Piratengefahr am Horn von Afrika - Wo Reedereien die Probleme und Defizite des Marine-Einsatzes sehen
Piratengefahr am Horn von Afrika
Wo Reedereien die Probleme und Defizite des Marine-Einsatzes sehen
Von Jörg Pfuhl

Europas Handel mit Asien läuft fast komplett durch den Suez-Kanal, muss also durch den Golf von Aden, und das heißt: an der somalischen Küste entlang. Rund 20.000 Schiffe jährlich sind das, und weil jeder dritte Containerriese weltweit einem deutschen Reeder gehört, hat es auch deutsche Schiffe am meisten getroffen. Vergangenes Jahr wurden 41 deutsche Schiffe Ziel von Piraten, dies Jahr bislang schon 50. Die wenigsten waren erfolgreich, sagt erleichtert Hans-Heinrich Nöll vom Verband deutscher Reeder, aber die Kosten der Piraterie sind hoch.

Nöll:„Es sind bisher seit letztem Jahr sieben deutsche Schiffe entführt worden. Und Lösegeldzahlungen gingen in Einzelfällen bis zu drei Millionen US-Dollar. Aber es gibt ja auch weitere Kosten: wie Versicherungskosten, die in Größenordnungen von zigtausend US Dollar für eine Durchfahrt gehen.“

Alle sieben entführten deutschen Schiffe sind freigekommen, dank Lösegeld gab es keine Toten. Aktuell sind zwar noch 10 Schiffe in Piratenhand, aber kein deutsches. Somalias Piraten rüsten zwar auf, aber seit einem Jahr müssen sie mit Gegenwehr rechnen.

Recht martialisch wirbt in Videoclips die königliche niederländische Marine für Atalanta – dabei wirkt diese Mission fast friedlich: in trauter Einigkeit ziehen chinesische, amerikanische, europäische Kriegsschiffe zur Abwechslung mal an einem Strang. Der deutsche Flotillenadmiral Thorsten Kähler ist stellvertretender Chef von Atalanta; er genießt die internationale Zusammenarbeit genauso wie die Zustimmung zum Einsatz in der Heimat.

Kähler: „Es ist auch ein gewisser Reiz dort drin, etwas zu machen, was allgemein anerkannt ist, auch bei den Bevölkerungen anerkannt ist. Piraterie ist ja eine Form der Kriminalität auf der hohen See, und diese Kriminalität wird von allen Nationen gemeinsam bekämpft.“

Doch ist der Golf von Aden fast 1.000 Kilometer lang – Einzelbewachung gibt es da bestenfalls für die Schiffe des Welternährungsprogramms. Wer bereit ist, ein paar Tage zu warten, kann sich einem organisierten Konvoi anschließen – auch er meist ohne militärische Begleitung, aber die Kriegsschiffe haben ein besonderes Auge auf die sogenannten Gruppentransits. Doch tage-, manchmal wochenlanges Warten auf so einen Konvoi kann sich kaum ein Reeder leisten: die allermeisten Schiffe melden sich also lediglich per Internet an, bevor sie in den Golf von Aden einlaufen. Dann wissen die Militärs wenigstens, wer sich gerade wo befindet.

Kähler: „Dieses Angebot wird inzwischen von etwa 75 Prozent der Schiffe wahrgenommen. Das heißt, es ist in einem Jahr von Null auf 75 Prozent hoch gegangen – wir wollen eigentlich 100 Prozent anstreben. Wir wissen natürlich auch, das sehr schwierig ist, weil es ja darum geht, die kleinen Reedereien, die zwei oder drei Schiffe haben, davon zu überzeugen, dass sie sich auch hier mitbeteiligen und anmelden.“

Immerhin: im Golf von Aden gibt es seit Monaten keine Kaperungen mehr. So erfolgreich ist Atalanta dort, dass man schon Opfer des eigenen Erfolgs wird.

Kähler: „Die Piraten selber sind im wesentlichen aus dem Golf von Aden rausgedrängt worden durch die massive Präsenz von Militär, die dort ist. Sie sind ausgewichen in die Weiten des Somali-Beckens und üben jetzt dort ihre Tätigkeit aus.“

Im riesigen Somali-Becken vor Afrikas Ostküste aber gibt es keine Konvois mehr und schon gar keinen militärisch überwachten Korridor. Wer sich dennoch bei Atalanta anmeldet, hat keine Ahnung, in welcher Entfernung das nächste Kriegsschiff dümpelt, klagt Reedervertreter Nöll:
„Wir haben immer noch einen Wunsch an die Bundesregierung, sich international dafür einzusetzen, weitere Transitkorridore zu errichten, mindestens einen vor der Ostküste von Afrika. Wir wissen, dass das enorme Anstrengungen erfordert, dass mehr Schiffe, mehr Kriegsschiffe dort eingesetzt werden müssen, weil das Gebiet sehr groß ist. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch die Notwendigkeit dazu: solange man in Somalia selbst nicht an die Ursachen der Piraterie herangeht, ist es nötig, mehr Sicherheit zu schaffen.“

Militärische Überwachung also nicht nur auf der Ost-West-Route durch den Golf von Aden, sondern auch in Nord-Süd-Richtung, verlangen die Reeder. Dort war auch die HANSA STAVANGER entführt worden. – „Keine Chance“, sagt Admiral Kähler. Mit der BREMEN hat die deutsche Marine aktuell nur ein einziges Kriegsschiff vor Ort, international sind es kaum 30 Schiffe.

Kähler: „Man muss natürlich hier sehen, dass das Somali-Becken etwa so groß ist wie die Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika. Und wenn Sie diesen Bereich mit drei bis vier Polizeifahrzeugen abdecken, ist das natürlich sehr wenig. Sie müssen sich das so vorstellen: das ist ein Gebiet, durch das ein Kriegsschiff mit mittlerer Geschwindigkeit etwa vier Tage braucht, um von Norden nach Süden zu kommen. In diesem Gebiet eine ähnliche Organisation aufzubauen, wie wir sie im Golf von Aden haben, ist sehr, sehr schwierig. Deswegen gibt es Empfehlungen, die Piratengebiete weiträumig zu umfahren. Und wir haben leider feststellen müssen, dass sich nicht alle daran halten, sondern denken: ‚Uns passiert schon nichts!’ und dann auch Abkürzungen fahren und dann natürlich genau in die Piraten gefährdeten Gebiete hineinlaufen.“

Mangels sichtbaren Schutzes durch Militär greifen viele Reeder zur Selbsthilfe. Sie installieren auf ihren Schiffen Schallkanonen und anderen Selbstschutz.

Nöll: „Wasserschläuche, Stacheldraht, bestimmte Stellen auf dem Schiff dicht machen. Es ist die Rede von Schallkanonen und ähnlichen Dingen. Die sollten in jedem Fall auch von den Reedereien unternommen werden. Ich denke, die große Mehrheit wird das tun.“

Auch die Militärs empfehlen dringend solch passiven Selbstschutz. Er kann die Kaperung nicht verhindern, sagt Admiral Kähler, aber kostet die Piraten mittlerweile entscheidende Minuten.

Kähler: „Sagen wir mal 15 Minuten haben sie gebraucht, um erfolgreich ein Schiff zu entern. Diese Zeit haben wir jetzt inzwischen verdoppelt durch die Ausweichmaßnahmen, die die Handelsschifffahrt ergreift. Und das ist dann eine Zeit, die dann auch ausreichend ist, dass wir mit dem nächsten Kriegsschiff oder mit dem nächsten Hubschrauber vor Ort sind, um den Piratenangriff erfolgreich abzuwehren.“

Der Admiral sucht die Kooperation mit den Handelsschiffen. Er hat Atalantas militärisches Hauptquartier im britischen Northwood für Zivilisten geöffnet.

Kähler: „Dort findet eine zivil-militärische Zusammenarbeit statt, die in dieser Form einzigartig ist. Das heißt also, wir haben ein gemeinsames Lagezentrum, dort sitzen auf der linken Seite die Vertreter der Handelsschifffahrt und auf der rechten Seite die Vertreter des Militärs in einem großen Lagezentrum. Und wir sind natürlich für jede neue Idee, die wir auch von Seiten der zivilen Handelsschifffahrt bekommen, dankbar, um das ganze System weiterzuentwickeln und zu perfektionieren.“

20 Plätze für Zivilisten bietet Northwood – nicht immer sind sie besetzt, bedauert Kähler. Atalanta hat über den Golf von Aden einen Schutzschirm aufgespannt, der relativ sicher ist, wenn man ihn nutzt: seit Juli ist es Piraten dort nicht mehr gelungen, ein Schiff zu entern. Aber der Schirm hat die Piraten nur verdrängt, wie es die Polizeipatrouille mit Straßenkriminellen tut. Nun wird woanders gestohlen.

gesendet am 28.11.09 in der NDR Info Sendereihe "Streitkräfte und Strategien"
Foto: Bundeswehr


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Sonntag, 23. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
04. Dezember '09 um 12:36 Uhr (CET).


Die NDR Info Sendereihe "Streitkräfte und Strategien" setzt sich kritisch mit aktuellen Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. Zu hören ist die Sendung alle 14 Tage, jeweils in der geraden Woche, samstags um 19.20 Uhr.


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