Hürde über die beide Regierungen steigen mussten, um an weiteren eigenen Problemen arbeiten zu können. Papadopoulos, der Präsident Zyperns, war als Hardliner bekannt; hingegen war der Leiter des besetzten Nordens Talat pro-europäisch und damit pro-Vereinigung. Die Rahmenbeding-ungen sahen insgesamt vielversprechend aus.

Der vom UN Generalsekretär entworfene Plan griff einige ältere Anregungen auf und versuchte sie der aktuellen Situation folgendermaßen anzupassen: Ziel war eine Vereinigung nach Schweizer "Kanton-Modell". Der griechisch-zypriotische Teil sollte 71 Prozent, der türkisch-zypriotische 29 Prozent ausmachen. Präsident und Vize-Präsident sollten je einer Volksgruppe angehören und sich alle zehn Monate gegenseitig abwechseln. Die beiden Kammern sollten sich voneinander unterscheiden. Während die erste Kammer beiden Volksgruppen jeweils 50 Prozent der Sitze einräumen sollte, sollte die zweite Kammer zu drei Viertel den griechischen Zyprioten und zu einem Viertel den türkischen Zyprioten vorbehalten sein.

Ein oberster Gerichtshof bestehend aus drei griechischen, drei türkischen und drei unabhängigen Mitgliedern sollte Streitig-keiten um beide "Kantone" beilegen. Außerdem sollten 100.000 griechische Zyprioten in ihre ehemaligen Häuser im Norden zurückkehren können, wofür 50.000 türkische Zyprioten umgesiedelt werden müssten. Das Referendum scheiterte, da zwar 64,9 Prozent der türkischen Zyprioten dafür stimmten, 75,8 Prozent der griechischen Zyprioten den Vorschlag aber ablehnten. Im Westen hat das Abstimmungsergebnis häufig Kopfschütteln hervorgerufen. Es gibt aber einige Gründe für die Ablehnung von denen fünf hier genannt werden sollen:

1. Durch ein Verbot der freien Siedlungswahl auf der gesamten Insel-
fläche würde ein Grundsatz des acquis communautaire missachtet. Geplant war, dass auf jeder Seite jeweils nicht mehr als 18 Prozent der anderen Volksgruppe siedeln dürfte, um beide kulturellen Identitäten zu wahren. Damit sahen sich die griechischen Zyprioten als bevölkerungsstärkerer Teil benachteiligt.

2. Das starke gegenseitige Mistrauen der Volksgruppen hätte durch diese juristische Einigung nicht abgebaut werden können. Folglich gäbe es keine komplette Einigung, sondern nur eine formale.

3. Der Antrieb für Zustimmung und Ablehnung der Einigung basierte bei beiden Volksgruppen auf finanziellen Überlegungen. Die türkischen Zyprioten erwarteten eine wirtschaftliche Besserstellung und den Zugang zur EU, die griechischen Befürworter hingegen dachten an die Loslösung des besetzten Nordens vom türkischen Staat und versprachen sich davon die eigene Besserstellung im Konflikt.

4. Der griechisch-zypriotischen Seite waren die "zugezogenen" Türken im Norden stets ein Dorn im Auge. Nach ihrem Wunsch sollten diese die Insel verlassen. Der "Annan-Plan" ging dieses Problem nicht an.

5. Bis auf die minimale Vergrößerung des kontrollierten Territoriums und die sentimentale Komponente der ehemals griechischen Häuser, welche zurückgegeben werden sollen, hat die griechisch-zypriotische Seite keine besonderen Vorteile von einer Vereinigung. Der politische Wille kann somit kaum aufgebaut werden. Die türkisch-zypriotische Seite hingegen würde eine international anerkannte politische Identität bekommen, wirtschaftliche Vorteile genießen und Teil der EU werden.

Durch die Vielschichtigkeit des Konfliktes scheint eine Lösung in weite Ferne gerückt zu sein. Realpolitische Erwägungen beider Konfliktparteien sowie das starke gegenseitige Mistrauen erschweren jedes, vom idealistischen Konzept des Friedens, ausgehende Vorgehen. Hält man tatsächlich an einer Einigung fest, muss mit einer Politik der kleinen Schritte ein erstes Vertrauen beider Parteien zueinander gefunden werden. Die Reduzierung der gegenseitigen Schikanen, wie zum Beispiel das Vorzeigen des Passes bei der Überschreitung der "Grünen Linie" bei Fahrten ins Landesinnere, könnten in die richtige Richtung weisen.

Aber auch die Rahmenbedingungen zeigen einen Trend entgegen einer schnellen Vereinigung. So würde beispielsweise eine Wiedervereinigung zu Gunsten der griechischen Zyprioten nach 35 Jahren tatkräftiger Unterstützung des besetzten Nordens zu einem Gesichtsverlust Ankaras führen. Deshalb ist ein erneutes Angehen dieses Problems nur mit höchster diplomatischer Kunst zu vollführen. Außerdem muss den griechischen Zyprioten mehr geboten werden, um den politischen Willen zur Einigung zu entfachen. Deshalb scheint es, dass der Makel der EU auf der Insel der Aphrodite weiterhin bestehen bleiben wird.

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Endlich mal ein ausgewogener Artikel zu einem brisanten Thema - Danke!
Kommentar Gast: 26. April '10, 16:12 (CET)
Sehr ausgewogener Bericht. Spiegelt die Tatsachen sehr gut wider. Danke.
Kommentar Atila: 26. April '10, 23:20 (CET)
Die Türkei ein Land was in die Europäische Uion eintreten möchte, hält teile des Landes Zypern wiederrechtlich besetzt.

Seit 36 Jahrem weigert es sich die UN-Resolution 353 zu erfüllen und wieder abzuziehen.

Das Ansiedeln von Festlandtürken im Bruch der Genfer Konvention Artikel 49 ist ein Kriegsverbrechen.

Soll dieses belohnt werden ?
Kommentar Stillfloating: 26. Juni '10, 01:22 (CET)
Das formalrechtliche Festhalten an der politischen Einheit Zyperns unter völliger Ausblendung der seit Jahrzehnten bestehenden politischen Realitäten seitens der Griechen erinnert an das Verhalten der Westdeutschen, ihrer Politiker und Gerichte, mit formalrechtlichen Argumenten auf ein Fortbestehen des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 zu beharren. Spätestens in den 70er Jahren kam dann die Einsicht in das Unausweichliche, dass die deutschen Ostgebiete, in denen Deutsche sieben Jahrhunderte lang lebten, für immer verloren sind. Wenn uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts eines lehrt, dann dass Unrecht oftmals nicht rückgängig gemacht werden kann, ohne neues Unrecht zu schaffen.

Wie sollte ein wiedervereinigtes Zypern als Staat denn einigermaßen reibungslos und erfolgreich funktionieren? Die türkische Seite hat Angst, von der griechischen Mehrheit dominiert zu werden. Wenn man die radikalen, aber offenbar mehrheitsfähigen Forderungen seitens griechischer Politiker nach erzwungener Aussiedlung der türkischen Neuankömmlinge bedenkt, die seit nunmehr 35 Jahren in Nordzypern eine neue Heimat gefunden haben und mit der türkischen Altbevölkerung familiär verwachsen sind, scheint diese Furcht gar nicht einmal unberechtigt. In dieser Forderung zeigt sich, dass die griechische Seite bestrebt ist, ihre doch schon heute sehr deutliche Mehrheit weiter auszubauen, um in einem hypothetisch wiedervereinigten Zypern möglichst viel Macht und Kontrolle über den türkischen Norden ausüben zu können.

Hinzukommen die wirtschaftlichen Belastungen, die der griechische Süden aufgrund des armen türkischen Nordens zu schultern hätte - und das ohne das Gefühl, einer gemeinsamen Nation anzugehören, was Ost- und Westdeutsche immer verband, und die daraus entspringende prinzipielle Solidaritätsbereitschaft.

Wenn man sich nur diese Aspekte vergegenwärtigt und zusätzlich als Vergleichsbeispiel Belgien heranzieht, welches sich sehr schwer tut, als strukturell zweisprachiger Staat weiterhin in politischer Einheit fortzubestehen - und Belgien fehlt die blutige Vergangenheit Zyperns mit Krieg und Vertreibung! -, dann erscheint eine Wiedervereinigung Zyperns nicht unbedingt als wirklich erstrebenswertes Ziel.

Vielleicht ist es vielmehr an der Zeit, die Realitäten anzuerkennen, selbst wenn ihr Zustandekommen rechtlich und ethisch sicherlich verwerflich ist, so wie es einst die Deutschen mit dem Verlust der Ostgebiete nach dem 2. Weltkrieg tun mussten oder wie es z. B. die Georgier irgendwann einmal bezüglich Südossetiens und Abchasiens tun werden müssen.
Kommentar Wallenstein: 16. Juli '10, 01:50 (CET)
 
 
Sonntag, 28. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
26. April '10 um 11:29 Uhr (CET).


Denis Walter

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