IMS im Gespräch mit Thomas Reiter - Zurück zur Erde - Thomas Reiter stellt sich neuen Herausforderungen
IMS im Gespräch mit Thomas Reiter
Zurück zur Erde - Thomas Reiter stellt sich neuen Herausforderungen
IMS: Herr Reiter, wenn Sie die Bilder von der letzten Mission mit Herrn Schlegel sehen, kribbelt es dann bei Ihnen wieder hoch zu fliegen?

Thomas Reiter: Das kann man wohl sagen. Auch wenn man die lange Vorbereitungszeit auf eine solche Mission betrachtet, so ist das Ziel, der Flug einzigartig.

IMS: Wie würden Sie „Erdlingen“ am besten das Gefühl beschreiben, im All zu sein?

Thomas Reiter: Eigentlich ist es unbeschreiblich. Ein Gefühl dafür bekommt der „Erdling“, wenn er die Bilder der Erde sieht. Die Farben unseres blauen Planeten, Wolkenformationen, die dünne Atmosphäre – alles Eindrücke, die man als Astronaut aufnimmt, dann verarbeiten muss und nie wieder vergisst. Dafür jedoch bleibt bei einem Flug ins All sehr wenig Zeit. Andererseits muss man lernen, mit der Schwerelosigkeit umzugehen, d.h. die Auswirkungen auf den eigenen Körper verkraften, insbesondere beim Arbeiten, aber auch beim Essen und Schlafen. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, wird das Gefühl im All auf der Raumstation alltäglich. Natürlich ruft man sich trotzdem immer wieder die besondere Situation, in der man lebt, ins Bewusstsein zurück.

IMS: Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in der kommerziellen Raumfahrt?

Thomas Reiter: Die kommerzielle Raumfahrt in der Gegenwart hat viele Aspekte. Diese reichen von kommerziellen Raketenstarts bis zum Transport von Nutzlasten wie Kommunikations- und Wettersatelliten. Ein Geschäft, an das man in der Raumfahrt vor 50 Jahren nicht denken konnte. Gerade dieser Teil unserer Aktivitäten hat auch die Welt verändert – grenzenlose Kommunikation. Die europäische Ariane-Trägerrakete gehörte und gehört dabei zu den kommerziell erfolgreichsten Projekten. Weitere Anbieter von Trägerraketen für die verschiedensten Nutzlasten drängen in den Markt.
Darüberhinaus gibt es bei der kommerziellen Nutzung der Raumfahrt auch noch andere Möglichkeiten, die gegenwärtig noch nicht so genutzt werden, wie wir es uns wünschen würden: beispielsweise die industrielle Forschung in der Schwerelosigkeit.

IMS: Der Ursprung der Raumfahrt entstand während des „Kalten Krieges“. Mittlerweile arbeiten Russen, Amerikaner und Europäer Hand in Hand. Welchen Beitrag hat die internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt zur Entspannung zwischen den Großmächten geleistet?

Thomas Reiter: Die Raumfahrt, mit ihren großen Projekten und Missionen und den damit verbundenen hohen Kosten, lässt sich nur international umsetzen. Gerade die Wissenschaftler und Ingenieure sind gewohnt, international zu kooperieren, ohne auf die Herkunft, die Hautfarbe, den Glauben oder die politischen Ansichten des Anderen zu schauen. Und genau das ist es, was den Gedanken der Raumfahrt ausmacht, deren Internationalität. Wer hätte denn in den 80er Jahren daran gedacht, dass einmal ein amerikanisches Space Shuttle an die russische Raumstation Mir andocken, und sich daraus eine umfassende internationale Kooperation entwickeln wird. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass die Raumfahrt ihren Teil zur friedlichen Entwicklung in der Welt seit 20 Jahren beigetragen hat.

IMS: Im Jahr 2010 stellt die NASA vorläufig alle Shuttle-Flüge ein. Wird bis dahin die Internationale Raumstation (ISS) fertig gestellt sein?

Thomas Reiter:
Mit dem Ende der Shuttleflüge ist auch der Transport von Großbauteilen zur ISS abgeschlossen. Die gegenwärtigen Planungen sehen vor, dass dann die ISS ihre Endausbaustufe erreicht hat und durch eine Besatzung von sechs Astronauten betrieben wird.

IMS: Besteht durch die Abhängigkeit in der bemannten Raumfahrt bei den Russen ab dem Jahr 2010 nicht eine gewisse Gefahr, erpressbar zu sein?

Thomas Reiter:
Zweifellos erlangt die russische Seite durch diese Entscheidung der NASA sowohl im Bereich des bemannten Raumtransports-, als auch was die Fähigkeit betrifft, Nutzlasten von der ISS zur Erde zurückzubringen, eine Monopolstellung. Jedoch hat Europa mit der Mission des ATV (Automated Transport Vehicle) zur ISS gezeigt, dass wir bei der Versorgung der ISS mit Verbrauchsgütern, Nutzlasten und Ersatzteilen einen wesentlichen Beitrag leisten können. Letztendlich aber sind in der Raumfahrt alle Beteiligten aufeinander angewiesen. Auch wenn wir sehr aufmerksam beobachten werden, wie sich die Situation entwickelt, kann von Erpressung bei einem solchen auf Kooperation ausgelegten Unternehmen nicht die Rede sein.

IMS: Die Raumfahrt kostet den Steuerzahler Millionen Euro. Welchen Nutzen zieht die Gesellschaft daraus?

Thomas Reiter: Nehmen Sie z. B. die schon angesprochenen Kommunikationssatelliten. Kaum jemand ist sich heute noch über deren Nutzen für unser alltägliches Leben bewusst. Nicht nur beim abendlichen Fernsehprogramm, auch bei der Bewältigung von Katastrophen ist die Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Gleiches trifft für die Erdbeobachtung zu. So unterstützt das DLR Einsatzkräfte durch sein satellitengestütztes Kriseninformationszentrum (ZKI) mit Erdbeobachtungsdaten. Raumfahrt heißt aber auch Grundlagenforschung, deren Nutzen sich heute nicht abschätzen lässt. Diese Forschung aber wird in einigen Jahren handfeste Ergebnisse in der Medizin, der Biologie und der Materialforschung zeigen. Davon bin ich fest überzeugt.

IMS: Ist die exorbitale Forschung überhaupt noch zeitgemäß? Lassen sich die Experimente nicht kostengünstiger auf der Erde simulieren?

Thomas Reiter: Die Schwerkraft lässt sich nun einmal hier auf der Erde nur für sehr kurze Zeit „abschalten“. Im Erdorbit lässt sich für Wochen und Monate die Schwerelosigkeit zu Forschungszwecken nutzen. Deshalb kann die Simulation am Boden nicht die Realität in einer Raumstation ersetzen. Simulationen sind immer mit Vermutungen verbunden, die auch bewiesen werden müssen. So können Sie zum Beispiel keine Krankheitsbilder in der medizinischen Forschung simulieren, auch nicht deren weitere Entwicklung in der Schwerelosigkeit. Dazu brauchen Sie das Labor in der Erdumlaufbahn. Und das Werkzeug „Schwerelosigkeit“ ist aus der Grundlagenforschung nicht mehr wegzudenken.

IMS: Zum Abschluss: Wo wird der Mensch im Jahre 2100 sein? Halten Sie eine Besiedlung fremder Planeten mit Hilfe von Terra-Forming für realistisch?

Thomas Reiter: Weder unsere geplanten Raumfahrtmissionen, noch unsere Visionen reichen heute soweit in die Zukunft. Der Mensch hat die Erde verlassen, eine Tatsache, die vor 100 Jahren undenkbar war. Die Frage, wohin uns die Wissenschaft und der menschliche Geist führen werden, ist faszinierend. Nach meiner Überzeugung wird es jedenfalls immer Menschen geben, deren Ziel es ist, das Unmögliche zu tun, und unser Wissen zu mehren. Sonst wären wir nicht da, wo wir heute stehen.
Ob in 100 Jahren Menschen in Kolonien auf unserem Nachbarplaneten Mars leben werden ist heute schwer zu sagen – die entsprechenden Weichenstellungen in der Raumfahrt werden jedenfalls heute vorgenommen – lassen wir uns überraschen.

IMS:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Kristian Wiegand.

erschienen in: IMS Nr. 3, 2008; Luftsicherheit - An den Grenzen des Möglichen


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Sonntag, 28. Mai 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 07:00 Uhr (CET).



Thomas Reiter
ist Diplomingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik. Er wurde am 23. Mai 1958 in Frankfurt/Main geboren, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seit dem 1. Oktober 2007 ist er im Vorstand des DLR zuständig für die Bereiche Raumfahrtforschung und -entwicklung. Thomas Reiter ist Träger des großen Bundesverdienstkreuzes.



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