IMS unterwegs mit der ADAC-Luftrettung - Wenn Sekunden zählen - Rettung aus der Luft
IMS unterwegs mit der ADAC-Luftrettung
Wenn Sekunden zählen - Rettung aus der Luft
Von Kristian Wiegand

In den 60er Jahren nahm der Straßenverkehr stetig zu - und mit ihm die Anzahl von Unfallopfern. Der noch im Aufbau befindliche Rettungsdienst stieß dadurch schnell an seine Grenzen. Um den Zivilschutz weiter gewährleisten zu können, musste ein neues, schnelles Rettungsmittel eingeführt werden. Nach erfolgreichen Feldversuchen mit dem Einsatz eines Rettungshubschraubers wurde 1970 der erste vom ADAC dauerbetriebene Hubschrauber in München eingesetzt: Christoph 1, benannt nach dem heiligen Christopherus, dem Schutzpatron der Reisenden und Autofahrer. Mit 71 Stationen ist das Rettungshubschrauber-Netz in Deutschland heute eines der dichtesten weltweit - die Helikopter sind ein wesentlicher Bestandteil der zivilen Sicherheit. Einer von ihnen ist Christoph 23.

Sonntagmorgen, 6:30 Uhr: eine Tageszeit, zu der ein Großteil der Bevölkerung schläft, noch über allen Wolken schwebt und sich von der Arbeitswoche erholt. Für die Besatzung des Rettungshubschraubers (RTH) Christoph 23 hat um diese Zeit bereits ein Arbeitstag begonnen. Während der ADAC-Pilot Stefan Goldmann im Schein der ersten Sonnenstrahlen den Eurocopter 135 checkt, überprüft die medizinische Besatzung, Notarzt Dr. Jan W. (hier folgt eine Anonymisierung, da der Arzt , der auch Soldat ist, so seine Familie schützen will) und Rettungsassistent Jürgen Funk, das Beatmungsgerät, den Defibrillator und alle weiteren Apparaturen, die das Überleben ihrer Patienten sichern sollen. Punkt 7 Uhr ist der Helikopter einsatzbereit und wird bei der zuständigen Leitstelle Mayen angemeldet. Die Wettervorhersage verspricht einen warmen, sonnigen Frühlingstag. “Bei so einem Wetter kann man fast schon fest damit rechnen, einen Einsatz auf dem Nürburgring zu haben”, sagt Goldmann. Der Nürburgring gehört ebenso zum Einsatzgebiet wie alle “normalen” Straßen im Radius von 70 Kilometern. “Es gehören nicht nur Verkehrsunfälle zu unserem Einsatzspektrum. Die meisten Notfälle sind eher Schlaganfälle und Herzinfarkte”, so Rettungsassistent Funk. “Unfälle machen aber immerhin 40 Prozent der Einsätze aus.”

Beim Frühstück werden die Einsätze des Vortages besprochen. So wird das Erlebte besser verarbeitet


Gefrühstückt wird gemeinsam im “Wohnbereich” des Standorts, einem gemütlich eingerichteten Raum mit Esstisch, Couch und Fernseher. Die Wände sind geschmückt mit von Kindern gemalten Bildern, als Dankeschön für eine Rettung oder auch als Dank für einen Besuch auf dem Rettungsstützpunkt. Bei Kaffee und Brötchen wird der letzte Einsatz besprochen: Am Vorabend war ein Waldarbeiter einen Abhang hinuntergestürzt. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde der Mann in einem Nachtflug ins Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZK) Koblenz gebracht. Ein Nachflug stellt eine Besonderheit dar. Normalerweise werden Rettungshubschrauber “auf Sicht” geflogen werden, da bei Landungen in Wohngebieten die Technik nicht jedes Hindernis anzeigen kann. “Nachtflug bedeutet, dass wir mit den letzten Sonnenstrahlen am Einsatzort gelandet sein müssen. Ist der Patient soweit stabilisiert, darf ich auch bei Dunkelheit einen bekannten, ausgeleuchteten Landeplatz anfliegen. Der gestrige Einsatz hat uns bis Mitternacht auf Trab gehalten”, erzählt Goldmann.

Auch Afghanistan ist am Frühstückstisch ein Thema. Kein Wunder: Das medizinische Personal wird vom BwZK gestellt. Der Pilot ist einziger Zivilist an Bord und kommt vom ADAC. Die Soldaten der Crew waren auch schon selbst am Hindukusch im Einsatz und wissen um die besondere Gefahrenlage. Ihre Erfahrungen in den Krisenregionen kommen nun auch den Bürgern rund um Koblenz zugute: seit 1999 funktioniert diese in Deutschland einmalige zivil-militärische Zusammenarbeit überaus erfolgreich. Gut gestärkt beginnt das Warten - auf einen Tag, dessen Ereignisse nie vorhersehbar sind. Sonntags kommt immer mal wieder Besuch: Kollegen, die ihre Nachtschicht am BwZK beendet haben, und die Crew auf den aktuellen Stand bringen. Dem Waldarbeiter geht es nicht besser. Das schwere Schädel-Hirn-Trauma lässt nichts Gutes erahnen. Mal kommt auch die Familie. Die Kleinen wollen ihren Vater auch am Sonntag zu Gesicht bekommen.

Innerhalb von 60 Sekunden ist der Hubschrauber in der Luft, um Leben zu retten


Der Melder durchbricht schlagartig die Sonntagsidylle. Ein internistischer Notfall wird gemeldet. Vermutlich handelt es sich um einen Schlaganfall. Vom Start der Rotoren bis zum Einsatzort vergehen nur sieben Minuten. Der Patient ist ansprechbar, muss aber schnellstmöglich in einem Krankenhaus lysiert werden. Durch diese Behandlung wird eine mögliche Gefäßverstopfung aufgelöst und eine bleibende Schädigung des Gehirns verhindert - wenn der Eingriff innerhalb von zwei Stunden erfolgt.

Kein Problem für die Crew von Christoph 23. Kurze Zeit später landet der RTH am Krankenhaus Kämperhof in Koblenz. Dort wird der Patienten an einen Rettungswagen (RTW) übergeben, der den Schlaganfall-Patienten in eine für solche Fälle spezialisierte “Stroke-Unit” transportiert. Eine Pause haben die Drei vom Christoph 23 danach nicht, denn die Leitstelle meldet eine Reanimation. Der Hubschrauber ist bereits auf dem Weg, als der Einsatz durch die Leitstelle Mayen, die die Rettungseinsätze koordiniert, wieder abgebrochen wird. Ein parallel alarmierter RTW hat sichere Todeszeichen gemeldet, die eine Reanimation überflüssig machen. Der RTH kehrt wieder zur Basis am Bundeswehrzentralkrankenhaus zurück. Dort wird der Hubschrauber neu betankt. Um Gewicht zu sparen, wird er nie voll aufgetankt. Bis zu 220 Liter Kerosin verbraucht ein Helikopter vom Typ EC 135 pro Stunde. Getankt wird direkt auf der Wache, an der hauseigenen “Heli-Tanke”, die auch anderen ADAC-Hubschraubern zur Verfügung steht. Unmittelbar darauf geht der Melder erneut: Ein zehnjähriger Junge ist von einem Klettergerüst gestürzt. Kindernotfälle stellen eine besondere Herausforderung für die Besatzung dar. Zum Glück stellt die Crew keine neurologischen Befunde fest, d.h. der Junge kann seine Beine noch bewegen. Um eine Fraktur auszuschließen, wird der kleine Patient zum Röntgen in die Kinderklinik geflogen.

In manchen Situationen ist die Besatzung des Christoph 23 machtlos


Gegen halb eins gibt es für die Hubschrauber-Crew Mittagessen im Casino des Bundeswehrkrankenhauses: gefüllte Rouladen. Die Pause währt nur kurz, denn der nächste Einsatz lässt nicht lange auf sich warten. “PKW im Rhein”, meldet die Rettungsleitstelle. Im Tiefflug über den Rhein lässt sich keine Erkenntnis gewinnen. Die Polizisten am Rheinufer winken den Hubschrauber zu sich. Sie machen der gelandeten Crew das Ausmaß der Tragödie deutlich: Ein Mann, der zuvor Frau und Tochter seinen Selbstmord angekündigt hatte, fuhr vor ihren Augen mit seinem Porsche in den Rhein. Ein vor dem Hubschrauber alarmierter Polizist sprang hinterher und musste beim Rettungsversuch feststellen, dass sich der Mann an sein Auto festgekettet hatte. Er versank mit seinem Auto in dem reißenden Strom. Trotz einer groß angelegten Rettungsaktion mit Tauchern und Booten der Feuerwehr konnte der Selbstmörder nicht mehr geborgen werden. Um die Angehörigen kümmert sich ein Notfallseelsorger. Für den Hubschrauber geht es weiter - auch wenn solche Einsätze nicht spurlos an der Crew vorüber gehen.

Ein neuer Einsatz: Diesmal möchten die Menschen glücklicherweise auch gerettet werden. Wie das vom Fahrrad gefallene 9jährige Mädchen mit einer Fraktur am Ellbogen. Oder die beim Wandern gestürzte Rentnerin. Mittlerweile ist das Team bereits neun Stunden im Einsatz. Ein Feierabend, der mit dem Sonnenuntergang zusammenfällt, ist heute nicht in Sicht - noch nicht jedenfalls. “Wie steht es eigentlich bei TuS Koblenz?” fragt Pilot Goldmann. Ein wenig Alltag auf dem Rückflug. Koblenz führt im Kampf um den Abstieg mit 2:0.

Die "Grüne Hölle" am Nürburgring


Beliebtes Freizeitziel für Hobby-Rennfahrer und häufiges Einsatzziel der Luftretter Zurück auf der Wache beginnt der administrative Teil: Einsatzberichte müssen geschrieben und Flugprotokolle erstellt werden. Und dann sollte auch noch die “Biene Maja”, wie der Hubschrauber manchmal liebevoll genannt wird, ihr sonntägliches Bad bekommen. Doch dazu kommt es nicht. Die Vermutung des Piloten vom Morgen bestätigt sich: Ein schwerer Unfall auf der Nordschleife des Nürburgrings sorgt für ein abruptes Ende der Büroarbeiten. “Ist schon der Wahnsinn. Für 30 Euro kann man da seinen Wagen zu Schrott fahren”, sagt Goldmann. Manchmal ist nicht nur der Wagen zerstört. Im demolierten Sport-Boliden sitzt ein Engländer, der auf Grund einer möglichen Wirbelsäulenverletzung äußerst sorgsam geborgen werden muss. Im Hubschrauber kann der Brite schon wieder lachen. Er habe den Fahrer des Unfallwagens am Tag zuvor kennen gelernt und das Angebot wahrgenommen, mit ihm eine Runde durch die “Grüne Hölle” zu drehen. “Shit happens”, resümiert der Engländer. Die angelegte Hals-krause stört den Patienten im durch die Sonne aufgewärmten Helikopter. Der Notarzt bleibt hart: “Man weiß nie, ob Frakturen im Halswirbelbereich vorliegen. Diese könnten bei einer falschen Bewegung zu einer Querschnittslähmung führen.” Der Oberstabsarzt behält Recht: Für den Engländer endete der Besuch in der Eifel mit vier gebrochenen Halswirbeln. Er kommt sofort auf den OP-Tisch.

Kurz vor sieben Uhr ist es nun. Die Sonne scheint schon nicht mehr ganz so kräftig, als ein weiterer Verkehrsunfall gemeldet wird. Wieder auf der Nordschleife des Nürburgrings. Mehrere Motorräder sind mit PKWs zusammengestoßen, ein Unfall, der wahrscheinlich durch eine Ölspur verursacht wurde. Dem Motorradfahrer geht es schlecht, er muss beatmet werden. Die Crew des RTH hat Sorgen, ihn lebend ins Krankenhaus zu bringen. Man entschließt sich zur so genannten “scoop and run”-Taktik. Hierbei wird der Patient schnellstmöglich in ein Krankenhaus gebracht, um eventuelle Blutungen operativ zu stoppen. Im Bundeswehrkrankenhaus wird Christoph 23 bereits erwartet, ein Ärzteteam hat alle notwendigen Maßnahmen im so genannten Schockraum vorbereitet. Der Motorradfahrer hat unglaubliches Glück und kommt mit einigen gebrochenen Rippen davon. Er musste seinen Leichtsinn nicht mit dem Leben bezahlen.

Nach 15 ½ Stunden Dienst und acht Einsätzen ist endlich Feierabend

Mittlerweile ist es kurz nach acht Uhr. Es dämmert langsam. Pilot Goldmann hat seine maximale Flugzeit fast erreicht. Neun Stunden und 54 Minuten. Nach zehn Stunden ist Schluss, das bestimmt das Luftfahrtbundesamt. Lediglich in Ausnahmefällen darf diese Zeit überschritten werden. Zu anspruchsvoll, zu verantwortungsvoll ist der Beruf eines Rettungspiloten, als dass man hierbei nachlässig sein könnte. Geflogen wird heute nicht mehr. Doch der Feierabend lässt noch auf sich warten. Die über den Tag angesammelten Einsätze müssen abgearbeitet werden. Für den fliegenden Gelben Engel gibt es immerhin noch eine “Katzenwäsche”. Um 22 Uhr - nach 15½ Stunden Dienst - ist endlich Feierabend. Traditionell gibt es ein Feierabendbier, Weizen mit Grapefruit-Saft. Der Feierabend bedeutet, nach vier anstrengenden Diensten in Folge endlich drei Tage bei der Familie sein zu können.

Ein letztes Mal wird über die Einsätze gesprochen. Ob der Selbstmörder gefunden worden ist? Die Feuerwehr hat nach Einbruch der Dunkelheit die Suche abgebrochen. Die Strömung ist zu stark. Christoph 23 rettet nicht nur Leben, er fasziniert auch. Wo der Hubschrauber auftaucht steht er im Mittelpunkt - bei Jung oder Alt. Jeder Schritt der Crew wird von Kameras verfolgt, was nicht immer angenehm ist. In diesen Momenten sind die Männer Stars - jedoch ganz ohne Allüren.


erschienen in: IMS Nr. 3, 2008; Luftsicherheit - An den Grenzen des Möglichen



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Samstag, 29. April 2017


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Online veröffentlicht am
12. Oktober '09 um 03:00 Uhr (CET).


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