Bundeswehr und Spitzensport - Eine erfolgreiche Allianz
Bundeswehr und Spitzensport
Eine erfolgreiche Allianz
Von Timo Reinke

Wussten Sie, dass "Albatros" Michael Groß 1984 als Jäger der Bundeswehr nach Los Angeles zu den Olympischen Spielen gereist ist? Dort avancierte er mit je zwei Gold- und Silbermedaillen zum Star der Schwimmwettbewerbe. Auch Stabsunteroffizier Andreas Wecker, Reck-Olympiasieger von Atlanta 1996, und Unteroffizier Dieter Baumann mit seinem Gold-Lauf über 5.000 Meter in Barcelona 1992, sind berühmte Olympioniken, die man nicht sofort mit der starken Truppe in Verbindung bringt.

Bei den letzten Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen ging die deutsche Mannschaft mit 452 Teilnehmern an den Start, davon waren 159 Angehörige der Bundeswehr. Von den insgesamt 48 gewonnenen Medaillen gingen 24 auf das Konto der Sportsoldaten - sie steuerten damit die Hälfte aller in Athen errungenen Olympiaplaketten bei.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bezeichnet die Bundeswehr als den großen Sponsor des Spitzensports in der Bundesrepublik. Rund 25 Millionen Euro lässt sich das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) dieses spezielle Sponsoring jährlich kosten. Hinter dem hohen finanziellen Aufwand steckt natürlich ein gewisses Kalkül. Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck sieht die Sportsoldaten auch als Werbefaktor: "Wer Medaillen bei Olympischen Spielen erkämpft, ist ein Sympathieträger für die ganze Truppe." Die Bundeswehr unterstützt das Bemühen der Bundesregierung zur Förderung des Hochleistungssports mit dem Ziel, "die Repräsentanz Deutschlands bei internationalen Wettkämpfen zu gewährleisten und den deutschen Spitzenathleten Chancengleichheit gegenüber Sportlern anderer Staaten einzuräumen." So definiert es das Bonner Streitkräfteamt in seiner Basisinformation "Spitzensportförderung der Bundeswehr".

Um dieses Ziel zu erreichen, stellt die Truppe derzeit 744 Förderplätze für Spitzensportler in 18 Sportfördergruppen zur Verfügung. Rund 445 Plätze sind für olympische Sommersportarten, etwa 190 für den olympischen Wintersport vorgesehen. Weitere 70 Dienstposten dienen der Förderung nicht olympischer Disziplinen wie Squash, American Football oder Wasserski. Ein restliches Kontingent von 40 Stellen ist den Militärsportarten Maritimer und Militärischer Fünfkampf sowie Fallschirmspringen vorbehalten. Sämtliche Sportfördergruppen sind in unmittelbarer Nähe von Bundesleistungszentren und Olympiastützpunkten der Sportverbände angesiedelt. Dadurch wird eine enge Zusammenarbeit zwischen den zivilen Ausbildungsstätten des DOSB und den Bundeswehr-Einrichtungen ermöglicht. Das Verbundsystem Olympiastützpunkt/Sportfördergruppe findet flächendeckend in ganz Deutschland Anwendung und bietet den Athleten optimale Trainingsbedingungen bei kurzen Wegen. Im Zuge finanzieller Einsparungen ist eine Reduzierung der ursprünglich 25 Sportfördergruppen auf 15 bis zum Jahr 2010 geplant. Auch die Zahl der Förderplätze für Spitzensportler soll nach den Winterspielen von Vancouver auf 664 gesenkt werden. Ziel dieser Maßnahme sei es, "die Spitzensportförderung bei gleichzeitiger Einsparung von Haushaltsmitteln zu optimieren", so das BMVg.

Spitzensportförderung der Bundeswehr - ein Weg mit Hindernissen

Heute erscheint es selbstverständlich, dass die Bundeswehr einen erheblichen Anteil der deutschen Olympiamannschaften stellt und die Soldaten erfolgreich auf Medaillenjagd gehen. Doch der Weg dahin war mit Hindernissen versehen. 1964 war der Anteil von Bundeswehrsoldaten unter den westdeutschen Olympiastartern noch sehr gering. Gerade einmal vier Bundeswehrangehörige qualifizierten sich für die 18. Olympischen Sommerspiele in Tokio - Oberleutnant z. S. Hinrich John (110 Meter Hürden), Oberleutnant Hans Kaupmannsennecke (Schießen), Leutnant Wolfgang Schillkowski (Hochsprung) und Fähnrich der Luftwaffe Willy Kuhweide (Segeln). Nach Helsinki 1956 und Rom 1960 ging in Tokio zum letzten Mal eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft an den Start.

Die innerdeutschen Ausscheidungswettkämpfe um die Startplätze wurden zum Nervenkrieg im Kalten Krieg, wie das Beispiel des Seglers Willy Kuhweide zeigt. Der 21-jährige Luftwaffenfähnrich aus Westberlin musste für seine Tokio-Teilnahme eine deutsche Ost-West-Ausscheidung segeln. Hier wurde er von den ostdeutschen Booten eingekesselt und ausmanövriert, so dass sein Ostberliner Konkurrent Bernd Dehmel gewann. Wegen der unfairen DDR-Taktik wurde das Rennen vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) annulliert und neu angesetzt. Nach vielen Protesten erhielt Kuhweide erst durch das Eingreifen des Segler-Weltverbandes grünes Licht für Tokio und gewann dort Gold in der Finn-Dinghy-Klasse. Es war die erste Medaille für einen Angehörigen der Bundeswehr bei Olympia. Die vier Olympiateilnehmer von 1964 waren keine bundeswehrgeförderten Sportler, sondern Kinder ihrer zivilen Vereine und Verbände. Die Bundeswehr hatte nichts mit dem Training oder der Förderung dieser Athleten zu tun. "Die vier konnten froh sein, dass sie einen verständnisvollen Kommandeur hatten, der es ihnen erlaubte, innerhalb der Dienstzeit zu trainieren", erklärt Walter Grein, ehemaliger Sportreferent im BMVg.

Die Bundeswehr betrachtete sich 1964 noch nicht als Olympioniken-Schmiede. Sie kam jungen Leistungssportlern zwar durch Freistellungen entgegen, definierte aber für sich noch keinen expliziten Förderauftrag. Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel machte 1965 deutlich: "Die Erziehung und Ausbildung des Soldaten in der Bundeswehr darf sich nur darauf richten, ihn für seine Verteidigungsaufgabe vorzubereiten. Dazu gehört nicht das Training einer kleinen Gruppe von Spitzensportlern." In vielen Staaten der westlichen Welt wurde den Streitkräften eine führende Rolle bei der Förderung von Spitzensportlern übertragen, um der zunehmenden Professionalisierung des Sports gerecht zu werden. Als Modell galt dabei das französische Sportbataillon von Joinville. Deutsche Sportorganisationen wie das NOK äußerten den Wunsch, die Bundeswehr möge sich in ähnlicher Weise engagieren und eine aktive Förderung des Leistungssports betreiben. Doch Minister von Hassel nahm der Forderung jeglichen Wind aus den Segeln: "Den viel diskutierten Versuch von Joinville in Frankreich haben wir an Ort und Stelle studiert, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass derartige Wege für uns keine Lösungen darstellen."

Zwei Ereignisse führten zu einem grundsätzlichen Gesinnungswandel in der Bundesrepublik: Der Beschluss des IOC 1966, die Ausrichtung der Spiele 1972 an München zu vergeben, und das mäßige Abschneiden der bundesdeutschen Athleten bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City im Vergleich zu den Sportlern der Ostzone. Die erstmalig separat startende DDR-Mannschaft erreichte mit 25 Medaillen den fünften Rang in der Nationenwertung, das bundesdeutsche Team hingegen nur den achten Rang. Von 1956 bis 1964 gingen gesamtdeutsche Mannschaften an den Start, ein Umstand, mit dem sich die DDR nur zähneknirschend abfand - in Mexiko traten nun zum ersten Mal zwei getrennte deutsche Olympiateams an, so dass ein direkter Vergleich der beiden Sportsysteme möglich war. Die westdeutsche Öffentlichkeit verlangte mehr sportliche Siege zur Steigerung des nationalen Prestiges. Der Leistungssport und seine Förderung wurden zur nationalen Aufgabe.

Die Grundlage für das später mit hoher Effizienz betriebene Fördersystem der Bundeswehr bildete ein Beschluss des Deutschen Bundestages vom 8. Mai 1968. Die Parlamentarier forderten die Bundesregierung auf, "zur Förderung bundeswehrangehöriger Spitzensportler bei der Bundeswehr einige Fördergruppen einzurichten, die so weit wie möglich an Leistungszentren der Sportverbände angelehnt werden sollen." Mit einem gemeinsam unterzeichneten Protokoll von DSB, BMI und BMVg wurde der Startschuss zur Aufstellung von Lehrkompanien und Fördergruppen für wehrpflichtige Spitzensportler gegeben. Den Durchführungserlass segnete Generalinspekteur Ulrich de Maizière am 20. Februar 1970 ab. Daraufhin richtete die Bundeswehr zwei Lehrkompanien an den Standorten Sonthofen und Warendorf mit einer Kapazität von 200 Förderplätzen ein. Zusätzlich bauten Heer, Luftwaffe und Marine bei Truppenverbänden und Dienststellen Fördergruppen auf, die weitere 230 Plätze zur Verfügung stellten. In diese Einheiten wurden seit dem 1. April 1970 wehrpflichtige Spitzensportler nach Abschluss ihrer Grundausbildung versetzt. Dort nahm das sportliche Training 70 Prozent und der militärische Lehrstoff 30 Prozent der Dienstzeit in Beschlag.

Bereits nach zwei Jahren, pünktlich zu den Olympischen Spielen in München 1972, zeigte sich, dass das neue Förderkonzept von den dienenden Leistungssportlern angenommen wurde, denn von den insgesamt 430 Förderplätzen waren zu diesem Zeitpunkt 390 belegt. Die ersegelte Goldmedaille von Fähnrich Willy Kuhweide 1964 in Tokio war der Beginn einer großen Erfolgsgeschichte für Bundeswehrsportler bei Olympia. Die Zahl der Teilnehmer in den Olympiamannschaften stieg kontinuierlich an - 1972 in München waren es 25, 1984 in Los Angeles 49, 1996 in Atlanta 88 und 2004 in Athen sogar 159. Imposant ist dabei die Erfolgsbilanz: Bei den letzten neun Olympischen Sommer- und Winterspielen seit 1992 haben Sportsoldaten der Bundeswehr 173 Medaillen (62 Gold, 54 Silber, 57 Bronze) errungen. Das sind rund 44 Prozent der insgesamt 394 deutschen Olympiaplaketten.

Wenn am 8. August dieses Jahres die 29. Olympischen Sommerspiele eröffnet werden, sind beim Einmarsch der Nationen in das "Vogelnest", wie Pekings Nationalstadion genannt wird, auch wieder viele Sportsoldaten Bestandteil der winkenden deutschen Olympiamannschaft. Hauptgefreiter Julius Brink (Beach-Volleyball), Oberfeldwebel Stefan Nimke (Bahnrad) sowie die Stabsunteroffiziere Peter Joppich (Fechten) und Anja Dittmer (Triathlon) wollen dafür sorgen, dass die Erfolgsbilanz der Bundeswehr in Peking weiter ausgebaut wird.

erschienen in: IMS Nr. 4, 2008; Energiesicherheit - Geostrategischer Brennstoff?



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Sonntag, 23. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 10:00 Uhr (CET).


Timo Reinke, M.A. ist nach seinen Abschlüssen an der Deutschen Sporthochschule Köln und an der Universität zu Köln (Anglo-Amerikanische, Mittlere und Neuere Geschichte) als freier Autor für verschiedene Print-Redaktionen tätig. Seine Themenschwerpunkte sind neben Sport und Sporthistorie auch US-Amerikanische und deutsche Geschichte.


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