Rettung für den Regenbogen -  Südafrikas Kampf um die Sicherheit
Rettung für den Regenbogen
Südafrikas Kampf um die Sicherheit
Von Kristina Keppler

50 Morde pro Tag – das ist Südafrikas traurige Statistik. Und während sich die einen zur Gegenwehr entschließen, suchen die anderen nach der verlorenen Moral in der „Regenbogen-Nation“. Für private Sicherheitsfirmen ein lukratives Geschäft: Sie sollen den Menschen ihr Vertrauen zurückgeben – die Polizei schafft das nicht mehr. Bis zur Fußball-WM 2010 allerdings wollen die Gesetzeshüter ihren Ruf retten. Und auch die Bürger haben genug: In Initiativen vereinen sich Schwarz und Weiß im Kampf gegen Gewalt und Kriminalität.

„Ein wenig schwindelig“ ist ihr noch vom Rückstoß des Sturmgewehrs. Doch die 26jährige Marike (Name geändert) möchte heute nicht zimperlich sein. Aufgekratzt vom Schießen mit der AK-47 motiviert die Immobilienmaklerin aus Johannesburg ihre noch zögernde Nachbarin. Marike und die anderen wollen etwas lernen auf dem Selbstverteidigungskurs der burischen Vereinigung „Transvaal Agricultural Union“ (TAU), der an diesem Wochenende in Südafrikas Provinz Freistaat stattfindet. Und heute steht das Schießen mit automatischen Waffen auf dem Trainingsplan. Denn die Kalaschnikow ist bei Raubüberfällen besonders beliebt. „Defend yourself“ – wehrt euch – ist das Mantra der Ausbilder von TAU. Und das kommt gut an bei ihren Schülern, ausschließlich weißen Südafrikanern, die fast alle auf Farmen in den umliegenden Provinzen leben. Ohne zu murren robben sie durch eine Vorgarten-Attrappe und üben in Rollenspielen den Überfall in der heimischen Küche. Auch Frauen und Kinder sind dabei, sollen auf dem dreitägigen Workshop lernen, dass sie den Ernstfall zu ihrem Vorteil drehen können. Und das geht so: Die Waffe des Eindringlings abfangen – und selber schießen. „Gerade auf den Farmen gibt es viele brutale Überfälle“, erklärt Organisator Gideon Meiring. Und auch die Motivation des Seminars macht der ehemalige Militär-Oberst deutlich: „Entweder die oder wir!“

Ex-Oberst Meiring ruft zur Gegenwehr. Doch eine Lösung scheint das nicht. Mit 50 Morden pro Tag ist die Gewalt Alltag geworden. Nach den neuesten Veröffentlichungen der Polizei sind im zweiten Halbjahr 2007 im Kapstaat fast 9.000 Menschen ermordet worden, rund 100.000 wurden Opfer schwerer Raubüberfälle. Und die Politik reagiert verhalten. „Die Regierung ist besorgt, dass die Kriminalität noch immer so hoch ist“, kommentierte der mit Präsident Thabo Mbeki im vergangenen Monat zurückgetretene Sicherheitsminister Charles Nqakula die Veröffentlichung der Zahlen. „Wir hätten gerne gesehen, dass die Statistik noch mehr sinkt.“ Und so geht es Charles Nqakula nicht allein: Denn die Kriminalität betrifft alle Südafrikaner, ganz gleich ihrer Hautfarbe oder sozialen Schicht. Gesunken ist sie zwar, die Statistik – doch die Angst ist geblieben. Besonders in Südafrikas Kriminalitäts-„Hotspot“, Afrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg. Wer es sich hier leisten kann, verbarrikadiert sich in den Wohngebieten der Stadt: Elektrozäune, Bewegungsmelder und Kameras gehören längst zum Straßenbild in den grünen Alleen der Goldgräberstadt, die Prachthäuser verstecken sich hinter meterhohen Mauern. Und fast jeder Stadtteil schützt sich mit dem Einsatz privater Sicherheitsfirmen: Patrouillierende Geländewagen reagieren auf Alarm und Notrufe – und das, so versprechen sie, schneller als die Polizei. Ein lukratives Geschäft.

Rund 300.000 Sicherheitsleute im Land sollen Vertrauen schaffen, die Polizei hat nur die Hälfte. Der Schutz des eigenen Lebens, in Südafrika ein täglicher Kampf. Doch Sicherheitsmaßnahmen verlieren ihren Sinn, wenn Familie Thompson ihre unfaßbare Geschichte erzählt: Mutter Lorna schaute mit ihren beiden Söhnen fern, als sie draußen einen Schuß hört. Ein Septemberabend, Vater Mike war vor dem Zubettgehen noch einmal in den Garten gegangen. Fünf Männer mit Waffen stürmen das Wohnzimmer, fesseln Lorna und ihre Söhne, räumen das Haus aus, fliehen samt Diebesgut im Familienauto. Als Mutter Lorna sich in Sicherheit glaubt, befreit sie sich und ihre Kinder, sucht nach dem Vater. Den findet sie, gemeinsam mit den Söhnen, ermordet im Swimming-Pool: 14 Mal stachen die Einbrecher mit dem Schraubenzieher auf Karate-Schüler Mike ein, bevor sie ihn erschossen. Das war letztes Jahr. Ihr Leben ist leer, sagt die Johannesburger Kindergärtnerin heute. Sie und die Kinder versuchen, mit dem Trauma weiter zu leben. „Wir dachten, wir hätten alles gut gesichert“, sagt Lorna Thompson, „Wir waren vorsichtige Leute, haben die Strassen überprüft, damit uns niemand folgt. Sind immer vorsichtig ins Haus gegangen, haben die Türen abgeschlossen. Du glaubst einfach nicht, dass du einmal selbst Opfer wirst.“

Scheinbar sinnlose Gewalt wie der Mord an Mike Thompson ist gerade in Johannesburg kein Einzelfall. Nicht selten sind Drogen und Alkohol im Spiel, viele Überfälle sind ungewöhnlich brutal. Und die Zahlen schüchtern ein: Seit Ende der Rassentrennung 1994 wurden rund 650.000 Frauen vergewaltigt, mehr als 300.000 Südafrikaner ermordet. Besonders in den „Townships“, den Armenvierteln des Landes, gibt es die meiste Gewalt – häufig sind Opfer und Täter verwandt oder befreundet. Arbeitslosigkeit und Alkohol treffen in den fast ausschließlich „schwarzen“ Townships auf das Trauma jahrzehntelanger Apartheid-Unterdrückung. Eine gefährliche Mischung in einem Land, dass seinen Bewohnern zu wenig Perspektiven bietet: Mehr als 43 Prozent der Südafrikaner leben unter der Armutsgrenze von 440 Dollar pro Jahr, so eine Studie von Amnesty International aus dem Jahr 2007. Mindestens 25 Prozent sind arbeitslos – und das ist nur die offizielle Zahl. „Die Regierung soll wissen,“ fordert Verbrechensopfer Lorna Thompson, „dass die Menschen nicht glücklich sind. Vieles läuft nicht richtig. Ich denke, die Polizisten verdienen zu wenig – deshalb lassen sie sich oft bestechen.“ Durchschnittlich 800 Euro netto verdienen Polizisten in Südafrika. Schutzmann Thembela Msomi schämt sich, ein Polizist zu sein, so erzählt er der Zeitung Pretoria News.„Mir bleiben im Monat etwa 4000 Rand zum leben. Ich weiß nicht, wie ich es schaffe, damit über die Runden zu kommen.“ Mit umgerechnet etwa 340 Euro monatlich muss Polizist Msomi seine vierköpfige Familie ernähren; tägliche Berichte über Korruption und Vetternwirtschaft durch Polizei und Regierungsmitglieder füllen die Tageszeitungen.

Nun sind es noch zwei Jahre, dann wird Südafrika das weltgrößte Fußballspektakel ausrichten: Infrastruktur und vor allem die Sicherheit der Fans bei der Weltmeisterschaft 2010 bereiten dem Ausland nach wie vor Sorge. Rund 350.000 Besucher soll die Polizei sichern – und wie sie das schaffen will, hat sie der FIFA in ihrem Sicherheitsplan erklärt: Umgerechnet 120 Millionen Euro für neue Ausrüstung und vor allem für mehr Polizisten. „Wir stellen 55.000 neue Polizisten ein – und trainieren sie“, so Hauptkommissar Vishnu Naidoo, der in die Vorbereitungen für 2010 involviert ist. „Das ist sicher eine schwere Aufgabe, doch es ist absolut notwendig. Denn wir sind Gastgeber eines bedeutenden Großereignisses.“ Nicht zuletzt das hat Südafrika also einmal mehr bewusst gemacht, welch große Herausforderung die Kriminalität für das ehemalige Wirtschaftswunderland bedeutet. Und so bezeichnet auch Übergangspräsident Kgalema Motlanthe, der bis zu den Wahlen im kommenden Jahr das Amt von Thabo Mbeki übernommen hat, den Kampf gegen die Kriminalität als eine der obersten Prioritäten. „Die Regierung ist fest entschlossen, die Kriminalität nieder zu stampfen“, so Motlanthe. Und er fügt hinzu: „Es wird die beste WM, die es je gegeben hat.“ Es gibt also Hoffnung.

Die Bürger versuchen indessen in zahlreichen Initiativen, gemeinsam für Moral und ein friedliches Miteinander in der „Regenbogen-Nation“ zu kämpfen. Mehr als 4.000 Verbrechensopfer demonstrierten im Juni auf einem Protestmarsch vor den Regierungsgebäuden in Pretoria. So kann es nicht weitergehen, fordern sie, und manche gar die Todesstrafe. Auch Opfer Lorna Thompson hofft, etwas bewegen zu können. Auch sie protestiert in Pretoria. Sie möchte „die Einstellung des Landes ändern,“ erklärt die Witwe und fordert die Besinnung auf alte Familienwerte. „Was wir hier starten wollen, ist eine Moral-Revolution.“ Für Geduld mit der jungen Demokratie spricht sich unter anderem der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Frederik Willem de Klerk aus. „Wir müssen uns unseren Problemen dringend stellen – doch ich bleibe nach wie vor optimistisch über Südafrikas Zukunft“, so de Klerk, „Wir haben die Welt 1994 erstaunt und das werden wir in den nächsten Jahren wieder schaffen. Ich glaube, wir können immer noch Wunder vollbringen.“ Und so ruft auch Erzbischof Desmond Tutu seine Mitbürger zur „Kampagne für die Rettung der Regenbogen-Nation“ auf: Eine Gegenbewegung gegen Gewalt und Korruption. „Wir müssen uns zusammenschließen und unsere Nation retten“, fordert Tutu. Seine Mittel der Gegenwehr? „Vertrauen und Liebe.“

erschienen in: IMS Nr. 5, 2008; Globaler Einsatz - Deutschlands wachsende Verantwortung



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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
13. Oktober '09 um 10:00 Uhr (CET).


Kristina Keppler studierte in Bonn und Kapstadt, seit 6 Jahren ist sie in Südafrika. Sie war zunächst freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Printmedien und Fernsehanstalten; seit 2007 ist sie im ZDF Auslandsstudio in Südafrika tätig.


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