Die Bedeutung Zentralasiens für die Energieversorgung der Europäischen Union
Die Bedeutung Zentralasiens für die Energieversorgung der Europäischen Union
Von Friedemann Müller

Zentralasien und die kaspische Region bilden zusammen die älteste große Energieregion der Welt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Raum Baku in industriellem Maße Öl erschlossen. Aus Europa kamen die Gebrüder Nobel, die Rothschilds und andere. Sie begriffen die Bedeutung des Öls für die Industrialisierung und engagierten sich als Investoren. Dazu gehörte der Bau von Raffinerien und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die für lange Zeit längste Pipeline der Welt von Baku zum Schwarzen Meer. Im Jahr 1901 wurde hier mehr Öl erschlossen als im Rest der Welt zusammen. Diese Stellung konnte die Region nicht halten, auch wenn ihr in beiden Weltkriegen eine hohe strategische Bedeutung zugesprochen wurde und für Hitlers Armee dem (vergeblichen) Bemühen um den Zugang zu diesen Ölquellen fast mystische Bedeutung zukam.

Im Sowjetreich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Zentralasien zum Verlierer, Westsibirien zum Gewinner. Dorthin hat die zentrale Planwirtschaft die großen Investitionen gelenkt. Lediglich in Turkmenistan wurde immerhin ein Siebtel des sowjetischen Erdgases gewonnen und das war für die Sowjetunion nicht nur das wichtigste Exportgut, sondern deckte - für Industriestaaten eine einmalige Konstellation - mehr als 50 Prozent des inländischen Energieverbrauchs ab. Die Ölerschließung jedoch verkam. Der Raum Baku wurde zu einem gigantischen, ungepflegten Industriemuseum des frühen 20. Jahrhunderts. Mit der Auflösung der Sowjetunion ergab sich eine neue Chance für die jungen zentralasiatischen und kaspischen Staaten, über Investitionen in die Energieerschließung wirtschaftliche Entwicklung und Unabhängigkeit von Russland zu erlangen.

Die Region war nicht wie andere Energieregionen im Mittleren Osten und Afrika durch eine imperialistische Geschichte belastet. Die jungen Staaten luden vor allem westliche Unternehmen ein, sich in Konsortien zu organisieren und mit moderner Technologie zu investieren. In der Regel wurden "Production Sharing Agreements" (PSA) abgeschlossen, bei denen das Eigentum an den Ressourcen beim Gastland blieb und ein nationales Energieunternehmen beteiligt war. Den ausländischen Unternehmen wurde durch einen fixen Anteil an den Exporterlösen Sicherheit für die Investitionsrendite gegeben. Bemerkenswert ist, dass nach den Schwierigkeiten mit dem ersten großen Projekt der Erschließung des kasachischen Tengiz-Feldes durch das amerikanische Unternehmen Chevron (Vertragsabschluss 1993) die Führung der großen Konsortien europäischen Unternehmen übertragen wurde (insbesondere BP in Baku, ENI für das kasachische Kashagan-Feld). Die Europäische Union hat sich in den 1990er Jahren mit den Partnerschafts- und Kooperationsabkommen vor allem durch Entwicklungshilfe beim Staatsaufbau und den Transfer technologischen Know-hows, nicht aber durch eigene geopolitische Interessen hervorgetan. Dagegen ist das Design der Pipeline-Infrastruktur seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre vor allem auf amerikanischen Druck entstanden.

Die Clinton-Administration und später die Bush-Administration legten Wert darauf, dass Iran nicht in das neue Netzwerk einbezogen wird und dass möglichst viel der Energie aus dieser von den Weltmeeren abgeschlossenen Region unter Minimierung der Transporte über Russland das Schwarze Meer oder Mittelmeer erreicht. Dieses Engagement kommt Europa als größtem Käufer kaspischen Öls zugute. Bei Erdgas ist es bisher jedoch nicht gelungen, einen direkten Transport nach Europa umzusetzen. Fast alles exportierte Erdgas der Region fließt nach Russland und ermöglicht ihm, mehr Erdgas nach Europa zu liefern - allerdings zu den bekannten Quasi-Monopol-Konditionen von Gazprom. Betrachtet man die zentralasiatische Region angesichts der geographischen Verhältnisse und der Tatsache, dass Russland im Norden und die Golfregion im Süden keinen (Netto-)Importbedarf aufweisen und selbst Energieexporteure sind, als natürlichen Lieferanten Europas, so haben die eineinhalb Jahrzehnte des neuen Energiezeitalters der Region bei den Öllieferungen eher Licht, bei den Gaslieferungen eher Schatten hervorgebracht.

Die globale Bedeutung der Energieregion

Wie wichtig ist die Region für Europa und die Welt? Sie weist mit 48 Milliarden Barrel Öl vier Prozent und mit neun Billionen Kubikmetern Erdgas fünf Prozent der Weltreserven auf. Kasachstan, das größte und wichtigste unter den Ländern der Region, verfügt allein über 40 Milliarden Barrel Öl und drei Billionen Kubikmeter Erdgas und ist damit nach sieben OPEC-Staaten und Russland das größte Ölreserveland der Erde. Von allen Ölregionen der Welt sind Zentralasien und die Golfregion die einzigen, deren Anteil an den Weltreserven größer ist als ihr Anteil an der Weltproduktion, d.h. hier kann noch mit einem beträchtlichen Produktions-wachstum gerechnet werden. Doch fließen heute schon weit über 60 Prozent der Exporte der Golfstaaten in die ost- und südostasiatischen Länder und eben dort ist das mit Abstand größte Nachfragewachstum gegeben. Es wird deshalb schwierig für Europa sein, den Anteil an den Golfölexporten zu erhöhen, ohne einen Konflikt mit China und anderen asiatischen Staaten zu erzeugen. Für Deutschland steht Kasachstan mit einem Anteil von sieben Prozent an den Ölimporten auf Platz fünf hinter Russland, Norwegen, Großbritannien und Libyen, also noch vor Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. Doch die Produktion in Großbritannien geht seit 1999 rapide und die in Norwegen seit 2001 etwas gemäßigter zurück. Für Europa als Ganzes würden die kaspischen Energiereserven die ideale Kompensation für den Rückgang des Nordseeöls bedeuten, wenn es denn gelänge, die dort wachsende Produktion überwiegend in Exporte nach Europa zu transferieren. Weil die kaspische Region "landlocked" ist, also ihr Öl und Erdgas nur per Pipeline, nicht mit flexiblen Tankern vermarkten kann, ist es für Abnehmer von besonderer Bedeutung, wohin die Pipelines gerichtet sind.

China ist in Zentralasien später als die Europäer eingestiegen und das zunächst zögerlich. Erst 1997 hat China als erstes größeres Projekt einen Vertrag über die Erschließung des Uzen-Feldes am Ostrand des Kaspischen Meeres in Kasachstan abgeschlossen. Der Bau der dazugehörigen Pipeline nach West-China wurde aber wegen hoher Investitionskosten gestoppt und erst 2005 wieder aufgenommen. Inzwischen hat China aber die Schwierigkeit, seinen dramatisch wachsenden Ölimportbedarf zu decken, erkannt und übt Druck auf Kasachstan aus, sich stärker chinesischen Investitionen zu öffnen.

Kasachstan, das mit China ebenso wie mit Russland eine mehrere tausend Kilometer lange Grenze hat, muss eine Balancepolitik betreiben und kann es sich nicht leisten, mit diesen beiden Nachbarn in Unfrieden zu leben. Deshalb muss auf die chinesischen Wünsche Rücksicht genommen werden. Dies gilt insbesondere, wenn das Kashagan-Feld im nördlichen Kaspischen Meer, das derzeit größte in Entwicklung begriffene Ölfeld der Welt, die Produktion aufnimmt. Der Start wurde mehrfach verschoben, zuletzt vom Jahr 2011 auf 2012/2013. Die kasachische Regierung macht keinen Hehl aus ihrer Unzufriedenheit mit dem europäisch dominierten Konsortium. Andererseits möchte sich Kasachstan auch nicht in totale Abhängigkeit der beiden großen Nachbarn begeben. Deshalb wird derzeit in die Erweiterung des Transports kasachischen Öls nach Baku per Tanker (Kazakhstan Caspian Transportation System, KCTS) und möglicherweise per Pipeline investiert.

Europäische Zentralasienpolitik

Die EU hat unter deutscher Ratspräsidentschaft am 22. Juni 2007 eine Zentralasienstrategie verabschiedet, die einerseits auf enge Kooperation im Bereich Staatsaufbau und Entwicklungspolitik setzt, andererseits der energiepolitischen Bedeutung der Region Rechnung tragen soll. Die Entwicklung dieser Länder in Richtung Rechtsstaatlichkeit, Beachtung der Menschenrechte, Pressefreiheit und demokratischer Partizipation lässt in der Tat zu wünschen übrig, auch wenn es mindestens in Kasachstan und Aserbaidschan durchaus auch die Bereitschaft und das Interesse gibt, diesen Zielsetzungen Rechnung zu tragen. Für Russland und China, aber auch für die USA, liegen die Interessen gegenüber diesen Staaten im geopolitischen Bereich und sie lassen sich dabei von inneren Rechtsstrukturen wenig abhängig machen. Sie versuchen vielmehr, mit "sticks and carrots" ihre Interessen durchzusetzen. Hierbei ist Europa bisher kein ernstzunehmender Mitspieler.

Europa hat selbst in den 1990er Jahren, als es noch fast der einzige Partner für die neuen Staaten war, keine geopolitischen Interessen insbesondere bei der Verlegung der Pipeline-Infrastruktur geäußert. Dass die neue Zentralasienstrategie hier eine Änderung bringt, ist zu bezweifeln. Denn Erstens müsste dringend dafür gesorgt werden, dass zentralasiatische Erdgasimporte nicht von Russland und künftig China absorbiert werden. Europa als der mit Abstand größte Erdgasimportmarkt der Welt, müsste einen direkten Zugang zu der Region finden. Die Nabucco-Pipeline, die von der Ost-Türkei nach Mitteleuropa führen soll, wird zwar von der EU-Kommission als prioritäres Projekt bezeichnet, doch fehlt es an Einigkeit unter den betroffenen EU-Mitgliedsländern, wie das Projekt durchgezogen werden könne. Zweitens ist völlig unklar, wie die Anbindung der erdgasreichen zentralasiatischen Staaten auf der Ostseite des Kaspischen Meeres an diese Pipeline erfolgen soll. Darüber hinaus hintertreibt Russland das Projekt mit Gegenangeboten und einem Veto gegenüber einer transkaspischen Pipeline. Die Zentralasienstrategie der EU erweckt den Eindruck, dass Europa den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt hat. Ein Viertel des europäischen Importbedarfs könnte aus dieser Region geliefert werden. Bei Erdgas könnten die Gesamtimporte, die derzeit mit spürbar wachsender Tendenz bei 300 Milliarden Kubikmetern liegen und zu über 60 Prozent von Russland und über 20 Prozent aus Algerien stammen, durch eine dritte Hauptzufuhr eine geradezu existenzielle Notwendigkeit der Diversifizierung erfahren.

Die Zentralasienstrategie baut dagegen überwiegend auf Entwicklungszusammenarbeit und in keiner Weise auf eine geopolitische Interessenpolitik. Dabei könnte Europa auch heute noch viel dafür tun, dass die Lieferstrukturen so angelegt werden, dass es als vorrangiger Kunde zentralasiatischer Energie wahrgenommen wird. Die Aktivitäten Chinas und Russlands werden jedoch ohne Gegenkonzept hingenommen. Dabei könnten sich die Europäer bei der Bemühung um eine Pipelineinfrastruktur, die Russland südlich umgeht und Chinas Anteile begrenzt, der amerikanischen Unterstützung gewiss sein. Doch entsteht der Eindruck, dass Europa lieber weiterhin die Rolle des Hüters einer Ordnungspolitik spielt, die allen gleiche Chancen bietet, anstatt - wie andere Mächte auch - seine Eigeninteressen sichtbar zu vertreten.



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Montag, 23. Oktober 2017


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Online veröffentlicht am
05. Februar '09 um 19:28 Uhr (CET).


Dr. Friedemann Müller ist Nonresident Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er übt darüber hinaus eine Beratertätigkeit für politische Stiftungen zu Fragen europäischer Energie- und Klimapolitik aus. Von 1997 bis 2006 war er Leiter der Forschungsgruppe "Globale Fragen" der SWP und Projektdirektor INTACT (Internationale Network To Advance Climate Talks).


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