Energiesicherheit im 21. Jahrhundert
Energiesicherheit im 21. Jahrhundert
Von Professor Dr. Stefan Fröhlich

Der mit dem ökonomischen Aufstieg anderer Regional- bzw. Großmächte verbundene Anstieg der Energiepreise – bedingt durch die gestiegene Nachfrage bei gleichzeitiger Verknappung der in immer größeren Mengen benötigten Ressourcen – hat unmittelbare Auswirkungen auf die globale wirtschaftliche Entwicklung. Insbesondere für die Länder, die auf fossile Energieträger angewiesen sind, wächst die Gefahr der wirtschaftlichen Stagnation und damit auch des Zerfalls ihrer sozialen Sicherungssysteme – sei es aufgrund von Lücken zwischen Angebot und Nachfrage oder wegen Preismanipulationen durch die Rohstoffproduzenten; Produktivität wird schon jetzt zunehmend im Verhältnis zum Energieverbrauch gemessen. Gleichzeitig erhöhen die Energiepreise aber auch den Druck in zahlreichen Entwicklungsländern. Die Gefahr des Staatszerfalls, gerade in den Ländern, in denen staatliche Institutionen ohnehin schwach ausgebildet sind, nimmt zu.

Pessimistische Analysen gehen davon aus, dass die Ölproduktion ihren Höhepunkt („peak oil“-Theorie) längst überschritten hat und von nun an kontinuierlich sinkt. Optimistischere Prognosen halten zwar ein etwas günstigeres Szenario bereit und rechnen mit einem Erreichen des Förderhöhepunkts erst in zehn bis 20 Jahren, was spätestens dann nochmalige erhebliche Preissteigerungen zur Folge hätte. So oder so aber sehen die meisten das Ende der Öl-Ära voraus und damit ein Zeitalter dramatischer Verteilungskämpfe, in dem die internationale Politik nicht länger von militärischen Kapazitäten, sondern von Fragen der Energiesicherheit bestimmt wird. Damit verbunden ist auch eine politische Machtverschiebung, nicht nur zugunsten der aufstrebenden Mächte China und Indien bzw. der wieder erstarkten (Energie-)Großmacht Russland, sondern auch in Richtung der größten Öl exportierenden Länder im „Größeren Mittleren Osten“, deren enorme Petrodollargewinne ihnen auch einen stärkeren politischen Einfluss sichern. Immer mehr wächst die Erkenntnis, dass die Frage der Energiesicherheit zur zentralen Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird. Dabei geht es nicht allein um die Frage der Preise für Erdöl, Gas oder Uran: Die Rohstoffe sind weltwirtschaftlich und geopolitisch bestimmende Faktoren geworden, die in dieser Phase umverteilt werden – von der vormals unipolaren hin zu einer nicht nur multipolaren, sondern eher „hyperpolaren“ Welt, in der neben den Großmächten auch nicht-staatliche Akteure (private Energieproduzenten, multinationale Konzerne oder Terroristen) Anteil an der Entwicklung haben.

Die Folge ist, dass mittlerweile alle wichtigen Akteure auf den Weltmärkten – die USA, Europa, Russland und die Aufsteiger China und Indien – ihrer Ressourcensicherheit höchste politische Priorität geben. Der Kampf um die weltweit verfügbaren Ressourcen ist längst im Gange, sei es beim Bau von Pipelines oder bei der Umwerbung der Hüter und Besitzer der Bodenschätze: Der Bau der teuersten Erdöl- und Erdgas-Pipeline der Welt, der Baku-Ceyhan-Pipeline von Aserbaidschan über Georgien zum türkischen Hafen Ceyhan, ist ein von Washington gefördertes, politisch höchst umstrittenes und geographisch abseitiges Projekt, mit dem es Washington vor allem um den Ausschluss der Russen und Iraner in der Region ging. Zusätzlich unter Druck gesetzt durch Washingtons neue nuklear-strategische Partnerschaft mit Indien setzen China und Russland gleichzeitig alles daran, umgekehrt den Einfluss der USA durch bilaterale Militärabkommen und die Bildung regionaler Blöcke wie der Shanghai Cooperation Organisation zurückzudrängen. Russland setzte in jüngster Vergangenheit sein Erdgas gezielt gegenüber Nachbarn wie der Ukraine oder selbst Weißrussland ein und könnte im Extremfall auch der Europäischen Union den Gashahn abdrehen. Teheran droht im Nuklearpoker seit einiger Zeit mit der Erdölwaffe in Form möglicher Lieferunterbrechungen durch den Persischen Golf; im Falle eines möglichen Angriffs auf sein Territorium erwägt es die Sperrung (oder gar Bombardierung) des Nadelöhrs der Schifftanker, der Straße von Hormuz. Venezuela droht Washington, es von seinen Lieferungen abzuschneiden, und die Terrororganisation al-Qaida hat bereits versucht, saudi-arabische Ölförderanlagen in die Luft zu sprengen – im Falle eines erfolgreichen Anschlags drohten der Weltwirtschaft über Nacht Lieferausfälle in Höhe von 25 Prozent. Schließlich beginnt auch die EU ihre Fühler in Richtung des Kaspischen Meeres auszustrecken und nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen Abhängigkeit von Russland der amerikanischen Strategie einer geostrategischen Diversifizierung der Ressourcenabhängigkeit zu folgen.

Selbst wenn dieser neue Verteilungskampf in absehbarer Zeit noch unterhalb der Schwelle militärischer Auseinandersetzungen ausgetragen wird, so werden zur Sicherung der Netzwerke und Transportwege internationale Überwachungssysteme nötig sein – womöglich auch in Form multinationaler schneller Eingreiftruppen. Denn nur die Verhinderung kostspieliger Konflikte bzw. die Schaffung sicherer Investitionsbedingungen für Energie-Investoren ist wiederum Voraussetzung, um die gewaltigen Mittel zur Förderung regenerativer Energien, Erschließung neuer Quellen fossiler Brennstoffe und Zurückführung der Treibhausgase zu generieren; die Internationale Energieagentur in Paris geht von einem Ausgabenvolumen von ca. 17 Billionen US-Dollar in den nächsten 25 Jahren zur Bewältigung dieser Herausforderungen aus. Ein koordiniertes Vorgehen, vor allem mit Blick auf die neuen Wachstumszentren wie China, Indien und andere Schwellenländer, wird aber vor allem wegen deren enormen Ressourcenhungers unabdingbar sein. Würde China weiterhin jährlich um etwa acht Prozent in seiner Wirtschaftskraft zulegen, zöge es im Jahr 2050 in etwa mit den Amerikanern gleich. Dies bedeutete, dass es etwa zwei Drittel der aktuellen Weltgetreideproduktion benötigte, fast die gesamte Fleischproduktion, mehr als das derzeitige Stahlvolumen der gesamten industrialisierten Welt und schließlich auch mehr als das derzeit gesamte jährlich verfügbare Öl. Dies ist zwar ein optimistisches Gedankenmodell, aber selbst bei einem weit geringeren, aber doch stetig anhaltenden Wachstum (immerhin wächst die chinesische Wirtschaft bereits seit nunmehr 25 Jahren um etwa neun Prozent) wird offensichtlich, dass die Knappheiten bei allen wichtigen Ressourcen, insbesondere beim Öl, buchstäblich zu einem Überlebenskampf führen – und zwar im doppelten Sinne, da auch die Kapazität der Ökosysteme, insbesondere der Atmosphäre, Kohlendioxid und andere Klimagase zu absorbieren, begrenzt ist. Ähnlich wie zu Zeiten des Ölpreisschocks Anfang der siebziger Jahre werden davon am stärksten die armen Länder sowie der ärmere Teil der Menschen in den reichen Ländern betroffen sein, aber auch für die industrialisierte Welt wird diese Entwicklung erhebliche Auswirkungen auf ihren Wohlstand haben und ein Umdenken erforderlich machen.

Was können die EU und die USA vor dem Hintergrund dieses Szenarios tun? Für die EU als heute weltweit größter Energieimporteur und die USA bedeutet dies zunächst, dass sie die zunehmenden Abhängigkeiten und Unsicherheiten der Versorgung mit Öl und Gas auf ein kalkulierbares Maß reduzieren müssen. Geopolitik tritt an die Stelle der Geologie, diese aber leitet die Geopolitik und erfordert von beiden Seiten vor allem eine Konzentration auf die Golfregion und verstärkt auch auf die Region um das Kaspische Becken. Die EU und die USA sind in hohem Maße abhängig von den Reserven des Nahen Ostens, die sich weltweit auf 62 Prozent belaufen – allein der Anteil Saudi Arabiens liegt bei nahezu einem Viertel. Bei einem Ölverbrauch von etwa 29,5 Prozent (USA) bzw. 25,1 Prozent (Europa einschließlich Zentralasien) ist jede größere Unterbrechung mit erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen verbunden, zumal Öl heute weltweit rund 90 Prozent der für jede Industrienation lebenswichtigen Transportenergie und 35 Prozent des Primärenergiebedarfs stellt. Verschärft wird das Problem der Abhängigkeit durch zwei Entwicklungen: Zum einen nehmen die Produktionsverläufe in den Ländern/Regionen, die nicht zur OPEC gehören (z.B. USA und Nordsee), ab, so dass sie voraussichtlich nur noch für wenige Jahre die Zunahme der Nachfrage auf der Welt bedienen können. Somit dürfte die geostrategische Bedeutung der Region für die Verbraucherländer eher noch zu- denn abnehmen, zumal die Region zusätzlich über rund 40 Prozent aller bekannten Gasvorkommen verfügt. Zum anderen werden der Aufstieg Chinas, Indiens und anderer regionaler Vormächte wie Brasilien oder Mexiko wie erwähnt den weltweiten Energiebedarf in den beiden kommenden Jahrzehnten dramatisch erhöhen und damit auch die Verteilungskämpfe verschärfen. In jedem Fall liegt es daher im beiderseitigen geostrategischen Interesse, die Sicherheit der künftig noch wichtigeren Transportwege, wie der Straße von Malakka und Hormuz, zu gewährleisten und mögliche Energie- und Interessenkonflikte auszubalancieren.

Neben der Golfregion und dem Kaspischen Becken ist der russische Energiemarkt speziell für die Union von zentraler Bedeutung im Sinne einer stärkeren Diversifizierung ihrer Ressourcenabhängigkeit. Die EU-25 bezieht derzeit rund 40 Prozent aller Gas- und 25 Prozent aller Ölimporte aus Russland; bereits 2010 wird der Westen seinen Energiehaushalt nicht mehr aus eigenen Quellen decken können und etwa doppelt so viel Öl und Gas aus Russland importieren müssen. Im Jahr 2030, so schätzt die EU-Kommission, wird die Union 70 Prozent ihres Gasverbrauchs durch Einfuhren decken müssen. Russland wird von diesem Trend besonders profitieren. 60 Prozent der Gaseinfuhren werden dann aus Russland kommen, längerfristig könnten es bis zu 80 Prozent werden. Das liegt nicht etwa daran, dass die Europäer immer mehr Energie verbrauchen, sondern daran, dass die heimische Energieproduktion, wie erwähnt, stetig zurückgeht. Die EU-Kommission hat ausgerechnet, dass die Öl- und Gasvorkommen in der EU und in Norwegen in 25 Jahren weitgehend erschöpft sein dürften.

Umgekehrt gilt zwar auch, dass über 50 Prozent des russischen Außenhandels Energielieferungen in die EU sind, wobei der Verkauf von Rohstoffen wiederum allein 40 Prozent des russischen Haushalts ausmacht. Damit besteht auch eine große und annähernd symmetrische Interdependenz im Produzenten-Konsumenten-Verhältnis, gleichwohl scheint Moskau derzeit zu meinen, aufgrund der Veränderungen im machtpolitischen Kräfteverhältnis am längeren Hebel zu sitzen – nicht zuletzt durch die fehlende Geschlossenheit der Europäer in der Energiepolitik bzw. in der Politik gegenüber Russland. So oder so aber wird die Energiepolitik im europäisch-russischen Verhältnis zunehmend zu einem Konfliktfeld. Nicht zuletzt unter dem Eindruck eines wachsenden Einflusses des Westens im postsowjetischen Raum (Amerikas Pipeline-Politik, Brüssels „neue Nachbarschaftspolitik“) begann Moskau in den beiden vergangenen Jahren, seine Energieträger gezielt als politischen Hebel einzusetzen. Aus dem russisch-ukrainischen Gasstreit im Dezember 2005 wurde rasch ein globaler Konflikt, in dem die EU um ihre Versorgungssicherheit fürchtete, polnische Politiker alsbald nach einer „Energie-NATO“ zur Eindämmung Russlands riefen und die USA den mittelosteuropäischen Ländern gar die Schaffung eines neuen Bündnisses für „Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung“ auf postsowjetischem Territorium anboten, welches Georgien, die Ukraine, Aserbaidschan und Moldau den Weg in die NATO und die EU ebnen sollte. Der Kreml aber reagierte auf die von ihm eigens provozierten Pläne Brüssels für eine engere Kooperation auf dem Energiesektor zwischen der EU und Zentralasien nicht nur mit der Drohung einer Umorientierung der strategischen Energieallianz mit der EU zugunsten Asiens, sondern auch mit einer spezifischen Offerte an Deutschland. So entschied Putin einerseits, westsibirische Gasressourcen, die eigentlich für den Export in die EU vorgesehen waren, nunmehr stattdessen u.a. China zugänglich zu machen; genährt wurden solche Diversifizierungspläne von dem Energiehunger der wachsenden Volkswirtschaften Chinas, Indiens, Japans und Pakistans, aber auch von der ohnehin schon engen energiepolitischen Zusammenarbeit mit den zentralasiatischen Staaten, die Moskau auch auf den Iran und Algerien auszudehnen gedachte. In diesem Zusammenhang betonte Moskau den weitaus pragmatischeren Umgang mit solchen asiatischen und islamischen Staaten, denen moralische Skrupel (aus Gründen des Fehlens von „good governance“) weniger wichtig waren als handfeste ökonomische Interessen.

Andererseits suchte Putin Deutschland über die geplante Ostsee-Pipeline zur Drehscheibe für russische Gasexporte nach Europa und damit zum exklusiven Partner von Russland im eurasischen Energiepoker zu machen; im Gegenzug erwirkte der deutsche Energiekonzern Winterhall eine größere Direktbeteiligung an der russischen Energieförderung als andere ausländische Firmen. Moskau signalisierte damit unmissverständlich, dass es sowohl im Bereich der Transportsysteme wie in der Energiewirtschaft gewillt ist, eigene Marktvorteile über privilegierte Partnerschaften zu Lasten einer einheitlichen EU-Energiepolitik zu erzielen. Gleichzeitig etabliert sich Moskau auf den Weltmärkten als begehrter Energielieferant, für den Europa aufgrund der starken ökonomischen Verflechtung derzeit sicherlich noch der interessanteste Partner ist.

Neben der Frage der Diversifizierung wird die Frage der Energieeffizienz schließlich die zentrale Herausforderung für den Westen. Selbst in Washington beginnt man, zu realisieren, dass zur Abschwächung künftiger Verteilungskämpfe eine Kehrtwende in der US-Energiepolitik in Richtung Energieeinsparung und größerem Energiemix notwendig ist. Für beide Seiten liegt in dieser Situation eine große Chance in der verfügbaren Technik und ihrem Potential zur Weiterentwicklung bzw. Steigerung der Ressourcenproduktivität. Nur ein glaubwürdiges Eintreten für eine Politik der nachhaltigen Energiegewinnung dürfte, wenn überhaupt, auch die Aufsteiger von deren Notwendigkeit überzeugen. So oder so ist die Unterstützung dieser Länder Voraussetzung für einen annähernd gesicherten Rohstoff-Nachschub in den kommenden Dekaden.

Bildquelle: Wintershall

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Samstag, 18. November 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 18:00 Uhr (CET).


Prof. Dr. Stefan Fröhlich ist Professor für Internationale Politik am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg und Verfasser von mehr als 150 Beiträgen in Büchern, Sammelbänden und Fachzeitschriften.


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