IMS-Interview mit dem Anlagestrategen Heiko Thieme - Die Spekulationsblase ist geplatzt
IMS-Interview mit dem Anlagestrategen Heiko Thieme
Die Spekulationsblase ist geplatzt
IMS: Herr Thieme, was sind Ihrer Meinung nach die maßgeblichen Faktoren für die immer weiter steigenden Ölpreise?

Heiko Thieme: Der Ölpreis wird prinzipiell von drei Faktoren bestimmt: Erstens von den Förderkosten und den Logistik- und Vertriebskosten, zweitens von Angebot und Nachfrage und drittens von der Spekulation. Der Ölpreis war in letzter Zeit durch Spekulationskäufe exzessiv nach oben getrieben worden und hat nur knapp die 150-Dollar-Marke verfehlt. Diese Spekulationsblase ist zumindest vorerst geplatzt und eine weitere Abschwächung des Ölpreises ist in den nächsten sechs bis neun Monaten möglich; ich halte einen Preis von 60 bis 80 Dollar pro Barrel für eine realistische volkswirtschaftliche Schätzung für die nahe Zukunft. In 12 Monaten hingegen wäre es durchaus möglich, dass der Ölpreis bei einem Wiedererstarken des Weltwirtschaftswachstums oder einem Wiederaufleben von Terrorakten erneut die 100-Dollar-Marke und vielleicht auch die 150-Dollar-Marke überschreitet, aber nicht aufgrund volkswirtschaftlicher Überlegungen, sondern eher aufgrund von Angst und Spekulationen.

IMS: Wer sind diese Spekulanten?

Heiko Thieme: Das sind neben den normalen Investoren wie Ihnen und mir insbesondere Hedge-Fonds, die Milliarden zur Verfügung haben und schauen, wo sie marktbestimmend eingreifen können. So kann heute der Ölpreis auch dadurch beeinflusst werden, dass man eine Ladung auf Termin kauft. Eine amerikanische Investmentbank soll beispielsweise den Ankauf entlang der gesamten Nordostküste der USA kontrollieren. Es ist sogar vorgekommen, dass die Tanker-Kapitäne angehalten wurden, langsamer zu fahren. Die Verzögerung trieb dann den Preis weiter in die Höhe. Der Verbraucher ist der Dumme, denn er muss kaufen.

IMS: Also würde es auch nichts bringen, wenn die OPEC-Staaten die Fördermengen steigerten?

Heiko Thieme:
Doch, ganz im Gegenteil. Allerdings sagen die OPEC-Staaten zu Recht, dass wir nicht mehr Öl auf dem Markt brauchen. Wir haben sogar einen leichten Überschuss von einer halben bis einer Million Fass pro Tag. Wenn mehr als benötigt da ist, bräuchte der Preis an sich nicht zu steigen. Zugegebenermaßen ist die Angebot-Nachfrage-Situation allerdings etwas prekär, weil sie von einem Bedarf von rund 80 bis 85 Millionen Fass pro Tag ausgeht. Da sind ein bis anderthalb Millionen Fass kein großer Überschuss. Früher sah die Gleichung anders aus, da war das Angebot deutlich höher als die Nachfrage und wir haben ja vor zehn Jahren auch erlebt, dass der Ölpreis kurzfristig unter zehn Dollar fiel. Wer damals gesagt hat, Öl sei unrentabel und man sollte es nicht kaufen, dem würde ich heute wenig Glaubwürdigkeit attestieren, wenn er empfiehlt, Öl bei 150 Dollar zu kaufen - das sind diese Leute, die immer auf der falschen Seite liegen, nach dem Motto "buy high, sell low". Ich finde es umgekehrt richtiger. Ich gehörte zu denjenigen, die damals ganz klar gesagt haben, der Ölpreis sei zu niedrig, er müsse auf mindestens 25 Dollar steigen. Wir können durchaus den Tiefststand von unter zehn Dollar im späteren Teil dieses Jahrhunderts, inflationsattestiert, noch einmal sehen, wenn die Alternativen zum Öl, beispielsweise Solarenergie, die derzeitige Vorrangstellung des Öls übernommen haben. Ich bin kein Wissenschaftler, ich denke rein konzeptionell. Die Sonne hat eine Verfallszeit von vielleicht drei Milliarden Jahren - das ist ein ganz schön langer Zeitraum. Sie ist unser Energieträger und wenn wir diesen Energieträger kontrollieren können, haben wir die Energieprobleme zum größten Teil gelöst. Da Solarzellen bereits existieren, geht es nur darum, ob wir genug Silizium in der zur Herstellung geeigneten Form haben.

IMS: Glauben Sie, dass mittelfristig eher in die erneuerbaren Energien investiert wird anstatt in die Förderung bisher unrentabler Ölfelder?

Heiko Thieme:
Das kann man so nicht sagen. Der Ölsand ist beispielsweise jetzt profitabel und wird sicherlich in den kommenden Jahren den Ölpreisanstieg stoppen. Der hohe Ölpreis hat einen Nebeneffekt: Je höher er steigt und je länger er sich auf einem hohen Niveau bewegt, desto mehr werden die alternativen Energieträger in den Vordergrund treten. Das zu vermeiden hat die OPEC bisher immer geschickt verstanden, indem sie den Ölpreis unter der saudi- arabischen Kontrolle nie über dieses Ziel hat hinaus schießen lassen. Die OPEC ging davon aus, dass sie Öl für einen sehr langen Zeitraum hat und wollte ihren Energieträger konkurrenzlos vermarkten. Das bedeutete für sie, auf dem Preisniveau von den alternativen Energien nicht über- oder unterboten werden zu können. Dieses OPEC-Credo ist nun gebrochen und existiert nicht mehr. Bei steigenden Kosten pro Barrel wird aber auch die Erschließung bisher aus Förderkostengründen nicht genutzter Vorkommen interessant.

IMS: Ein Blick auf die Schwellenländer China und Indien. Gerade die subventionieren die Energieträger im inneren Markt massiv. Glauben Sie, dass sie das noch lange durchhalten können?

Heiko Thieme: Nein. Der Ölpreis ist gestiegen, weil ein wesentlicher Teil der Verbraucher diesen Anstieg nicht mitbekommen hat. Wenn jeder Verbraucher der Welt - also neben den Ölproduzierenden Länder wie Saudi-Arabien auch die Schwellenländer China und Indien, für einen Liter Benzin den Weltmarkt-Ölpreis zahlen müsste, dann hätten wir schon längst eine drastische Wachstumsabschwächung gehabt, da der Durchschnittsbürger Indiens und Chinas solche Ölpreise gar nicht bezahlen könnte. Wenn ich jemandem eine Ware verkaufe und den Weltmarktpreis ignoriere, dann ist es ihm völlig egal, ob der Preis steigt oder fällt und ob andere das Doppelte oder Dreifache zahlen müssen - es sei denn, der Weltmarktpreis fällt unter den von ihm gezahlten Preis. Aber in letzter Zeit bauen auch China und Indien die Subventionen graduell ab, weil sie sich diese nicht mehr in dem Ausmaß leisten können und ihre Bürger zum Sparen animieren müssen.

IMS: Wenn ich also mein Vermögen mittel- oder langfristig in Energieträger investieren wollte, würden Sie mir die Solarenergie empfehlen?

Heiko Thieme: Jein. Das wäre eine sich anbietende Kurzschlussreaktion, die aber ein Fehler wäre. Die Solarenergie wird heute vom Kurs-Gewinn-Verhältnis sehr stark überbewertet. Darin liegt die Gefahr. Blicken wir einmal zurück in die Börsen- oder Wirtschaftsgeschichte: Alle Neuentwicklungen- die Eisenbahn Anfang des 19. Jahrhun-derts oder die Computerindustrie in den 1930er Jahren, später in den 1950er Jahren die Chipindustrie, das Internet - alle diese Neuentwicklungen hatten eines gemeinsam: Zu Beginn einen rapiden Kursanstieg an der Börse und hinterher einen Rückgang von bis zu 90 Prozent mit Massenpleiten. Danach erst entwickelte sich die Industrie und die Neuentwicklungen trugen zum Erfolg der Welt ganz wesentlich bei - ungeachtet dessen, wie sich die Preise an der Börse entwickelten. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den USA 500 Autohersteller - heute sind gerade einmal zweieinhalb übrig geblieben. Wenn Sie sich heute im Solarbereich einkaufen wollen, sollten Sie sich für ein ganzes Bouquet entscheiden. Ich würde einen Solarindex kaufen und zwar einen ETF (Exchange Traded Fund). Da können Sie sicherlich à la longue gewinnen. Generell ist im Energiebereich viel zu gewinnen, wobei ich die größten Chancen im Technologiesektor sehe, denn dort entstehen die entscheidenden Entwicklungen, die es uns ermöglichen, auch in diesem Jahrhundert unsere Energieversorgung erfolgreich zu meistern.

IMS: Herr Thieme, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Sabine Kleefisch und David Petrovic

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?


Bildquelle: Autor



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Sonntag, 28. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 17:00 Uhr (CET).



Heiko Thieme
ist ein international anerkannter Anlagestratege und Portfoliomanager, der seit 1972 im Börsengeschäft ist und seit fast 30 Jahren in der Finanzmetropole New York lebt und arbeitet. Er ist Chairman der American Heritage Management Corporation, einer privaten Investmentfirma und Präsident von Thieme Associates Inc. sowie der Thieme Consulting, Inc. Von 1979 bis 2005 war er Herausgeber des Strategieberichts "The Viewpoint/Der Standpunkt".



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