Sinnbild eines zerrissenen Staates - Der schleichende Wandel in der israelischen Armee
Sinnbild eines zerrissenen Staates
Der schleichende Wandel in der israelischen Armee
Von Constantin Brinkmann

Fast drei Jahre nach dem Krieg im Libanon ist die israelische Verteidigungsarmee IDF (Israel Defense Forces) mit ihrem massiven militärischen Vorgehen gegen die radikal-islamische HAMAS im Gazastreifen erneut in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Doch die Ende des vergangenen Jahres begonnene Boden- und Luftoffensive, der Kampf mit der libanesischen Hizbu-llah-Miliz 2006 und die spektakuläre Räumung jüdischer Siedlungen innerhalb des Gazastreifens im Sommer 2005 lenken von der Tatsache ab, dass es in den letzten Jahren von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbemerkt zu einem bedeutsamen Wandel innerhalb der IDF gekommen ist. Um diese Veränderungen nachvollziehen zu können, ist es zunächst nötig, die Bedeutung der Armee für die israelische Gesellschaft zu verdeutlichen.


Die Rolle der Armee in Israel


Angesichts der Anfeindungen und Bedrohungen, denen der israelische Staat bis heute ausgesetzt ist, kommt dem Militär eine besondere Bedeutung zu: Es ist ein elementarer Garant für das Überleben und die Souveränität Israels. Krieg, Selbstaufopferung und Heroismus galten von der Staatsgründung an lange Zeit als selbstverständliche Bestandteile des Alltags. Die Motivation zum Wehrdienst und zum Einsatz in der Armee war daher über Jahrzehnte sehr hoch. Die Teilnahme am Militärdienst und die dort eingenommene Position galten als Indikator dafür, wie sehr man sich der Gesellschaft verpflichtet fühlte und entschied lange Zeit auch über die spätere berufliche Karriere. Das militärische Leben wird so nach Ansicht der Soziologin Uta Klein in vielen Fällen ins zivile Leben hineingetragen. Zwar gelte dies heute weniger als früher, doch herrsche in der israelischen Öffentlichkeit, so der Philosoph Arie John M. Wurm, „auch heute noch die Überzeugung vor, dass die Armee ein geeignetes Instrument zur Herstellung gesellschaftlicher Integrität ist“.

Der permanente Konfliktzustand mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern habe daher auch „keine ‚Zivilgesellschaft’ im eigentlichen Sinne“ entstehen lassen, so der Soziologe Natan Sznaider. Besonders die Tatsache, dass Israel im Verlauf eines Krieges gegründet wurde, hat nach Ansicht Uta Kleins dazu geführt, dass militärische Konflikte als gerechte Kriege aufgefasst wurden, für die die jeweils andere Seite Verantwortung zu tragen hat. Die Gewalt, die vom eigenen Militär ausging, wurde dementsprechend als Selbstverteidigung betrachtet.

Wandelnde Einstellung zur Armee

Doch insbesondere seit dem ersten Libanonkrieg 1982 und dem Beginn der ersten Intifada 1987 sind in der israelischen Armee drastische Veränderungen zu verzeichnen, die durch den gesamtgesellschaftlichen Wandel Israels bedingt waren bzw. diesen begleiten. Schon die Erfahrungen des Jom-Kippur-Feldzuges 1973 hätten desillusionierend gewirkt, konstatiert die Kulturwissenschaftlerin Alexandra Nocke. Vor allem aber das Versagen der militärischen Eliten im ersten Libanonkrieg kratzte „an der Aura der Unantastbarkeit und Unbesiegbarkeit der israelischen Armee“, so Nocke. Mit Beginn der Intifada in den besetzten Gebieten wurde mit dem selbst auferlegten Gebot der „Reinheit der Waffe“ endgültig gebrochen. Spätestens seit den 1990er Jahren und dem Auftauchen der so genannten „Neuen Historiker“ ist eine öffentliche Diskussion über zuvor tabuisierte Themen, wie etwa vermeidbare Unfälle im Militär, erhöhte Selbstmordzahlen unter den Rekruten oder sexuelle Belästigung von Soldatinnen zu beobachten. Darüber hinaus ist ein Streit entbrannt über die Vorgehensweise der Armee in den von Israel besetzten Gebieten und die Zahl derjenigen, die sich weigern, dort ihren Dienst zu leisten, steigt. Auch wenn die Gruppe der Verweigerer nur sehr klein und die Existenz der IDF bei weitem nicht bedroht ist, so wird dieses Thema doch von offizieller Seite totgeschwiegen. Private Vereinigungen, die angehenden Rekruten Hilfestellung beim extrem schwierigen Ausmusterungsverfahren leisten, haben israelischen Medien zufolge weiterhin mit juristischer Verfolgung zu rechnen.

Brisanter Wandel der Sozialstruktur


Neben dem veränderten Stellenwert der israelischen Armee in der Gesellschaft wandelt sich aber vor allem ihre Zusammensetzung. Seit den 90er Jahren tritt diese Entwicklung besonders deutlich hervor. Der Politikwissenschaftler Yagil Levy bestätigt mit seiner 2007 erschienenen Untersuchung „Israel’s Materialist Militarism“, dass vor allem junge Leute aus der liberal eingestellten Mittelschicht mit aschkenasischer (westeuropäischer) Herkunft zunehmend weniger Interesse an der Armee hätten, den größten Anteil an den Militärdienstverweigerern stellten und immer seltener die Offizierslaufbahn einschlügen. An ihre Stelle rückten vor allem junge Leute aus dem nationalreligiösen Lager, orientalische und äthiopische Juden sowie russischsprachige Israelis. Aufgrund dieser Entwicklung sehen heute auch die so genannten Mizrachim, also Juden mit orientalischer Abstammung, das Militär durch den Wegfall vieler aschkenasischer Rekruten als „gesellschaftlichen Aufstiegskanal“.

Für die äthiopisch-stämmigen Juden bietet der Dienst in der Armee eine der wenigen Chancen, sich überhaupt in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Doch obwohl die äthiopischen Neueinwanderer mit 90 Prozent die höchste Einberufungsrate vorweisen, sind sie innerhalb der IDF nur äußerst selten in höheren Positionen vorzufinden. Dafür sind sie überdurchschnittlich oft in den so genannten Combat Units, also Kampfeinheiten, vertreten. Viele Äthiopier beklagen, dass sie dort die „Drecksarbeit“ übernehmen müssten. Vielfach fallen äthiopische, aber auch orientalische und russischsprachige Soldaten an den Checkpoints im Westjordanland dadurch auf, dass sie die dort passierenden Palästinenser besonders schlecht behandeln. Die Vermutung liegt also nahe, dass manche Rekruten den Druck, der auf ihnen lastet, an die Araber weitergeben. Der Verdacht einer ungerechten Behandlung und Diskriminierung afrikanischer Juden innerhalb der Streitkräfte verhärtet sich durch die Tatsache, dass jeder sechste äthiopische Soldat Militäruntersuchungen zufolge seinen Wehrdienst mit einer Inhaftierung in einem israelischen Militärgefängnis beendet. Unvergessen bleibt auch eine ungeklärte Selbstmordserie äthiopischer Rekruten Mitte der 90er Jahre. Verschiedenen Pressemitteilungen der israelischen Verteidigungsstreitkräfte zufolge sollen sich aber die Aufstiegschancen äthiopischer Soldaten in Zukunft durch spezielle Förderprogramme verbessern.

Auch der enorme Zuwachs an Rekruten aus dem nationalreligiösen bzw. Siedler-Milieu stellt die Armeeführung vor Probleme. Strenggläubige Juden sind eigentlich von der Wehrpflicht ausgenommen. Doch gerade Orthodoxe aus dem nationalreligiösen Lager verstehen sich als Beschützer der Grenzen eines „Großisraels“ und sind überproportional häufig bei Einsätzen in den besetzten Gebieten vorzufinden. Ihre „duale Loyalität“ sowohl gegenüber ihren Kommandeuren als auch gegenüber ihren religiösen Führern führte besonders beim Gaza-Rückzug 2005 zu einer heiklen Situation, da viele religiöse Soldaten dem Aufruf ihrer Rabbiner folgten und sich weigerten, an der Räumung jüdischer Siedlungen teilzunehmen. Die Armee musste daher zwei wichtige Regimenter mit einem besonders hohen Anteil nationalreligiöser Soldaten von diesem Einsatz ausschließen. Im Bezug auf künftige Räumungsaktion in der Westbank könnte sich dieses Problem aber noch zu einer weitaus größeren Belastung für die Armeeführung entwickeln.

Araber in der „jüdischen Armee“


Ein weiterer Konfliktherd innerhalb der IDF besteht hinsichtlich Israels arabischer Bevölkerungsteile, die circa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bereits Ende der siebziger Jahre stellte der Politikwissenschaftler und Historiker Ian Lustick fest, dass die israelischen Behörden zur weiteren Kontrolle der arabischen Bevölkerung ein eine Art „Teile und Herrsche“-System etablierten, welches auf die Isolierung der arabischen Minderheit bei gleichzeitiger Abhängigkeit dieser von der jüdischen Bevölkerungsmehrheit zielte.

In dieses Konzept passte, dass es den Israelis bereits während des Unabhängigkeits¬krieges 1948/49 gelungen war, Angehörige der arabischen Drusen ebenso wie die kleine muslimische Minderheit der Tscherkessen in ihre Streitkräfte zu integrieren. Beide Volksgruppen sollten den Auftakt für so genannte „Minderheits-Einheiten“ bilden – insbesondere bei der israelischen Grenzpolizei im Norden des Landes. Nach dem Sechstagekrieg 1967 erweiterte sich der Aufgabenbereich auf die von Israel besetzten Gebiete im Westjordanland und Gaza. Kleinere Minderheiten sollten fortan also die „größere“ Minderheit kontrollieren. Auch einige Beduinen und christliche Araber entschieden sich im Laufe der Jahre, der Armee beizutreten. Die überwiegend muslimische Mehrheit galt jedoch weiterhin als Sicherheitsrisiko und wird bis heute bewusst von der für Juden obligatorischen Wehrpflicht oder alternativen zivilen Diensten ausgeklammert. Unbestreitbar waren in den meisten Fällen Araber mit israelischem Pass auch nicht zu einem freiwilligen Dienst an der Waffe im Namen des jüdischen Staates bereit, doch durch den gewollten wie ungewollten Ausschluss von der Armee blieb ihnen die Möglichkeit zur Integration oder zumindest zum gesellschaftlichen Aufstieg verwehrt.

Ausblick

Betrachtet man den aktuellen Zustand der israelischen Armee, so ist festzustellen, dass die „Schmelztiegel-Funktion“ und Schaffung einer kollektiven Identität für alle Schichten der Gesellschaft in der früheren Form nicht mehr besteht. Stattdessen findet sich in der Zusammensetzung der Armee wie auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft ein deutlicher Trend in Richtung Pluralisierung, aber auch Zergliederung der einzelnen Bevölkerungsteile – bei gleichzeitiger Zunahme religiöser Ansichten unter den Soldaten. Dieser Trend ergänzt den ohnehin seit der Staatsgründung bestehenden Grundkonflikt zwischen religiösen und säkularen Juden. Die Gründe hierfür sind in einem Bruch vieler Gesellschaftsteile mit der über Jahre hinweg hegemonialen Kultur der Gründerväter des Staates zu finden: Die Führungselite der aschkenasischen Juden wird zunehmend aus ihren Positionen verdrängt, bislang unterdrückte jüdische Kulturen, vor allem die der orientalischen Juden, können sich erstmals durchsetzten und sehen in der Armee die Chance, sich zu behaupten. Aber auch der arabisch-israelische Konflikt setzt sich innerhalb der Streitkräfte fort: arabischstämmige Minderheiten klammern sich aus der ohnehin brüchigen Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung Israels aus – und kämpfen für den jüdischen Staat.

Arie John M. Wurm stellt fest, dass sich die israelischen Streitkräfte zu einer „Armee der Randgruppen“ entwickelt haben: sie repräsentierten nicht mehr alle Teile der Gesellschaft, sondern stellten lediglich eine „halbe Volksarmee“ dar. Dies berge ein extremes Konfliktpotenzial, da eine nationale Einheit nur noch bei oberflächlicher Betrachtung festzustellen ist – nämlich im Verteidigungsfall nach außen. Unter der Oberfläche aber brodelt es.

erschienen in: IMS Nr. 1, 2009; Bedingt abwehrbereit? - Deutschlands innere Sicherheit



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Zitat: "Schon die Erfahrungen des Jom-Kippur-Feldzuges 1973 hätten desillusionierend gewirkt, konstatiert die Kulturwissenschaftlerin Alexandra Nocke. "

Am höchsten Jüdischen Feiertag wurde Israel überraschend von Ägypten und Syrien angegriffen. Untersützt wurden diese durch Waffen und Munitionslieferungen durch
die Sovietunion,

Das als Feldzug darzustellen ist offensichtlich falsch...

Gruß
Kommentar Stillfloating: 26. Juni '10, 00:58 (CET)
 
 
Samstag, 18. November 2017


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Online veröffentlicht am
13. Oktober '09 um 18:30 Uhr (CET).


Constantin Brinkmann, MA, studierte Politische Wissenschaft, Islamwissenschaft und Neuere Geschichte an der Uni-versität Bonn. Er absolvierte mehrere Auslandsaufenthalte in Israel und Jordanien und verfasste seine Magisterarbeit zum Thema "Die Zukunft des Zionismus. Israel im Konflikt zwischen jüdischem Staat und gesellschaftlichem Pluralismus".



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