Die Bedeutung von Seemacht in Politik und Geschichte
Die Bedeutung von Seemacht in Politik und Geschichte
Von Dr. Jörg Duppler

Die Oberfläche der Erde ist zu gut zwei Dritteln mit Wasser bedeckt, das restliche Drittel umfasst Landmassen und Inseln. Diese Landmassen gliedern sich in Kontinente, Subkontinente und das ewige Eis an Nord- und Südpol. Sie bilden keine zusammenhängende Fläche, sondern sind zum Teil getrennt durch Ozeane, Meerengen und große, auch Golf genannte Buchten. Während das Meerwasser als einheitliches Medium die Küsten der Kontinente und Inseln weltweit umspült und der Übergang von einem Ozean in den anderen ohne das Überqueren von (Land-) Barrieren möglich ist, bedarf es beim Übergang vom Festland auf Inseln oder zu anderen Kontinenten entweder künstlicher Hilfsmittel wie Dämmen und Brücken oder, wo dies aufgrund der Entfernungen technisch nicht möglich ist, geeigneter Transportmittel. Bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein, bis zur Einführung leistungsfähiger Flugzeuge, waren es ausschließlich Schiffe, welche den Verkehr zwischen durch Ozeane und Meeresarme getrennten Ländern ermöglichten und sicherstellten. Was zunächst als trennend erschien, wurde im Verlauf der Geschichte immer mehr zu einem verbindenden Element.

Wer die Meerengen kontrolliert, kontrolliert die Seewege

Seit Menschen und später Staaten Seefahrt und Handel betreiben, liegt ihr Interesse neben dem Streben nach Gewinn in der ungehinderten Nutzung der Seeverbindungswege: Wer im Besitz einer Meerenge war und darüber hinaus noch in der Lage, die verbindenden Seewege, wenn nicht zu beherrschen, so doch zu kontrollieren, konnte nicht nur seinen Handel ausweiten und schützen, sondern auch seine Konkurrenten schwächen. In dieser Beziehung unterschied sich der See-Händler in keiner Weise vom Kaufmann an Land. Vom friedlichen Handeltreiben über See bis zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten um die Kontrolle oder Herrschaft über die Seeverbindungswege oder bis hin zur Inbesitznahme reicher überseeischer Gebiete und der damit verbundenen Erweiterung von Machtbereichen war es nur ein kleiner Schritt.

Seemacht und Seeherrschaft als Faktor für Machterwerb, Machterhalt und Machtverlust

Ein Blick in die Weltgeschichte zeigt, dass es immer wieder Seekriege und Seeschlachten waren, die epochale Zäsuren setzten und die weitere Entwicklung prägten: So wurde in der Seeschlacht von Salamis zwischen Athen und den Persern (480 v. Chr.) entschieden, wer die Herrschaft im östlichen Mittelmeer ausüben würde. Die Vernichtung der persischen Flotte hatte zur Folge, dass das entstehende Europa abendländisch geprägt wurde – eine Prägung, die übrigens 1571 bei der Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken verteidigt wurde. Während des peloponnesischen Krieges gegen Sparta (431-404 v.Chr.) verlor Athen seine Flotte bei der militärstrategisch unnötigen Expedition nach Sizilien und damit den Krieg und seinen Status als Großmacht.

Die Landmacht Rom konnte die Seemacht Karthago erst dann niederringen, als es sich eigene Seemachtmittel schuf, und im ausgehenden Mittelalter waren es erneut maritime Mittel, mit denen die Neue Welt entdeckt und erobert werden konnte, ein historischer Prozess, der diese Regionen bis heute westlich-abendländisch prägt. Die Auseinandersetzung über den Besitz der neu entdeckten Gebiete wurde auf See geführt, und es war bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein immer wieder Großbritannien, das mit seiner Seemacht einen Rivalen nach dem anderen ausschaltete: 1588 Spanien durch die Vernichtung seiner Armada, 1650 bis 1675 die Niederlande durch siegreichen Kampf und ihr Prinzip des mare liberum und im 18. und 19. Jahrhundert schließlich Frankreich im Siebenjährigen Krieg beziehungsweise in der Auseinandersetzung mit Napoleon.

Gerade in den Seekriegen gegen die französisch-spanische Flotte mit dem entscheidenden Sieg Lord Nelsons bei Trafalgar wird deutlich, welche epochalen Auswirkungen Besitz und erfolgreiche Anwendung von Seemacht mit sich bringen können. Im zwanzigsten Jahrhundert übernahm eine neue Seemacht, die USA, die Rolle Großbritanniens mit der Folge, dass beide Weltkriege ebenfalls von See her und in erster Linie durch den Einsatz entsprechender Seekriegsmittel entschieden wurden: 1917 durch Kriegseintritt der USA auf Seiten der Westmächte und deren massive wirtschaftliche Unterstützung und im Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Flotte 1942 bei Midway die bedrohliche japanische Seemacht entscheidend schwächte, 1943 den deutschen U-Bootkrieg im Atlantik zum Erliegen brachte und 1944 die Invasion in der Normandie ermöglichte. All diese epochalen maritimen Auseinandersetzungen wurden zwar von spektakulären Landschlachten wie Marathon, Cannae, Waterloo, Sedan oder Stalingrad begleitet: Die entscheidenden weltgeschichtlichen Wendemarken wurden jedoch von See her gesetzt.

Die Bedeutung der Seemacht in der Literatur


Seit Beginn der kritischen Geschichtsschreibung befassten sich unzählige Autoren mit der Bedeutung von Seemacht und ihrem Einfluss auf den Aufstieg und Fall von großen Mächten. So beschreibt der „Vater der modernen Geschichtsschreibung", Thukydides, Seemacht als die wesentliche Voraussetzung zur Sicherung attischen Wohlstandes durch ungehinderten Seehandel. In seiner Überlieferung zum Peloponnesischen Krieg (431-404 v.Chr.) weist er auf den Zusammenhang von ausgedehnten Seehandelsinteressen und der Notwendigkeit einer diesen Interessen angepassten Kriegsflotte hin. Einerseits schaffe der Handel über See die finanzielle Basis für den Bau von Kriegsschiffen, während auf der anderen Seite diese wiederum dem Schutz der weit reichenden Seeverbindungen Athens dienten. Seemacht ist für Thukydides also in erster Linie in der hinlänglichen Anzahl von Kriegsschiffen und deren Kampfwert, also militärisch, begründet: Seemacht war Garant für das Erreichen staatspolitischer Ziele in der kriegerischen Auseinandersetzung. Wer die Seemacht besaß, konnte aushungern, jedoch nicht ausgehungert werden, er hatte die Möglichkeit zur Initiative und konnte der Kräfte zehrenden Entscheidungsschlacht an Land ausweichen.

Thukydides erkannte, dass Seemacht nicht improvisierbar sein konnte, sondern sich überlegt und beständig entwickeln musste. Ein gezielter Aufbau und das Schaffen präsenter Kräfte waren somit bereits im antiken Athen Elemente einer gezielten Verteidigungsvorsorge im Frieden, die in Verbindung mit den im attisch-delischen Seebund (478 v.Chr.) organisierten befreundeten (oder „überzeugten") Stadtstaaten die für das Überleben Athens notwendigen Seeverbindungswege in der Ägäis und zum Schwarzen Meer sicherstellte. Diese Politik war allerdings nur so lange erfolgreich, wie die Seeherrschaft bewahrt werden konnte und scheiterte erst, als es Sparta und dessen Verbündeten gelang, das Rückgrat der attischen Seemacht, die Flotte, auszuschalten.

Der amerikanische Seeoffizier und Seekriegstheoretiker Alfred Thayer Mahan differenzierte den Begriff „Seemacht" in seinem Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Klassiker „The Influence of Seapower upon History 1660-1812" ( 2 Bände 1890-92) in zwei Aspekte: zum einen in eine funktionale Auslegung von Seemacht im Sinne des Einsatzes von Seemachtmitteln zur Erringung der Seeherrschaft und zum anderen in eine institutionelle Auslegung. Danach ist funktionale Seemacht ein Staat, welcher der See einen hohen Stellenwert in der Planung seiner Gesamtpolitik beimisst. Seemacht steht hier in der Bedeutung von Staatsform. Für Mahan bedeutet funktionale Seemacht die Fähigkeit eines Staates, seine maritimen Interessen durchsetzen zu können. Voraussetzungen dafür sind maritimes Denken, eine leistungsfähige Basis (Industrie, Werften, Personal) und die geographische Position. Elemente von funktionaler Seemacht sind Seestreitkräfte, Stützpunkte und die Handels- und Fischereiflotte. Institutionelle Seemacht ist für ihn die Staatsart, deren übergeordnetes Interesse auf die Weltmeere als Feld wirtschaftlicher und politischer Einflussnahme gerichtet ist. Sie besitzt und fördert demzufolge bereits in Friedenszeiten die Voraussetzungen und Elemente der funktionellen Seemacht. Der deutsche Admiral und maritime Denker Edward Wegener hat 1974 den Zusammenhang von Flotte, Basis und maritimem Denken untersucht und auf die mathematische Formel

Seemacht = Flotte x Basis x maritimes Denken

gebracht. Mit ihr kann man gewissermaßen den „Wert" einer Seemacht errechnen. Wendet man Wegeners Formel nun zum Beispiel auf Athen im 5. Jahrhundert v.Chr., Großbritannien und das Deutsche Reich 1914 und 1939 oder die Sowjetunion um 1975 an, so kommt man sicherlich zu einem eindeutigen Ergebnis, was die Qualität dieser Staaten als Seemächte angeht. Und erweitert man den Begriff „Seemacht" zu „Seemachtbündnis" und bezieht die NATO mit ein, so unterstreicht die Formel, dass auch heute noch die entscheidenden Wendemarken in erheblichem und nicht zu unterschätzendem Maße von See her beeinflusst werden.

erschienen in: IMS Nr. 2, 2008; Maritime Sicherheit - Welthandel im Fadenkreuz


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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
11. Oktober '09 um 21:00 Uhr (CET).



Dr. Jörg Duppler
, Kapitän zur See, war von 2001 bis 2004 Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA).



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