Aufstandsbekämpfung "made in USA" - Das neue "Counterinsurgency Field Manual" und der Irakkrieg - Teil II
Aufstandsbekämpfung "made in USA"
Das neue "Counterinsurgency Field Manual" und der Irakkrieg - Teil II
Von Florian Broschk

In der letzten Ausgabe des IMS wurde die historische Entwicklung der amerikanischen Debatte über Aufstandsbekämpfung nachgezeichnet. Hier wird nun das neue Field Manual 3-24 ‚Counterinsurgency’ vorgestellt und seine Relevanz für den heutigen Irak analysiert.

Das Field Manual 3-24 ‚Counterinsurgency’ richtet sich nicht an den Zugführer oder Kompaniechef, sondern an die höchsten Führungsebenen. Auf den insgesamt 282 Seiten werden die Grundzüge einer Theorie von Aufstand und Aufstandsbekämpfung skizziert; ebenso angesprochen wird die Planung und Durchführung von Operationen und Feldzügen, der Aufbau von lokalen Streitkräften, Logistik, Nachrichtenwesen sowie Führungsethik und rechtliche Überlegungen. Die Vorschrift geht in ihrer Bedeutung jedoch über bloße theoretische Erwägungen und Planungshilfen weit hinaus.

Ihre Inhalte markieren den vorläufigen Sieg der Counterinsurgency-Denkschule und bringen gleichzeitig neue Erkenntnisse aus der Praxis in Afghanistan und dem Irak in die über 50 Jahre alte Debatte mit ein. Damit ist nicht so sehr die Erkenntnis gemeint, dass erfolgreiche Aufstandsbekämpfung ihrer Natur nach im Wesentlichen politisch ist. Dass militärische, politische und ökonomische Maßnahmen integriert werden müssen – wobei letztere die militärischen Schritte nur unterstützen können – ist bereits seit Jahrzehnten in den einschlägigen Vorschriften zumindest doktrinär verankert; auch wenn die Umsetzung immer wieder stockt. Andere Inhalte dagegen gehen weit über das hinaus, was bisher in Vorschriften niedergeschrieben wurde und greifen liebgewonnene Gepflogenheiten einer auf konventionelle Kriegsführung ausgerichteten Armee an.

So ist Aufstandsbekämpfung nach dem FM 3-24 vor allem ein Lernprozess – der Einfluss von Co-Autor John Nagl ist hier unverkennbar. Lernorganisationen, so wörtlich, besiegen Aufstandsbewegungen, bürokratische Hierarchien dagegen nicht. Die Vorschrift ist durchzogen von der Idee, dass die höhere Führung Verantwortung auf die niedrigsten Ebenen übertragen muss, wenn sie Erfolg haben will. Dass in der Praxis aufgrund der unübersehbaren Folgen, die angesichts einer weltweiten Medienpräsenz der Fehltritt einer Handvoll Soldaten haben kann, derzeit genau die entgegengesetzte Tendenz vorherrscht und die höhere Führung nur allzu gerne der Versuchung nachgibt, sämtliche Entscheidungskompetenz an sich zu ziehen, ist verständlich; erst recht angesichts des skrupulösen politischen Drucks, der auf den höchsten Führungsebenen lastet. Verhängnisvoll ist es dennoch.Ins Zentrum aller Maßnahmen der Aufstandsbekämpfung stellt das Field Manual nicht ‚den Feind’, also die Aufständischen, sondern die Bevölkerung: Aufstand und Aufstandsbekämpfung werden definiert als ein Kampf um Legitimität in den Augen der Bevölkerung. Der Sieg in der Aufstandsbekämpfung ist erzielt, wenn die Bevölkerung die Regierung als legitim akzeptiert und die aktive Unterstützung und passive Duldung der Aufständischen einstellt. Dafür wiederum ist zentral, dass der Bevölkerung Sicherheit garantiert werden kann. Nur wenn sie sich nicht vor Aufständischen fürchten muss, kann man damit rechnen, dass die Menschen die Regierung als legitim anerkennen und Informationen liefern.

Dem Nachrichtenwesen kommt ohnehin eine wichtige Rolle zu, die sich in einem besonders umfangreichen Kapitel des Field Manuals niederschlägt. Die vorhandenen Informationen bestimmen die Operationen (‚intel-driven operations’) – nicht umgekehrt. Diese Informationen sind dabei nicht nur taktischer Natur – etwa, wo sich ein Waffenlager befindet oder wie stark eine Gruppe von Aufständischen ist. Zunächst einmal geht es um strategische Informationen, zum Beispiel über die Mentalität der Menschen – etwas, das mit technischen Mitteln kaum zu gewährleisten ist. Soziale Strukturen der Gesellschaft nachzuvollziehen und in ihre Kultur einzudringen gehört ebenso dazu, wie Ziele, Motivation und Mobilisierungsmethoden der Aufständischen zu erkennen. Auch diese und nicht nur die Gefechtsformationen der Aufständischen sind es, die letztendlich bekämpft werden müssen. Hinzufügen ließe sich, dass diese Art von Nachrichtengewinnung als ein andauernder Prozess verstanden werden muss, bei dem das eigene Wissen sich Mosaikstein für Mosaikstein weiterentwickelt und plausible Annahmen und Informationen sich jederzeit als falsch herausstellen können. Das militärische Nachrichtenwesen nicht nur der US-Armee ist auf dieses ‚social intelligence gathering’ denkbar schlecht vorbereitet.

Das Field Manual kann hier nicht auf einen Schlag Abhilfe leisten, gibt aber Analysten wie auch der operativen Führung in einem umfangreichen Anhang zum Thema ‚Social Network Analysis’ detaillierte und durchdachte Methoden an die Hand, wie man an die Materie herangehen und sie sich visualisieren kann.Das FM 3-24 geht – mit aller gebotenen Vorsicht – auch auf das Kräfteverhältnis ein, das als Richtwert für erfolgreiche Aufstandsbekämpfung gelten kann: gegenüber den Aufständischen sei eine Überlegenheit von etwa zehn bis 15 zu eins anzustreben; für die erfolgreiche Sicherung eines Gebietes sei ein Verhältnis von etwa 20 bis 25 Soldaten pro 1.000 Einwohner als Minimum anzustreben. Diese Truppen dürfen jedoch nicht in befestigten Lagern stationiert werden, die sie nur zu gelegentlichen Patrouillen verlassen. Auch wenn ‚Force Protection’, der Schutz der eigenen Truppe, dies zunächst vorzuschreiben scheint – das FM 3-24 listet als eines von neun Paradoxa der Aufstandsbekämpfung auf, dass gerade Maßnahmen der Force Protection mittelfristig die eigene Sicherheit schwächen und die Auftragserfüllung verhindern. Die Gewährleistung von Sicherheit für die Bevölkerung, die das Field Manual ja als den zentralen Punkt erfolgreicher Aufstandsbekämpfung ansieht, ist nur durch kleine und kleinste Einheiten, die permanent in der Fläche präsent sind, zu erreichen. Obwohl die Vorschrift sich wie bereits erwähnt nicht primär an den taktischen Führer wendet, enthält sie im Anhang A einen hilfreichen ‚Guide for Action’ gerade für die unteren Führungsebenen. Von der Vorbereitung auf den Einsatz bis zur Übergabe an das Nachfolgekontingent werden die wichtigsten Inhalte der neuen Doktrin auf neun Seiten in anwendbare Leitsätze gegossen. Wer sich in kürzester Zeit mit der neuen Philosophie vertraut machen will, ist gut beraten, neben den neun ‚Paradoxa der Aufstandsbekämpfung’ (Kapitel I Seite 26) diesen Anhang durchzuarbeiten.

Welche Bedeutung hat aber die neue Doktrin in der Praxis?

Die unter General Petraeus seit 2007 im Irak umgesetzte Strategie des ‚Surge’ besteht nicht nur aus der viel berichteten und namensgebenden temporären Truppenverstärkung, sondern aus einer strategischen Wende, bei der das von Petraeus mitentwickelte FM 3-24 Pate steht. Anstelle der Ausbildung von irakischen Kräften – der ‚Irakisierung’ des Konflikts, in Anlehnung an die ‚Vietnamisierung’ der 70er Jahre – sollen die Truppen primär die Sicherheit der irakischen Bevölkerung gewährleisten. Dazu gehen sie in die Fläche und bleiben dort. So sollen sie von den Aufständischen die Kontrolle des täglichen Lebens wieder übernehmen, Informationen aus der Bevölkerung annehmen können und den Bewegungs- und Aktionsspielraum der Aufständischen Schritt für Schritt einengen.

Die bisherigen Ergebnisse dieser Strategie lassen hoffen: trotz der Präsenz in der Fläche und der verstärkten Patrouillenaktivitäten, oft zu Fuß und nicht mehr in geschützten Fahrzeugen, sind die Verluste der Koalitionstruppen seit Herbst 2007 stark gesunken: von pro Monat siebzig bis über hundert Gefallenen auf zuletzt dreißig bis vierzig. Dazu hat beigetragen, dass vor allem in der Krisenprovinz al-Anbar im Westen des Landes lokale sunnitische Milizen rekrutiert und gegen irakische al-Qaida-Gruppen eingesetzt wurden. Bei den Milizen handelt es sich oft um vormalige Aufständische aus dem nationalistischen Lager. Auch die Aktivitäten schiitischer Milizen in Bagdad und vor allem die Zahl ziviler Gewaltopfer haben bei allem berechtigten Zweifel an manchen Statistiken deutlich abgenommen.Der politische Konflikt im Irak hat sich jedoch nicht gelöst; ganz im Gegenteil stehen die Amerikaner vor neuen Dilemmata. Die meisten der sunnitischen Milizen haben nur ein Zweckbündnis mit den USA geschlossen, um die tödlichen Rivalen aus der sunnitisch-extremistischen Ecke bekämpfen zu können.

Es besteht kein Zweifel, dass die sunnitischen Milizen neben Geld und Waffen auch handfeste politische Zugeständnisse fordern. Schon die Einbindung und Bewaffnung der sunnitischen Milizen ist aber der schiitischen Regierung in Bagdad, dem bisher wichtigsten Verbündeten der USA, mehr als nur ein Dorn im Auge. Welchen Preis die USA in der Zukunft dafür zahlen müssen, dass sie ihre Feinde von gestern bewaffnen, ist noch nicht absehbar.Auch die anfängliche Zurückhaltung der schiitischen Milizen ist zu einem großen Teil taktischer Art – wenn die US-Armee sunnitische Aufständische bekämpft, gibt es keinen Grund für die Schiiten, sich dazwischen zu stellen. Eine zu enge Zusammenarbeit der USA mit den Sunniten provoziert aber ihrerseits eine Reaktion der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Die jüngsten Kämpfe in Basra und Bagdad, bei denen viele schiitische Regierungssoldaten und Polizisten nicht gegen ihre schiitischen Glaubenbrüder vorgehen wollten, haben einmal mehr klar gemacht, wie fragil die Loyalität auch der Sicherheitskräfte gegenüber dem Staat ist.

Der politische Spielraum der Vereinigten Staaten ist empfindlich eingeengt.


Eines von mehreren folgenschweren Dilemmata ist, dass eine effektive Aufstandsbekämpfung im Irak eine lange Besatzung mit vielen Truppen erfordert, dies aber sowohl in der Heimat unpopulär ist als auch im Irak den Widerstand gegen die fremden Besatzer weiter anstachelt. Vor allem aber zeigt sich erneut, dass ein Militäreinsatz nicht losgelöst von politischen Zielen und Gegebenheiten betrachtet werden kann:Die US-Truppen kämpfen im Irak gegen mehrere, untereinander verfeindete Widerstandsgruppen, müssen aber dennoch den Ausbruch eines Bürgerkrieges verhindern. Zudem soll der Einfluss des Irans, dem Schutzpatron der schiitischen Bevölkerungsmehrheit, eingedämmt werden und gerade die eigenen – allesamt sunnitischen – Verbündeten, darunter vor allem Saudi-Arabien, drängen auf eine Stärkung der arabisch-sunnitischen Minderheit. Andererseits haben dort nicht nur die meisten aufständischen Gruppen sondern auch die irakische Filiale von al-Qaida, der tödlichste Feind der USA, ihren Rückhalt. Die Kurden im Norden des Iraks, die engsten Verbündeten der USA, wiederum rivalisieren mit den sunnitischen Arabern und bedrohen mit ihrem faktisch autonomen Gebiet gleichzeitig die territoriale Integrität des NATO-Partners Türkei.Ob dieser multiple Spagat für die USA überhaupt dauerhaft machbar ist, wird die Zukunft zeigen. Die Väter des neuen Field Manual haben jedenfalls keinen Zweifel daran gelassen, dass es genau diese politischen Erwägungen sind, die über Erfolg oder Misserfolg des Militäreinsatzes entscheiden. Die logische Folgerung ist, dass die Politik sich eben nicht zurücklehnen kann und darf, während gekämpft wird, sondern dem Militär Ziele, Freund und Feind täglich neu vorgeben muss. Clausewitz – in den USA oft zitiert, selten gelesen und gerade in der Counterinsurgency-Schule als Inbegriff veralteter konventioneller Kriegsführung karikiert – scheint aktueller denn je.

Mit dem FM 3-24 hat das amerikanische Militär nicht nur sich selbst, sondern auch der politischen Führung und der Öffentlichkeit eine kohärente Doktrin vorgelegt, in welchem Rahmen gegen Aufstände überhaupt vorgegangen werden kann. Das Field Manual und die Umsetzung seiner Ideen durch das Militär stellen zunächst einmal die größte Hoffnung für die verfahrene Situation im Irak dar - trotz aller Unwägbarkeiten und Dilemmata, mit denen die politische Führung der USA konfrontiert ist. Eine Debatte über Methoden, Möglichkeiten und Grenzen der Aufstandsbekämpfung stünde sicherlich auch Deutschland gut an.


erschienen in: IMS Nr. 3, 2008; Luftsicherheit - An den Grenzen des Möglichen




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Samstag, 18. November 2017


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Online veröffentlicht am
11. Oktober '09 um 22:00 Uhr (CET).


Florian Broschk studierte an den Universitäten Bonn und Teheran Islamwissenschaft, Politische Wissenschaft und Völkerrecht. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bochum, Lehrbeauftragter an der Universität Bonn und unterrichtet Dari und Persisch am Bundessprachenamt.


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