Die Zahl der Überfälle steigt
Die Zahl der Überfälle steigt
Interview mit Dieter Berg, Projektleiter Piraterie der Münchener Rück

IMS: Herr Berg, wo liegen die „Hot Spots" der Piraterie und gibt es regionale Unterschiede in der Vorgehensweise?

Dieter Berg: Im Grunde gilt es, zwei Themenbereiche zu unterscheiden. Zum einen den, der die großen Schiffe betrifft, die Ladungen transportieren. Zum anderen den Themenbereich der Yachtpiraterie, die sich vornehmlich im karibischen Raum ereignet. Wenn man den Bereich der Waren transportierenden Schiffe betrachtet so lagen die Schwerpunkte der Piraterie in der Vergangenheit im südostasiatischen Raum: Indonesien, Straße von Malakka. In Indonesien: Familiengeschäft, hier geht es mehr um den Inselverkehr, also um kleinere Schiffe, die mit Palmöl und sonstigen Naturstoffen beladen sind. Diese werden dann gekidnappt und die Ware verkauft. Zum Teil werden auch ganze Schiffe in Beschlag genommen und neu lackiert. Dies ist möglich, da es in dem inselreichen Gebiet kaum eine staatliche Kontrolle gibt. In der Straße von Malakka werden hingegen größere Schiffe angegriffen. Hier geht es dann einerseits um den Raub der Ware, andererseits aber auch um das Hab und Gut der Mannschaft.

IMS: Und Ost- beziehungsweise Westafrika?

Dieter Berg: In den letzten Jahren fand eine Verlagerung der Überfälle hin nach Somalia und Nigeria statt. Hier hat sich das „Geschäftsmodell Piraterie" vom Diebstahl und Raub der Ware hin zum Kidnapping ganzer Crews verlagert. Die Mannschaft wird verschleppt, die Schiffe verschwinden und es werden Verhandlungen mit den Reedern geführt, um die Mannschaft und das Schiff freizupressen. Dies geschieht zumeist durch Gruppen, welche den lokalen Warlords nahe stehen. Ob durch diese Überfälle der lokale Terrorismus finanziert wird ist zumindest eine Überlegung wert. Offiziell ist hierüber nichts Bekannt, es gibt aber Thesen, dass das Kidnapping eine Einnahmequelle für terroristische Gruppen darstellt. Zudem hat sich die Bewaffnung der Piraten verändert. Statt mit Knüppeln oder Messern werden die Schiffe mit Granat- und Raketenwerfern zum Halten gebracht, mit automatischen Waffen wird dann aufgeentert. Weiterhin hat sich gerade in den Gewässern vor Somalia und Nigeria die Taktik geändert. Es wird nicht mehr nur im küstennahen Gebiet operiert, sondern Ausgangsbasis für die Überfälle sind immer häufiger Mutterschiffe, häufig gekidnappte Schiffe, welche 200 Seemeilen vor der Küste liegen. Von diesen Schiffen aus können dann die Piraten mittels kleiner, schneller Schlauchboote auch Schiffe angreifen, die aufgrund der Warnungen die Durchfahrt durch somalische Küstengewässer zu vermeiden suchen.

IMS: Welche Trends lassen sich aktuell bezüglich der Anzahl der gemeldeten Überfälle erkennen?

Dieter Berg: Im Zeitraum 2003 bis 2006 war die Anzahl der gemeldeten Überfälle rückläufig. Bei den Zahlen des IMB wurde für 2007 wieder ein Anstieg der Überfälle registriert, im Besonderen durch die Vorfälle vor den afrikanischen Küsten. Wobei zu beachten ist, dass bei allen offiziellen Zahlen eine Dunkelziffer von annähernd 50 Prozent hinzugerechnet werden muss. In Südostasien sind die Zahlen immer noch leicht rückläufig, da die lokalen Streitkräfte zunehmend aktiver werden, beispielsweise durch gemeinsame Patrouillen und ähnliches.

IMS: Zudem gestaltet sich die Suche nach geeigneten staatlichen Behörden als Ansprechpartner schwierig, um effiziente Maßnahmen im Kampf gegen Piraterie zu vereinbaren

Dieter Berg: Das Problem ist hier, dass Piraterie oft länderübergreifend stattfindet. Die Gruppierungen sind mobil, können von verschiedenen Buchten oder, wie erwähnt, von Mutterschiffen aus ihre Überfälle durchführen. Gerade in länderübergreifenden Problemgebieten gestaltet sich die staatliche Bekämpfung von Piraterie äußerst schwierig. Hier fehlt es dann oftmals am politischen Willen der beteiligten Staaten. Gut funktioniert hat die länderübergreifende Zusammenarbeit in der Straße von Malakka, wenn auch nur auf massiven Druck seitens der Reeder. Eine derartige Zusammenarbeit für die afrikanischen Gewässer um Somalia und Nigeria ist nur schwer denkbar, da es hier an staatlichen Strukturen mangelt.

IMS: Welche Möglichkeiten haben Besatzung und Reeder, um einen Angriff abwehren zu können?

Dieter Berg: Hier gilt es im Besonderen zu verhindern, dass die Piraten überhaupt an Bord gelangen. Dies betrifft dann vor allem mittlere und kleinere Schiffe mit einem niedrigen Freibord. Zum einen kann mittels Zäunen, dem Einsatz von Wasserkanonen, verstärkten Deckwachen und erhöhter Wachsamkeit ein direkter Angriff abgewehrt werden. Gute Erfahrungen wurden bisher mit der "Long Range Acoustic Device" gemacht, einer Sonarkanone, welch schon gegen das sich nähernde Speedboot gerichtet werden kann. Wenn aber die Kriminellen erst einmal an Bord sind, dann sind diese Maßnahmen natürlich zu spät und da die Piraten immer skrupelloser werden, raten wir den Crews zur Kooperation, um das eigene Leben nicht zu gefährden.

IMS: Herr Berg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte David Petrovic



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Montag, 25. September 2017


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Online veröffentlicht am
05. Oktober '09 um 15:02 Uhr (CET).


Dieter Berg ist Abteilungsleiter Corporate Underwriting/Global Clients (Marine) und Projektleiter „Piraterie“ bei der Münchener Rück


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