Ein Rück- und Ausblick - Die Innere Führung der Bundeswehr
Ein Rück- und Ausblick
Die Innere Führung der Bundeswehr
Von Dr. Jürgen Groß

Was bedeutet eigentlich „Innere Führung“? „Innere Führung” bedeutet in ihrer Grundintention nichts Geringeres als die Verwirklichung staatlicher und gesellschaftlicher Normen in den Streitkräften. Sie besitzt also eine weit über die Bundeswehr hinausgehende gesellschaftspolitische Reichweite und ist daher viel mehr als ein bloßes „Führungskonzept“.

Zum einen garantiert Innere Führung dem Bürger auch im militärischen Dienst seine ihm in der Verfassung verbrieften Menschen- und Bürgerrechte, die er im Ernstfall unter Einsatz seiner Gesundheit und seines Lebens ja auch verteidigen soll. Innere Führung will die in einem auf der strikten Geltung von Befehl und Gehorsam basierenden, an streng hierarchischen Ordnungsmustern orientierten System herrschende Unterdrückung menschlicher Individualität überwinden. Ihr Leitbild ist der kritische, zu eigenem Urteil befähigte und zivilcouragierte „Staatsbürger in Uniform“. Zum anderen definiert „Innere Führung“ ein grundlegend neues Verhältnis zwischen Militär und Gesellschaft. Das deutsche Militär vergangener Zeiten war von einer elitär-solidarischen Gesinnung, dem so genannten Korpsgeist, geprägt, der zu jenem verhängnisvollen Denken vom „Staat im Staate“ führte. Der Ansatz von Generalleutnant Graf von Baudissin, dem „Vater der Inneren Führung”, zur Militärreform zielt demgegenüber darauf ab, das Militär demokratietauglich und mit einer pluralistischen Gesellschaft kompatibel zu machen, indem die althergebrachte, aus der deutschen Geschichte wohl bekannte Beschränktheit militaristischen Denkens überwunden wird.

Eine kritische Bestandsaufnahme der Inneren Führung

Diese revolutionär zu nennenden Ansätze sind in den seit der Gründung der Bundeswehr vergangenen fünfzig Jahren gründlich verschüttet worden. Vielmehr herrscht innerhalb der Bundeswehr ein durchaus beliebiges Verständnis, mitunter auch völliges Unverständnis von Innerer Führung. Die Defizite auf diesem Gebiet sind daher auch zahlreich und vielschichtig:

1. Unter der Devise „Kampfmotivation“ haben politische und militärische Führung bereits seit den 1980er Jahren in weiten Teilen der Bundeswehr in bewusster Abgrenzung vom gesellschaftlichen Wertepluralismus ein traditional geprägtes, militärisches Selbstverständnis durchgesetzt. Ihren vorläufigen Kulminationspunkt fand diese Gegenreform in der „neotraditionalistischen“ Etablierung eines „Kämpfer-Kultes“, der die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr als Maß aller Dinge definierte. Der Soldat als kriegsnah ausgebildeter, allzeit bereiter, selbstlos dienender und unbedingt gehorchender Kämpfertyp wurde zur Norm. In diesem Kontext wurde der ursprüngliche Gehalt der Inneren Führung deformiert und partiell in sein Gegenteil verkehrt. Die politischen Institutionen wurden ihrer Verantwortung, auf Liberalität und Pluralität in der Bundeswehr zu achten, nur unzureichend gerecht. Die Konsequenz ist, dass die Bundeswehr von ihrem demokratienotwendigen zivilgesellschaftlichen Integrationsbezug losgelöst und auf ein Führungs- und Motivationskonzept reduziert wird.

2. Unter dem Vorwand, dass Verfassungspatriotismus und rationales Wertebewusstsein nicht zur Sinnvermittlung soldatischen Dienens ausreichten, wurde dem Konzept der Inneren Führung ein konservativ-reaktionäres Erziehungskonzept entgegengesetzt. Dieses Konzept verweist auf angeblich zeitlos gültige soldatische Tugenden, verherrlicht die militärische Gemeinschaft und betont die Erziehung zu formaler Disziplin.

3. Die Chance zur inneren Demokratisierung der Bundeswehr wird bis heute nur unzureichend genutzt. Denn zumindest in Friedenszeiten ließen sich die internen Strukturen und Verfahren der Streitkräfte sehr weitgehend an demokratischen Normen und Werten ausrichten. Eventuelle Beschränkungen hinsichtlich der Demokratisierung der Bundeswehr dürfen einzig und allein mit den wirklich unumgänglichen funktionalen Erfordernissen zu begründen sein.

4. Des Weiteren zeigt sich eine weitgehende Entintellektualisierung der Streitkräfte, ein nach wie vor unbefriedigender Zustand der politischen Bildung und ein ständig sinkender Anteil von Berufsoffizieren mit Hochschulabschluss. Bei der Entscheidung über die Übernahme zum Berufsoffizier können gute Beurteilungen durch Vorgesetzte ohne weiteres ein fehlendes Universitätsdiplom ersetzen. Alles in allem ist sowohl im Offiziers- als auch im Unteroffizierkorps ein bemerkenswerter Mangel an staatsbürgerlicher Allgemeinbildung und politischer Urteilskraft festzustellen.

5. Dass angesichts der zunehmenden Integration der Bundeswehr in multinationale Streitkräftestrukturen eine Verankerung des Reformkonzepts der Inneren Führung auf der Ebene der angestrebten Europäischen Verteidigungspolitik unabdingbar ist, wurde von verantwortlichen Sicherheits- und Verteidigungspolitikern bis heute nicht hinreichend berücksichtigt. Es besteht die Gefahr, dass Kernbestände der Inneren Führung von politischer und militärischer Seite als disponibel betrachtet werden und im Rahmen multinationaler Streitkräftestrukturen unwiederbringlich verloren gehen.

Perspektiven der Inneren Führung

Im Hinblick auf die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen, unter denen die Bundeswehr ihren Auftrag erfüllen muss, ist es dringend erforderlich, die Zielsetzungen der Inneren Führung im ursprünglichen Sinne endlich in vollem Umfang zu realisieren und, wo nötig, weiterzuentwickeln. Folgende Aspekte sind dabei von zentraler Bedeutung:

1. In einem modernen Soldatenbild müssen Kategorien wie „Motivation“, „Anreiz“ und „Eigenverantwortung“ eine weit größere Bedeutung zugemessen werden als bisher. Zwangsrekrutiertes Personal ist mit diesem Leitbild kaum vereinbar. Lebenserfahrung sollte demgegenüber ebenfalls ein gewichtiges Einstellungskriterium werden. Daher sollten die Möglichkeiten zum Wechsel zwischen Tätigkeiten auf dem zivilen Arbeitsmarkt und in der Bundeswehr maßgeblich erweitert werden, wobei die Streitkräfte von dem ständigen Zufluss von Know-how aus dem zivilen Umfeld profitieren könnten.

2. Es ist notwendig, der fortschreitenden Entintellektualisierung des Offizierskorps, der Entpolitisierung des Soldatenberufs sowie der von der militärischen Führung betriebenen Rückwendung zu vorgeblich zeitlosen Soldatentugenden mit Entschiedenheit entgegenzuwirken. Daher ist eine Bildungsreform in den Streitkräften von zentraler Bedeutung. Der kritisch mitdenkende, selbstständig und selbstbewusst agierende Offizier wird allzu oft als nicht systemkonforme Herausforderung und Zumutung für ein hierarchisch strukturiertes Militär empfunden und daher abgelehnt. Für den Offizierberuf ist, insbesondere in Anbetracht des aufgrund des erweiterten Auftrags erheblich komplexer gewordenen Anforderungsprofils, eine akademische Ausbildung inklusive des damit verbundenen Qualifikationsnachweises eine conditio sine qua non. Daher sind die gesetzlichen Bestimmungen derart zu modifizieren, dass nur noch Soldatinnen und Soldaten mit einem nachgewiesenen Hochschulabschluss in die Laufbahn der Offiziere übernommen werden. Auch für die Offiziere des Heeres muss das Studium wieder am Beginn der Offizierausbildung stehen, schon um einer einseitigen, an überkommenen militärischen Idealen orientierten Sozialisation in einer Lebensphase vorzubeugen, in der junge Leute noch relativ einfach zu formen sind.

3. Sämtliche europäischen Harmonisierungsbestrebungen müssen ihre Grenzen dort finden, wo eine Nivellierung nach unten das Resultat wäre. Der einzig legitime Orientierungspunkt für eine Reform der Inneren Führung sind und bleiben die Standards einer entwickelten Demokratie.

4. Auch im Bereich der Inneren Führung verdient das Prinzip der Prävention mehr Beachtung. Es erscheint weder ausreichend noch besonders effizient, Defizite nur in „Mängelberichten” des Wehrbeauftragten festzustellen und anschließend – gleichsam dem Übel immer nur hinterherhinkend – zu versuchen, diese zu beheben.

Eine möglichst präventive Realisierung der Grundintention der Inneren Führung bedarf aber – gerade in einer stark hierarchisierten Institution wie den Streitkräften – auch geeigneter Strukturen. Solange diese nicht geschaffen sind, wird man der Inneren Führung auch in Zukunft nur wenig Chancen einräumen können, die Aufgaben zu erfüllen, die ihr ursprünglich zugedacht waren.

erschienen in: IMS Nr. 5, 2008; Globaler Einsatz - Deutschlands wachsende Verantwortung



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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
13. Oktober '09 um 01:00 Uhr (CET).


Dr. Jürgen Groß ist Leiter der Forschungsgruppe "Demokratisierung von Streitkräften" am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg FSH).


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