Umstrittenes Territorium - Die Konfliktregion Nordpol
Umstrittenes Territorium
Die Konfliktregion Nordpol
Von Jorgen Oerstroem Moeller

In der Arktis hat es schon früher Konflikte zwischen den an sie angrenzenden Mächten wegen umstrittener Gebietsansprüche gegeben. In den 1930er Jahren kam es beinahe zu einem Krieg zwischen Dänemark und Norwegen, als die Norweger ein Gebiet an der Ostseite Grönlands besetzten, das sie das "Land Eriks des Roten" nennen und auf eine Sage aus dem 10. Jahrhundert zurückgeht. Doch der gesunde Menschenverstand behielt die Oberhand. Die Sache wurde dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag übergeben; dieser entschied 1933, dass das umstrittene Territorium zu Dänemark gehört und beide Nationen erklärten sich mit dieser Entscheidung einverstanden. Man kann nur hoffen, dass das gleiche Maß an gesundem Menschenverstand das Spiel beherrschen wird, das sich in den kommenden Dekaden entfalten wird.

Das nächste Mal betrat die Region die Bühne der Geopolitik im Zweiten Weltkrieg als meteorologische Stationen erstmals in der Lage waren, das Wetter in Westeuropa vorherzusagen. Deutschland, Großbritannien und die USA errichteten Wetterstationen in der Arktis. Die deutsche Station ging 1943 verloren und das Monopol auf diese wichtige Information war eine der entscheidenden Faktoren für die erfolgreiche Landung in der Normandie 1944. Nach dem Ende des Krieges konnten die USA ihren Stationen in Grönland weiter betreiben, da die Dänen einen Vertrag eingingen, der Grönland dem Schutz der USA unterstellte und den Amerikanern ermöglichte, dort Militärbasen zu errichten. Damit stand Grönland endgültig auf die Bühne der Geopolitik.

Der Kalte Krieg hatte zur Folge, dass die direkte Route zwischen den USA und der Sowjetunion über den Nordpol ein strategisch wichtiges Gebiet wurde und der Luftwaffenstützpunkt in Thule der strategisch wohl am besten platzierte Stützpunkt der USA wurde. Radarstationen konnten einen möglichen Angriff abfangen und gaben den Amerikanern frühere Warnmöglichkeiten als den Sowjets. Der Stützpunkt wäre ein wichtiger Halt im Kriegsfalle gewesen. Dänemark vertrat zwar den Grundsatz, dass es in Friedenszeiten keine Atomwaffen auf dänischem Boden geben dürfe, aber es sieht so aus, dass ungeachtet dieses Grundsatzes auf dem Stützpunkt in Thule Sprengköpfe der USA stationiert waren. Das Gebiet wird dominiert von den Landmassen Grönlands, der größten Insel der Welt, und ist fast ganzjährig mit Eis bedeckt. Fünf Staaten grenzen an das Gebiet an: die USA, Russland, Kanada, Norwegen und Dänemark, da Grönland zu seinem Hoheitsgebiet gehört.

In der näheren Zukunft wird sich das geostrategische Spiel um drei großen Themen drehen:

Erstens, die Stationierung von Frühwarn-systemen mit im Grunde denselben Funktionen wie die großen amerikanischen Installationen während des Kalten Krieges. Auch wenn ein Angriff Russlands auf die USA oder vice versa derzeit undenkbar scheint, wissen Strategen dennoch, dass die Planung auch das Undenkbare beinhalten muss - nur das Unmögliche kann sicher ausgeschlossen werden. Russland verfügt noch heute über ein riesiges Nuklearwaffen-Arsenal und seine Trägerraketen geben ihm die Möglichkeit einen Luftangriff zu starten, falls die Führungseliten Russlands mal auf solche Ideen kommen sollten. In dasselbe Szenario gehören auch Raketenangriffe von Ländern wie dem Iran, für das die kürzeste Route zu den USA über den Nordpol führt. Für die USA, die durch die Errichtung von Militärbasen auf der ganzen Welt die Verteidigung des Heimatlandes ausbauen wollen, ist dementsprechend ein ungehinderter Zugang zur Arktis und die Garantie dieses Zugangs von vitalem Interesse. Für Länder, die sich die Möglichkeit eines Angriffs auf die USA erhalten wollen, bekommt die Präsenz am Nordpol eine hohe Priorität.

Zweitens wird durch das Abschmelzen der Eisdecke die berühmte Nordwest-Passage Wirklichkeit. In nicht all zu ferner Zukunft werden Schiffe durch die Straße zwischen Grönland und Kanada und von dort südwärts durch die Bering-Straße in den Pazifik fahren: Dies verkürzt die Fahrtzeit von Europa oder der Ostküste der USA zu den meisten Teilen Asiens erheblich und man vermeidet den Suezkanal und andere unsichere Gegenden. Es ist bekannt, dass die US-Navy über diese Route ihre U-Boote zwischen Atlantik und Pazifik hin und her verlegte, anstatt den Panama-Kanal zu nehmen.

Das dritte und womöglich wichtigste Thema ist das schon seit langem vermutete respektive bekannte riesige Reservoir an Öl und Gas in der Arktis. Neueste Daten legen nahe, dass hier 30 Prozent der noch unentdeckten Gas- und ca. 13 Prozent der noch unentdeckten Ölvorkommen weltweit liegen. Der größte Teil davon liegt wohl offshore in einer Meerestiefe von grade einmal 500 Metern. Erkundung und darauffolgende Erschließung der Vorkommen war wegen der Dicke der Eiskappe bisher noch nicht möglich. Aber wenn das Eis weiter schmilzt - was wohl anzunehmen ist - wird dieses Hindernis verschwinden und der Schatz an Ressourcen wird erreichbar. Das wird mit größter Sicherheit den Startschuss zu einem Wettrennen zwischen den fünf Mächten abgeben, die alle Ansprüche erheben. Da in bestimmten Teilen der Arktis noch keine Grenzen gezogen worden sind, die die ökonomische Nutzung festlegen, ist die Region akut gefährdet, zu einem Konfliktgebiet zu werden.

Die USA haben sich dem Grundsatz verschrieben, ihre Abhängigkeit von Ölimporten - besonders aus dem Mittleren Osten - zu reduzieren. Dies führte zu einer Diversifizierung der amerikanischen Ölversorgung. Die Gewinnung von Öl und Gas in der unmittelbaren Umgebung, die mit kürzeren Transportzeiten verbunden ist und deren Transportwege durch Territorien von Verbündeten wie Kanada oder Dänemark führen, ist für die USA eine kaum zu widerstehende Option.

Russland ist schon längst eine Supermacht auf dem Öl- und Gassektor. Mit Blick auf die Unsicherheit, wie lange die sibirischen Felder noch vorhalten, bietet der Zugang zu neuen Quellen eine Möglichkeit, auf viele Jahre im Geschäft zu bleiben. Russland hat sich bereits bewegt, indem es im August 2007 durch ein Atom-U-Boot unter der Eisdecke am Nordpol eine Flagge setzen ließ und eine Erklärung veröffentlichte, die man als Hoheitsanspruch interpretieren konnte; doch die volle Bedeutung dieses Aktes ist noch nicht klar. Am 27. März 2009 verkündete Russland den Plan eine Arktische Truppe zu schaffen, die am Nordpol einsetzbar ist, und bis 2015 eine neue Generation von nuklearbetriebenen Eisbrechern zu bauen.

Die anderen drei Player - Kanada, Dänemark und Norwegen - werden unzweifelhaft auf internationalen Prinzipien beharren und versuchen, die Grenzverhand-lungen unter die Auspizien der Vereinten Nationen zu bringen. Die Erfahrungen deuten allerdings darauf hin, dass die Supermächte USA und Russland ihre Schwierigkeiten damit haben, sich auf dieses Prozedere einzulassen, wenn es nicht zu ihren Gunsten ausfällt.

Es gibt aber noch einen unbekannten Mitspieler: Grönland. Mit seinen 56.000 Einwohnern ist die Insel ein Teil von Dänemark, steht aber unter Selbstverwaltung. Sicherheit und Verteidigung obliegen Dänemark und gehören nicht zur Selbstverwaltung, aber durch die 1941 und danach geschlossenen Verträge ist ein wichtiger Teil der Sicherheit und Verteidigung in die Hände der USA gelegt worden. Die Grönländer denken zur Zeit laut über eine Lockerung der Bindungen an Dänemark nach. Auch wenn derzeit eine vollständige Unabhängigkeit nicht in Reichweite zu liegen scheint, kann diese Option langfristig nicht ausgeschlossen werden. Der Zugang zu Öl und Gas verspricht unglaubliche Einnahmen für die 56.000 Grönländer und ist sicherlich eine Trumpfkarte in dem noch auszutragenden Spiel. Falls Dänemark nicht willens ist Grönland entgegenzukommen, gibt es eine attraktive Alternative: Wenn man nämlich andere angrenzende Nationen um militärischen Schutz für ein unabhängiges Grönland bittet, und diesen Schutz mit dem Zugang zu den natürlichen Ressourcen bezahlt.

Für Dänemark ist die Rolle des Wächters über Grönlands Souveränität ein unbequemes Problem. Die dänischen Verteidigungsausgaben waren nie die höchsten in der NATO und auch als der Kalte Krieg sich zuspitzte, gab Dänemark nie mehr als 2 Prozent seines Bruttosozialproduktes für die Verteidigung her. Gegenwärtig liegt die Zahl bei 1,3 Prozent und nur sehr wenig davon ist für Ausrüstung vorgesehen, die den arktischen Bedingungen gerecht wird. Da Dänemark nicht in der Lage zu sein scheint, seine Ausgaben merklich zu erhöhen, wird seine Machtlosigkeit als Beschützer Grönlands sichtbar werden - was wiederum in die Hände derer in Grönland spielt, die die Bindungen nach Dänemark schwächen möchten - und auch in die Hände derer, die dieses Machtvakuum gerne ausfüllen würden.

Dänemark hat daher im März 2008 eine Konferenz zwischen den fünf Ländern initiiert, die die Ansprüche auf die natürlichen Ressourcen evaluieren sollte. Es ist der Versuch, Konflikte zu vermeiden und die offenen Fragen in einen völkerrechtlichen Rahmen zu lenken. Laut der Seerecht-Konvention der Vereinten Nationen haben die Länder in der Arktis das Recht, innerhalb von 320 km ab ihrer Küstenlinie Wirtschaftszonen einzurichten. Dies sollte jeden Disput ausschließen, wenn da nicht schon die Uneinigkeiten bestehen würden, die es wegen des Limonosov-Gebirgskammes gibt: Wenn der Gebirgskamm wirklich Sibirien mit dem arktischen Meer verbindet, könnten die Russen ihre Gebietsansprüche ausweiten.

Wenn diese Frage durch die politischen Kanäle gebracht wird, werden wissenschaftliche Daten bis 2014 an die Vereinten Nationen übermittelt, die dann den Streit entscheiden wird. Das Problem ist, dass die Daten eine Verteilung der Ressourcen ergeben könnte, die die Supermächte nicht akzeptieren wollen.

Foto: US Navy

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Zwischen Traum und Wirklichkeit - Die Sicherheitspolitik der Europäischen Union - Nr. 3, 2009

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Online veröffentlicht am
03. November '09 um 12:00 Uhr (CET).


Jorgen Oerstroem Moeller trat unmittelbar nach seinem Master in Wirtschaft an der Universtität Kopenhagen (1968) in den Dienst des dänischen Außenministeriums und wurde 1991 zum Staatssekretär berufen. Ab 1997 war er Botschafter u.a. in Singapur, Australien und Neuseeland. Seit 2005 ist Moeller Visiting Senior Research Fellow am Institute for Southeast Asian Studies, Singapur.


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