IMS-Gespräch mit dem Vorsitzenden des DBwV, Oberst Gertz - "Wir sind exemplarisch falsch gerüstet"
IMS-Gespräch mit dem Vorsitzenden des DBwV, Oberst Gertz
"Wir sind exemplarisch falsch gerüstet"
IMS: Halten Sie die in der „ISAF’s Strategic Vision“ für Afghanistan anvisierte 80.000 Mann starke, afghanische Armee bis 2010 für ein realistisches Ziel?

Oberst Gertz:
Zielsetzungen zum Aufbau der afghanischen Streitkräfte haben wir schon öfter gehört. Es ist bisher jedoch nicht gelungen, die ausgebildeten afghanischen Streitkräfte angemessen auszurüsten, zu bewaffnen und sie regelmäßig und pünktlich in einer Höhe zu bezahlen, dass sie in der Lage gewesen wären, ihre Familien zu ernähren. Wer aber loyale, in der Fläche präsente und nicht korrupte Streitkräfte haben will, muss diese regelmäßig und ausreichend bezahlen. Abgesehen davon ist auch die Ausbildung - wenn man das nett formulieren möchte - sehr heterogen verlaufen. Erst 2007 hat der Generalinspekteur mit den Generalstabschefs der anderen im Norden Afghanistans präsenten Nationen eine Verständigung über die zu erreichenden Ausbildungsziele und einen Zeitpunkt, wann die Ausbildung als abgeschlossen bezeichnet werden könnte, gegeben. Das heißt, wir liegen extrem hinter den gesteckten Zielen zurück und werden diesen erst dann näher kommen, wenn alle beteiligten Nationen ihre Anstrengungen in Ausbildung und Finanzierung intensivieren.

IMS: Die Bundeswehr wird der Forderung von NATO-Generalsekretär de Hoop Scheffer, dass alle NATO-Mitglieder in Afghanistan bereit zum Kampf sein müssen, ab Sommer 2008 in der Quick Reaction Force (QRF) gerecht werden müssen. Sind die deutschen Soldaten für diesen Einsatz ausreichend gerüstet?

Oberst Gertz: Ich habe ein Problem mit der Definition der ungleichen Lastenverteilung. Unsere Verbündeten haben sich ohne Not für ihre Aufgaben im Süden Afghanistans entschieden. Wir haben uns bereit erklärt, im Norden für Stabilität zu sorgen, dieses Ziel wurde weitestgehend erreicht. Auch im Norden musste in der Vergangenheit gekämpft werden und es wird auch in Zukunft gekämpft werden. Wer der Meinung ist, wir würden dort nur Kaffeetrinken, der irrt sich ganz beträchtlich. Bei der Operation Harekate Yolo II zum Beispiel operierte die norwegische QRF mit deutscher logistischer Unterstützung und unter Führung eines deutschen Regional Commander North. Dies war ein proaktives Vorgehen gegen illegale Kämpfer und gegen Taliban. Deswegen brauchen wir von niemandem, auch nicht vom NATO-Generalsekretär, solche unpassenden Vergleiche. Des Weiteren habe ich überhaupt keine Zweifel, dass deutsche Soldaten die Aufgaben einer QRF genauso effektiv und wirkungsvoll wahrnehmen werden, wie unsere norwegischen Freunde das getan haben. Von der Ausbildung her haben wir nicht das geringste Problem, größere Probleme bestehen jedoch bei der Ausrüstung.

IMS: Diese Ausrüstungsmängel wurden zwar erkannt, aber nur sehr schleppend geschlossen. Erfüllt das Parlament seine Aufgabe, für die von ihm entsandten Soldaten Sorge zu tragen?

Oberst Gertz: Man muss dem Parlament und der Bundesregierung zugestehen, dass sie sich intensiv bemüht haben, jeweils nach der Entscheidung für die Teilnahme an einem Auslandseinsatz möglichst schnell die materiellen Voraussetzungen nachzuholen, die dafür vorher hätten bestehen sollen. Das gilt auch für die QRF, bei der man einsatzfähige, gepanzerte Gefechtsfahrzeuge braucht. Der ins Auge gefasste Marder 1A5, der nachträglich mit Minenschutz versehen wurde, leidet unter den gleichen Mängeln wie der Dingo. Auch dessen Fahrwerk ist nicht darauf ausgerichtet, die nötige Panzerung zu tragen. Das Ergebnis sind immer wieder auftretende Schäden am Dingo, die ihn außer Gefecht setzen. Auch der Marder 1A5 wird in Afghanistan nur bedingt einsatzbereit sein. Das gehört zu den Hypotheken, die man mit sich trägt, wenn man über lange Jahre nur für die Landesverteidigung gerüstet war. Wir verfügen immer noch in weiten Teilen über das Arsenal einer Landesverteidigungsarmee und nicht über das einer Einsatzarmee und das wird sich bei der Begrenztheit unserer finanziellen Ressourcen auch nicht auf die Schnelle ändern lassen. Das Parlament müsste sich in jeder Debatte um Mandatsentscheidungen bewusst machen, dass es die Menschen, denen es so eine Aufgabe stellt, nicht überfordern darf. Derzeit wird intensiv diskutiert, ob man als Überbrückung nicht den Eagle erwerben solle. Man wird für die QRF also einen Mix aus den verfügbaren geschützten Fahrzeugen bereitstellen, damit sie operieren kann.

IMS: Bei den meisten Übergangslösungen gibt es Systeme anderer Hersteller, die bereits verfügbar wären. Warum werden diese nicht genutzt?

Oberst Gertz: Es sollte vermieden werden, zu viele Waffensysteme in einem Fuhrpark zu haben, da sich potentielle Probleme bei der Instandsetzung und Ersatzteilversorgung ergeben könnten. Jede Armee neigt deshalb dazu, die Anzahl der verschiedenen Waffensysteme zu begrenzen. Wenn man jedoch so exemplarisch falsch gerüstet ist, wie wir es sind, stößt man natürlich an Grenzen. Es wäre daher klüger gewesen, wenn man sich rechtzeitig darum bemüht hätte, den absehbaren Überbrückungszeitraum bis zur Indienststellung des A400M mit einem besseren Angebot zu nutzen. IMS: Teilweise können im Einsatzgebiet wegen der Begrenzung auf 3.500 Mann nicht einmal 80 Prozent der notwendigen Dienstposten besetzt werden. Wann wird dem Bedarf an Einsatzkräften durch Anhebung der Obergrenze Rechnung getragen? OG: Ganz sicher haben wir mit der Bereitstellung einer deutschen QRF ein zentrales Problem mit dieser Obergrenze. Diese musste in Zeiten des Kontingentwechsels ohnehin schon überschritten werden, damit man nicht immer wieder Soldatinnen und Soldaten zwischendurch für kurze Zeit ausfliegen muss. Es fehlen Reserven, die für eine flexible Bereitstellung von Kräften erforderlich sind, und deswegen teile ich die Bewertung des Generalinspekteurs, dass bei der nächsten Entscheidung über das Mandat dieser Deckel angehoben werden sollte.

IMS: Bisher ist offiziell keiner der Soldaten im Kampf gefallen. Sehen Sie einen Bedarf, den Todesfall im Kampf neu zu definieren?

Oberst Gertz: Unbedingt. Ich glaube, dass unser Soldatenversorgungsgesetz trotz entscheidender Verbesserungen nach wie vor an einem zentralen Mangel leidet: dass Begriffe wie „Verwundete“, „Gefallene“, „Kampf“, „Krieg“ oder „Angriff“, dort überhaupt nicht vorkommen. Wenn jemand mit einem Dingo auf einer Pass-Straße in Afghanistan über die Böschung gerät, sieben Überschläge macht und dabei getötet wird, dann kann ich seiner Witwe guten Gewissens sagen, dass ihr Mann einem Einsatzunfall zum Opfer gefallen ist. Wenn aber ein Soldat durch ein IED (Improvised Explosive Device, zu deutsch Unkonventionelle Spreng- und/oder Brandvorrichtung, USBV) getötet wird, dann ist es doch ein Treppenwitz der Geschichte, wenn man seiner Witwe sagt, ihr Mann sei einem Einsatzunfall erlegen. Ihr Mann ist im Einsatz für die Bundesrepublik Deutschland einem terroristischen Angriff zum Opfer gefallen und in der Sprache der Soldaten heißt das, der Mann ist gefallen. Ich bin für eine klare Sprache, denn nur dann können wir unseren Mitbürgern vermitteln, was deutsche Soldaten eigentlich dort tun und mit welchen Risiken sie es zu tun haben. Wir sind ja nicht dort, um Wiederaufbau zu leisten, sondern um Wiederaufbau militärisch gegen Bedrohungen abzusichern.

IMS: Wie erklären Sie sich das Versäumnis der Politik, die neuen Einsatzfelder der Bundeswehr realistisch darzustellen?

Oberst Gertz: Es ist natürlich nicht ganz einfach, den Leuten das wirklich zu veranschaulichen. Zumal wir zu viele Populisten in unserem Land haben, die mit unzutreffenden, aber für manchen Stammtisch einleuchtenden Argumenten operieren. Wenn man Terroristen an ihren Aktivitäten hindern will, muss man dahin gehen, wo Terrorismus entsteht, muss seine Ursachen und Symptome bekämpfen und dafür sorgen, dass es keine Staaten gibt, in denen Terroristen über geschützte Räume, Nachschublager, Ausbildungslager oder Rekrutierungsbasen verfügen. Das kann man den Menschen in der Bundesrepublik auch vermitteln, wenn man nur will – das ist sicher ein Versäumnis der Politik. Es ist einfach nicht populär, in die Wahlkreise zu gehen und dort dafür zu werben, dass Söhne und Töchter von Bürgern für die Abwesenheit von asymmetrischen Gefährdungen sorgen. Auch die Medien kritisieren die Regierung immer öfter dafür, dass sie nicht Klartext redet. Besonders im Falle der QRF wäre eine offenere Kommunikation durch die Regierung vernünftig gewesen. Wie viel Kritik musste Franz Josef Jung einstecken, als ihm im Zusammenhang mit UNIFIL das Wort „Kampfeinsatz“ rausgerutscht ist, obwohl der Mann ja Recht hatte. Es ist seine Aufgabe, die Menschen darauf hinzuweisen, dass ein solches Vorgehen mit Seestreitkräften im äußersten Fall eben auch zu Kampfhandlungen führen kann. Wenn man das nicht sagt, hat man seine Aufgabe als Verteidigungsminister verfehlt. Die deutsche Gesellschaft ist geistig noch nicht auf Ballhöhe und hat mit der Veränderung deutschen Rolle und der Bundeswehr, die früher nur ein Instrument der Landesverteidigung war und jetzt ein Instrument deutscher Außen- und Sicherheitspolitik geworden ist, nicht Schritt gehalten.

IMS: Denken Sie, seitens des Militärs wurde alles getan, um Einsätze möglichst transparent darzustellen - im Rahmen dessen, was offen gesagt werden darf?

Oberst Gertz: Das Problem ist, dass unsere Militärs nicht alles sagen dürfen, was sie gerne sagen würden. Es werden leider viel zu oft Maulkörbe umgebunden, die mit daran Schuld sind, dass die Gesellschaft nicht wirklich versteht, was wir tun, warum wir es tun, wie wir es tun und welche Defizite bestehen. Deswegen kann man zwar im Warnecke-Bericht ziemlich genau nachlesen, wo die Mängel und Defizite, auch aus seiner Sicht als Regional Commander North, gewesen sind, aber wenn General Warnecke auf einer öffentlichen Veranstaltung spricht, hört sich das schon wesentlich gedämpfter an. Die politisch Verantwortlichen fürchten, dass sich aus offenen Erklärungen negative Konsequenzen für sie ergeben. Damit muss man in einer Demokratie nun einmal leben. Daraus beziehe ich einen Teil meiner Wirkungsmöglichkeiten, denn mich kann keiner daran hindern, das zu sagen, was gesagt werden muss.

IMS: Herr Oberst, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Sabine Kleefisch und Sascha Rahn

erschienen in: IMS Nr. 2, 2008; Maritime Sicherheit - Welthandel im Fadenkreuz



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Dienstag, 22. August 2017


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Online veröffentlicht am
11. Oktober '09 um 02:00 Uhr (CET).


Oberst Bernhard Gertz war von 1993 bis 2008 Bundesvorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes. Des Weiteren ist er Vorsitzender der Heinz-Volland-Stiftung und des Manfred-Grodzki-Instituts sowie Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung beim Bundesminister der Verteidigung. Seit 2006 ist er stellvertretender Präsident der Europäischen Vereinigung der Militärverbände (EUROMIL), deren Präsident er zuvor war.


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