Einmal um die halbe Welt -  Die Odyssee der Besatzung von S.M.S. Emden
Einmal um die halbe Welt
Die Odyssee der Besatzung von S.M.S. Emden
2. August 1914. Der kleine Kreuzer S.M.S. Emden lag vor Anker im Hafen von Tsingtau, einem deutschen Stützpunkt im Chinesischen Meer. Nachmittags gegen 14 Uhr erreichte den Kommandanten der Emden, Fregattenkapitän Karl von Müller, die Nachricht "Seine Majestät der Kaiser habe am 1. August 1914 die Mobilmachung der gesamten Marine und des Heeres befohlen". Wie in allen europäischen Staaten dieser Zeit folgte auf die Mobilmachung und die späteren Kriegserklärungen ein dreifaches "Hurra" seitens der Crew - Krieg! "Klar Schiff zum Gefecht, jeder auf seinen Posten"!

Operationsbasis für die Emden war der Hafen von Tsingtau. Gleich in der ersten Kriegsnacht konnte die Emden einen russischen Dampfer, die Rjesan, aufbringen. Dieser wurde zum Hilfskreuzer umgerüstet und unter dem Namen Cormoran in Dienst gestellt.

Am 13. August 1914 erhielt die Emden den Befehl zur "selbstständigen Kreuzer-Kriegführung im Indischen Ozean" - ihren Kaperbrief. Auf sich allein gestellt und nur in Begleitung des kleinen Kohledampfers Markomannia operierte die Emden. So musste sie durch Selbstversorgung für die Aufrechterhaltung der eigenen Kampfkraft Sorge tragen. Nachdem die Emden am 28. Oktober 1914 die Hafenanlage Penang unter Beschuss genommen hatte, wobei der russische Kreuzer Schemtschug und der französische Zerstörer Mousquet versenkt wurden, nahmen 18 alliierte Kriegsschiffe die Fahndung nach der Emden auf. Ihre erfolgreichen "Kaperfahrten" machten die Emden zum gefürchteten Gegner und zum begehrten Objekt.

Am frühen Morgen des 9. November 1914 lief die Emden die Cocos-Keeling-Islands an mit dem Ziel, eine Kabelstation auf Direction Island zu zerstören. "Melde gehorsamst, Landungszug in Stärke von drei Offizieren, sechs Unteroffizieren und vierzig Mann von Bord" - so Kapitänleutnant Mücke, der den Landungstrupp anführte. Da mit erheblichem Widerstand gerechnet werden musste, nahm der Landungszug alle vier an Bord befindlichen Maschinengewehre mit und der Trupp wurde entsprechend ausgerüstet.

Ohne auf Widerstand zu stoßen, landete der Trupp und konnte rasch den Funkmast sprengen. Zudem wurden die Gerätschaften in der Telegraphenstation zerstört. Als der Trupp gerade dabei war, eines der unterseeischen Kabel zu zerstören, erreicht Mücke die Meldung der Emden "Arbeiten beschleunigen", kurze Zeit später: "zurück an Bord". Der kleine Trupp besetzte die Dampfpinasse und steuerte die Emden an. Auf der Emden wurde "Anker auf" gehisst, kurze Zeit später die Gefechtsflagge. Mücke und sein Landungszug sahen, wie die ersten Salven auf die Emden niedergingen, die Emden das Feuer mit einer Steuerbord-Breitseite erwiderte mit schneller Fahrt die Bucht verließ.

So blieb dem Landungszug nichts weiter übrig, als umzukehren und erneut auf der Insel zu landen. Mücke verhängte das Kriegsrecht über die Insel, ließ den Strand sichern und begab sich auf das Dach des größten Hauses, um das Gefecht zwischen der Emden und dem Kreuzer Sydney zu beobachten, welche jedoch bald hinter dem Horizont verschwanden.

Mücke beschloss, die Insel zu verlassen, da man einen kleinen alliierten Landungstrupp vielleicht noch hätte abwehren können, einem Beschuss eines Kreuzers aber nicht hätte standhalten können. Ein kleiner weißer Schoner, die Ayesha, lag im Hafen der Insel. Mücke beschlagnahmte ihn und ließ ihn seeklar machen. "Wünsche glückliche Reise, aber der Schiffsboden ist durch" - mit diesen Worten übergab der Kapitän der Ayesha den Schoner an Mücke. Noch einmal konnte Mücke vom Mast der Ayesha das Gefecht zwischen der Emden und der Sydney beobachten. Es hatte gegen 8:30 Uhr morgens begonnen und brach abends gegen 6:00 Uhr ab.

Mit Unterstützung der Engländer wurden Wasser und Proviant an Bord des Schoners gehievt. Bei einbrechender Dunkelheit musste die Ayesha auslaufen, da eine nächtliche Fahrt über die Korallenriffe, welche die Insel umgaben, ausgeschlossen schien. Nach einer kurzen Ansprache und "drei Hurras auf den allerhöchsten Kriegsherren flatterten Kriegsflagge und Wimpel auf dem neuen Schiff seiner Majestät empor". Die Ayesha durchbrach mit Hilfe der Dampfpinasse die Brandung und kreuzte nun auf offener See.

In den folgenden Tagen sollte sich die Aussage des früheren Kapitäns bewahrheiten. Die Bordplanken waren morsch, die Takelage und die Segel alt und schwach. Somit war die Crew ständig damit beschäftigt, die Segel oder gebrochenes Tauwerk notdürftig zu flicken. Mücke entschied sich, trotz veralteten Navigationsgeräten den Hafen von Padang anzusteuern, um die Ayesha ausbessern zu können.

Am 23. November ließ Mücke die Ayesha in „Klarschiffzustand“ versetzen. Man näherte sich Padang und es war nicht auszuschließen, dass alliierte Schiffe sich in der Nähe aufhielten. Mücke schmiedete einen tollkühnen Plan. Er beabsichtigte, in einem solchen Fall die auf einen Überfall sicher nicht vorbereiteten Schiffe zu umsegeln um dann die Ayesha längsseits zu bringen und das „Fahrzeug mit blanker Waffe zu entern“. Um 10 Uhr meldete der Ausguck im Mast „Land in Sicht“. Die Ayesha befand sich in den neutralen Gewässern Niederländisch-Indiens, ungefähr 80 Seemeilen entfernt von Padang.

Der niederländische Kreuzer Lynx eskortierte die Ayesha in den Hafen von Padang, wo sie am 27. November vor Anker ging. Dem Kommandant der Lynx teilte Mücke mit, dass das Kriegsschiff S.M.S. Ayesha den Hafen von Padang anlaufen wolle um Seeschäden auszubessern und seine Seenot durch Aufnahme von Proviant und Wasser zu beseitigen. Der Kommandant der Lynx erwiderte, dass dem Einlaufen der Ayesha nichts entgegenstünde, sie aber am Auslaufen wohl gehindert werden würden. Tatsächlich beabsichtigten die Niederländer, die Ayesha als „Prise“ zu behandeln – also das Schiff festzuhalten und die Besatzung zu internieren. Mücke protestierte und konnte schließlich erreichen, dass die Ayesha gemäß den Neutralitätsbestimmungen binnen 24 Stunden den Hafen wieder verlassen konnte. In Padang wurden, vornehmlich von dort vor Anker liegenden deutschen Lloyddampfern, Proviant, Tabak und weitere Güter, wenn auch nicht in der notwendigen Anzahl, aufgenommen.

Am 14. Dezember kreuzte die Ayesha bei schlechtem Wetter unter kleinen Segeln. Etwa 4.000 Meter an Backbord waren die schemenhaften Umrisse eines Dampfers auszumachen. Aus dem Kurs des Dampfers schloss Mücke, dass es sich um einen deutschen Dampfer handelte, der der Ayesha aus Padang gefolgt war und sie nun suchte. Es war die Choising, welche die Ayesha erkannte und auf sie zudrehte. Das schwere Wetter machte ein Übersteigen auf den Dampfer zunächst unmöglich. Am 16. Dezember 1914 begann die Crew von Mücke „die gute alte Ayesha abzutakeln“. Im Laderaum wurden zwei Löcher gebohrt, die das Schiff langsam vollaufen ließen. Die Mannschaft setzte über und man blieb in 400m Entfernung liegen, um dem Untergang der Ayesha nach über 1.700 Seemeilen beizuwohnen. „Der Eisenballast ging nach vornüber, senkrecht, Ruder oben, die Masten flach auf dem Wasser stellte sich Ayesha und schoß dann wie ein Stein in die Tiefe. Drei Hurras tönten ihr über ihr Wellengrab nach.“

Auf der Choising entschied sich Mücke, zunächst nach Ostafrika zu fahren um dort die S.M.S. Königsberg zu treffen. Der englische Angriff auf Deutsch-Ostafrika ließ ihn aber von diesem Plan abkommen. Aus der Nachricht, dass es zu türkisch-englischen Kämpfen auf der arabischen Halbinsel in der Nähe des Bab el-Mandeb gekommen war, schloss er, dass die Türken an der Seite des Kaiserreichs in den Krieg eingetreten waren. Somit wurde Arabien, genauer Hodeida, zum Ziel, da Mücke annehmen konnte, dass dies der Endpunkt der Hedschas-Bahn sei. Mit der Bahn durch Arabien, dann bald daheim, dies wurde der Plan.

Seine Kenntnisse über den Bau der Bahn stützten sich auf ein etwas älteres „Weltreisehandbuch, das vielleicht für Hochzeitsreisende ganz zweckentsprechend war“, in welchem der Bau der Bahn erwähnt wurde. Jedoch mussten Crew und Besatzung noch die Perimstraße hinter sich lassen, in welcher englische Kriegsschiffe vor Anker lagen. Dieses Unternehmen gelang mit viel Glück und am 9. Januar landete Mücke mit seinen Männern auf der arabischen Halbinsel.

Die weißen Häuser Hodaidas in Sichtweite ließ Mücke die Landungsboote entladen. Ein uniformierter, bewaffneter Mann auf einem Kamel näherte sich der kleinen Schar. Mücke ging auf ihn zu, wurde aber durch das schussbereite Gewehr des Mannes zum Stehenbleiben gebracht. Er deutete ihm an, sich nicht von der Stelle zu rühren und verschwand in scharfem Galopp in Richtung Hodaida – um nur kurze Zeit später mit hundert „Beduinen“ dem Landungszug entgegen zu reiten. Die Beduinen warfen sich in eine Schützenlinie, es kam fast zum Gefecht. Mehrere der Araber kamen auf die kleine Truppe zu – unbewaffnet – und Mücke trat ihnen entgegen. Da beide Seiten nicht wussten, mit wem sie es zu tun hatten, setzte ein munterer Versuch ein, die Identität des jeweils anderen festzustellen. Erst nachdem Mücke ein Bild des Kaisers hervorholte und sich auf der Seite der Araber ein begeistertes Gebrüll erhob, war klar, dass es sich um Freunde handelte. Mit lautem „Getöse“ zogen Mücke und seine Männer begleitet von den Arabern nach Hodaida.

Dort angekommen mussten die Deutschen feststellen, dass die Bahn nicht bis hierhin reichte. Von den türkischen Behörden erhielt Mücke die Information, dass das Rote Meer von alliierten Kriegsschiffen besetzt war. Folglich blieb, wollte man in die Heimat gelangen, nur der Fußmarsch gen Norden in Richtung Sanaa. Ausgerüstet mit Kamelen, Pferden, Mauleseln und Eseln brach die Karawane an „Kaisers Geburtstag“ auf.

Nach sieben Tagen erreichte man Sanaa. Fieber, Magenkrämpfe und Erkältungserscheinungen machten ein direktes Weiterkommen unmöglich. Der bevorstehende weitere Marsch auf dem Landweg schied für die geschwächten Männer aus, so dass sie nach 14 Tagen wieder zurück nach Hodaida aufbrachen, um ihr Heil auf dem Seeweg zu suchen, vorbei an der Panzerkreuzersperre der Alliierten. Zurück in Hodaida wurden zwei Jambuls, kleine, offene Segelboote, aufgetrieben, mit denen die Seereise nach Norden gewagt werden sollte. Am 14. März verließ das „Geschwader“ Jabana nahe Hodaida. Mit der Reichskriegsflagge am Heck seines 14m langen und 4m breiten Jambuls machte sich der Trupp von Mücke auf gen Norden. Mit arabischen Lotsen an Bord gelang es zunächst, über Korallenbänke hinweg an den alliierten Schiffen vorbeizusteuern. Am 17. März lief eines der Jambuls auf und sank. Die Mannschaft konnte gerettet werden, nicht so die Ausrüstungsgegenstände. Es ging weiter, jedoch versperrten englische Kriegsschiffe die Meerenge, so dass für die geschwächte Crew nur der Landweg blieb.

Am 1. April, knapp eine Tagesreise von Djidda entfernt, zerrissen am frühen Morgen mehrere Salven die Stille der Nacht. „Ununterbrochen regnete es plötzlich aus nächster Umgebung Blei auf unsere Karawane“ – die Männer saßen ab und erwiderten das Feuer. Nicht wissend, mit wem man es zu tun hatte, wurden die Maschinengewehre in Position gebracht und „kaum rasselten ihre Salven über die feindlichen Linien hin, als bei dem auf diese Wendung scheinbar nicht gefassten Gegner Ruhe eintrat“ – um kurz danach von neuem das Feuer zu eröffnen.

Drei Tage und zwei Nächte dauerte das Gefecht – an Schlaf war nicht zu denken. Die Männer der Emden und ihre Begleiter hatten einen Ringwall zur Verteidigung gebildet, immer gefasst auf eine Attacke der noch immer unbekannten Gegner. Mücke schickte einen seiner arabischen Begleiter nach Djidda, um durch die dortige türkische Garnison Unterstützung zu erhalten. Gegen Mittag des dritten Tages tauchte dann tatsächlich ein Unterhändler der gegnerischen Seite auf. Dieser wurde durch Mücke hingehalten, da er davon ausging, die Araber wollten im Augenblick des Herannahens der türkischen Unterstützung herausschlagen, was es eben herauszuschlagen gab. Nach dem Scheitern der Verhandlungen begann das Feuergefecht erneut – dann urplötzlich Stille. Es erschienen „zwei Kamelreiter, deren Kleidung und reichhaltiges Sattelzeug schon von weitem erkennen ließen, dass es sich nicht um gewöhnliche Beduinen“ handeln konnte. Diese erklärten dem skeptischen Kapitänleutnant, der zweite Sohn des Emirs von Mekka käme mit seinen Truppen den Männern der Emden zu Hilfe. Und Abdullah kam. Zusammen mit ihm zogen Mücke und seine Männer nach Djidda. „Es ist wohl ein seltener Fall, dass ein Christ neben dem Sohn des Emirs von Mekka unter der Fahne des Propheten durch die Wüste reitet“ notiert Mücke. Jedoch sollte Mücke in Djidda erfahren, dass der Überfall durch den Emir initiiert worden ein soll.

Folglich gestaltete sich die Lage in Djidda für Mücke außerordentlich schwierig. Die Araber schienen im „Solde Englands“ zu stehen und waren gut bewaffnet. Um aus Djidda weiter in Richtung el-Ulla zur Bahn zu gelangen, entschloss sich Mücke abermals, vorbei an den englischen Kriegschiffen auf dem Seeweg sein Ziel zu erreichen. Er verbreitete das Gerücht, er werde auf dem Landweg weiterziehen, besorgte sich neuerlich zwei Jambuls und es gelang ihm und seinen Männern, in der Nacht vom 8. auf den 9. April durch die Seeblockade der Engländer hindurchzuschlüpfen.

Am 28. April erreichte man Sherm Munnaiburra, eine kleine geschützte Bucht etwa zehn Seemeilen südlich von el-Weg. Von hier aus ging es auf dem Landweg – nun durch zweifelsfrei türkisch kontrolliertes Gebiet – ohne Zwischenfälle zunächst nach el-Weg, dann weiter nach el-Ulla. Sie hatten sich fast sechs Monate durchgeschlagen und erreichten am 6. Mai 1915 el-Ulla.

„Von allen Seiten lebhaft fotografiert hielten wir mit fliegender Flagge unseren Einzug in das Städtchen, das uns mit seinem Bahnstrang und seinem Wartesalon die ersten Anzeichen der einsetzenden Zivilisation gab. Reichliches Essen, sehr reichliches Trinken, ein kurzes Bad füllten die nächsten Stunden aus. Dann rollte der Zug mit der unerhörten Geschwindigkeit von dreißig Kilometern die Stunde nach Norden.“

Die Männer der Emden reisten über Damaskus und Aleppo durch Kleinasien nach Konstantinopel. Am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, hielt der Zug am Bahnhof von Haidarpascha, dem asiatischen Endpunkt der Hedschas-Bahn. Dort wurden sie vom Chef der deutschen Mittelmeerdivision und Chef der türkischen Flotte, Admiral Souchon, empfangen.

„Unsere Flagge, die unserem Marsche zehn Monate vorangeweht hatte, am rechten Flügel“ – Mücke ließ die Männer antreten und senkte seine Degenspitze vor Admiral Souchon: „Melde gehorsamst, Landungszug der S.M.S. Emden in Stärke von fünf Offizieren, sieben Unteroffizieren und 37 Mann zur Stelle“.

erschienen in: IMS Nr. 2, 2008; Maritime Sicherheit - Welthandel im Fadenkreuz


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11. Oktober '09 um 12:00 Uhr (CET).


David Petrovic

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