Die Herrschaft der Stämme
Die Herrschaft der Stämme
Von Conrad Schetter

Der Krieg gegen den Terror in Afghanistan rückt eine Region in den Mittelpunkt des Weltinteresses, die den Gegenpol zur Moderne bildet. So mischen sich in dem Paschtunengürtel, der sich von den Salzseen Westafghanistans über die heimliche Hauptstadt Kandahar bis in die Gebirgslabyrinthe im Nordwesten Pakistans erstreckt, archaisch anmutende Stammesvorstellungen mit einer rigiden Islamauslegung. Zudem offenbaren die gegenwärtigen Kämpfe zwischen NATO und Taliban, dass es sich um eine Region handelt, in der Staatlichkeit niemals richtig Fuß fassen konnte.

So vermochten es weder Kabul noch Islamabad, eine rudimentäre Verwaltung in den Stammesgebieten aufzubauen, geschweige denn ein Gewaltmonopol zu etablieren. Selbst die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan, die so genannte Durand Line, ist bis heute umstritten.

Great Game

Diese bis heute andauernde Herrschaft der Stämme ist nur über eine historische Betrachtung zu verstehen. So stand genau diese Region bereits im 19. Jahrhundert im Interesse der Weltpolitik. Damals rangen England und Russland im „Great Game““ um Einfluss in Afghanistan. Während die russische Politik vom Drang zum „warmen Meer“ bestimmt war, kamen in der britischen Politik unterschiedliche Strömungen zum Tragen. So lösten sich während des gesamten 19. Jahrhunderts Phasen einer aggressiven forward policy immer wieder mit Phasen einer Defensivpolitik ab.

Die Einverleibung Afghanistans in das britische Kolonialreich mochte zwar aus einer strategischen Argumentation heraus Sinn machen, aus ökonomischer dagegen nicht: So stand die Erschließung der zerklüfteten Bergwelt und der ausgedehnten Wüsten am Hindukusch in keinem Verhältnis zu den Erträgen, die diese Region abwerfen konnte. Die britische Defensivpolitik folgte dagegen der Parole „back to the Indus“; sie zielte darauf ab, das Indus Tiefland gegen Überfälle der „wilden afghanischen Stämme“ und gegen das Vordringen Russlands abzuschirmen.

Trotz unterschiedlicher Vorstellungen bezüglich der Zukunft Afghanistans waren die Briten stets bemüht, einen afghanischen Herrscher zu installieren, der ihren Interessen gewogen war und der das Königreich von Kabul kontrollieren sollte. Aufgrund verhängnisvoller Fehleinschätzungen seitens der Briten, Irritationen zwischen den Briten und den afghanischen Emiren, Regierungswechseln in London sowie der unübersichtlichen Machtverteilung in Afghanistan erfuhren die Briten am Hindukusch jedoch schmerzlich die Grenzen ihrer kolonialen Weltpolitik: 1842, 1879 und 1919 kam es zu Kriegen zwischen Afghanistan und England, aus denen die Kolonialmacht stets angeschlagen hervorging.

So rieben afghanische Krieger im Winter 1842 die 16.000 Mann umfassende Indusarmee nahe Kabuls vollends auf; dies war die schwerste Niederlage, die ein britisches Kolonialheer jemals erlitten hat. Am 27. Juli 1880 trugen die afghanischen Stämme einen historischen Sieg über die britische Armee bei Maiwand nahe der südafghanischen Stadt Kandahar davon. Maiwand avancierte zum nationalen Symbol der Afghanen. Der Tag der Schlacht wurde zum afghanischen Feiertag erhoben. So ist es wohl Ironie der Geschichte, dass gegenwärtig britische Truppen, die im Rahmen des NATO-Engagements im Einsatz sind, gut einhundert Jahre später wieder in der Nähe von Maiwand stationiert sind. Aufgrund dieser schwankenden Politik der Briten war das Schicksal Afghanistans sehr lange Zeit offen. Noch am Ende des 2. anglo-afghanischen Kriegs 1879 war keinesfalls klar, ob es jemals einen Staat Afghanistan geben sollte. Damals kontrollierten britische Truppen Kandahar, während der Rest des Landes von konkurrierenden Kriegsfürsten beherrscht wurde. Erst die Machtübernahme der Liberalen in London 1880 ebnete den Weg für einen zunächst semisouveränen Staat Afghanistan, der als England freundlicher Puffer zwischen Persien, Russland und Britisch Indien gegründet wurde. Das damalige Emirat Afghanistan, das unter dem „eisernen Emir“ Abdur Rahman ins Leben gerufen wurde, besaß bereits die Konturen des heutigen Staatsgebiets.

Die unruhige Grenze

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts versuchten die Briten über die Errichtung eines militärischen Bollwerks, das so genannte Sandeman System, die Stämme an der unsicheren Nordwestflanke des indischen Subkontinents zu befrieden. Zusätzlich wurde 1872 die Frontier Crime Regulations erlassen, die die Konfliktschlichtung in den Stammesgebieten entsprechend lokaler Rechtanschauungen vorsah. In den 1890er Jahren wurden die Stammesgebiete zudem in Tribal Areas unterteilt, die eine recht hohe Autonomie genossen. Pakistan, das 1848 gegründet wurde, übernahm diese von den Briten geschaffenen Sonderregeln. So unterliegt bis heute die Bevölkerung der Tribal Areas der Frontier Crime Regulation. Dieser Sonderstatus bedingt einerseits eine eklatante Rückständigkeit der Stammesgebiete, garantiert den Stämmen andererseits eine außerordentliche Autonomie. Letzteres hat es zu verantworten, dass sich al-Qaida und Taliban weitgehend ungestört in die Tribal Areas zurückziehen konnten, um von hier aus ihren Krieg in Afghanistan zu planen. Bereits während der gesamten britischen Herrschaft über den indischen Subkontinent stellte der Versuch, die paschtunischen Grenzstämme unter Kontrolle zu bringen, eine der größten Herausforderungen für die Kolonialmacht dar.

So befanden sich die Stämme in ständigem Aufruhr gegen die britische Herrschaft; die Briten waren ihrerseits weder mit Zuckerbrot noch mit Peitsche in der Lage, den Stammesrevolten Herr zu werden. Klangvolle Namen wie der „Fakir von Ipi“ oder der „Mad Mullah of Malakand“ wurden zu Symbolen dieser Rebellionen, die die britische Armee ein um das andere Mal in Verlegenheit brachten. Allein in der Unruhregion Waziristan unterhielten die Briten in den 1930er Jahren 28 Bataillone, was einem höheren Truppenaufgebot entsprach, als die Briten im Rest des gesamten indischen Subkontinents stationiert hatten. Die Kampftechnik, mit der die Stämme die Briten damals zur Verzweiflung trieben, unterschied sich kaum von der der heutigen Taliban. So bedingte die ständige Zerstrittenheit und Rivalität unter den Paschtunen, dass jeder Stamm für sich allein agierte und sich die Allianzen in einem ständigen Wechsel befanden. Diese Stammesrivalitäten erschwerte es den Briten, verlässliche Bündnispartner zu finden. So heißt es, „man kann einen Paschtunen mieten, aber nicht kaufen“. Allein religiöse Oberhäupter waren in der Lage, die zerstrittenen Stämme kurzfristig auf ein gemeinsames Ziel hin einzuschwören.

In manchen Jahren mussten die Briten weit über dreihundert Kämpfen und Scharmützeln bestehen. Auch schreckten die Stammeskrieger nicht davor zurück, militärische Außenposten zu attackieren, Garnisonen zu belagern und sich den Briten in offenen Kämpfen zu stellen.

Der edle Wilde

Diese Unerschrockenheit, mit der die Paschtunen den Briten im Kampf begegneten, ist Ausdruck eines Männlichkeitskults, der für die paschtunische Stammesgesellschaft prägend ist. So schrieb Winston Churchill 1898 über die Paschtunen: „Zu der Grausamkeit der Zulu gesellt sich die Geschicklichkeit der Rothäute und die Schießkunst der Buren“. Während die einen in die Paschtunen nur ungehobelte Barbaren sahen, entstand gerade vor dem Hintergrund, dass sich das Empire an einigen dürftig bewaffneten Stämmen erfolglos die Zähne ausbiss, ein verklärtes und überhöhtes Porträt des Gegners. Auch gegenwärtig werden die paschtunischen Stämme in den westlichen Medien meist als „mittelalterlich“, „primitiv“ und „barbarisch“ abgetan. Vielleicht bedarf es nur einiger weiterer Fehlschläge der NATO-Mission im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, dass sich auch das Bild der Taliban in der Berichterstattung wandelt. Wenn sich Geschichte auch nur selten wiederholt, so sind die vielen Parallelen zwischen den Erfahrungen, die die Briten vor 100 Jahren an der frontier machten, und der gegenwärtigen Situation jedoch zumindest besorgniserregend.

erschienen in: IMS Nr. 1, 2008; Afghanistan - Ambitionen und Wirklichkeit




Kommentieren Sie diesen Artikel
 
 
Freitag, 24. November 2017


Diese Webseite teilen
mit AddThis





Immer informiert
Folgen Sie uns!
Folgen Sie IMS auf Twitter  Werden Sie Fan von IMS auf Facebook  Abonnieren Sie kostenlos unseren RSS-Feed


Mehr Informationen
zum gewählten Artikel
Online veröffentlicht am
11. Oktober '09 um 07:00 Uhr (CET).


Dr. Conrad Schetter ist Wissenschaftler am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn (ZEF). Hier arbeitet er vornehmlich zu gewaltsamen Konflikten in Afghanistan und Pakistan.


Dieser Artikel umfasst 1234 Wörter und wurde noch nicht kommentiert.

Kommentieren Sie diesen Artikel


Twitter
Die letzten 3 Tweets


    Aktuelle Ausgabe
    Nr. 2, 2011
    Mit Sicherheit vernetzt - Social / Military Media - Nr. 2, 2011

    Mit Sicherheit vernetzt
    Social / Military Media

    → Inhaltsverzeichnis


    Facebook
    Werden Sie Fan von uns
    Redakteur-Login

    PhishMEDIA
    • Anzeige

    • Unsere Partner