Somalias Piraten - Gute und schlechte Nachrichten© NATO MCC Northwood
Somalias Piraten
Gute und schlechte Nachrichten
Von Peter Lehr

Im Kampf gegen die seit November 2005 - Stichwort fehlgeschlagener Angriff auf das Kreuzfahrtschiff Seabourn Spirit im November dieses Jahres - offenbar immer dreister werdenden Piraten gibt es mittlerweile einige Erfolge zu vermelden. So sank in Folge der stetig wachsenden Präsenz westlicher und nicht-westlicher Kriegsschiffe vor der Küste Somalias die Ratio zwischen erfolgreichen und erfolglosen Piratenangriffen seit Herbst letzten Jahres kontinuierlich von eins zu vier auf eins zu acht. Dies ist aus der Sicht der Schifffahrtsindustrie sicherlich immer noch zu hoch, aber angesichts der schieren Größe des zu überwachenden Seegebiets dennoch ein beachtlicher Erfolg. Ebenso scheinen die Verhandlungen in Riadh bezüglich einer arabischen Seepatrouille analog der so genannten Malacca Straits Patrol konkrete Ergebnisse abzuzeichnen - wenn auch mit einer solchen nicht mehr vor Ende des Jahres zu rechnen ist.

Wesentlich bedeutsamer für eine langfristige Bekämpfung der organisierten Seeräuberei im Golf von Aden und entlang der ostafrikanischen Küste Somalias sind aber aktuelle Entwicklungen in dem bürgerkriegsgeplagten Land selbst - genauer, im sich unabhängig gerierenden Somaliland und der autonomen somalischen Provinz Puntland. Somalilands Erfolge in der Bekämpfung der Piraterie sind schon seit längerem bekannt: Somaliland verfügt über eine kleine Küstenwache, die im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten erfolgreich gegen in ihren Gewässern operierenden Piratenbanden vorgeht. Dutzende von Piraten konnten von der Küstenwache verhaftet und der Justiz übergeben werden, die sich mit der Vergabe von langjährigen Gefängnisstrafen nicht zurückhielt. Neueren Ursprungs sind hingegen ähnlich gelagerte Bemühungen in Puntland.

Puntland galt lange Zeit eher als Teil des Problems denn der Lösung: einer der notorischsten Piratenstützpunkte, der Hafen von Eyl, liegt in Puntland. Es war (und ist) ein offenes Geheimnis dass selbst einige hochrangige Regierungsmitglieder dieser autonomen somalischen Provinz auf die eine oder andere Weise an der florierenden Piraterie beteiligt war - sei es eher indirekt als Nutznießer von Bestechungsgelder, oder sehr direkt als Finanziers von Piratenraids. Bemühungen von westlicher Seite, einige einflussreiche Persönlichkeiten mit großzügigen Entwicklungshilfen zu kooptieren, schlugen in der Regel fehl.

Dasselbe Schicksal erlitten Vorstöße, einige puntländischer Milizen mittels technischer Unterstützung, Waffenlieferungen und Ausbildungsmaßnahmen zu Küstenwachen “umzubauen”: Die neuen Boote, Waffen und Trainingsmaßnahmen kamen in der Regel lediglich den lokalen Piratenbanden zu gute - nicht dass diese auf solche Gaben angewiesen waren. Somalische Piraten verfügen in der Regel über Fiberglasboote mit PS-starken Außenbordmotoren, (gekaperte) Trawler und kleinere Frachter - so genannte Mutterschiffe als "schwimmende Operationsbasen", Bazookas von Typ RPG-7, AK-47 Kalaschnikows, Satellitentelefone, fortgeschrittene Radarsysteme und anderes mehr.

Stetiger diplomatischer Druck auf Puntland, verbunden mit der Erkenntnis, dass der Grossteil der Küstenbevölkerung von den Umtrieben der Piraten die sprichwörtliche Nase voll hat, scheint mittlerweile zu einem Umdenken geführt zu haben: Seit Herbst letzten Jahres wurden, ähnlich wie in Somaliland, Dutzende von Piraten aufgegriffen und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Aussicht auf rund zwanzig Jahre Gefängnis in Wellblechhütten hat offenbar durchaus eine abschreckende Wirkung, zumindest auf die potentiellen jugendlichen Rekruten der Piraten, denn seit dem Beginn der Politik der “null Toleranz” ging die Zahl der von Puntland ausgehenden Piratenraids stetig zurück. Ein weiterer Faktor ist die Zunahme von Vergeltungsaktionen puntländischer Fischer gegen bekannte Piraten: die immer öfter ins Kreuzfeuer zwischen Piraten und Kriegsschiffen geratenden Fischer - und diese gibt es aller Schwierigkeiten zum Trotz immer noch - haben sich zu so genannten Vigilantes zusammengeschlossen. Diese bekämpfen die Piraten systematisch: Schiessereien zwischen beiden Gruppierungen mit tödlichem Ausgang sind nicht selten. Für die von Puntland aus operierenden Piratenbanden ist es daher offenbar höchste Zeit, auf andere Regionen auszuweichen.

Insofern lässt sich, was die Gewässer vor der Küste Somalilands und Puntlands angeht, ein verhalten positives Fazit ziehen: wenn die bisher halbwegs erfolgreichen Aktionen an Land und zu Wasser gegen die Piraten fortgesetzt werden, dann steht zu erwarten, dass die verbleibenden Banden schrittweise aus dem Golf von Aden herausgedrängt werden. Und damit kommen wir zu den schlechten Nachrichten.

Obwohl das Risiko der Piraten sowohl auf See als nun auch an Land ständig zunimmt, bleibt Piraterie nach wie vor ein potentiell sehr lukratives Geschäft. Lösegelder für Crew und Schiff in Höhe von um die zwei Millionen US-Dollar sprechen da eine sehr deutliche Sprache - vor allem im somalischen Kontext. Es ist daher davon auszugehen, dass das Problem der somalischen Piraterie durch die Politik der null Toleranz - vorausgesetzt sie hält an - in Somaliland und Puntland (noch) nicht gelöst, sondern mittelfristig lediglich verlagert wird. Von den Küstenregionen Somalilands und Puntlands in die Küstenregionen des südlichen Somalias, und vom Golf von Aden auf die hohe See des Arabischen Meeres, inklusive der Strasse von Mosambik.

Im zwischen Regierungstruppen und pro-islamistischen Milizen umkämpften Süden Somalias bestehen nach wie vor günstige Rahmenbedingungen für Piratenbanden, vor allem solcher, die auf gut bewaffnete Clanmilizen als Rückendeckung zurück-greifen können. Erst im September hat es sich wieder gezeigt, dass organisierte Piraten im Verbund mit Clanmilizen selbst für die gefürchtete islamistische Guerrillabewegung Al Shabaab (Die Jugend) einen ernstzunehmenden Gegner darstellen. Al Shabaabs Versuch, den Hafen von Kismayo zu besetzen, scheiterte nach wenigen Tagen am entschlossenen Widerstand der dortigen islamistischen (und nominell mit Al Shabaab verbündeten) Milizen Ras Kamboni Brigade und Muaskar Anole. Die von Kismayo aus operierenden Piraten blieben somit ungeschoren. Ohnehin sind die Ansichten der diversen Al Shabaab-Faktionen bezüglich der Piraten geteilt: einer der führenden Köpfe Al Shabaabs, Muqtar Ali Robow, nannte sie "Gotteskrieger", "welche die somalische Küste gegen die Feinde Allahs verteidigen." Wie dem auch sei: zur Zeit haben die Piraten im Süden Somalias offensichtlich freie Bahn.

Hinzu kommt die Ambition der Piraten, die Reichweite ihrer Operationen auf eintausend Seemeilen auszudehnen - weniger in einer Adaption des bekannten olympischen Mottos, als aus purem Zwang. Denn in ihren momentanen Operationsgebieten sinkt die Erfolgsquote, während das Risiko abgefangen, verhaftet oder gar erschossen zu werden, steigt. Der Erfolgsdruck der Piraten ist immens - der Lockruf des Geldes verführt sie schließlich dazu, Piraten zu werden, nicht die pure Lust am Abenteuer.

Zur Zeit bieten sich ihnen lediglich zwei Wahlmöglichkeiten: entweder ihr bisheriges Operationsgebiet beizubehalten und ihre Angriffstaktik den veränderten Bedingungen anzupassen, oder aber ihren Aktionsradius zu erweitern. Was die erste Wahlmöglichkeit angeht, zwingt die Präsenz westlicher und nicht-westlicher Kriegsschiffe die Piraten förmlich dazu, höhere Risiken einzugehen und Schiffe anzugreifen, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit oder aufgrund ihres hohen Freibords eigentlich nicht in das Beuteschema passen.

Die zweite Wahlmöglichkeit bedeutet für die Piraten, sich von vornherein auf einen längeren Raid einzustellen, um Schiffe anzugreifen, die sich außerhalb der Gefahrenzone wähnen. Die Kosten für die Piraten sind dabei relativ gering: ihre Mutterschiffe müssen schlichtweg für längere Seeaufenthalte verproviantiert werden. Der Nutzen aber ist groß. Piraten wissen, dass die zahlenmäßig eher kleinen Besatzungen von Handelsschiffen aufgrund ihrer Arbeitsüberlastung die Piratenwachen normalerweise in dem Moment einstellen, in dem sie das meist gefährdete Seegebiet verlassen. Ein Angriff auf ein solchermaßen unvorbereitetes Schiff hat somit recht hohe Erfolgschancen.

Sobald die Piraten die Besatzung eines gekaperten Schiffs unter Kontrolle haben, wird es für sich im Seegebiet befindliche Marineeinheiten in Sachen Gegenmaßnahmen schwierig. Wie in dem Fall der Hansa Stavanger wird eine Lageeinschätzung meist darin resultieren, den möglichen Einsatz einer Spezialeinheit abzublasen; denn wie auch immer der Einsatz geplant und ausgeführt wird, Besatzungsmitglieder werden dabei mit hoher Wahrschein-
lichkeit ihr Leben lassen - ein Schiff ist aufgrund seiner Größe und seiner Unübersichtlichkeit nicht mit einem Flugzeug zu vergleichen.

Verdächtige Schiffsbewegungen wurden mittlerweile sowohl vor der Küste Omans als auch am nördlichen Ausgang der Strasse von Mosambik bereits mehrfach gemeldet. Ebenso nahm die Zahl der Angriffe auf Schiffe in seychellischen Gewässern in den letzten Wochen merkbar zu - so sehr, dass die US Navy plant, so genannte Drohnen zwecks luftgestützter Seeaufklärung auf den Seychellen zu stationieren. Schon allein diese kostspielige Maßnahme zeigt deutlich, dass mit einem Ende der somalischen Piraterie so schnell nicht zu rechnen ist. Weitere erhöhte Wachsamkeit auch außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone ist daher das Gebot der Stunde.



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Montag, 25. September 2017


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Gefährliche Gewässer - Moderne Piraterie - Nr. 4, 2009

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Online veröffentlicht am
08. Februar '10 um 12:33 Uhr (CET).


Dr. Peter Lehr
ist Lehrbeauftragter für Terrorism Studies an der School of Inter-national Relations, University of St. Andrews sowie an der Universität Heidelberg. Zuvor beschäftigte er sich als Research Fellow für die Informa Group mit dem Themenkomplexen der modernen Piraterie und des maritimen Terrorismus.



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