Die sicherheitspolitische Bedeutung erneuerbarer Energien
Die sicherheitspolitische Bedeutung erneuerbarer Energien
Von Dennis Tänzler

2007 hat der EU- wie G8-Vorsitz der deutschen Bundesregierung eindrücklich verdeutlicht, in welcher Geschwindigkeit Klima- und Energiepolitiken konvergieren. Davon zeugten sowohl die Beschlüsse des EU-Rates im Frühjahr 2007 als auch die Diskussionen im Rahmen des G8-Gipfels von Heiligendamm desselben Jahres. Mehr und mehr kristallisieren sich hierbei erneuerbare Energien als zentraler Baustein politischer Lösungsansätze heraus, wird ihnen doch das Potential zugeschrieben, den Problemdruck beider Politikbereiche mindern zu können. Als Substitut für fossile Energieträger entwickeln mithin erneuerbare Energien zunehmend auch eine außen- und sicherheitspolitische Relevanz.

Wachsende Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage

Die gegenwärtige Struktur des globalen Energieverbrauchs ist maßgeblich von der Nutzung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas geprägt. Die Konkurrenz um die Nutzung von Erdöl und Erdgas hat bereits in der Vergangenheit zu politischen Spannungen und Konflikten unterschiedlicher Intensität geführt. Der Zugang zu Energieressourcen ist in vielen Regionen mit geostrategischen Fragen und regionaler Hegemonie verknüpft. Dies haben unter anderem die Spannungen zwischen Russland und verschiedenen Nachbarstaaten gezeigt, die auch die Frage der Energieversorgungssicherheit in Deutschland stärker in den Blickpunkt gerückt haben. Mehr als zwei Drittel der globalen Erdgas- und Erdölvorkommen befinden sich in einer Weltregion, die auch als strategische Ellipse bezeichnet wird. Dieses Gebiet, das von Nordwest-Sibirien über den kaspischen Raum bis hin zum Nahen Osten reicht, ist durch politische Instabilitäten geprägt.

Diese Produzentenstaaten gewinnen zunehmend an Einfluss, da der Energiebedarf nicht nur in Industriestaaten weiter steigt, sondern in beträchtlichem Maße auch in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien. Sie zeichnen für die Hälfte des von der Internationalen Energieagentur (IEA) prognostizierten Anstiegs des globalen Energieverbrauchs bis 2030 verantwortlich. Demnach soll der globale Konsum noch einmal um über 50 Prozent steigen. Resultat dieses globalen Trends ist eine zunehmende Konkurrenz um strategische Zugänge zu Erdöl- und Erdgasvorkommen; Energieressourcen werden eine immer stärkere Machtwährung. Eine Ahnung, welche Folgen mit sich verknappenden Energieressourcen einhergehen können, vermitteln die Reaktionen auf die steigenden Weltmarktpreise für Erdöl und Erdgas. So ist es in den letzten Monaten weltweit zu einer Reihe von sozialen Unruhen und Protesten gekommen.

Klima wandelt Sicherheit

Die andere Seite dieser Medaille ist die wachsende Gefährdung der Klimasicherheit. Die außen- und sicherheitspolitischen Implikationen des Klimawandels sind in den letzten Jahren Gegenstand einer Reihe von Risikobewertungen gewesen. Jüngste Erkenntnisse der Klimaforschung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2007 lassen auf einen deutlich schneller eintretenden Klimawandel schließen, als dies bislang angenommen wurde. Die wesentlich durch die Verbrennung fossiler Energie-träger verursachten Treibhausgase drohen auch in den nächsten Jahrzehnten trotz internationaler Regulierungsversuche in Form der Klimarahmenkonvention (Kyoto-Protokoll) und der Aushandlung eines Post-2012-Abkommens weiter stark zuzunehmen. Mithin droht in verschiedenen Regionen der massive Rückgang an fruchtbaren Böden und der Wasserverfügbarkeit, auch großflächige Migrationsbewegungen werden prognostiziert. Unter dem Strich wird mit einem verstärkten Auftreten von Ressourcenkonflikten gerechnet, die nicht mehr regional begrenzt sein werden, sondern zunehmend die nationale und sogar internationale Sicherheit beeinträchtigen können.

Aus diesem Grund hat sich im April 2007 der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer Debatte erstmals mit den Implikationen des Klimawandels für Frieden und Sicherheit befasst. Bereits zuvor hatte Bundesaußenminister Steinmeier im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2008 vor den drohenden Konflikt-potentialen des Klimawandels gewarnt: "Wenn wir an die extremen Auswirkungen der Erderwärmung denken - Wasserknappheit, Wüstenbildung, steigende Meeresspiegel - dann wird klar: Klimaschutz ist auch eine Frage der nationalen und internationalen Sicherheit."

Klima-Energie als Sicherheitskomplex


Durch die enge Beziehung zwischen den Entwicklungen im Energiesektor und den Folgen des Klimawandels bildet sich demnach zunehmend ein Sicherheitskomplex Klima-Energie heraus, für den integrierte Lösungsansätze zu suchen sind. Werden diese nicht schnell genug umgesetzt, drohen nicht mehr nur lokal begrenzte Ressourcenkonflikte, sondern (über)regionale Konfliktlagen. Diese Konstellation verbietet im Grunde auch, den Ausbau der Nuklearenergie als globale Antwort auf Energie- und Klimasicherheit zu verfolgen. Die Verwundbarkeit dieser kritischen Infrastruktur mag in Deutschland noch kontrollierbar sein. In welcher Weise aber entsprechende Schutzmaßnahmen z.B. gegenüber terroristischen Anschlägen in anderen Regionen der Welt greifen, ist vielfach nicht Gegenstand der Diskussion. In ähnlicher Weise verhält es sich bei der Frage der Wirksamkeit des Non-Proliferations-Regimes, wenn mehr und mehr Staaten weltweit dazu übergehen, entsprechende Kraftwerke zu betreiben. Vor diesem Hintergrund offenbart sich zunehmend der außen- und sicherheitspolitische Wert einer Strategie, die neben der massiven Steigerung der Energieeffizienz auf den Ausbau der Nutzung von Wind, Sonne, Geothermie oder Biomasse und in einer Reihe von Ländern auch auf den Ausbau der Kleinwasserkraft setzt.

Die zunehmende Substitution fossiler Energieträger kann nicht nur proaktiv die negativen Folgen des Klimawandels zumindest begrenzen, sondern auch außen- und sicherheitspolitisch Handlungsspielräume eröffnen. Dies gilt nicht nur für Deutschland selbst, sondern auch für eine Reihe von Ländern, die in hohem Maße vom Energieträgerimport abhängen und damit äußerst anfällig für die Entwicklungen auf den Weltenergiemärkten sind. Die Technologien können, abhängig von den regionalen Gegebenheiten zunehmend mit konventionellen Energieträgern konkurrieren. Hierfür sind jedoch Weiterentwicklungen zentral, für die es, wie in anderen gesellschaftlichen Problemfeldern auch, innovativen Unternehmertums bedarf.

Erneuerbare Sicherheit?


Deutschland hat sich vor allem durch die Einführung fester Vergütungssätze für die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien zum Weltmarktführer in diesem Bereich entwickelt. Dieses Beispiel hat nicht nur in anderen Staaten der EU Schule gemacht, sondern findet mittlerweile auch in China oder Brasilien Anwendung. In den Vereinigten Staaten zeigt die US-Army derzeit, dass auch der verteidigungspolitische Sektor beim Ausbau der erneuerbaren Energien eine wesentliche Rolle spielen kann. Vor dem Hintergrund, dass 1,5 Prozent des US-Ölkonsums auf das US-Militär fällt, wird hier zusehends Handlungsdruck spürbar. "The endgame is to wean the dependence on foreign oil," wird William Anderson, Air Force Assistant Secretary, vom Wall Street Journal zitiert. Der Verteidigungssektor sieht sich selbst als Antreiber der notwendigen Innovationen etwa bei der Entwicklung synthetischer Kraftstoffe. Dies ist nicht zuletzt ein Kostenfaktor: Die Ausgaben für den Kraftstoffverbrauch sind von zwei Milliarden US-Dollar im Jahre 2003 auf fast sechs Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 gestiegen. Auch bei der Energieerzeugung selbst versucht die US-Army, neue Wege zu gehen: Seit Dezember 2007 steht die derzeit größte Solarstromanlage in Nordamerika auf dem Stützpunkt der US-Luftwaffe Nellis bei Las Vegas.

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird zunehmend zu einer bedeutenden Kategorie außenpolitischer Beziehungen. Derzeit verfolgt die Bundesregierung die Gründung einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energie (IRENA). IRENA soll dazu beitragen, die Rahmenbedingungen für die stärkere globale Nutzung zu verbessern, das Know-how für praktische Anwendungen und politische Maßnahmen bereitzustellen sowie den Technologietransfer auf diesem Gebiet zu erleichtern. Auch die im Juli 2008 neu gegründete Mittelmeerunion hat als eines der zentralen Projekte den Ausbau der Solarenergie in Nordafrika zum Ziel. So soll ein "Solarplan für die Mittelmeerregion" entwickelt werden, um solarthermische Großprojekte in den sonnenreichen Wüstenregionen zu realisieren. Der Ausbau erneuerbarer Energie kann in diesem Zusammenhang auch dazu beitragen, regionale Integration, Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung zu befördern. Grenzen des Ausbaus sind jedoch inzwischen auch sichtbar geworden: Die möglichen negativen sozialen und ökologischen Folgen einer massiven, nicht nachhaltigen Ausbeutung von Biomasse zeigen, dass auch Lösungsansätze im Bereich der erneuerbaren Energien differenziert zu betrachten sind.

So ist z.B. zu vermeiden, dass für eine Diversifizierung der Energieversorgung. Konflikte mit der Wasserversorgung oder Nahrungsmittelproduktion in Kauf genommen werden. Eine systematische Prüfung, welche Rolle einzelne erneuerbare Energieträger für Entwicklung und Vermeidung von Klimawandel in verschiedenen Regionen der Welt spielen können, ist daher unabdingbar. Gelingt dies, können erneuerbare Energien zusammen mit der Verbesserung der Energieeffizienz sowie einer stärkeren Dezentralisierung der Energieversorgung die Säulen einer nachhaltigen Energieversorgungsstrategie bilden, die auch dazu beitragen kann, die sicherheitspolitischen Implikationen des Klimawandels einzudämmen.

Bildquelle: US Air Force/Barcley

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Sonntag, 23. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 16:00 Uhr (CET).


Dennis Tänzler, dipl. Pol., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Adelphi Research. Er ist Mitverfasser der gleichnamigen mit dem Wuppertal Institut erstellten Studie. Er war 2007 und 2008 Mitglied im Planungsstab des Auswärtigen Amts und ist Leiter der Informationsplattform "Environment, Conflict and Cooperation" www.ecc-platform.org.


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