IMS Historie - Solferino - Die Geburtsstunde des Roten Kreuzes vor 150 Jahren
IMS Historie
Solferino - Die Geburtsstunde des Roten Kreuzes vor 150 Jahren
Von Christoph Studt

Im sardinisch-französisch-österreichischen Krieg besiegten die verbündeten französisch-sardinischen Truppen am 24. Juni 1859 bei Solferino die Österreicher: so könnte die Schlacht nüchtern in einem Geschichtsbuch vermerkt sein. Für den Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant aber wurde das zufällige Erleben des Leidens Verwundeter nach dem blutigen Gemetzel zum Wendepunkt seines Lebens.

"Die Sonne des 25. Juni 1859 beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. (…) Die unglücklichen Verwundeten, die man tagsüber aufsammelt, sind bleich, fahl und verstört. Einige, und insbesondere diejenigen, die stark verstümmelt sind, sehen stier vor sich hin und scheinen nicht zu begreifen, was man zu ihnen sagt. Die, deren offene Wunden sich bereits entzündet haben, sind wie von Sinnen vor Schmerzen. Sie verlangen, dass man sie umbringt, sie winden sich mit verzerrten Gesichtern in den letzten Zügen des Todeskampfes.

Wer diesen weiten Schauplatz der Kämpfe vom vorigen Tag durchwandert, trifft bei jedem Schritt und inmitten einer Verwirrung ohnegleichen unaussprechliche Verzweiflung und entsetzliches Leid." Dies war der erste Eindruck, den der junge schweizerische Kaufmann Henry Dunant "am Tag danach" auf dem Schlachtfeld von Solferino in sich aufnahm. Der mit geschäftlichen Sorgen belastete Dunant war aus Genf nach Oberitalien gereist in der Erwartung, hier mit dem französischen Kaiser Napoleon III. zusammenzutreffen, von dem er sich Hilfe für seine in Schwierigkeiten befindlichen Unternehmen in Algerien erhoffte. Man darf also davon ausgehen, dass hier zunächst einmal kein wohltätiger Samariter unterwegs war, sondern ein zu höchsten Stellen Verbindung suchender Geschäftsmann. Die Eindrücke der Schlacht von Solferino und der Qualen der vielen Tausend Verwundeten bei vollkommen unzureichender Sanitätsversorgung wurden für ihn allerdings zum Schlüsselerlebnis und sollten der Ausgangspunkt für sein großes Werk bilden: das Rote Kreuz.

Dunant erkannte sofort den verheerenden Mangel an Ärzten zur Pflege der Verwundeten, von denen sehr viele hätten gerettet werden können. Die wenigen vorhandenen Ärzte arbeiteten zwar bis zum Umfallen und überall waren behelfsmäßige Feldlazarette eingerichtet worden, aber da der Strom der Verwundeten gar nicht abriss, waren die wenigen Hilfskräfte in keiner Weise mehr fähig, dem Elend wirksam entgegenzutreten. Dunant forderte deshalb bei den höchsten Stäben die Freilassung gefangen genommener Ärzte. Auch die einheimische Bevölkerung versuchte er für die Rettung der Verwundeten zu mobilisieren. Auch sich selbst schonte er nicht: "Seit drei Tagen sehe ich in jeder Viertelstunde einen Menschen unter unvorstellbaren Qualen sterben. Ein Schluck Wasser, eine Zigarre und ein freundliches Lächeln - und sie finden veränderte Wesen, die tapfer und ruhig die Todesstunde ertragen", schrieb er in einem Brief. Er beschaffte Verbandmaterial, Medikamente, Wäsche, Tabak, Orangen, Zucker und anderes, selbst seine Genfer Bekannten rief er mit Erfolg zu Hilfeleistungen auf. Dass Dunant keinen Unterschied machte zwischen Freund und Feind, sprach sich schnell herum. Seine Helfer nahmen sich daran ein Beispiel, indem auch sie allen Soldaten die gleiche Zuwendung zuteil werden ließen: "tutti fratelli" - "Alle sind Brüder" wurde ihre Losung.

Nach etwa vierzehn Tagen verließ Dunant - am Ende seiner Kräfte - den grausigen Ort der Schlacht. Seine Hilfsmaßnahmen hatten sich in rasender Geschwindigkeit herumgesprochen; überall fand er offene Türen, führende Gesellschaftskreise machten ihn zum Mittelpunkt ihrer Salons und ließen ihn immer und immer wieder erzählen. Während ihn seine geschäftlichen Sorgen wieder einholten, machte Dunant sich Gedanken, wie man aus dem Erlebten Nutzen für die Zukunft ziehen könnte. Es gelang ihm, nicht zuletzt dank seiner neugeknüpften Verbindungen, seine Gläubiger zu beschwichtigen. Dann griff er zur Feder und brachte das erlebte Grauen zu Papier, schrieb es sich von der Seele: Die eiternden, von Maden wimmelnden Wunden; das Stöhnen und Schreien der Verwundeten; die von quälendem Durst Gepei-nigten; die Sterbenden, deren letzter Gruß in die Heimat vermittelt werden sollte; die als Verwundete erschlagenen und als Leichen gefledderten Soldaten. Noch heute laufen einem kalte Schauer über den Rücken, wenn man Dunants Büchlein "Eine Erinnerung an Solferino" liest.

Aber bei der Beschreibung des Schrecklichen blieb er nicht stehen. Er zog auch Konsequenzen, schlug Lösungsmöglichkeiten vor: "Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, die Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?" In den letzten 150 Jahren hat es wohl kein zweites Buch gegeben, das in der Weltöffentlichkeit so viel Aufsehen erregt und daneben zu einer neuen Entwicklung des humanitären Völkerrechts geführt hat. Das Buch wurde in unzählige Sprachen übersetzt und rief in fast allen Ländern ein geradezu überwältigendes Bekenntnis zu den Ideen und Vorstellungen seines Verfassers hervor. Nicht zuletzt zahlreiche Angehörige europäischer Fürstenhäuser dankten Dunant für die Übersendung des Buches; sie sollten von nun an großzügige Förderer seines Vorhabens werden.

Zu den ersten Gratulanten, die Dunant persönlich aufsuchten, gehörte der erfahrene Genfer Jurist Gustav Moynier. Er hatte sofort die große Bedeutung der Dunantschen Schlussfolgerungen erfasst. Er war es dann auch, der die "Genfer Gemeinnützige Gesellschaft", deren Präsident er war, dazu veranlasste, einen Ausschuss einzusetzen, der die Verwirklichungsmöglichkeiten von Dunants Solferino-Gedanken prüfen sollte. Dieser in die Geschichte des Roten Kreuzes als "Komitee der Fünf" eingegangene Ausschuss tagte erstmals am 17. Februar 1863. Neben Moynier und Dunant gehörten ihm der in der Schweiz hochgeachtete General Dufour sowie die beiden Ärzte Dr. Maunoir und Dr. Appia an. Trotz vieler gegensätzlicher Auffassungen in Einzelfragen bestand Einigkeit darüber, dass Dunants Idee nur in einem weltumspannenden Rahmen sinnvoll verwirklicht werden könne. Ein Memorandum des Komitees wurde an wichtige amtliche und private Persönlichkeiten des In- und Auslandes verschickt und rief auf zu einem internationalen Kongress in Genf. Dort sollten die in Dunants Erinnerungsbuch aufgeworfenen Fragen erörtert werden.

Dunant reiste unermüdlich werbend durch ganz Europa. Seinem glaubhaften Auftreten für eine gute Sache konnte sich niemand entziehen, was den König von Sachsen zu der Aussage brachte: "Eine Nation, die sich diesem Werk der Menschlichkeit nicht anschlösse, würde von der gesamten öffentlichen Meinung Europas geächtet werden." 36 Vertreter aus 16 Ländern, darunter 18 Delegierte von 14 Regierungen fanden schließlich in Genf zueinander. Die Diskussionen gaben einen Einblick in die Schwierigkeiten, dieses große Vorhaben ins Leben zu rufen. So waren denn auch die Konferenzbeschlüsse ein Kompromiss, der die Delegierten ihren Regierungen gegenüber in Bezug auf die Durchsetzbarkeit nicht überfordern, aber gleichzeitig dem damit aus der Taufe gehobenen Roten Kreuz eine reelle Chance für die Zukunft bieten sollte.

Der unerwartet große Erfolg der Konferenz spornte das Fünferkomitee verständlicherweise an, nun auch den nächsten Schritt zu tun, das heißt eine internationale diplomatische Konferenz zustande zu bringen, die sowohl die "Beschlüsse" als auch die "Wünsche" der ersten Konferenz völkerrechtlich sanktionieren sollte. Ein weiteres Memorandum wurde versandt, diesmal direkt an die europäischen Regierungen. Viele positive Reaktionen folgten und es gelang dem Komitee überdies, die Schweizer Bundesregierung zu einer offiziellen Einladung an die Mächte zu einer Konferenz für den 8. August 1864 zu bringen. Für Verlauf und Erfolg dieser Konferenz war es von nicht geringer Bedeutung, dass von den 26 amtlichen Delegierten der 16 Entsendestaaten 12 bereits an der Vorjahresversammlung teilgenommen hatten. Vom 8. bis zum 22. August 1864 wurde in insgesamt sieben Plenarsitzungen der Übereinkommensentwurf, die später so genannte "Konvention zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde", beraten. Damit wurde erstmals in der Geschichte des Völkerrechts ein ethischer Gedanke als verpflichtende rechtliche Forderung eingeführt.

Dieses Abkommen ist bis in unsere Tage noch gültig und enthält die Grundelemente der späteren Abkommen. In kurzer Zeit war es Dunant gelungen, die Öffentlichkeit aufzurütteln, unzählige Hilfskomitees zu gründen sowie dem Roten Kreuz nicht nur eine allgemein akzeptierte Grundlage zu schaffen, sondern darüber hinaus diese auch völkerrechtlich verankern zu lassen. Wie sich schon bald herausstellen sollte, hätte es nicht einmal eines solchen diplomatischen Abkommens bedurft, um dem Zeichen des Roten Kreuzes bei einer kriegerischen Auseinandersetzung zum ersten Mal Geltung zu verschaffen - so stark waren die Ideen zum Allgemeingut geworden: Im deutsch-dänischen Krieg von 1864 hatte das Genfer Fünferkomitee sein Mitglied Dr. Appia auf die deutsche, den Niederländer Dr. van de Velde auf die dänische Seite entsandt, um die Wahrung der Grundsätze der Konferenz von 1863 sicherzustellen. Beide Ärzte konnten ihre Mission ohne jede Behinderung durchführen. Damit hatte Dunants Idee ihre erste Bewährungsprobe bestanden, bei den Militärs ihre Anerkennung gefunden und die Möglichkeit ihrer praktischen Durchführbarkeit unter Beweis gestellt.

erschienen in: IMS Nr. 1, 2009; Bedingt abwehrbereit? - Deutschlands innere Sicherheit



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Online veröffentlicht am
13. Oktober '09 um 12:00 Uhr (CET).


Dr. phil. Christoph Studt, Jg. 1958, ist Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit historischen Problemen des 19. und 20.Jahrhunderts.


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