Mobiler Raketenschild - Die USA setzen auf eine flexiblere Abwehr
Mobiler Raketenschild
Die USA setzen auf eine flexiblere Abwehr
Als sich im Mai eine blaue Sejjil-Rakete in den iranischen Himmel erhob, begleitet von den Rufen "Allahu Akbar" (Gott ist Groß) anwesender Offizieller, schauten die internationalen Waffenexperten mit Argwohn nach Teheran. Es war Irans erster erfolgreicher Test einer Mittelstreckenrakete mit festem Treibstoff. Solche Raketen sind flexibel und kurzfristig einsetzbar, operieren von mobilen Abschussvorrichtungen und können leicht in Silos gelagert werden. Mit den älteren Flüssigtreibstoffraketen war es da kniffliger: sie mussten vor dem Start aufgetankt werden. Noch überraschender war, dass die iranischen Sejjil, mit einer Reichweite von etwas 2.000 Kilometer, zwei aneinander gereihte Feuerstufen zeigte, die ihr zusätzlichen Schub verlieh. Schon im Februar schoss der Iran einen kleinen Satelliten ins Weltall - was schlussfolgern lässt, dass der Iran nun die Technologie für sein Raketenprogramm zu meistern scheint.

Viele Beobachter konstatieren, dass das Mullahregime mit seinem Raketen- und Nuklearprogramm immer weiter Fortschritte macht. Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte die Sejjilraketen gäben dem Iran die Macht, jede Militärposition auszuschalten, die "eine Kugel" gegen sein Land abfeuern würde.

Jedoch spielt der Amerikanische Geheimdienst Teherans interkontinentales Raketenprogramm (ICBM) herunter. Es ginge eine größere Gefahr von Kurzstreckenraketen aus, die amerikanische und Ziele von Verbündeten in Europa und dem Mittleren Osten treffen könnten.

Daraufhin gab Barack Obama am 17. September plötzlich den bisherigen Plan eines Raketenabwehrschildes, mit einer Radarstation in Tschechien und zehn Abfangstationen in Polen auf. Stattdessen sollen nun kleinere Radar- und Abfangsysteme zu Land und auf im Mittelmeer kreuzenden Schiffen, die näher zum Iran liegen installiert werden. Diese wären dann mit der leichteren aber auch weniger starken SM-3 (Standart Missile 3) ausgerüstet. Die Ausrüstung soll jedoch schrittweise ausgebaut werden, so dass bis 2018 der gesamte Europäische Kontinent geschützt sein soll.

Präsident Obama nennt das neue System „stärker, schlauer und schneller“. Russlands resoluter Widerstand gegen George Bushs Pläne hätten mit dieser Entscheidung jedoch nichts zu tun, so die amerikanische Regierung. Ein Quid pro Quo wurde tunlich heruntergespielt, wie etwa die russischer Hilfe bei der Durchsetzung von Sanktionen gegen den Iran – obwohl Obama seine Freude nicht verbergen konnte als Russlands Präsident, Dimitri Medwedew, vor der UN zugab, dass Sanktionen zwar selten Wirkung zeigten, sie seien „in manchen Fällen jedoch unvermeidlich.“

Tschechische und polnische Politiker fühlen sich jedoch im Regen stehen gelassen. Sie hatten ihre Pläne gegen russisches Drohgebären entwickelt aber auch gegen eine zunehmend skeptische öffentliche Meinung in ihren Ländern. Dabei hatten sie gehofft, dass eine dauerhafte amerikanische Militärpräsenz eine engere Partnerschaft bei der Verteidigung ihres Landes einbrächte als die Garantien in den NATO-Papieren. Als Entschädigung für seine Enttäuschung will Polen dafür die Stationierung von Patriot Luftabwehrbatterien (voll bewaffnet und nicht nur zu Trainingszwecken) sowie möglicherweise eine Lieferung amerikanischer F-16 Kampfflugzeuge.

Mindestens seit Ronald Reagans das „Star Wars“-Programm initiierte, ist Raketenabwehr ein polarisiertes Thema in der amerikanischen Politik. Verteidigungsminister Robert Gates meint es grenze schon an ein Dogma. Kritiker betonen immer wieder es sei ein sinnloses Unterfangen: jedes Land was im Stande sei Langstreckenraketen und nukleare Sprengköpfe herzustellen sei auch in der Lage Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Widersprüchlicherweise argumentieren die Kritiker aber auch, dass ein Raketenschild Russland aufbringen und das nukleare Gleichgewicht riskieren würde. Ein weiteres Argument war, dass falls ein Land wie Iran eine Atombombe bauen würde und sie gegen seine Feinde einsetzen sollte, so würde es sie eher in einem anonymen Container verschiffen als eine Rakete abzufeuern, die mit Sicherheit mit einem Vergeltungsschlag beantwortet würde.

Nichtsdestotrotz hatte die Bush-Regierung die Raketenabwehr energisch vorangetrieben, wobei man den ABM-Vertrag (Anti-Ballistic-Missile-Treaty) aus dem Jahr 1972 kündigte. Zusätzlich zu den beiden Abfangstationen in Alaska und Kalifornien sucht die Regierung einen dritten Standort eines GBI (Ground-Based Interceptors) in Europa durchzusetzen. Das Europäische System sollte dafür optimiert werden, Iranische Interkontinentalraketen abzufangen, die auf Amerika zielten. Die amerikanischen Stationen sollten sie dabei unterstützen. Es wurde also den Europäern verkauft, dass es sie auch verteidigen würde.

Aber die Bush-Regierung akzeptierte dass Süd- und Osteuropa durch die GBI nicht zu schützen sei. Entsprechend sollten diese Gebiete durch ein Ersatzsystem auf in der Ägäis stationierte Schiffe, sowie durch ein von NATO entwickeltes Verteidigungskonzept geschützt werden. Unter der Obama-Regierung ist dieses Ersatzsystem zur Priorität geworden. Um Gebiete näher am Iran zu schützen, hat Obama die Option sich auf mutmaßliche iranische Kontinentalraketen einzuschießen zumindest bis 2020 aufgegeben, wenn weiterentwickelte Versionen der SM-3 eine Abfanggarantie brächten.

Ist das neue System jedoch gut genug um Europa zu schützen? Minister Gates sagt nun das von ihm einst umworbene GBI-System sei inadäquat. Stationäre Radar- und Abfangstationen seien zu verwundbar gegen präventive Angriffe und mit nur 10 GBIs sei das System schnell mit einer handvoll Raketen überfordert, in diesem Fall, so sagen Berater, müsste man sich in Washington entscheiden ob man Europa opfert um noch genug Raketen zu haben, sich selbst zu schützen.

Demgegenüber können die Kriegsschiffe in der Ägäis etwa einhundert SM-3 Raketen führen. Diese können ebenfalls auf Land in mobilen Abschusssystemen genutzt werden. Anstatt eines großen stationären Radars, wird die kleinere, mobilere Sensorik am Land, auf See, im Weltraum, aber auch in Drohnen und sogar Heißluftballons eingebaut, sowie durch ein digitales Netzwerk verbunden. Solch ein System ist schwieriger zu zerstören und könnte leichter in Krisenregionen eingesetzt und verlagert werden. Tatsächlich machte sich das SM-3 System in Tests sehr viel besser als das stationäre GBI, so schoss man einen ausrangierten Satteliten ab.
Jedoch bleiben immer noch Fragen offen. Die ins System integrierten Schiffe permanent auf Bereitschaft zu halten kostet viel Geld. Selbst mit einer verbesserten Version – ein größeres Update ist für das Jahr 2015 geplant – könnten die sieben Schiffe nur einen kleinen, nicht zusammenhängenden Teil des Luftraums sichern können. Um eine dauerhafte und umfassende Abdeckung zu gewährleisten, bräuchte es wesentlich mehr als 18 Schiffe mit denen Amerika im Moment präsent ist.

Eine effektivere und durchschlagfähigere Block IIa Version der SM-3-Rakete ist dann ab 2018 geplant. Mit diesem neuen System könnte Europa von nur drei Stationen verteidigt werden. Eine Studie des Haushaltsausschusses im Kongress monierte jedoch jüngst, dass ihre Installation auf Schiffen fast doppelt soviel kosten würde, wie das jetzt gestorbene GBI-System. Eine von den Militärstrategen bevorzugte Position der mit dem Abfangsystem gerüsteten Schiffe wäre das Schwarze Meer, jedoch ist damit eine weitere Provokation Russlands nicht auszuschließen. Hinzu kommt, dass die Konvention von Montreux aus dem Jahr 1927 die Anwesenheit von Kriegsschiffen in diesem Seegebiet einschränkt.

Das Pentagon bestätigte nun es plane den Einsatz zumindest von einigen auf dem Land stationierten SM-3 Abfangstationen bis 2015, die wesentlich billiger wären. Dies könnte jedoch zu den gleichen politischen Schwierigkeiten führen, die das GBI-System zum Sturz gebracht haben. So denkt man über eine Stationierung in der Türkei oder Zentraleuropa nach. Die Amerikaner versprachen auch die Polen und Tschechen wieder miteinzubinden. Sind diese aber überhaupt noch bereit nach der ersten Enttäuschung, ein zweites Mal darauf einzugehen? Das Pentagon denkt ebenfalls offen über die Entsendung eines mobilen Radars in den Kaukasus nach. Anbieten dafür würde sich Georgien – was wiederum die Probleme mit Russland verschärfen würde.

Es gibt außerdem Unsicherheit über den Erfolg der SM-3 Nachfolgeversionen, die noch lange keine Testreife erreicht haben. Robert Gates sagte das Pentagon würde parallel auch an der Weiterentwicklung der GBI arbeiten, um noch etwas in der Rückhand zu haben. Einige Fragen sich deshalb warum der ursprüngliche Plan aus der Bush-Ära dann überhaupt gestrichen wurde. Die Kombination der GBI mit anderen mobilen Abwehrsystemen sei eine starke Antwort auf heutige und zukünftige Gefahren – so argumentiert man. Aus dem Pentagon heißt es, in Zeiten von Haushaltsengpässen, müsse man sich für ein System entscheiden. Aber es scheint schwierig zu verbergen, dass das Ende des GBI-Programms zum Teil auch eine wohlwollende Geste gegenüber Russland ist.

Das kleinere SM-3 Programm soll dem Anschein nach den Vorwurf des Kremls entgegnen, dass die GBI Russlands nukleare Abschreckung gefährde und eine defensiver Abwehrschild schnell in eine offensive Angriffswaffe mit Atomsprengköpfen umgewandelt werden könne. Diese Version wurde vom Pentagon natürlich immer hartnäckig verneint. Der Verlust der Tschechischen Radarstation verringert natürlich Amerikas Möglichkeiten, tief in russisches Gebiet hineinzuschnüffeln. Letztlich erneuert die Obama-Regierung die Versuche der Bush-Regierung Russland in einem gemeinsamen Raketenschild zu beteiligen.

Trotz der entgegenkommenden Worte Medwedews vor den Vereinten Nationen war die russische Antwort auf die amerikanische Kursänderung gemischt. Premierminister Vladimir Putin sagte, er erwarte weitere Zugeständnisse. Der Chef des russischen Generalstabs, General Nikolai Makarov, gab zu bedenken, dass das Raketenabwehrschild nur verändert und nicht aufgegeben sei. Falls Amerikas Abwehrschild sich eher in ein flexibleres, schneller einsetzbares und mobiles Netzwerk entwickeln sollte, könnte es, so sagen Experten, von den Russen sogar mehr gefürchtet werden, als das ursprünglich geplante System aus der Ära Bush.

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Sonntag, 23. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
23. Oktober '09 um 10:00 Uhr (CET).


Joachim Turré

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