IMS vor Ort auf dem Jungferneinsatz der HESSEN - Premiere vor dem Libanon
IMS vor Ort auf dem Jungferneinsatz der HESSEN
Premiere vor dem Libanon
30 Jahre ist es mittlerweile her, dass die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) zu ihrem ersten Einsatz kam. Die ursprünglich zur Überwachung des Abzugs israelischer Truppen eingesetzten Blauhelmsoldaten mussten sich im Laufe dieser 30 Jahre auf immer neue Einsatzsituationen einstellen. Nach dem Libanon-Krieg von 2006 wurde die Maritime Task Force (MTF) innerhalb der UNIFIL-Mission eingesetzt, um die libanesische Regierung bei der Seeüberwachung zu unterstützen – der Beginn eines andauernden deutschen Engagements. Bis zum Anfang des Jahres 2008 stand die gesamte MTF unter deutschem Kommando. Die Abtretung des Kommandos an Italien bedeutete jedoch keinesfalls eine Verringerung des deutschen Engagements. Die modernste Fregatte der Marine, die HESSEN, erreichte im Februar das Einsatzgebiet vor der Küste des Libanons und musste dort zum ersten mal ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen: Fähigkeiten, die bis dahin nur unter Trainingsbedingungen erprobt worden waren.

Kommandant Fregattenkapitän Dirk Gärtner steht an Bord seiner HESSEN und hat allen Grund zur Zufriedenheit: „Der Start lief gut und bis jetzt reibungslos.“ Gärtner ist zugleich auch Kontingentführer der insgesamt 500 Mann starken Truppe vor dem Libanon, die neben der Fregatte HESSEN auch aus zwei Mienenabwehreinheiten und dem Versorger WERRA besteht. Aufgabe des High-Tech Schiffs im UNIFIL-Einsatz ist die Seegebiet-Überwachung vor der Küste Libanons.

Im Rahmen dieser Operation ist es besonders wichtig, die nationalen Befindlichkeiten des Libanon nicht zu unterwandern. Um etwaigen Besetzungsvorwürfen wie jüngst von Al Quaida den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird ohne ausdrücklichen Wunsch der libanesischen Verantwortlichen nicht eingegriffen. Doch die meiste Zeit befindet sich die HESSEN ohnehin in internationalen Gewässern außerhalb der 12 Meilen-Zone. „Da die Fregatte HESSEN ein Kind des Kalten Krieges ist, werden in diesem Einsatz nur die Grundeigenschaften genutzt. Die Kapazitäten nach oben bleiben offen“, resümiert Kommandant Gärtner. Die Fregatten der Klasse 124 („Sachsen-Klasse“), die zusammen mit Spanien und den Niederlanden konzipiert wurden, sind ursprünglich spezialisiert auf Geleitschutz mit einem Schwerpunkt auf die Flugabwehr: Dementsprechend ist das Schiff mit einem Vertical-Launch-System mit 32 Zellen sowie mit zwei Rolling Airframe Missile Systemen zu 21 Zellen bewaffnet. Diese Spezialisierung hilft bei der Seegebietssicherung: Die beiden Radaranlagen vom Typ SMART-L und APAR erlauben eine Luftraumüberwachen in einem Radius von 400 Kilometern und verhindern so überraschenden Besuch. Zudem geht der Fregatte kein noch so kleines Boot durchs Netz. So ist die HESSEN gewissermaßen das Auge für die Libanesen, die bislang überhaupt keine Radar-Überwachung hatten. Vor dem Einsatz der MTF war es also ein leichtes Spiel für Terroristen und Waffenschieber unbemerkt an Land zu kommen. Die HESSEN hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ziel ist die Stabilisierung der Region

„Der Erfolg der Mission lässt sich nicht in Zahlen messen. Das ist auch der Mannschaft klar. Wir werden nicht die Kalaschnikov im Fischerboot aufspüren,“ so der Kommandant. Doch die libanesische Regierung weiß durch die Seeüberwachung nun genau, wer wann an Land kommt und hat beste Möglichkeiten, diese Schiffe im Hafen zu überprüfen. Der internationale Nutzen des Projekts? „UNIFIL ist ein politischer Auftrag, der zu einer Stabilisierung der Region beiträgt. Allein schon dadurch, dass die Seegrenze zwischen Israel und dem Libanon klar definiert wird,“ so Gärtner. Zu Beginn der MTF-Operationen kam es zu einigen, in den Medien intensiv dargestellten Zwischenfällen mit israelischen Kampfjets (F-16), die über dem deutschen Flottendienstboot Alster zwei Schüsse in die Luft abgaben und Täuschkörper abfeuerten. An Bord der Hessen sieht man dies eher gelassen. Man zeigt sogar Verständnis für die überspannten Reaktionen der Israelis. Korvetten-Kapitän Thorsten L., zuständig für das operative Zentrum (OPZ) der HESSEN, erzählt, dass sich immer mal wieder israelische Kampfjets der Fregatte nähern: „Die Jungs wollen halt sehen, was wir drauf haben, wie schnell wir reagieren. Das zeigen wir ihnen auch.“

Solche Annäherungen sind alles andere als feindlich zu verstehen. Thorsten L.: „Zu Beginn der Mission war es für die israelischen Truppen natürlich ungewohnt, nicht mehr alleine vor der Küste Libanons schalten und walten zu können. Jetzt haben sie sich ganz gut auf die UNIFIL-Truppen eingestellt und fordern uns eher sportlich heraus.“

Neben dem Kommandanten steuert Software die Fregatte

Ohne moderne Software geht nichts im OPZ – wie auf dem gesamten Schiff. Auf 14 Konsolen steuern hochspezialisierte Soldaten alles, was für Operationen im Einsatz notwendig ist – vom Radar bis hin zu den Waffensystemen. Benjamin N. und Ronny W. sitzen an einer dieser Konsolen. Sie sammeln „Fingerabdrücke“: Schließlich kann jedes Schiff und jedes Flugzeug, das Radarstrahlen sendet, durch die eigenen Radarstrahlen identifiziert werden. Die Datenbank wächst täglich und wird mit dem gesamten Verband abgeglichen. „Natürlich ist klar, dass die anderen uns ebenso über unsere Radarstrahlung identifizieren – wir versuchen nur schneller zu sein,“ erklärt Benjamin N. Im Fall eines Alarms wäre die Crew des OPZ sofort einsatzbereit.

Einer der teuersten Arbeitsplätze ist die HARPOON - Konsole, die die Schiff-Schiff-Flugkörper steuert. Ein Schuss kostet die Marine eine Millionen Euro. Kein Wunder, dass insgesamt erst zwei dieser Millionen-Schüsse abgegeben wurden. Auf der HESSEN ist die Konsole noch jungfräulich: Man vertraut auf die Funktionalität. Im Schiff kommt neben europäischer Technik aber auch US-amerikanische zum Einsatz. Diese ist in so genannten Black-Boxen untergebracht, die selbst von der Marine nicht geöffnet werden können und sogar Absicherungsmechanismen beinhalten, die ein Öffnen verhindern – eine Besonderheit der Rüstungsindustrie. (Man stelle sich ein Auto vor, dessen Motor nicht geöffnet werden kann.) Über alles andere haben die Elektrotechniker die Kontrolle. Auch die zu bei Indienststellung festgestellten Software-Probleme sind mittlerweile behoben. Jedoch kommt es – wie in jedem von Software gesteuerten Gerät – manchmal zu Ausfällen, die entweder direkt auf See oder am Stützpunkt Limassol behoben werden müssen. Die Einsatzfähigkeit der Fregatte HESSEN ist dabei allerdings zu keinem Zeitpunkt gefährdet, da jedes ausgefallene System von einem anderen aufgefangen werden kann. Nur falls das System ausfallen sollte, dass für die Steuerung des OPZ verantwortlich ist, müsste die Fregatte kurzfristig das Einsatzgebiet verlassen. Denn ist die Radar-Anlage gestört, ist das Schiff „blind“ – ein Zustand, der höchstens 30 Minuten andauert, aber gefährlich sein kann.

Egal wie modern ein Schiff ist, es bleibt immer ein Mensch, der die Kontrolle hat

Bei aller Technik an Bord darf nicht vergessen werden, wer dahinter steht: der Mensch, der diese Technik beherrschen muss. Wenn der versagt, nützt die modernste Technik nicht – und die Rüstungsindustrie macht es dem Menschen nicht immer einfach. Sie erfüllt stur die vom Auftraggeber geforderte Funktionalität. Wie absurd dies dann für den Bediener manchmal aussehen kann, zeigt folgendes Beispiel. Für die beiden Hubschrauber-Hangars, die sich auf dem Schiff befinden, wird fließendes warmes und kaltes Wasser benötigt. Die verantwortliche Firma aus der Rüstungsindustrie setzte diese Notwendigkeit derart um, . das eine Halle über kaltes Wasser, die andere über warmes Wasser verfügt - fast schon ein Schildbürgerstreich. Denn gemischt werden kann das Wasser nicht, zudem ist das „warme“ Wasser brühend heiß. Solche Missstände kommen immer wieder vor, da der Benutzer nicht mit in die Entscheidungsprozesse einbezogen worden ist. Ausbaden muss er es. In der nächsten Ausgabe befassen wir uns mit dem Leben an Bord, dem Mikrokosmos einer Fregatte im Einsatz.

erschienen in: IMS Nr. 3, 2008; Luftsicherheit - An den Grenzen des Möglichen



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Donnerstag, 27. Juli 2017


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Online veröffentlicht am
11. Oktober '09 um 01:00 Uhr (CET).


Joachim Turré

Joachim Turré ist Redakteur.

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