Afghanistan - Der Krieg des Friedensnobelpreisträgers
Afghanistan
Der Krieg des Friedensnobelpreisträgers
Von Florian Broschk und Julian Voje

Nach langem Zögern setzte US-Präsident Barack Obama mit seiner West Point Rede vom 1. Dezember 2009 einen Schlussstrich unter die Debatte der vorangegangenen Monate. Ein "strategischer Rückzug" auf der einen, oder ein "all-in" auf der anderen Seite - so präsentierten sich die beiden Postionen der amerikanischen Afghanistan- Debatte.


"And as Commander-in-Chief, I have determined that it is in our vital national interest to send an additional 30.000 U.S. troops to Afghanistan. After 18 months, our troops will begin to come home." Barack Obama, 1. Dezember 2009



Dabei entstanden diese unterschiedlichen Strategien nicht im Luftleeren Raum. Vielmehr musste ein überraschter Obama mit anhören, wie seine Mitarbeiter ihre Meinungen und Ratschläge an den Präsidenten öffentlich bekanntgaben. Der Oberbefehlshaber der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF, General Stanley McChrystal, warb öffentlich für ein "all-in", eine massive Truppenauf-stockung in Afghanistan. Nur auf diese Weise sei der Kampf gegen die Taliban in dem Land noch zu gewinnen. Doch auch Vizepräsident Joe Biden teilte seine Ansichten freimütig der Presse mit. Er empfahl seinem zaudernden Dienstherrn, durch einem "strategischen Rückzug" die Truppenstärke im umkämpften Afghanistan abzubauen. Stattdessen sollte die punktuelle Bekämpfung Al-Qaidas, insbesondere im Grenzgebiet zu Pakistan, in den Mittelpunkt gestellt werden.

Demokrat, Friedensnobelpreisträger und ein zerstrittenes Regierungs-Team, das Ganze gepaart mit einer hochbrisanten weltpolitischen Lage - das Erbe Jimmy Carters scheint wie ein Damokles- Schwert über dem Hoffnungsträger im Weißen Haus zu schweben. Denn auch US-Präsident Carter wurde zeitweilig zwischen den öffentlichen Forderungen seines Außenministers Cyrus Vance - der "Taube" - und seines Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski - des "Falken" - aufgerieben. Er schlug sich erst eindeutig auf die Seite seines Sicherheitsberaters, als seine Präsidentschaft bereits gescheitert war - und sowjetische Truppen in Afghanistan standen.

Präsident Barack Obama hat sich nun entschieden. Doch die Frage bleibt bestehen: Hat er die "richtige" Entscheidung getroffen? Reicht die versprochene Zahl von 30.000 Soldaten? Und ist ein Rückzug innerhalb von nur eineinhalb Jahren realistisch?

Eine erste Antwort auf diese Fragen kann die Doktrin des amerikanischen Militärs zur Aufstandsbekämpfung geben. Der Einsatz gegen Aufstandsbewegungen, so die Doktrin, stellt einen Kampf um die Legitimität in den Augen der Bevölkerung dar, kein tumbes Abschlachten von 'bad guys'. Shape - Clear - Hold - Build, so lautet die Devise: nachdem die notwendigen Bedingungen hergestellt sind werden feindliche Kämpfer aus einem Gebiet vertrieben, dieses aber anschließend nicht verlassen, sondern gesichert, damit Wiederaufbaumaßnahmen die Loyalität der Bevölkerung dauerhaft erringen können - was natürlich nur geht, wenn sie sich nicht mehr vor den Aufständischen fürchten müssen.

Dafür aber benötigt man Truppen; 20 Soldaten pro 1.000 Einwohnern gibt die amerikanische Vorschrift als Minimum erfolgreicher Aufstandsbekämpfung an. Bei geschätzt um die 30 Millionen Afghanen läge man also bei Truppen in der Größenordnung von 600.000 Mann. Auch wenn man nur die Anzahl der feindlichen Kämpfer in Betracht zöge - hier wird ein Verhältnis von 10 bis 15 Soldaten pro Aufständischen als Minimum vorgegeben - würden laut Vorschrift immer noch 250.000 bis 375.000 Soldaten benötigt. Die Schätzungen der Aufständischen werden zudem beständig nach oben korrigiert. Zurzeit befinden sich aber nur wenig mehr als 100.000 ausländische und weniger als 100.000 afghanische Soldaten im Einsatz. Selbst zusammen mit den etwas mehr als 90.000 afghanischen Polizisten - viele davon wenig mehr als lokale Milizen - scheinen die vorschriftsmäßigen Truppenstärken aus amerikanischer Sicht unerreichbar.

McChrystal sah und sieht dennoch ein Gelegenheitsfenster für eine klassische Aufstandsbekämpfungsstrategie. Mit 40.000 zusätzlichen Soldaten, so rechnete er vor, ließen sich sowohl dringend benötigte afghanische Sicherheitskräfte ausbilden als auch wichtige Bevölkerungszentren wieder dauerhaft unter die Kontrolle der afghanischen Regierung bringen lassen. Dabei verweist McChrystal darauf, dass eben nicht ganz Afghanistan gleichermaßen vom Aufstand betroffen ist. Andere Gebiete, wie etwa das abgelegene Nuristan sind für ihn angesichts der zur Verfügung stehenden Truppen zudem notfalls zu vernachlässigen ist. Kritische Gebiete, wie etwa die Regionen um Helmand und Kandahar oder Khost und Paktya, müssten dagegen zurückgewonnen und gehalten werden, um langfristig einen lebensfähigen afghanischen Staat zu ermöglichen.

Die Aussicht, nach den 17.000 zusätzlichen Soldaten zu Beginn des Jahres erneut zehntausende US-Soldaten in einen Krieg ohne Erfolgsgarantie zu schicken, konnte Präsident Obama kaum gefallen. Zu offensichtlich war die Parallele zu seinem erklärten Vorbild Kennedy, der einstweilen in Vietnam immer mehr und mehr Truppen in ein Fass ohne Boden schickte - auf Drängen seiner Generäle, die "nur noch ein paar Soldaten mehr" benötigen um dem Feind diesmal endgültig das Genick zu brechen.

Denn in der Tat weist die Aufstandsbekämpfungsstrategie Schwachstellen auf. Beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte - einem zentralen Element der Strategie - stellen sich unerwartete Probleme ein: Desertation und Macht-missbrauch gegenüber der Bevölkerung sind an der Tagesordnung. Bei ihrer Sommeroffensive in Helmand stießen verdutzte US-Soldaten auf eine Bevölkerung, die sich weit mehr vor der afghanischen Polizei als den Taliban fürchtete. Die Legitimität der Regierung, auf der die gesamte Strategie aufbaut, leidet unter Korruption auf allen Ebenen mehr noch als den gefälschten Wahlen. Dass jedoch auch die beste Strategie von außen nichts nutzt, wenn die afghanische Regierung nicht mitzieht geben auch die Befürworter der Einsatzes zu. Die finden sich aber eher im Umfeld der Republikanischen Partei; gerade die Basis von Obamas eigener Partei sieht den Krieg in Afghanistan überwiegend negativ. Und dass man Wahlen vor allem auch dann verliert, wenn die eigenen Wähler zuhause bleiben, während der Gegner seine Anhänger mobilisieren kann, weiß Obama wohl.

Unterstützung erhielten die "Falken" zudem von Kritikern wie den Professoren Andrew Bacevich und Stephen Walt. Diese betonen, dass der Einsatz, selbst wenn er denn Aussicht auf Erfolg haben würde, sich schlicht und einfach nicht lohnen würde. Al-Qaida sei auf Afghanistan nicht angewiesen, da sie ja auf der pakistanischen Seite der Grenze bereits über einen Rückzugsraum verfügen würde. Der teure und blutige Einsatz gefährde Amerikas Wirtschaft, verhindere flexible Reaktionen auf neue Herausforderungen und setze langfristig die amerikanische Führungsrolle aufs Spiel.

Mehr Soldaten, so warfen zudem Afghanistan-Experten wie Gilles Dorronsoro oder Rory Stewart ein, fachten den Widerstand der Afghanen doch gerade nur noch mehr an. Biden schlug in diesem Sinne eine Minimalstrategie vor, bei der nur wenige tausend Soldaten und Geheimdienstler benötigt werden, die aber jederzeit in der Lage sein sollen, gegen Hochwertziele vorzugehen und so verhindern, dass Terroristen sich ungestört irgendwo einnisten. "Counter-Terrorism" statt "Counterinsurgency" liefe aber wiederum Gefahr, dass die Taliban und ihre Verbündeten im entstehenden Freiraum doch zu stark werden. Anhänger der "Counterinsurgency"-Denkschule fragten zudem, wo in einem solchen Szenario die dringend benötigten Informationen über den Gegner herkommen sollten - wenn Informanten der wenig zimperlichen Vergeltung der Taliban ausgesetzt seien, würde deren Zahl recht schnell rapide abnehmen.

Angesichts guter Gründe und ernstzunehmender Argumente auf allen Seiten sowie den schwerwiegenden Folgen der Entscheidung war zu befürchten, dass Obama versucht sein würde, sich ein Vorbild an der deutschen Afghanistanpolitik
zu nehmen und auf "Durchwursteln" zu setzen. Mit seiner West Point Rede hat sich der Präsident nun klar zu einer Truppenaufstockung bekannt und zugleich den parteipolitisch dringend benötigten Beginn des Abzugs der Soldaten festgelegt: rechtzeitig vor Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs; ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Afghanistan, so mag man es verstehen, soll jedenfalls kein Fass ohne Boden werden. Der von Obama nun verkündete Beginn des Rückzugs darf zudem nicht überbewertet werden; er kann sich je nach innenpolitischer Lage durchaus über viele Jahre hinziehen. Allerdings bleibt die entscheidende Frage: reichen 30.000 neue Soldaten?


"About 99 percent of the battles and skirmishes that we fought in Afghanistan were won by our side. The problem is that the next morning there is the same situation as if there had been no battle. The terrorists are again in the village where they were.
Marschall Sergei Fjodorowitsch Achromejew, 13. November 1986



Eine zu moderate Truppenerhöhung, so warnten von Anfang an Analysten wie der Verteidigungsexperte Steve Biddle, sei gerade kein Königsweg: "ein bisschen" Aufstandsbekämpfung mit zu wenig Ressourcen könne sich als durchaus schlechter als gar keine Aufstandsbekämpfung erweisen. Doch wie einstweilen Michail Gorbatschov, der ebenfalls seine innenpolitischen Reformvorhaben nicht einem ressourcenzehrenden, unpopulären Krieg in Afghanistan opfern wollte, muss nun Barack Obama schmerzhaft erkennen, dass es außenpolitischen Erfolg auch für junge Hoffnungsträger nicht zum Nulltarif gibt.

Bildquelle: www.whitehouse.gov


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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
21. Dezember '09 um 17:48 Uhr (CET).


Florian Broschk ist Lehrbeauftragter am Institut für Orient- und Asienwissenschaft der Universität Bonn


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