Die Beziehungen zwischen China und den USA - Die "Weltraum-Dimension"
Die Beziehungen zwischen China und den USA
Die "Weltraum-Dimension"
Von Dingli Shen

Sowohl das US-Amerikanische als auch das russische Weltraumprogramm sind beeindruckend. Beide haben hochentwickelte Raumstationen, beachtliche Trägerrakten und globale Positionsbestimmungssysteme. Aber auch die asiatischen Staaten haben sich in letzter Zeit sehr intensiv im Weltraum-Wettbewerb engagiert.

Asien kommt

Vor allem Japan, China und Indien nehmen an dem Wettlauf teil. Japan startete seine Mondfahrt im Jahre 1991 zunächst ohne großen Erfolg. Am 14. September 2007 startete es jedoch erfolgreich die Raumsonde "Kaguya" zum Mond. China begann sein ziviles Weltraumprogramm während der Kulturrevolution und beschleunigte sein Tempo mit Beginn des 21. Jahrhunderts. Seit 2003 hat es sieben bemannte "Shenzhou"-Raumfähren erfolgreich gestartet. Am 24. Februar 2007 startete China seinen ersten Mondorbiter. Es versteht sich von selbst, dass China plant, 2010 seine erste eigene Raumstation ins All zu senden und auf dem Mond zu landen - vielleicht im Jahre 2024. Indiens Weltraumprogramm begann spät, doch es holt Tempo auf. Am 22. Oktober 2008 startete Indien seinen ersten Mondorbiter "Chandrayaan-1" ins All. Gegenwärtig plant Indien, 2020 eine Mondlandung durchzuführen, also vier Jahre vor China.

Zwischen diesen drei asiatischen Staaten entwickelt sich offensichtlich ein Wettlauf ins All. China startete als erstes, aber Indien und Japan schließen auf. Bislang weisen sie unterschiedliche Besonderheiten in ihren Weltraumprogrammen und den Errungenschaften auf. Sie alle haben ihren ersten Mondorbiter ins All geschossen und sie alle verfügen über ein ziemlich hohes Potential an Weltraumfahrzeugen. Allgemein scheint das chinesische Weltraumprogramm am beeindruckendsten zu sein: China verfügt über eine bemerkenswerte Rückholtechnik für Raumfahrzeuge und hat bereits mehrfach Mannschaften ins All geschickt. Auch hat es die besten Leistungen in Punkto Raketenstart gezeigt.

Im weiteren Vergleich ist Japan relativ weit fortgeschritten was die allgemeine For-schung und technologische Stärke betrifft. Obwohl Tokyos Abschussleistung bisher nicht beeindruckend ist, verfügt es über vergleichsweise gute Forschungs- und Satellitentechnologie. Was Indien angeht, so scheint es einen nationalen Konsens für das Vorantreiben der Mondforschung zu geben. Neu-Delhi hat ein kosteneffektives Programm entwickelt, das unter diesen drei rivalisierenden Ländern herausragend ist. Das japanische Weltraumprogramm wurde von den USA begleitet, während Russland China und Indien geholfen haben könnte. China hat die Zusammenarbeit mit den USA auf dem Gebiet der zivilen Weltraumtechnologie gesucht, aber die NASA hat dies abgelehnt.

Jedoch zeigt Washington den Willen, mit Indien zusammen zu arbeiten. Dies scheint auch angesichts der US-Interessenlage wahrscheinlicher, die - zumindest unter Bush Jr. - Indien als Gegengewicht zu Chinas Aufstieg zu stärken suchte. Folglich könnte dies Indiens Weltraumprogramm eine gewisse Begrenzung im trilateralen Weltraumwettbewerb in Asien setzen. Im Rennen um die unbemannte Mondfahrt war China bisher Japan unterlegen. Man kann sich nur schwerlich vorstellen, dass China bereit ist, auch Indien im Rennen um die bemannte Mondfahrt hinterher zu hinken. Es ist vorhersehbar, dass ein solches Rennen in den nächsten Dekaden an Intensität gewinnen könnte und Peking sein Programm neu justieren wird, um seine Führungsrolle nicht zu verlieren.

Die Dimension der Abschreckung

Washington scheint unwillig, in der zivilen Weltraumforschung mit China zusammen zu arbeiten - höchstwahrscheinlich, um seine zivil und militärisch nutzbare Weltraumtechnologie zu schützen. Chinas Erfolg beim ASAT-Experiment (ASAT = Antisatellitenrakete) am 11. Januar 2007 könnte die Sorgen des Pentagons um ein chinesisches Weltraumwaffenprogramm verschärft haben. Doch aus der chinesischen Perspektive hat die Sorge der USA vor einer Weltraumbewaffnung Peking aufgebracht. Auf der Erdoberfläche wird die Balance der internationalen Beziehungen durch eine Balance in der strategischen Abschreckung gegenüber Großmächten garantiert. Obwohl China im Vergleich zu den USA über eine eher schwache nukleare Abschreckung verfügt, ist sie dennoch effektiv.

China war nie erpicht auf Nuklearwaffen. Die chinesische Führung hatte Atombomben trotz der verheerenden Zerstörungskraft, die die US-amerikanischen Bomben in Hiroshima und Nagasaki demonstriert hatten, als "Papiertiger" bezeichnet. Als jedoch die USA Chinas Sicherheit in den 1950er Jahren offen herausforderten (während des Koreakrieges und im ersten Indochinakrieg) entschied sich auch China im Januar 1955 für den nuklearen Weg. Im Oktober 1964 wurde die erste Bombe in der Gobi-Wüste getestet. Obwohl die USA womöglich den Status Chinas als Atommacht nicht akzeptieren werden, hat der Umstand, dass China eine geringe strategische Abschreckung aufgebaut hat, die Stabilisierung des US-chinesischen Verhältnisses gefördert. Gleichzeitig hat es - entgegen der Interessen Washingtons - die amerikanische Handlungsfreiheit gegenüber China eingeschränkt. Da Peking effektive Vergel-tungsmittel entwickelt hat, muss das Weiße Haus die militärischen und politischen Konsequenzen eines Krieges mit China abwägen. China hat ganz bewusst ein Minimum an Abschreckungsstrategie gewählt, um den Effekt der Abschreckung zu erzielen, aber gleichzeitig den Status quo kaum zu beeinträchtigen. Es glaubt, dass es die internationalen Beziehungen mit allgemeiner nationaler Stärke bewältigen kann und dass Atomwaffen nur dazu da sind, einen atomaren Erstschlag durch andere zu verhindern. Ein solcher kann nie ausgeschlossen werden, ist aber extrem unwahrscheinlich.

Gleichgewicht der Macht: Der Space Angle

Es existiert eine asymmetrische Balance der Abschreckung zwischen China und den USA als solche. Aber diese erodiert seit den 1990er Jahren durch die Bemühungen der Clinton-Regierung um eine nationale Raketenabwehr und die Fortführung der Weltraumbewaffnung durch die Bush-Regierung. In der Tat gibt es in der ganzen Welt Raketenproliferation. Amerika und die anderen westlichen Staaten verbreiteten Raketen unter ihren Verbündeten. Wegen der ähnlichen Verbreitung in den Entwicklungsländern hat der Westen mittels verschiedener Verhaltenskodizes wie dem Missile Technology Control Regime die Kontrolle des Raketentransfers verstärkt. In dieser Hinsicht haben China und die USA eine komplexe Beziehung entwickelt. China lieferte früher konventionelle Raketen an Staaten im Nahen Osten und Südasien, inklusive Saudi-Arabien und Pakistan. Auf Druck der USA hat China diese Lieferungen eingeschränkt.

In der Zwischenzeit verkaufen die USA weiterhin Waffen an Taiwan, was von China als Provokation angesehen wird. Abgesehen von den ideologischen Diffe-renzen verheißen Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen, Chinas Drohung, eine de jure Unabhängigkeit Taiwans niederzuschlagen sowie Amerikas Drohung der Intervention in Übereinstimmung mit dem Taiwan Relations Act nichts Gutes für eine physische Konfrontation zwischen Peking und Washington. China erachtet daher eine effektive nukleare Abschreckung trotz eines geringem Umfangs für unerlässlich, um die USA zur Zurückhaltung zu veranlassen. Nichtsdestotrotz dienen sowohl die nationale Raketenabwehr als auch die ambitionierte Weltraummilitarisierung durch das Pentagon der Neutralisierung der Effektivität von Chinas Abschreckung. Peking hat die Ernsthaftigkeit dieser Entwicklung verstärkt und damit den ABM-Vertrag und andere Verträge gegen die Weltraummilitarisierung verletzt. Bislang sind Chinas Bemühungen erfolglos - die USA haben den ABM-Vertrag aufgekündigt und sind auf ein aggressives Weltraumwaffenprogramm umgestiegen, um China zu einer entsprechenden realistischen Antwort aufzufordern. Obwohl China seinen Widerstand gegen Weltraumwaffen geäußert hat, versteht es sich von selbst, dass es sein eigenes Forschungs- und Entwicklungsprogramm unterhalten könnte. Das Satellitenexperiment vom Januar 2007, wie die chinesische Regierung es nannte, wurde weithin für ein ASAT-Programm gehalten. Dies hat einen internationalen Widerhall ausgelöst und Peking soll anschließend versprochen haben, einen solchen Versuch nicht zu wiederholen.

Dies sollte jedoch die Sorgen über Chinas anhaltende Bemühungen, Verteidigungsfä-higkeiten im Weltraum zu erlangen und damit die Überlegenheit der USA aufzuheben, nicht zerstreuen.

Wenn die Geschichte der nuklearen Proliferation irgendwelche Lehren erteilen kann, dann die, dass dieses militärische Wettrennen im All so früh wie möglich beendet werden sollte.

Die amerikanische Regierung sollte erkennen, dass es absolut nicht wünschenswert ist, sich ein Weltraum-Monopol durch militärische Fähigkeiten zu erstreben. Amerikas Streben nach absoluter Sicherheit durch die Herrschaft im Weltraum wird nur andere Länder anstacheln, in dieses kostspielige Rennen einzusteigen. Nahezu alle großen Länder könnten sich als Großmächte etablieren, indem sie nationale Ressourcen für Verteidigungszwecke zusammentragen. Anstatt also den militärischen Weltraum-Wettbewerb fortzusetzen, sollten China und die USA einen Dialog über die Weltallsicherheit aufnehmen, über Verhaltensregeln bei Weltraumaktivitäten verhandeln und sich gegenseitig Transparenz und Vertrauen gewähren.

erschienen in: IMS Nr. 2, 2009; 60 Jahre NATO
Foto: USAF Staff Sgt. D.Myles Cullen



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Sonntag, 28. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
23. Oktober '09 um 10:10 Uhr (CET).


Dr. Dingli Shen ist Dekan am Institut für Internationale Studien und stellvertretender Direktor des Zentrums für Amerikanistik an der Universität Fudan in Shanghai. 2002 berief in der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan als strategischen Berater.


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