Reisender in Sachen Sicherheitspolitik - Hauptamtlicher Jugendoffizier zu Zeiten der "Nachrüstungsdebatte" von 1978 bis 1981
Reisender in Sachen Sicherheitspolitik
Hauptamtlicher Jugendoffizier zu Zeiten der "Nachrüstungsdebatte" von 1978 bis 1981
Von Rainer Glatz

"Politruk nennen ihn die einen, verkappter Werber die anderen. Gegnern ist er ein Militarist, manchen Kameraden zu wenig Soldat. Die einen betrachten seine Arbeit verächtlich als indoktrinäre Wehrkunde, die anderen sehen in ihm den Hilfslehrer für Sozialkunde in Fragen der Landesverteidigung. Seinen Widersachern gilt der junge Offizier mit dem zivilen Habitus als geschulter Dialektiker, als gefährlichste Waffe der Bundeswehr in der geistigen Auseinandersetzung um Frieden und Sicherheit, während Etablierte des Establishments fragen: "Was kann mir so ein Oberleutnant oder Hauptmann schon bieten?"

Mit diesem Absatz eröffnete Dr. Andreas von Bülow, ehemaliger MdB, vormals Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, zu diesem Zeitpunkt als Bundesminister für Forschung und Technologie, am 29. November 1980 in der Nr. 48 von "Das Parlament" einen Artikel, in dem er sich ausführlich mit der Geschichte und dem Wirken der Jugendoffiziere der Bundeswehr auseinandersetzte. Hingegen beschrieb die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in ihrer Studie "Jugendoffiziere im Konflikt mit der Friedensbewegung" den Jugendoffizier im Jahr 1987 unter anderem wie folgt: "Jugendoffiziere empfinden sich als Grenzgänger zwischen der militärischen und der zivilen Welt. Einerseits sind sie der verlängerte Arm des Verteidigungsministeriums, andererseits haben sie aber auch als Bürger eigene Überzeugungen und Meinungen, die dazu im Widerspruch stehen können. Gerade weil Jugendoffiziere ständig mit Menschen, die nicht militärisch denken und ihre Zweifel an der Sicherheitspolitik haben, in Kontakt sind, werden sie auch in ihren eigenen Zweifeln herausgefordert. Insofern hat der Jugendoffizier in der Gesellschaft zwei Funktionen: Er vertritt die Bundeswehr und die Sicherheitspolitik nach außen und er trägt die Diskussionen in die Bundeswehr hinein, die draußen geführt werden."

War dies die Welt, die ich nach meiner Zeit als Kompaniechef einer Panzergrenadierkompanie in meiner nächsten Verwendung als hauptamtlicher Jugendoffizier der Bundeswehr vom Mai 1978 bis zum Mai 1981 beim I. (DEU) Korps in Münster / Westfalen erleben sollte? War das alles wirklich so? Ich könnte es mir jetzt mit einem schlichten "Ja" sehr einfach machen und hier enden. Es wäre ehrlich, aber ich möchte es dennoch erläutern. Wir zeigten Flagge, in Uniform(!), während damals so mancher ältere Kamerad den Weg von und zum Dienst lieber in Zivil oder mit dem Lodenmantel über der Uniform zurücklegte. Zu meiner Zeit waren wir 57 hauptamtliche und 590 nebenamtliche Jugendoffiziere sowie 590 nebenamtliche Jugendunteroffiziere in der Bundeswehr. Obwohl wir zum Beispiel 1979 in Vorträgen und Diskussionen, sowie bei eigenen Informationstagungen und bei Truppenbesuchen nahezu 400.000 Jugendliche und Erwachsene ansprachen und darüber hinaus in 118 Tagungen und Seminaren ca. 3.700 Pädagogen betreuten, war unsere Arbeit gemessen an cirka sieben Millionen Schülern über zwölf Jahre und ca. 620.000 Lehrern nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein. Dennoch waren wir fest davon überzeugt, dass unser Beitrag im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr ein äußerst wichtiger und auch unverzichtbarer war.

Ohne diese Überzeugung wäre die Teilnahme an den durch die Friedensbewegung bewusst aufgeheizten und teilweise sehr stark emotionalisierten Diskussionen überhaupt nicht möglich gewesen. Wir zeigten Flagge, in Uniform(!), während damals so mancher ältere Kamerad den Weg von und zum Dienst lieber in Zivil oder mit dem Lodenmantel über der Uniform zurücklegte sowie sich in Diskussionsveranstaltungen schon mal in Zivil und inkognito stumm in die letzte Reihe setzte, um am nächsten Tag dem jungen Kameraden (Jugendoffizier), der abends zuvor auf dem "Feuerstuhl" saß, mit väterlicher Kritik zu helfen.

Es war eine verrückte Zeit! Aber wer erinnert sich heute noch der gewalttätigen Auseinandersetzungen bei den öffentlichen Gelöbnissen der Bundeswehr im Weserstadion in Bremen oder dann später in Emden? Ich kann mich erinnern, dass eine Diskussion an der Universität in Bielefeld mit Anti-Kriegsliedern eingestimmt wurde und mir eine ältere Frau mit Hinweis auf ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg mit Blick auf den durch die Nachrüstung bevorstehenden Dritten Weltkrieg wegen meiner “Kriegstreiberei” vor Beginn der Diskussion (ich hatte also noch kein Wort gesagt!) auf dem Podium einen Grabkranz vor die Füße legte. Dies war kein Einzelfall, sondern gehörte sozusagen zum Repertoire, Drittwirkung zu erzielen und alles zu tun, um eine sachliche und sachgerechte Diskussion zu verhindern! In diesen Situationen einerseits sachlich und ruhig zu reagieren und gleichzeitig die Balance zu finden, nicht als Apparatschik und gefühllos zu wirken, war schon eine große Herausforderung.

Ähnlich war die emotionale Einstimmung zu einer Diskussion mit einem Journalisten - der im Übrigen damals einer der bekanntesten und profiliertesten Nachrüstungsgegner gewesen ist und darüber auch ein Buch geschrieben hatte - bei der evangelischen Studentengemeinde in Paderborn unter der Leitung eines Theologieprofessors im Rahmen der "Paderborner Friedenswoche", die durch einen Paderborner Liedermacher mit Anti-Kriegsliedern erfolgte. Im Nachgang zu der damaligen Diskussion schrieb ich u.a. in meiner "Sofortmeldung Öffentlichkeitsarbeit" am 18. Mai 1981: "Bleibt man dieser Art von Veranstaltungen fern, die auch von vielen sehr idealistischen, aber in ihrer Meinung indifferenten Jugendlichen besucht werden, besteht die Gefahr, dass die Veranstalter darauf verweisen, dass die Vertreter der etablierten Parteien sowie der staatlichen Institutionen sich der geistigen Auseinandersetzung verweigern, da sie keine glaubwürdigen Argumente hätten. Damit hätten die Veranstalter ein aus ihrer Sicht wesentliches Ziel erreicht: Jugendliche wären einseitig ihrer Information und Argumentation ausgesetzt."

Neben diesen "herausragenden" Erlebnissen gehörte die Kontaktpflege, Schul- und Unterrichtsbesuche, vornehmlich an Gymnasien, die Einsatzsteuerung und Koordinierung im nachgeordneten Bereich sowie die Weiterbildung der nebenamtlichen Jugendoffiziere zu meinem Aufgabenspektrum. Der Schwerpunkt meiner Außentätigkeit lag im Bereich der Lehreraus- und -weiterbildung im Regierungsbezirk Münster und in der Betreuung des Arbeitskreises "Schule-Bundeswehr" im Schulamtsbezirk Warendorf. Aber auch das eingangs erwähnte Hereintragen der Diskussionen, die draußen geführt werden, in die Bundeswehr hinein, habe ich miterlebt. So verfassten 40 hauptamtliche Jugendoffiziere im Rahmen ihrer 38. Informationstagung am Zentrum Innere Führung in Koblenz am 6. April 1979 vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit ein Papier, mit dem sie Anregungen zur Weiterentwicklung der Inneren Führung gaben. Ein Vorgang, der von der militärischen und der politischen Führung ohne größere Aufgeregtheit und mit erstaunlicher Sachlichkeit zur Kenntnis genommen wurde. Und: Wir wurden gehört und ernst genommen!

Heute wie damals ist der Jugendoffizier nicht selten der erste Repräsentant staatlicher Exekutive, dem junge Menschen begegnen Soll ich heute mit dem Abstand von 27 Jahren zu dieser Verwendung eine Bewertung abgeben, so kann ich festhalten: Die ständige Auseinandersetzung mit dem weiten Spektrum der Sicherheitspolitik, dem Wert unseres Staates, unserer Demokratie sowie der Friedenssicherung mit der Waffe, die natürlich zutiefst ethisch-moralische und religiöse Bereiche berührt, und damit letztlich auch die Auseinandersetzung mit dem Spektrum der Motive für die eigene Berufswahl war neben dem Kennen lernen vieler Institutionen und auch Persönlichkeiten ein großer Gewinn, eine Bereicherung für die eigene Persönlichkeitsbildung. Heute wie damals ist der Jugendoffizier nicht selten der erste Repräsentant staatlicher Exekutive, dem junge Menschen begegnen. Als solcher muss er darauf vorbereitet sein, sich stellvertretend für Staat, Demokratie und Bundeswehr allgemeiner Kritik zu stellen. Damit bedeutet der Kontakt oftmals die erste Berührung mit einer wertorientierten und offensiv vorgetragenen staatsbürgerlichen Bildung. So öffnet sich die Diskussion weit über den sicherheitspolitischen Rahmen hinaus und muss die Frage nach dem Wert unseres Staates und unserer Demokratie ebenfalls beantworten.

Zu den Fragen seines Aufgabenbereiches wurden und werden dem Jugendoffizier aus dem Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung auf einem eigenen Informationsstrang Grundaussagen, Analysen und Hintergrundinformationen direkt übermittelt. An diese ist er bei seinen Aussagen gebunden. Er tritt für die Sicherheitspolitik unseres Landes ein; gemäß Erlasslage bleibt ihm eine persönliche Stellungnahme unbenommen, wenn er sie als solche klar kennzeichnet. Diese Freiheit braucht der Jugendoffizier um seiner persönlichen Glaubwürdigkeit Willen genauso wie das Bewusstsein, dass militärische Vorgesetzte und politische Leitung sich vor ihn stellen, sollte ihm einmal ein Fehler unterlaufen. Sicherlich war die Zeit der so genannten "Nachrüstungsdebatte" nach dem NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 eine ganz besondere bezüglich der öffentlichen Auseinandersetzung um die richtige Sicherheitspolitik.

Die Debatte um diese richtige Sicherheitspolitik hatte eine gesamt-gesellschaftliche Dimension. Aus meiner Sicht liegt genau in diesem Punkt der Unterschied in der Herausforderung, der sich der Jugendoffizier von heute zu stellen hat. Er hat sicherheitspolitische Themen von nicht minderer Bedeutung einer zunehmend an Sicherheitspolitik desinteressierten Öffentlichkeit zu vermitteln. Im Lichte einer gewissen Gleichgültigkeit weiter Teile der Gesellschaft gegenüber der Bundeswehr muss es dem Jugendoffizier gelingen, beispielsweise die Diskussion um Sinn und Zweck der Auslandseinsätze der Bundesrepublik Deutschland auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene zu heben. Es darf keinesfalls bei einer ausschließlichen Befassung in den einschlägigen Fachkreisen bleiben. Sich heute dieser Aufgabe zu stellen, ist garantiert genauso herausfordernd wie unsere damaligen Debatten.

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Samstag, 18. November 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 11:00 Uhr (CET).


Generalleutnant Rainer Glatz ist seit April 2009 Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam. Zum Zeitpunkt des Interviews war er Generalmajor und stellvertretender Befehlshaber des Einsatzführungskommandos.


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