Kurswechsel in der Energieaußenpolitik der USA
Kurswechsel in der Energieaußenpolitik der USA
Von Josef Braml

Nach der vorherrschenden Expertenmeinung ist keine ernsthafte Reform der amerikanischen Energiesicherheitspolitik zu erwarten, solange kein gravierender Schock des internationalen Systems eintritt. Dagegen legt die vorliegende Analyse nahe, dass die Versorgungssicherheits-, Wirtschafts- und Umweltkosten ihrer gegenwärtigen Energieaußenpolitik die USA veranlassen werden, einen alternativen Weg einzuschlagen: in Richtung Gewinnung und Handel effizienter und erneuerbarer Energien. Hier sollte deutsche und europäische Politik ansetzen: Eine transatlantische Umwelt- und Energiepartnerschaft könnte Forschung und Investitionen für neue Technologien und den freien Handel alternativer Kraftstoffe im multilateralen Rahmen fördern.

Amerikas Sucht nach importiertem Öl


Seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich der Energiekonsum der Vereinigten Staaten beinahe verdreifacht. Vor allem der Transportsektor verbrauchte immer mehr Energieressourcen, insbesondere Mineralöl. Da die Eigenproduktion in den letzten fünf Jahrzehnten relativ konstant geblieben ist und die Importe aus der so genannten "westlichen Hemisphäre", insbesondere aus Kanada, Mexiko und Venezuela, die erhöhte Nachfrage nicht befriedigen konnten, verstärkte sich die Abhängigkeit von Ölimporten aus instabilen Weltregionen wie der Krisenregion des Mittleren Ostens.

Strategische Energieressourcen - Unsicherheit

Zwar können die USA weiterhin auf ihre wichtigsten Öllieferanten Kanada und Mexiko zählen. Doch die angespannten Beziehungen mit Venezuela verdeutlichen, dass es für die USA schwieriger wird, selbst in ihrer geographischen Nachbarschaft ihre Energieressourcen zu sichern. Der Persische Golf erweist sich als volatil und unzuverlässig im Hinblick auf preiswerte Lieferung von Energieressourcen. Zudem ist mit dem wirtschaftlich expandierenden China ein weiterer Konkurrent um knappe Ressourcen auf den Plan getreten, sowohl im Mittleren Osten als auch in Hot Spots, das heißt in entwicklungsfähigen Regionen wie Westafrika oder Zentralasien. Einige Beobachter dieses Wettstreits, der so genannten "petropolitics", haben bereits eine "Achse des Öls" identifiziert, wonach Russland, China und möglicherweise der Iran als Gegengewicht zur amerikanischen Hegemonie agieren und den USA ihre Ölversorgung und strategischen Interessen streitig machen. Bereits heute werden die USA mit den Machtressourcen der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) konfrontiert.

Marktmacht OPEC

Die OPEC, der neben den Ländern im Mittleren Osten und Venezuela weitere angehören, von denen die Energiesicherheit der USA abhängt, kontrolliert über 70 Prozent der heute bekannten Erdölreserven. Obwohl mittelfristig der Anteil der OPEC an der Welterdölproduktion mit etwa 40 Prozent konstant bleiben wird, entwickelt sich auf lange Sicht die Macht des Kartells umso größer, je mehr die Nicht-OPEC-Länder ihre Quellen erschöpfen. Da alle anderen Öl-anbieter an ihrer Kapazitätsgrenze produzieren, kann seit Ende der 1990er Jahre die OPEC mittels ihres Hebels der Begrenzung der produzierten Ölmengen den Preis in der Tendenz hochhalten und in wirtschaftlichen und politischen Einfluss ummünzen.

Wirtschafts-, Handels- und Umweltrisiken

Nach Schätzungen des Congressional Research Service belasten die durch die Ölpreiserhöhungen verteuerten Energieimporte, die ohnehin schon Besorgnis erregende US-amerikanische Außenhandelsbilanz: 2005 um zusätzliche 70 Milliarden Dollar, 2006 um weitere 50 Milliarden Dollar. Das US-Außenhandelsdefizit ist zu etwa einem Drittel auf Energieimporte zurückzuführen. Die USA sind wegen ihres Außenhandelsdefizits verwundbar. Anzeichen einer schwächer werdenden US-Wirtschaft könnten die Handelspartner dazu bewegen, ihre Verkaufserlöse nicht mehr in den USA zu re-investieren und sie in anderen Finanzmärkten zu sichern. Damit würde der Dollar massiv unter Druck geraten, die US-Notenbank wäre angehalten, die Zinsen anzuheben, und die wirtschaftliche Entwicklung der USA würde nachhaltig gebremst. Teure Energieimporte belasten die US-Wirtschaft ohnehin. Bereits im Sommer 2005 gab der damalige Notenbankchef Alan Greenspan der US-Legislative zu bedenken, dass allein die seit Ende 2003 erhöhten Energiepreise das amerikanische Wirtschaftswachstum 2004 und 2005 jeweils um einen halben bzw. Drei-Viertel-Prozentpunkt vermindert hätten. Dank ihrer, auch in der Vergangenheit bewiesenen Innovationskraft, könnten sich amerikanische Märkte auf lange Sicht jedoch den neuen Gegebenheiten anpassen. Höhere Energiepreise geben starke Anreize, alternative Energieträger zu finden, neue Technologien zu entwickeln und die Energieeffizienz zu verbessern. Technische Innovationsvorsprünge im Bereich erneuerbarer Energien geben deutschen Politikern gute Argumente, um bei amerikanischen Meinungsführern für eine transatlantische Energie- und Umweltpartnerschaft zu werben Dahingehend wirkt eine zusätzlich treibende Kraft, nämlich das gewachsene öffentliche Bewusstsein um die von fossilen Energien verursachten Umweltschäden, Gesundheits- und Sicherheitsrisiken.

Kurswechsel amerikanischer Energieaußenpolitik...


Die öffentliche Aufmerksamkeit für die sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und Umweltkosten ihrer gegenwärtigen Energiepolitik zwingen die USA zum Umdenken zugunsten eigenproduzierter erneuerbarer Energien. George W. Bushs Nachfolger und politische Entscheidungsträger im Kongress, die aufgrund der gestiegenen wirtschaftlichen, sicherheits- und umweltpolitischen Probleme mit zunehmender Kritik ihrer Bevölkerung und den Vorstößen der Einzelstaaten konfrontiert werden, sind angehalten, ihren politischen Führungsbeitrag zu leisten, um die Abhängigkeit von traditionellen fossilen Kraftstoffen zu verringern.

...eine Chance für Europa

Dabei wird auch die künftige US-Regierung verstärkt auf technologische Entwicklung setzen. Technische Innovationsvorsprünge im Bereich erneuerbarer Energien hierzulande geben deutschen und europäischen Politikern gute Argumente, um bei amerikanischen Meinungsführern und Entscheidungsträgern auf dem amerikanischen Marktplatz der Ideen für eine transatlantische Energie- und Umweltpartnerschaft zu werben, die als Generator einer multilateralen umwelverträglichen Energiesicherheitspolitik funktionieren könnte.

Empfehlung: Weniger Hard-Power, mehr Smart-Power


Im März 2007 vereinbarten die USA bereits mit Brasilien eine bilaterale Energiepartnerschaft, um bei der Entwicklung von Biokraftstoffen zusammenzuarbeiten. Da zahlreiche andere Länder auch ein Interesse an alternativen Kraftstoffen und der Entwicklung von marktfähigen Technologien haben, bestehen Anreize für multilaterales Handeln. Zumal das Trittbrettfahren Dritter, das heißt die internationale Nutzung der von Brasilien und den USA anvisierten bilateralen Forschungsleistung, nicht ausgeschlossen werden kann, besteht ein weiterer Grund zur Schaffung multilateraler Strukturen für kollektive Forschungsanstrengungen. Biokraftstoffe auf der Grundlage von Zucker oder Mais, vor allem aber aus Zellulose gewonnenes Ethanol haben Marktpotential. Sie könnten künftig fossile Kraftstoffe ersetzen. Gegenwärtig müssen jedoch erneuerbare mit traditionellen Kraftstoffen konkurrieren, und die technologische Weiterentwicklung kostet Zeit und Geld. Das weltweite Interesse an erneuerbaren Energien schafft eine Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, sich wieder als Führungsmacht zu etablieren Obwohl auf kurze Sicht staatliche Subventionen den Verbrauch von Ethanol fördern können, sind - durch internationale Kooperation forcierte - technische Weiterentwicklungen und offene Märkte ausschlaggebend für den langfristigen kommerziellen Erfolg neuer Angebote. Zahlreiche Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur haben jedoch Marktzugangsbarrieren in Stellung gebracht. Sie behindern den Handel der kosteneffizientesten Biokraftstoffe und auch die Entwicklung dieser Wachstumsindustrien in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die USA und Europa sollten in einem multilateralen Rahmen für den freien Handel von Ethanol und anderen "Umweltgütern" sorgen, indem sie zunächst mit gutem Beispiel vorangehen und ihrerseits von Handelsbarrieren zum Schutz der eigenen Landwirtschaft absehen. Das weltweite Interesse an erneuerbaren Energien schafft eine Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, sich wieder als Führungsmacht zu etablieren, indem sie die internationale Zusammenarbeit anführen, um das globale Energie- und Umweltproblem zu lösen. Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern sind erneuerbare Energien zu einem Gutteil das Produkt unbegrenzter und mobiler Gedankenleistungen. Während die von Geostrategen häufig ins Feld geführte Hard-Power Amerikas an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stößt, die nationale Energieversorgungs- und wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, bieten ihre technologischen und politischen Fähigkeiten viel versprechende Alternativen für den nächsten US-Präsidenten - der mit einer nationalen Kampagne für eine umweltverträgliche Energieaußenpolitikstrategie seine Wahl- und Wiederwahlchancen sowie das internationale Renommee seines Landes entscheidend verbessern würde.

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Sonntag, 28. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 13:00 Uhr (CET).


Dr. Josef Braml ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Redaktion des "Jahrbuch Internationale Politik" der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Berlin. Das neu konzipierte DGAP-Jahrbuch mit dem Titel "Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik" ist soeben beim Oldenbourg-Verlag erschienen.


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