IMS interviewt Major Erlend Vandvik - Die schnelle Eingreiftruppe in Afghanistan
IMS interviewt Major Erlend Vandvik
Die schnelle Eingreiftruppe in Afghanistan
Zwei Jahre lang stellten die Norweger mehr als 230 Soldaten für die schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Force – QRF) in Afghanistan. Innerhalb dieser Zeit absolvierten sie Missionen, die von norwegischen Stabsoffizieren als die schwersten Gefechte norwegischer Soldaten seit dem zweiten Weltkrieg bezeichnet wurden. Seit dem 1. Juli 2008 hat die deutsche Bundeswehr das Kommando über die QRF unter dem Eindruck wachsender Terrorgefahr übernommen. IMS befragte den stellvertretenden Kommandeur und Chief Operation Officer der norwegischen QRF, Major Erlend Vandvik, zu seinen persönlichen Erfahrungen im Einsatz. Er war bis Januar 2008 in dieser Funktion in Afghanistan tätig.

IMS: Deutschland hat im Juli die Truppenstellung der QRF-Mission mit über 200 Soldatinnen und Soldaten übernommen. Was erwartet die Einheiten in Afghanistan und welche Empfehlungen möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Major Vandvik: Die Bundeswehr ist bereits seit einigen Jahren in Afghanistan im Einsatz und hat in dieser Zeit in fast allen Gebieten Nordafghanistans operiert. Mit der QRF sind die bisherigen Einsätze meiner Meinung nach jedoch nicht vergleichbar. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich kurz die technischen Anforderungen skizzieren: Die schnelle Eingreiftruppe benötigt überdurchschnittliche Feuerkraft und Waffen mit längerer Reichweite als die des Gegners. Ich spreche vor allem von 12,7 mm Scharfschützengewehren und 81mm Mörsern. Fahrzeuge sollten gegen die häufig auftretenden Straßenbomben geschützt sein, vor allem im unteren Bereich des Fahrzeugs. Außerdem würde ich den Einsatz von abgesessener, leichter Infanterie häufiger in Betracht ziehen.
Auf der strategischen Seite sollte in erster Linie die Kooperation mit der afghanischen Armee weiter ausgebaut werden. Dies ist der der beste Weg, um ihre Einsatzmöglichkeiten kontinuierlich zu erweitern. Auch eine gewisse Flexibilität im Falle von grenzübergreifenden Operationen ist wichtig. Wenn ISAF dort nicht flexibel genug ist, werden sich diese Gebiete verstärkt zu Rückzugspositionen für Aufständische entwickeln. Den deutschen Soldaten und Offizieren sollte das nötige Vertrauen und damit die Befugnis entgegengebracht werden, vor Ort über einen möglichen Einsatz von Gewalt zu entscheiden – in Übereinstimmung mit den Regeln für den Einsatz (Rules of Engagement). Eine zentralisierte und weit entfernte Autorisierung eines solchen Befehls geht zu Lasten der Kampfeffektivität und kann im schlechtesten Fall auch das Leben von Soldaten kosten. Zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass man auch auf Zeiträume vorbereitet sein sollte, in denen so gut wie nichts passiert Das kann auf Dauer ebenfalls an den Nerven zehren.

IMS: Welche Arten von Gefahren und Risiken sind Ihnen begegnet?

Major Vandvik:
Wir wurden von Straßenbomben überrascht, aus dem Hinterhalt angegriffen und von bewaffneten Einheiten beschossen. Die norwegische QRF hatte die Fähigkeiten und vor allem das Glück, in diesen Situationen Verluste zu vermeiden.

IMS: Fühlten Sie sich für die Missionen adäquat vorbereitet?

Major Vandvik: Als Offizier möchte man immer mehr Zeit zur Vorbereitung auf eventuell eintretende Situationen haben. Unsere Einsatzbilanz zeigt jedoch, dass wir sämtliche Herausforderungen bewältigen konnten und macht somit deutlich, dass unsere Vorbereitungen ausreichend waren. Eine unserer größten Herausforderungen resultierte jedoch daraus, dass wir nicht so weit organisiert waren, um eine Operationsunterstützung für das Regionalkommando Nord durchzuführen, wenn es um Kommando und Kontrollausrichtung ging. Trotzdem haben die norwegischen Soldaten bewiesen, dass sie die Fähigkeiten, das nötige Training und die mentale Bereitschaft für Kampfeinsätze in Afghanistan besitzen.

IMS: Wie würden sie den Kampfstil der Aufständischen bezeichnen? Ist er vergleichbar mit Guerilla-Taktiken, oder trafen Sie auch auf offensichtlich gut organisierte Angriffe?

Major Vandvik:
Die Aufständischen genießen in manchen Teilen der Bevölkerung große Unterstützung und können sich dort von uns unerkannt aufhalten. Eine Vorgehensweise, die man aus dem Guerillakampf kennt. Vorzugsweise verwenden sie die bereits erwähnten Straßenbomben, um unsere Patrouillen anzugreifen. Ihre Vorgehensweise hat jedoch auch gezeigt, dass sie über ein Kommando- und Kontrollsystem verfügen und zumindest ein taktisches Basiswissen beherrschen. So nutzten die Aufständischen zum Beispiel fest angelegte Verteidigungspositionen, um uns aufzuhalten. Wenn es jedoch um individuelle Fähigkeiten und Ausrüstung geht, so waren unsere Soldaten den Aufständischen bei Weitem überlegen.

IMS:
Die Internetseite der norwegischen Streitkräfte zeigt unter anderem Bilder der Operation Karez im Mai 2008. Die deutsche Bevölkerung könnte in den nächsten Monaten mit ähnlichen Bildern konfrontiert sein. Wie waren die Reaktionen seitens der norwegischen Bevölkerung?

Major Vandvik: Mir ist aufgefallen, dass in den norwegischen Medien in den letzten Monaten ein Richtungswechsel in der Wahrnehmung des Einsatzes spürbar war. Die Unterstützung der norwegischen Bevölkerung für den Einsatz in Afghanistan hat abgenommen. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, ob dies an einzelnen Missionen festzumachen ist. Da können Ihnen das Verteidigungsministerium oder das Institute for Defense and Security Studies eine bessere Auskunft geben. Um sich aus Kampfeinsätzen gegen die in den deutschen Medien häufig als Taliban bezeichneten Aufständischen zurückzuziehen, bedarf es der Einsatzbereitschaft der afghanischen Sicherheitskräfte.

IMS: Ist die afghanische Armee bereits ausreichend ausgerüstet und vorbereitet, um Kampfeinsätzen mit Aufständischen ohne ISAF-Unterstützung zu begegnen?

Major Vandvik: Ich habe kein detailliertes Wissen, ob wir es mit Taliban oder anderen bewaffneten Elementen zu tun hatten, weshalb die Verwendung „Aufständische“ hier wohl auch am besten passt. Ich habe gesehen, dass die afghanische Armee über einige sehr gute Offiziere verfügt und über zahlreiche Offiziere, die diesen Leistungsstand mit ein wenig mehr Training erreichen können. Weiterhin hatten wir Operation Mentor Liaison Teams (OMLTs) aus verschiedenen Nationen zu ihrer Unterstützung vor Ort, die dort sehr gute Arbeit geleistet haben. Um Ihre Frage klar zu beantworten: Nein, ich denke nicht, dass die afghanische Armee bereits jetzt in der Lage ist, eigenverantwortlich Operationen durchzuführen. Sie sind jedoch ein vitaler Bestandteil einer jeden Operation, die im Norden Afghanistans auch in Zukunft durchgeführt werden wird.

IMS: Wie lief denn die Kooperation mit den afghanischen Sicherheitskräften?

Major Vandvik:
Aus unserer Sicht sind die Einheiten der afghanischen Sicherheitskräfte genauso befreundete Partner wie die anderen ISAF-Nationen. Wir hielten ein wöchentliches Treffen mit ihrer ersten Brigade ab. Hierzu zählten dann sowohl der aufklärende, als auch der operative Bereich. Des Weiteren hatte die Integration der Brigade, der afghanischen Armee im Allgemeinen und auch der Polizei innerhalb unserer Operationen oberste Priorität. Die Kooperation beruhte stets auf gegenseitigem Respekt und war nicht zuletzt deswegen erfolgreich. Und wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit der deutschen Bundeswehr? Ich habe während meines Einsatzes festgestellt, dass die deutschen Soldaten sehr professionell, gut geführt und bestens ausgebildet sind. Die norwegische QRF hat die deutschen Provincial Reconstruction Teams (PRTs) in Faizabad und Kunduz unterstützt und Operationen mit anderen Einheiten der Bundeswehr durchgeführt. Dabei haben wir die deutschen Offiziere als gute Kameraden kennen und schätzen gelernt. Unsere Beziehung zum Kommandeur des Regionalkommandos Nord, General Warnecke, war sehr positiv und konstruktiv. Ich möchte daher an dieser Stelle diese Gelegenheit nutzen, den deutschen Einheiten für ihre Unterstützung der norwegischen QRF-Einheiten zu danken. Ohne diese Unterstützung wären einige unserer Operationen nicht möglich gewesen.

IMS: Wo sehen Sie die zukünftigen Risiken in Afghanistan?

Major Vandvik: Es gibt sehr viele Möglichkeiten für eine erweiterte Kooperation zwischen den afghanischen Sicherheitskräften und ISAF, die von allen Seiten genutzt werden sollte. Je mehr Anstrengungen ISAF jetzt in die Integration der afghanischen Sicherheitskräfte innerhalb der Operationen investiert, desto früher werden sie in der Lage sein, die Verantwortung für ihre eigene Sicherheitssituation zu übernehmen. Wenn ISAF jedoch weiterhin in erster Linie darauf achtet, die eigene Sicherheit zu erhöhen, indem Aktivitäten außerhalb der Camps reduziert werden und Operationen mit den afghanischen Sicherheitskräften nur zweitrangigen Charakter besitzen, so lange wird sich die Situation meiner Meinung nach verschlechtern.

IMS: Major Vandvik, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sascha Rahn.

Bildquelle: Erlend Vandvik

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Dienstag, 22. August 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 21:00 Uhr (CET).


Major Erlend Vandvik war als Deputy und Chief of Operations der norwegischen Quick Reaction Force (QRF) im Regional Command North/ ISAF von Juli 2007 bis Januar 2008 eingesetzt.


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