Ex Africa semper aliquid novi - Nigeria und der Anfang der Geschichte© 2009 Kehz99 (GNU)
Ex Africa semper aliquid novi
Nigeria und der Anfang der Geschichte
Von Klaus Pähler

Zehn Jahre nigerianische Demokratie in diesem Jahr, fünfzig Jahre Unabhängigkeit im nächsten sind ein guter Anlass für eine kurze Bestandsaufnahme des "afrikanischen Elefanten". 300 Ethnien mit insgesamt etwa 140 Millionen Einwohnern - die Hälfte davon Moslems - leben im volkreichsten Land Afrikas auf über 900.000 qkm vor allem von den reichen Öl-, Gas- und sonstigen Rohstoffvorräten. Nigeria sei das wichtigste Land südlich der Sahara, hieß es aus der Delegation von Außenministerin Clinton, die Nigeria besuchte. Allerdings habe es sein Potenzial bisher nicht annähernd realisiert, sondern seine Ressourcen vergeudet, seine Chancen vertan

Innere Konfliktherde

"Ex Africa semper aliquid novi - aus Afrika kommt immer etwas Neues" wussten die Römer. Meist sind die Neuigkeiten schlecht: 900 Menschen starben jüngst in Feuergefechten mit der islamistischen Sekte "Boko Haram". Sie will "dekadente westliche Kultur, Säkularisierung, Sexualisierung, Homosexualität, Alkoholgenuss etc." bekämpfen. Die Unruhen breiteten sich rasch im ganzen islamischen Norden aus, vor allem in den Staaten Borno, Yobe, Bauchi, aber auch in Kano und Sokoto. Die Krisenherde Kaduna und Jos blieben ruhig. Der Geheimdienst hatte den Sektenführer Mohammed Yusuf zwar beobachtet, aber die Behörden blieben untätig, das Landgericht Abuja hatte ihn sogar wieder auf freien Fuß gesetzt.

Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Yusuf, der lebend in Polizeigewahrsam geraten war, "auf der Flucht erschossen" wurde. Die Polizei vertraut den Gerichten nicht unbedingt, auch bewaffnete Räuber werden nicht selten "vorsorglich" erschossen. Schlecht bezahlte und ausgerüstete Sicherheitskräfte, die oft modern und schwer bewaffneten Verbrechern oft nur wenige Patronen entgegenzusetzen haben, riskieren nicht Leib und Leben für die hier doch eher abstrakten Menschenrechte von Übeltätern. Yusuf soll auch Hintermänner und Finanziers gehabt haben, die froh seien, dass er nun nicht mehr gegen sie aussagen kann.

Sein Nachfolger will durch "totalen Jihad" in ganz Nigeria einen islamischen Staat unter Scharia-Recht errichten und zum Auftakt erst einmal die Millionenstädte Lagos und Ibadan, Siedlungsgebiet der "ungläubigen Yoruba" im christlichen Süden, "in Schutt und Asche legen". Die schlechte Organisation, die Nigeria lähmt, macht koordinierte, landesweite Aktionen glücklicherweise unwahrscheinlich. Oder spielt hier vielleicht jemand den agent provocateur? Etwa 4000 Mitglieder der islamistische Gruppe "Darul Islam" wurden unweit der Hauptstadt Abuja interniert. Waffen hat man nicht gefunden, aber das heißt wenig in einem mit Kleinwaffen überschwemmten Land. Die amerikanische Außenministerin Clinton fragte nach ausländischen Terrorgruppen.

Die Rahmenbedingungen stimmen jedenfalls: kaum kontrollierbare Grenzen, islamischer Radikalismus in den Nachbarländern, eine besonders im islamischen Norden sozioökonomisch weitgehend hoffnungslose männliche Jugend, skrupellose Politiker und Geschäftsleute, die sich radikaler Banden bedienen sowie eine Unbildung, die anfällig macht für die Verheißungen des Paradieses. Die meisten Sicherheitsexperten verneinen ausländische Terroristenpräsenz aber eher.

Doch auch ohne sie scheint es unter der scheinbar friedlichen Oberfläche der pastoralen Idylle ihr Vieh hütender Hausa und Fulani im nigerianischen Norden zu brodeln. Die Logik der Solidarisierung funktioniert ohne formelle Organisations- und Kommandostrukturen und begünstigt dezentral operierende Terrorgruppen: Glaubensbrüder solidarisieren sich mit Glaubensbrüdern, Stammesgenossen mit Stammesgenossen. Angehörigen einer anderen ethno-religiösen Gruppe traut man nicht. Von "Boko Haram" allerdings hat sich auch der "offizielle" Islam sofort distanziert.

Die meisten Konflikte in Nigeria sind aber ökonomischer Natur, z. B. im Bundesstaat Plateau mit seiner Hauptstadt Jos. Wie tektonische Platten stoßen hier regelmäßig die wirtschaftlichen Interessen von christlichen "Einheimischen" mit denen von "zugewanderten" islamischen Hausa-Fulani- "Siedlern" zusammen. Im November 2008 kamen 900 Menschen ums Leben, als es bei einer Kommunalwahl zu Manipulationsvorwürfen kam. Kirchen, Moscheen, Geschäfte wurden abgebrannt und geplündert. Konnte man nach den weitgehend friedlichen, wenn auch nicht fairen Wahlen 2007 auf zunehmende Stabilität hoffen, haben die geschilderten Krisen diese Illusion zerstört.

Der sozio-ökonomische Konflikt im ölreichen Nigerdelta im Süden, dessen Bewohner Christen und Animisten sind, führt immer wieder zu Geiselnahmen, Überfällen und Bombenattentaten auf die Ölförderung sowie zu Militäreinsätzen. Aus dem Delta stammen über 90 Prozent aller nigerianischen Staatseinnahmen. Sie werden nach einem Schlüssel an alle Bundesstaaten verteilt. Die verheerenden ökologischen Folgen der Öl- und Gasförderung dagegen haben die Bewohner des Deltas allein zu tragen. Kürzlich kam es zu heftigen Gefechten zwischen Militär und Untergrundorganisationen. Eine Amnestie soll nun dazu führen, dass sie ihre Waffen abliefern. Eine schillernde Schlüsselfigur wurde aus dem Gefängnis entlassen. Entführungen, Ölraub, Waffenhandel sind hier über alle berechtigten Anliegen hinaus auch ein blühender Geschäftszweig. Frieden wird es nur geben, wenn die Menschen im Delta eine glaubwürdige Entwicklungsperspektive bekommen.

Internationale Aspekte

All dies gibt Grund zur Sorge, besonders, wenn der radikale, reaktionäre Islam hier tatsächlich Fuß gefasst haben sollte. Amerikanische Sicherheitskreise haben immer wieder befürchtet, das Land könne auseinander brechen. Der Aufbau des neuen Militärkommandos "Africom" mit Sitz in Stuttgart und eine deutliche Präsenz im gesamten ölreichen Golf von Guinea unterstreichen das. Nigeria zerstört sich selbst, ist aber nach außen nicht aggressiv. Es hat die ölreiche Bakassi-Halbinsel einem internationalen Gerichtsurteil folgend an Kamerun übergeben, hat seine Schulden bezahlt und war, besonders unter dem Vorgänger Yar Aduas, Obasanjo, ein zunehmend vertrauenswürdiger und einflussreicher Akteur auf der internationalen Bühne. Clinton lobte Nigeria auch ausdrücklich für den Einsatz seiner Truppen bei Friedensmissionen etwa in Liberia und Sierra Leone. Es wird als Stabilitätsanker für Afrika gebraucht.

Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen

Die Infrastruktur ist unzureichend, die Stromversorgung "epileptisch". Nigerianer führen dies auf die "Generatorlobby" zurück, die ein funktionierendes Stromnetz ebenso verhindere wie die "Straßentransportlobby" den Bau der Eisenbahnen, die China im Gegenzug zu Ölblöcken liefern wollte. Der Hafen von Lagos ist ein Nadelöhr, das Gesundheitswesen siech. Eine hohe Beraterin des Präsidenten erklärte, man brauche eine Generation, um wieder auf den Stand des Bildungswesens bei der Unabhängigkeit zu kommen. Die Arbeitskräfte sind folglich oft nicht ausreichend qualifiziert, die Produktionskosten hoch, die Geschäftsbedingungen wegen der Korruption und der weit verbreiteten Vertrags-untreue samt der Schwierigkeit, Verträge zügig und verlässlich vor Gericht durchzusetzen, besonders für neue ausländische Investoren gewöhnungsbedürftig. Hinzu kommen die politischen Risiken.

Um all das auszugleichen, müssen schon hohe Renditen erwirtschaftet werden. Auch bringen viele Nigerianer ihr Geld daher lieber ins Ausland, zumal der nigerianische Bankensektor Probleme hat. Das Management von fünf Banken wurde suspendiert, ihre Aktien aus dem Börsenhandel genommen, ein Rettungspaket von einstweilen 2,5 Mrd. US-Dollar geschnürt, Strafverfahren drohen. Weitere Überraschungen könnten folgen. Der NAIRA fiel weiter, was die Importe verteuert und inflationär wirkt. Trotz brachliegender Flächen werden Nahrungsmittel importiert, das geförderte Öl kann nicht raffiniert werden, sondern wird reimportiert und subventioniert.

Nigeria sitzt in der "Ölfalle". Die Ölpreise sind gegenüber den Erwartungen gesunken, wegen der Anschläge im Delta liegt die Fördermenge weit unter dem Potenzial, seine Einnahmen sind entsprechend stark gesunken. Da der Staatshaushalt zu über 90% von den Ölerlösen abhängt, hat die Weltbank Budgethilfe in Höhe von 500 Millionen US-Dollar bereitgestellt, über deren Sinn die Experten streiten. Bei internationalen Rankings vom Human Development Index bis zum Corruption Perception Index liegt Nigeria meist ziemlich hinten. Zwar hat die Regierung einen sinnvollen 7-Punkte-Plan, setzt ihn aber nicht erkennbar um. Die so genannte "Vision 20:2020", im Jahre 2020 zu den 20 größten Volkswirtschaften zu gehören, ist genau das - eine Vision.

Demokratie und Rechtsstaat

Korruption, Unfähigkeit und Missmanagement seien die Gründe für das Versagen aller Ebenen der Regierung, von den Kommunen über die Bundesstaaten bis hinauf zur Bundesregierung und damit die Hauptursache für die Diskrepanz zwischen Nigerias Reichtum und der Armut seiner Bevölkerung, sagte Clinton ihren Gastgebern ins Gesicht. Fehlende Transparenz und Verantwortlichkeit hätten die Legitimität der Regierung ausgehöhlt und zum Entstehen gewalttätiger Gruppen beigetragen, die die staatliche Autorität ablehnten. Unbedingt müssten die Wahlen 2011 glaubwürdiger werden als die manipulierten von 2007.

Harte aber faire Worte zum 10-jährigen Demokratiejubiläum nach dreißig Jahren Militärherrschaft, meinten viele nigerianische Kommentatoren während Politiker protestierten. 1999 war der ehemalige General Olusegun Obasanjo zum Präsidenten gewählt worden. Er hat Nigeria in die richtige Richtung gesteuert. Die Tilgung der Auslandsschulden, sein zumindest partieller Kampf gegen die Korruption und sein internationales Auftreten haben Nigeria genützt. Viele Nigerianer verübeln ihm jedoch, dass er sich eine dritte Amtszeit verschaffen wollte um zu verschleiern, dass er sich in Milliardenhöhe bereichert habe. Historiker und Philosophen werden die Frage beantworten müssen, ob ein korrupter Präsident, der sein Land auf den richtigen Weg bringt, besser ist als ein redlicher, aber inaktiv-kranker Präsident, der den Beinamen "Väterchen Stau" erworben hat.

Zukunftsperspektive

Im Fernsehen war kürzlich die Geburt eines Elefantenbabys zu sehen. Es versuchte sofort aufzustehen, unbeholfen, aber entschlossen. Es rief nicht nach Marshallplan und internationalen Hilfsaktionen, nicht nach Bono und Blair, ja nicht einmal nach einem Sanitäter mit einer Bahre und erster Hilfe. Es schien vielmehr zu denken: "Cool, ich bin ein Elefant, also soll ich wohl aus eigener Kraft auf die Beine kommen...". Mutter und Tanten schauten zu, halfen aber nicht. Nigeria, der am Boden liegende Elefant Afrikas, sollte sich dieses Baby zum Vorbild nehmen. Jahrzehnte von "bad governance" haben verhindert, dass die Nigerianer ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und versuchen, auf ehrliche Weise ihr Los zu verbessern. Aber wie Präsident Obama in Ghana gesagt hat: "Die Zukunft Afrikas hängt von den Afrikanern ab."

Vom "Ende der Geschichte" redet heute niemand mehr. Es bleibt vielmehr zu hoffen, dass Nigeria erst am Anfang seiner Geschichte steht, etwas wackelig, aber entschlossen, sie selbst zu gehen. Wie ein Elefantenbaby eben.



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Aus Deutschland kommt leider nie was neues.. wenn es um Afrika geht. Immer nur die gleichen überheblich angehauchten, schlecht recherchierten und einseitigen "Artikel". Begreift hier denn niemand, dass Afrika im Bewußtsein 'des Rests der Welt' längst der Kontinent der Zukunft ist? Wenn die Römmer sagten "Ex Afrika semper aliquid novi" so meinten sie das durchaus positiv. Sie betrachteten Afrika NICHT als 'verlorenen Kontinent' oder "Elefantenbaby", sondern als Quelle der Inspiration, gar als Vorbild. Der Verfasser des 'Artikels' gehört eher zur Generation brainwashed. Gehirngewaschen durch die ewig gleichen Berichte von Hunger, Tod und Korruption in 'Afrika'. Gerade auch Nigeria hat so unendlich viel mehr zu bieten als es dieses schlechte Machwerk aufzeigt. Finger in den Hals..
Kommentar Gast: 10. März '10, 09:55 (CET)
 
 
Sonntag, 28. Mai 2017


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Gefährliche Gewässer - Moderne Piraterie - Nr. 4, 2009

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Online veröffentlicht am
07. Februar '10 um 12:31 Uhr (CET).


Dr. habil. Klaus Pähler
ist Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Abuja, Nigeria. Zuvor war er bereits als Landesbeauftragter in der Region Südostasien eingesetzt.



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