Pottengal Mukundan im Interview mit dem IMS - Piraterie als globales Phänomen©  EUROFORUM/D. Gust.
Pottengal Mukundan im Interview mit dem IMS
Piraterie als globales Phänomen
Der Direktor des "International Maritime Bureau, Captain Pottengal Mukundan, stand dem IMS Rede und Antwort.

IMS: Captain Mukundan, welche Hauptfaktoren sind für den rasanten Anstieg der Piraterie weltweit in den letzten Jahren ausschlaggebend gewesen?

Pottengal Mukundan: Der Grund für den Anstieg der weltweiten Zahlen in den vergangenen Jahren liegt meiner Überzeugung nach darin, dass international keine wirksame Antwort auf die Herausforderungen dieser Form der Kriminalität gefunden werden konnte. Piraterie war auch in den letzten Jahrzehnten schon ein Problem für die Sicherheit der Seewege. Allerdings fand bis in die späten 1980er Jahre keine systematische statistische Erfassung der Angriffszahlen statt. 1991 hat das Internationale Schifffahrtsbüro (IMB), das zur Internationalen Handelskammer gehört, das Piracy Reporting Center (PRC) geschaffen. Dieses erfasst als einzige Institution weltweit 24 Stunden am Tag alle gemeldeten Überfälle. Vorher hatten die Kapitäne der Handelsschiffe keine Möglichkeit, die Angriffe einer einzigen Stelle zu melden, um die Strafverfolgungsbehörden zu informieren. Seitdem das PRC in Kuala Lumpur seine Arbeit aufgenommen hat, gehen die Meldungen teilweise noch während des Angriffs oder kurz darauf bei uns ein. Wir informieren dann umgehend die zuständigen Strafverfolgungsbehörden und warnen die anderen Schiffe, die sich in dem Seegebiet befinden. Wir verfolgen auch sehr genau, was die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden ergeben haben. Entsprechend hält das PRC eine breite Informationsbasis über die Geschehnisse auf den Weltmeeren vor, so dass in unseren Quartals- und Jahresberichten die Hochriskiogebiete der Piraterie klar erkennbar werden. Dadurch fungiert das Center als eine Art Katalysator, welcher die Überfälle publik macht und entsprechende Maßnahmen gegen die Piraten in Gang setzt. Dieses Vorgehen hat sich insbesondere in Südostasien bewährt, wo die Angriffszahlen in letzter Zeit erheblich zurückgegangen sind.

IMS: Nun werden ja nicht alle Überfälle an das IMB gemeldet. Was sind Ihren Erkenntnissen nach die Ursachen hierfür und wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer ein?

Pottengal Mukundan: Zunächst noch einmal: Es ist absolut notwendig, dass alle Reeder und Kapitäne die Attacken an uns melden. Denn nur dann gibt es eine unabhängige Erfassung, in welchem Seegebiet und auf welche Art und Weise der Überfall stattgefunden hat. Und nur dann besteht die Möglichkeit, etwas gegen die Piraterie zu unternehmen. Werden die Überfälle nicht gemeldet, so sind die Leidtragenden in erster Linie die Seefahrer. Dass nicht alle Überfälle gemeldet und erfasst werden, hat verschiedene Ursachen. So fürchten in Nigeria und im Golf von Guinea viele beispielsweise Vergeltungsmaßnahmen seitens der kriminellen Banden oder Repressalien seitens korrupter Behörden. Die Dunkelziffer variiert zwischen den verschiedenen Hochrisikozonen. Wir gehen davon aus, dass in Somalia die meisten der Überfälle von uns erfasst werden können, in der Region Südostasien schätzungsweise zwischen 40 bis 60 Prozent und im Golf von Guinea bei Nigeria leider nur etwa rund 40 Prozent.

IMS: In Südostasien konnte in den letzten Jahren ein Rückgang der Piraterie verzeichnet werden. Welche Maßnahmen waren es, die so erfolgreich die Sicherheit der Seewege wiederherstellen konnten?

Pottengal Mukundan: In Südostasien ist bereits seit 2004 ein Rückgang der Überfallzahlen zu verzeichnen, auch wenn es hin und wieder temporäre Anstiege bei den gemeldeten Überfällen gibt. Diese sind aber nur von kurzer Dauer. Die wichtigste Wasserstraße in Südostasien ist die Straße von Malakka. Die beiden Anrainerstaaten der Straße von Malakka mit der längsten Küstenlinie sind die Staaten Malaysia und Indonesien. Die Marine und Küstenwachen dieser beiden Staaten haben es geschafft, dass die Piraterie hier fast zum Erliegen kam.

IMS: Glauben Sie, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise gerade in dieser Region die Piraterie trotz der getroffenen Maßnahmen und entsprechenden Gefahren für die Piraten wieder zu einer attraktiven Einkommensquelle werden lässt?

Pottengal Mukundan: Dies kann passieren und wir konnten die Auswirkungen in diesem Bereich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sehen. Allerdings reagierten die beteiligten Staaten und deren Marinen unverzüglich und proaktiv, so dass die Piraten in der Region von weiteren Überfällen abgehalten werden konnten.

IMS: Welche Formen der Piraterie sind erkennbar?

Pottengal Mukundan: Allgemein lassen sich zwei Formen von Attacken erkennen. So gibt es zum einen die so genannten "maritime muggins". Dies sind kleinere Gruppen, die Schiffe auf See oder vor Anker liegend angreifen. Ziel ist es dabei, von Bord die Gegenstände zu stehlen, die unmittelbar greifbar sind, um dann nach etwa einer Stunde wieder von Bord zu verschwinden. Bei dieser Art von Überfällen kommt es häufig zu Gewalthandlungen gegen die Besatzung. Bei Überfällen auf See besteht weiterhin die Gefahr, dass die Crew eingesperrt wird, mit der Folge, dass die Brücke nicht besetzt ist. Folglich fährt dass Schiff auf Autopilot, was in einer viel befahrenen Wasserstraße wie etwa der Straße von Malakka die Gefahr eines Zusammenstoßes mit anderen Schiffen beinhaltet. Die schwerste Form der Überfälle liegt im Bereich der Entführung von Schiffen. Einerseits, um das gesamte Schiff samt Ladung in Besitz zu nehmen, andererseits, wie gerade in den Gewässern vor Somalia und Nigeria erkennbar, um hohe Lösegelder für Schiff und Besatzung fordern zu können. In Nigeria lässt sich zudem eine weitere Vorgehensweise erkennen: Hier wird zunächst das Schiff geplündert und dann die Crew an Land verbracht, um entsprechende Lösegelder einfordern zu können.

IMS: Nach welcher Methode gehen die Piraten vor der Küste Somalias vor?

Pottengal Mukundan: Die Piraten Somalias operieren von Mutterschiffen aus, mit deren Hilfe sie Überfälle hunderte Seemeilen entfernt von der Küste verüben können. Diese Mutterschiffe haben ein bis zwei Skiffs im Schlepp, mit denen die Piraten dann versuchen, ein lohnendes Ziel zu attackieren. Die Piraten agieren meistens mit vier bis sieben Piraten per Skiff, bewaffnet mit automatischen Waffen bis hin zu Panzerabwehrwaffen. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben, feuern sie auf das Schiff, um es zu langsamer Fahrt oder zum Stoppen zu zwingen und versuchen, es über das Heck zu entern.

IMS: Inwieweit kann man hier von einem organisierten Vorgehen sprechen?

Pottengal Mukundan: In der Tat lässt sich von einem gewissen Grad an Organisation sprechen. Die Piraten verfügen über Waffen, Mutterschiffe, die dazugehörigen Skiffs und nicht zuletzt die entsprechenden Leute, die die Überfälle ausführen. Allerdings gehen wir nicht davon aus, dass sie bestimmte Schiffe zuvor ausspähen, um diese dann gezielt zu attackieren.

Vielmehr sind es Kriminelle, die jede sich bietende Gelegenheit nutzen, ein Schiff zu entführen. Wenn man betrachtet, welche Schiffe bisher attackiert wurden, so finden sich alle Schiffstypen und Flaggen. Es ist kein Muster erkennbar.

IMS: Welche Maßnahmen können die Besatzungen etwa vor Somalia ergreifen, um ihrerseits Angriffe der Piraten abzuwehren?

Pottengal Mukundan: Wichtig ist es, dass man die Piraten, die von ihren kleinen Booten aus versuchen, ihre Ziele zu entern, nicht nahe an das Schiff herankommen lässt. Im Falle eines Angriffs sind aggressive Schiffsmanöver daher äußerst wichtig und erfolgversprechend. Die Kapitäne und Schiffsführer dürfen auf keinen Fall die Geschwindigkeit drosseln. Sie müssen diese im Gegenteil erhöhen, einen Zick-Zack-Kurs fahren und die erzeugten Wellen nutzen, um es den Piraten zu erschweren, längsseits zu kommen. Auch wird es den Piraten durch den Wellengang erschwert, etwa gezielt auf die Brücke des Schiffes zu feuern. Zweitens müssen die Attacken unverzüglich an das Maritime Security Centre am Horn von Afrika (MSCHOA) gemeldet werden, denn nur so kann etwa durch die internationalen Marineverbände Hilfe herbeigeholt werden.

IMS: Sind die getroffenen Maßnahmen wie etwa die Operation ATALANTA zum Schutz der Seewege vor der Küste Somalias ausreichend oder würden Sie mehr maritime Fähigkeiten begrüßen?

Pottengal Mukundan: Wenn Sie die Gewässer betrachten, so lassen sich zwei Hauptregionen ausmachen, in denen die Piraten aktiv sind. Die erste ist der Golf von Aden. Wir empfehlen den Schiffsführern, dass sie sich im Golf von Aden bei MSCHOA anmelden und deren Ratschlägen und Anweisungen Folge leisten. So können die Schiffe entlang des Internationally Recommended Transit Corridor (IRTC) durch Marineschiffe relativ geschützt den Golf von Aden passieren. Dieses System hat sich bisher bewährt. Die zweite Region ist das Gebiet vor der östlichen somalischen Küste im Indischen Ozean. Hier ist die Situation schwieriger. Dieses sehr weite Seegebiet ist für die Marinekräfte äußerst schwierig zu überwachen. Zudem können sie den Angegriffenen nicht so schnell wie etwa im Golf von Aden zu Hilfe kommen. In dieser Region empfehlen wir, Somalias in einem Abstand von 600 Seemeilen zur Küste zu umfahren.

IMS: Was denken Sie über den Schutz der Handelsschiffe durch private Sicherheitsfirmen?

Pottengal Mukundan: Es empfiehlt sich, private Sicherheitskräfte etwa im Bereich der Sicherheitsberatung oder des Sicherheitstrainings an Bord einzusetzen, bevor die Schiffe die Gewässer vor Somalia befahren. Bewaffnete private Sicherheitsteams an Bord hingegen lehnen wir ab. Denn die rechtlichen Rahmenbedingungen, was den Transport von Waffen auf und von einem Schiff anbelangt. sind - neben den Implikationen, die das Seerechtsübereinkommen beinhaltet - äußerst unklar. Auch verbieten die meisten Flaggenstaaten Waffen an Bord von Handelsschiffen. Und stellen Sie sich vor, es käme zu einem Schusswechsel auf See, in dessen Folge jemand getötet wird. Später stellt sich heraus, dass der Getötete ein Fischer und kein Pirat war. Dies hätte erhebliche Konsequenzen.

IMS: Welche Rahmenbedingungen sind nach Ihren Erkenntnissen für eine nachhaltige Bekämpfung der Piraterie notwendig?

Pottengal Mukundan: In Somalia wäre wie in jedem anderen Staat eine verantwortlich handelnde, stabile Regierung an Land notwendig. Denn die Piraten müssen nach ihren Angriffen zurück an Land. Sie können nur wirksam bekämpft werden, wenn die Strafverfolgungsbehörden vor Ort gegen die eigenen lokalen Kriminellen vorgehen,. Somalia wird hierzu in naher Zukunft nicht in der Lage sein. Allerdings gibt es Bemühungen etwa durch Puntland, einem Teilstaat, der sich innerhalb Somalias selbst für autonom erklärt hat, Piraten zu verfolgen und einzusperren. Diese Maßnahmen gilt es mit Nachdruck zu unterstützen, denn die Piratenhochburgen befinden sich vornehmlich in Puntland.

IMS: Herr Mukundan, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte David Petrovic

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Mittwoch, 29. März 2017


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Gefährliche Gewässer - Moderne Piraterie - Nr. 4, 2009

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Online veröffentlicht am
05. Februar '10 um 10:46 Uhr (CET).


Captain Pottengal Mukundan ist Direktor des International Maritime Bureau (IMB) mit Sitz in London. Die Jahres- und Quartalsberichte des Piracy Reporting Centers finden Sie
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